Freitag, 21. Januar 2011

Heiner Müller und ich und der Vers


Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch über das Versesprechen. Eins dieser Gespräche wo man sich wie ein Dinosaurier fühlt, der verpasst hat, auszusterben und trotzdem weitertrötet und es nicht lassen kann, weil es sich ja um Liebe handelt. Ich liebe Verse, Versmaß ist Rhythmus, ohne Rhythmus keine Musik. Und Versmaß, bei großen Dichtern, ist Haltung, Zielrichtung, Meinung, Witz.


MERKUR:
Ob dies Amphitryons Haus ist? Allerdings,
Halunk, ist dies das Haus Amphitryons,
Das Schloß des ersten Feldherrn der Thebaner.
Doch welch ein Schluß erfolgt? -
SOSIAS:
                                                          Was für ein Schluß?
Daß ich hinein gehn werd. Ich bin sein Diener.
MERKUR:
Sein Die-? 
SOSIAS:
                       Sein Diener.
MERKUR:
                                               Du?
SOSIAS:
                                                          Ich, ja.
MERKUR:
                                                                      Amphitryons Diener?
SOSIAS:
Amphitryons Diener, des Thebanerfeldherrn.
MERKUR:
- Dein Name ist?
SOSIAS:
                                   Sosias.
MERKUR:
                                               So-?
SOSIAS:
                                                          S o s i a s.
MERKUR:
Hör, dir zerschlag ich alle Knochen.

Kleist, Amphitryon Akt 1 Szene 2

Ist das schön, oder was?
(Kleist hatte den "Ruf" für Schwerhörige zu schreiben, wegen der vielen Wiederholungen! Hihi!)

Aber zum eigentlichen Thema: 1988 inszeniert Heiner Müller am Deutschen Theater "Den Lohndrücker", ich bin besetzt, toll, es stellt sich heraus, das beide Frauenrollen nahezu textfrei sind, hmm, ich schlage "Den Horatier" als Zusatzprojekt vor, er wird in die Inszenierung integriert, 200 unterschiedliche Probenvarianten, mit 5 Spielern, mit 7, ganz allein und, letztendlich, mit Ulli Mühe, als Albtraumdialog.
Aber, wie Ionesco sagt, "die Wahrheit liegt zwischendrin". Zwischendrin war Verse-Sprechen-Lernen bei Heiner Müller. Eine Woche, zweimal täglich zwei bis drei Stunden in einem ollen roten Samtsessel sitzen und denken und sprechen und NICHT BETONEN! Ich glaube, ich habe selten in meinem Leben so sehr geschwitzt, regelrecht körperlich geschwitzt. Und diese Woche gehört zu meinen besten, intensivsten Proben-Erinnerungen. 
Danach habe ich begonnen, mich mit Metrik zu beschäftigen. Habe Glück gehabt und Karl Mickel noch kennengelernt, Lyriker und Diktionslehrer an der Ernst-Busch Schule (Gibt es Diktion überhaupt noch als Fach?) und viel Spass gehabt mit Lyrik und Versdramen. Und wenn man es kann, kann man es auch wieder zerkloppen. Wie bei Musik.
Ganz manchmal kann man beim Versesprechen in einen regelrechten Rausch verfallen oder sollte man es Trance nennen? Dann sprechen sie sich scheinbar wie von selbst, ist wahrscheinlich, weil man so tief atmet, dass man in ein Sauerstoff - High gerät.
Ich will mich hier also bei Heiner bedanken, zusätzlich zu vielen anderen Dingen, die ich von ihm gelernt habe, und der Freude an seinen Texten, und der Tatsache, dass man sich mit ihm noch richtig gut Witze erzählen konnte, hat er mir einen bis dahin unbekannten Genuss eröffnet. Danke.

Kommentare:

  1. Kleist, Amphitryon - Wort für Wort, Satz für Satz, wie zarte Schokolade, die auf der Zunge zerschmilzt. Wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören, man wird regelrecht süchtig danach... So viele schöne, schrille, lustige, traurige, Töne, so viele Nuancen, wenn man glaubt sie zu erfassen, überraschen sie einen aufs Neue.
    Heiner als Underground Dichter. Under the boardwalk. Sieht sich die Welt von unten an. Beinahe plakativ. Immer, wenn ich ihn sehe, fehlt er mir, obwohl wir uns nicht sehr nahe standen. Wir sind uns ca. alle zehn Jahre richtig begegnet, seit 1968 genau. Alle zehn Jahre wieder, das wurde unser Standardspruch, obwohl wir uns auch zwischendurch flüchtig sahen. Ich schätzte ihn sehr, er mochte mich, das musste reichen. Er war ohnehin kein Mann der vielen Worte. Dabei war ihm die Zigarre äußerst hilfreich...

    AntwortenLöschen
  2. na ja,
    lang ist´s her mit den horatiern -

    dein angstschweiß ist noch in meiner nase,
    das chaos der tage im kopf -
    die ständigen beschimpfungen beim text-abhören -

    es war schon eine spannende zeit und ich verstehe deinen dank an herrn müller.
    (diese idiotischen holz-schwerter müßten eigentlich noch in der garage sein.)

    na ja,
    und dann kam die »premiere« -

    dein wort-kampf mit herrn mühe -
    wie mit worten überleben?
    wie mit worten siegen?

    »und plötzlich war der liebe gott in frankreich«
    wenn ich heiner´s worte richtig erinnere.

    oh mann (frau), war das schön -
    so tief in der sprache mit herrn mühe.

    war schon sehens-, und, vor allem hörens-wert.

    leider ist das, glaube ich, niemals aufgezeichnet worden.

    mfg ko

    AntwortenLöschen
  3. so lernt ihr von euren "eltern" und so reicht ihr es weiter an eure "kinder"- einer meiner klügsten und besten lektionen als schauspieler: im sommer 06 im park in ES sitzen und mit dir macbethtext verstehen lernen.

    das sauerstoffhigh hat nachher dann allerdings jemand anderes abgefasst. verdrehte welt.

    AntwortenLöschen