Montag, 17. Januar 2011

Stücke die fast keiner kennt und fast keiner spielt und die trotzdem schön sind

Die goldene Harfe von Gerhart Hauptmann
UA: 15.10.1933, Münchner Kammerspiele München
Rechte bei Felix Bloch Erben
Entweder die einzige Komödie Hauptmanns oder sein Versuch deutsch zu tümeln. Habe beim Lesen  laut gelacht, ein nicht üblicher Akt während man die Stücke dieses Mannes liest.

Der Zwergriese - Hidalla - Sein und Haben von Frank Wedekind
Wow, ein mißgestalteter Mann gründet eine Gesellschaft zur Züchtung von Rassemenschen, scheitert und endet als trauriger Clown im Zirkus.
aus dem ersten Akt:
HETMANN. Schönheit! – Unsere bisherige Moral war auf das menschliche Wohl gerichtet; sie war dazu bestimmt, das Unglück zu bekämpfen und hatte in erster Linie die Unglücklichen ins Auge gefaßt. An dieser Moral wird – auch soweit sie sich an die Opferfreudigkeit der Reichen wendet – kein Wort geändert. Für die Reichen aber habe ich, über die alte Moral hinaus, eine neue geschaffen, deren höchstes Gebot die Schönheit ist.
LAUNHART. Das ist ausgezeichnet! Kamen Sie ganz von selbst auf den rühmlichen Gedanken?
HETMANN. Der Gedanke liegt sehr nahe. Der Durst nach Schönheit ist ein nicht minder göttliches Gesetz in uns als der Trieb zur Bekämpfung der Erdenqual!
BERTA. Schade nur, daß in der ganzen Welt die Erdenqual noch so übergewaltig ist, daß das Vergnügen an der Schönheit ihr gegenüber kaum als Sonnenstäubchen in die Waagschale fällt!
HETMANN. Um Vergnügen, gnädige Frau, ist es uns nicht zu tun! Unsere Moral fordert Opfer, wie sie noch keine forderte. Die allgemeine Moral steht im Dienste des höchsten menschlichen Glückes, der Familie. Dieses höchste menschliche Glück fordern wir von den Mitgliedern unseres Bundes als erstes Opfer!
BERTA. Sie wollen also durchaus noch etwas mehr Unglück in die Welt hineinbringen?
LAUNHART. Ja, ja, schon gut, liebe Berta; laß jetzt den Herrn sprechen! Zu Hetmann. Verzeihen Sie bitte, ich habe Ihre Moral noch nicht vollkommen verstanden.
HETMANN. Wenn die Menschen dazu emporsteigen, die Schönheit höher zu achten als Hab und Gut, als Leib und Leben, dann sind die Menschen der Gottheit um eine Stufe näher, als wenn der Sieg über die Erdenqual ihr höchster Preis ist!
LAUNHART. Das ist selbstverständlich! – Was ich noch fragen wollte – zeichnen sich die Angehörigen Ihres Bundes alle in so hervorragendem Maße durch Schönheit aus wie Sie?
HETMANN. Ich bin natürlich nicht Mitglied des Bundes; ich bin vom Bund nur als Sekretär in Dienst genommen. Die Mitglieder sind ausschließlich Menschen von auffallender, allgemein bewunderter Schönheit.
Textlink:

Arden von Faversham von einem anonymen elisabethanischen Autoren (eventuell Thomas Kyd, vielleicht Shakespeare, obwohl nicht sehr wahrscheinlich?)
Link zum englischen Original:
Es gibt eine grandiose Übersetzung/Fassung von Jörg Laederach, er nennt sie cruel version (grausame Version). Stark gekürzt, fast nur Hauptsätze, eine Groteske. Alle sind böse, alle, herrlich.

Der Lauf der Welt - The way of the world von William Congreve
Eine Übersetzung ist von Wolfgang Hildesheimer, er nennt es eine lieblose Komödie und das trifft es genau. Ich kenne die Version nicht und das Englisch dieser Restaurations - comedy of manners ist sicher schwer übertragbar. Viele Doppeldeutigkeiten, Wortspiele und untergeschobene Bösartigkeiten. Aber wenn es gelänge, müßte es ein beißendes Bild des trendigen Teils unserer Gesellschaft bieten.

Seven Stories - Sieben Geschichten oder Sieben Stockwerke von Morris Panych
Das ist mir in Kanada untergekommen. Ein Mann steht auf dem Sims eines Fensters, um sich in den Tod zu stürzen, die Menschen in den drum herum befindlichen Wohnungen, mit ganz eigenen Problemen, geraten in Gespräche mit ihm. Sehr witzig, tolle Prämisse, schwer zu machen, weil der Mann halt wirklich die ganze Zeit auf dem Sims bleibet und die anderen aus dem Fenster gucken.


Leb wohl, Judas von Ireneusz Iredynski
praktisch alles von Sławomir Mrożek
Methusalem oder Der ewige Bürger von Yvan Goll, das habe ich, verrückterweise auch in Kanada, in einer sehr schönen Studentenproduktion gesehen. Absurd, manisch und sehr berührend.

Kommentare:

  1. Alexander Höchst18. Januar 2011 um 10:09

    Eine aufgeräumte Stadt aus Beton mit einem überdimensionalen vollbärtigen Bronzekopf im zerfahrenen Zentrum. Die Einwohner haben sich wahrscheinlich in ihren neuen Häusern eingenistet. Ein junger sich suchender Schauspieler geht am kalten Plumpsklo halbe Treppe tiefer vorbei ins wieder aufgebaute Theater in dem kleinen Park. Die Bühne ist nur in einem Streifen gedimmt beleuchtet. Das Publikum sitzt dem Zuschauerraum gegenüber durch den Eisernen Vorhang von ihm getrennt. Der Abend ist sehr leise. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Eine große Intensität liegt zwischen den Spielern und den Zusehern. Pausen und dazwischen fast unhörbar gesprochene Sätze. Piotr, gespielt von dem Schauspieleleven in der fremden Stadt, bricht für einen Satz aus. Im Publikum, das im Dunkeln nur zu ahnen ist, ein herzzerreißender Angstschrei. Ist das jetzt noch Spiel oder haben die Akteure eine Grenze überschritten? Die Stille geht weiter bis zu dem gellenden Schrei der kleinen Blassen. Das Spiel ist aus. Nach langen Sekunden beginnt ein enthusiastischer Applaus - Leb wohl, Judas von Ireneusz Iredynski Regie Martin Meltke in Kalle Malle 1988/89.

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  2. Zur Vollständigkeit noch Details:
    Premiere 22. November 1988
    Judas: Peter Rene Lüdicke
    Die kleine Blasse: Katherina Lange
    Jan: Martin Nimz
    Piotr: Alexander Höchst
    Kommissar: Lutz Salzmann
    Und im Programmheft ein Abdruck aus Matthäus 26 und 27...

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  3. Nichts davon gelesen, - vor allem Wedekind interessiert mich als Fan. Es gibt wieder mal schön viel Arbeit. "Kunst ist schön, aber anstrengend." Karl Valentin

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