Donnerstag, 20. Januar 2011

Zu Büchner von Heiner Müller



Heiner Müller    DIE WUNDE WOYZECK (1985)    Für Nelson Mandela
 
Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann, ißt die verordneten Erbsen, quält mit der Dumpfheit seiner Liebe seine Marie, staatgeworden seine Bevölkerung, umstellt von Gespenstern: Der Jäger Runge ist sein blutiger Bruder, proletarisches Werkzeug der Mörder von Rosa Luxemburg; sein Gefängnis heißt Stalingrad, wo die Ermordete ihm in der Maske der Kriemhild entgegen tritt; ihr Denkmal steht auf dem Mamaihügel, ihr deutsches Monument, die Mauer, in Berlin, der Panzerzug der Revolution, zu Politik geronnen. DEN MUND AN DIE SCHULTER DES SCHUTZMANNES GEDRÜCKT, DER LEICHTFÜSSIG IHN DAVONFÜHRT, hat Kafka ihn von der Bühne verschwinden sehn, nach dem Brudermord MIT MÜHE DIE LETZTE ÜBELKEIT VERBEISSEND: Oder als den Patienten, dem der Arzt ins Bett gelegt wird, mit der Wunde offen wie ein Bergwerk, aus der die Würmer züngeln. Goyas Riese war seine erste Erscheinung, der auf den Bergen sitzend die Stunden der Herrschaft zählt, Vater der Guerilla. Auf einem Wandbild in einer Klosterzelle in Parma habe ich seine abgebrochenen Füße gesehn, riesig in einer arkadischen Landschaft. irgendwo schwingt vielleicht auf den Händen sein Körper sich weiter, von Lachen geschüttelt vielleicht, in eine unbekannte Zukunft, die vielleicht seine Kreuzung mit der Maschine ist, im Rausch der Raketen. Noch geht er in Afrika seinen Kreuzweg in die Geschichte, die Zeit arbeitet nicht mehr für ihn, auch sein Hunger ist vielleicht kein revolutionäres Element mehr, seit er mit Bomben gestillt werden kann, während die Tambourmajore der Welt den Planeten verwüsten. Schlachtfeld des Tourismus, Piste für den Ernstfall, kein Blick für das Feuer, daß der Armierungssoldat Franz Johann Christoph Woyzeck beim Steckenschneiden für den Spießrutenlauf um den Himmel bei Darmstadt fahren sah. Ulrike Meinhof, Tochter Preußens und spätgeborene Braut eines andern Findlings der deutschen Literatur, der sich am Wannsee begraben hat, Protagonistin im letzten Drama der bürgerlichen Welt, der bewaffneten WIEDERKEHR DES JUNGEN GENOSSEN AUS DER KALKGRUBE, ist seine Schwester mit dem blutigen Halsband der Marie.
Ein vielmal vom Theater geschundener Text, der einem Dreiundzwanzigjährigen passiert ist, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben, vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie, eine Struktur wie sie beim Bleigießen entstehen mag, wenn die Hand mit dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert, blockiert als schlafloser Engel den Eingang zum Paradies, in dem die Unschuld des Stückeschreibens zu Hause war. Wie harmlos der Pillenknick der neueren Dramatik, Becketts WARTEN AUF GODOT, vor diesem schnellen Gewitter, das mit der Geschwindigkeit einer anderen Zeit kommt, Lenz im Gepäck, den erloschenen Blitz aus Livland, Zeit Georg Heyms im utopielosen Raum unter dem Eis der Havel, Konrad Bayers im ausgeweideten Schädel des Vitus Bering, Rolf Dieter Brinkmanns im Rechtsverkehr vor SHAKESPEARES PUB, wie schamlos die Lüge vom POSTHISTORIE der barbarischen Wirklichkeit unserer Vorgeschichte.
DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief; WOYZECK ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden. Wenn die Sonne im Zenith steht, ist er eins mit unserem Schatten, beginnt, in der Stunde der Weißglut, Geschichte. Nicht eh Geschichte passiert ist, lohnt der gemeinsame Untergang im Frost der Entropie, oder, politisch verkürzt, im Atomblitz, der das Ende der Utopien und der Beginn einer Wirklichkeit jenseits des Menschen sein wird.

Kommentare:

  1. Liebe Johanna, da sind Heiner Müller, mit Verlaub gesagt, die apokalyptischen Pferde ein wenig durchgegangen. Er ließ vermutlich die Zügel so sehr locker, um zu sehen, wo diese rasante Fahrt endet. Über Mandela, Liebknecht, Luxemburg, Stalingrad, Kafka, Heine, Kleist, Lenz, Beckett, Heym, Meinhof, Brinkmann, im Atomblitz, wo alles endet.
    WOYZECK ist "ein Automat, die Seele ist ihm genommen". Er muss Frau und Kind durchbringen. Der Preis: harte, niedere Arbeit und Mangelernährung, - die ihn in den Wahnsinn treibt. Sein einziger "Besitz" ist Marie und wenn er sie nicht behalten kann, dann soll sie auch kein anderer bekommen. Allein die Vorstellung macht ihn zum Mörder. Und sein bisschen Geld reichte gerade mal dazu aus, wie Brecht sagte, um die Tatwaffe zu erstehen.
    "Was ist das, das in uns mordet...?" Woher kommt die "unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen" in den "menschlichen Verhältnissen"? Noch bevor Georg Büchner diesen Fragen auf den Grund gehen konnte ("Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem wenn man hinab sieht."), ereilte ihn der Tod. So bleibt WOYZWECK ein Fragment, eine offene Wunde. Gleichwie Heiner Müllers Tod, den ich sehr schätzte und leider nur in viel zu großen Abständen begegnete.

    AntwortenLöschen
  2. es ist ja erfrischend, an H.M. erinnert zu werden -
    mördergrube vergangenheit.

    ein kleiner tip zu ihrer verzweiflung:
    k.k als woyzek - wunderbarer film.
    anschließend kann man verblüfft sein, verzweifelt oder hoch erfreut -
    auf jeden fall sollte man die 100 minuten investieren. auch der anfang des films ist ganz schön theatralisch - hinsehen!

    mfg

    der menschliche abgrund und all seine hoffnung - die szene am see

    AntwortenLöschen
  3. Och nee, tut mir leid, habe jahrelang mit einem Kinski-fan/freak/liebhaber zusammengelebt, genug. Und besonders den Woyzeck halte ich nicht aus. Intensität allein ist nicht abendfüllend. Aber wir könnten ja mal, zu Ihrer Verzweiflung, über die alten Edgar Wallace Verfilmungen reden. Da habe ich Kinski geliebt, und für diese Äußerung hätte er mich wahrscheinlich zusammengeschlagen.

    AntwortenLöschen
  4. Alexander Höchst22. Januar 2011 um 13:02

    Ich habe den Text in den letzten Tagen immer wieder gelesen und war mir nicht sicher, was ich nun davon halten sollte. Aber die abokalyptischen Pferde, wie Wladimir treffend bemerkte, gefallen mir irgentwie. Zwar haben wir heute keinen Kalten Krieg mehr, doch das Gefühl der Bedrohung der Menschen und der Ohnmacht, wirklich etwas dagegen tun zu können, ist mir sehr nah. Und das in dieser Figur des Woyzek zu bündeln hat Größe. Dadurch wird die Figur aus der Psycholgie herausgenommen. Es gibt leider wenig Anhaltspunkte, die mich wirklich hoffen lassen, dass die "Wirklichkeit jenseits der Menschen" nicht irgentwann anbrechen sollte. Diese Zukunft ist möglicherweise garnicht so weit von uns entfernt. Natürlich werde ich mich diesem Gedanken nicht hingeben und das Leben bewundern und genießen. In manch schwacher Stunde aber, drohen mich die akopalyptischen Pferde doch mit ihren Hufen zu treffen...

    AntwortenLöschen
  5. Alexander Höchst22. Januar 2011 um 16:18

    abokalyptischen; das Abo haben wir wahrscheinlich sicher...
    akopalyptischen; dazu fällt mir jetzt auch nichts ein außer vielleicht, wir brauchen einen starken Akku, um das Blatt zu wenden...
    Sch... Handy!

    AntwortenLöschen
  6. Der Apoplex (eigtl. die Apoplexie von griech. ὰποπληξία, „Schlag“) ist ein medizinischer Begriff für eine plötzliche Durchblutungsstörung eines Organs oder einer Körperregion. In der medizinischen Umgangssprache wird der Begriff heute oft als Synonym für Apoplexia cerebri (Schlaganfall) gebraucht.

    AntwortenLöschen
  7. Alexander Höchst23. Januar 2011 um 10:40

    Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. (Hölderlin)

    AntwortenLöschen
  8. Alexander Höchst13. Februar 2011 um 18:01

    http://www.youtube.com/watch?v=rpg7Rd-AwCo

    AntwortenLöschen