Freitag, 17. Juni 2011

Das Kuleschow Experiment

1918 führte Lew Koleshow, in Moskau, gemeinsam mit Wsewolod Pudowkin und Film-Studenten ein Experiment durch. Drei identische Grossaufnahmen des Matinee-Idols Iwan Mosjukin, vrrschnitten mit drei verschiedenen Bildschnipseln wurde zu einem Film-Clip montiert.
Gesicht - Suppe mit Löffel - Gesicht - totes Kind aufgebahrt - Gesicht - schöne, spärlich bekleidete Frau - Gesicht.
Diese Schnittfolge zeigten sie einem nicht eingeweihten Publikum und das Ergebnis war verblüffend. Abhängig vom zwischengeschnittenen Bild war die Interpretation der Emotionen des Schauspielers völlig unterschiedlich. Obwohl eigentlich immer die gleiche Einstellung zu sehen ist, sieht das Publikum Verschiedenes im Gesicht des Schauspielers: Hunger, Trauer, Lust.
Was sehen wir in Gesichtern von anderen? Sie oder uns?

Das originale Experiment

„Bedenken Sie die Macht des Films. Nahaufnahme James Stewart, Schnitt: Eine Frau mit Baby. Schnitt: James Stewart lächelt. Er ist ein netter Mann. Jetzt nehmen Sie das mittlere Bild heraus und ersetzen es durch das eines Mädchens im Bikini. Jetzt ist er ein alter Lüstling.“ 
Alfred Hitchcock im Gespräch mit Francois Truffaut









Hitchcock beschreibt den Montage-Effekt und spielt selbst.

Zwei Grundannahmen des Experiments:

Der Darsteller ist kein Schauspieler, sondern ein Filmmodell, das durch Training von Motorik und Emotion als rein technisches Werkzeug funktioniert.
Das Wesen des Films liegt in der Verkettung der gefilmten Fragmente, nicht innerhalb der einzelnen Fragmente.

Als Induktion wird in der Filmsprache eine Folgerung bezeichnet, die der Zuschauer aus einer Abfolge hintereinander geschnittener Bilder oder Szenen zieht, ohne dass diese Bedeutung aus den Bildern selbst hervorgeht. Sie entsteht vielmehr aus der gedanklichen Verknüpfung des Gesehenen zu einem Bedeutungszusammenhang oder genauer einer Kausalkette.

"Lew Kuleschow war der erste, der systematisch filmische Experimente zur Montage durchführte. Er glaubte, dass man mit wissenschaftlichem Kalkül auch die künstlerische Kreativität des Filmemachens lenken könne.
1920 begann der damals erst 21jährige bereits an der Moskauer VGIK zu lehren. In Workshops unternahmen er und seine Studenten unzählige Versuche zur Filmmontage, wie die Experimente "Schöpferische Geografie" , "Ideale Frau" oder auch jenes weltbekannte und noch heute beindruckende Experiment, das unter dem Namen "Kuleschow-Effekt" in die Geschichte einging.
Der Gedanke, der all seinen Versuchen zu Grunde lag, war, dass das Wesen des Films nicht in den einzelnen Fragmenten, also Einstellungen, zu suchen sei, sondern in ihrer Verbindung. Das Entscheidende waren folglich nicht die Aufnahmen selbst, sondern die Montage der Aufnahmen.
Am deutlichsten bestätigte sich diese Behauptung in eben jenem "Kuleschow-Effekt".
Gemeinsam mit seinen Studenten, unter ihnen auch Vsevolod Pudowkin, schnitt Kuleschow drei identische Aufnahmen des Schauspielers Iwan Mosjukin mit jeweils unterschiedlichen Einstellungen zusammen. In seinem Werk "Über die Filmtechnik" beschreibt Pudowkin die ausgewählte Aufnahme Mosjukins als ausdruckslose Großaufnahme eines unbewegten und ruhigen Antlitzes."

Sarah Agbeyegbe. "Die Montage – ein filmgeschichtlicher Abriss zu kinematografischer Wirkung und Funktion"

2 Kommentare:

  1. Faszinierend und beängstigend, weil das beschriebene Phänomen auch in der Realität funktioniert.
    Objektive Lügen, die subjektiv keine sind, und umgekehrt,objektive Wahrheiten, die subjektiv als Lügen wahrgenommen werden.
    Auslöser für Tragödien.
    Paul Watzlawick schrieb zu dem Thema "Wie wirklich ist die Wirklichkeit".

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  2. Auf genau diesem Prinzip basieren politische Werbespots, die rund um den jeweiligen Kandidaten drapiert werden. Das kann man sowohl nutzen zur positiven Verkettung, als auch zur Abwertung des Gegenkandidaten. Wenn man sich Politspots anschaut, dann bestehen sie zu einem nicht geringen Anteil aus assoziativem Beifang... atmosphärischer Verknüpfung... Familienwerte, Gesellschaftsabbildungen, wirtschaftlicher Innovation, Zukunftsperspektiven, in die der Kandidat eingebunden wird. Umgekehrt kann man vernichtende Assoziationen schaffen... Arbeitslosigkeit, Börsenkrach, Geisterstädte, Umweltverschmutzung, in die man den Gegenkandidaten einbindet. Die Amerikaner beherrschen das in einer schon fast schamlosen Perfektion.
    Einen ähnlichen Verkettungseffekt kann man auch mit Musik erreichen, ganz ohne das Bildobjekt durch andere Bilder ergänzen zu müssen. Man stelle sich einen 15 Sekunden Film vor... eine Ratte krabbelt schnuppernd über den Boden. Nun unterlegt man die Bilder mit dem Elephant Walk... superniedlich, kess, keck, knuddelig, die Ratte wird zur frech süßen Mickey Mouse.
    Gleicher Film, nehmen wir nun das berühmte Thema aus "Jaws" ("Der weiße Hai") - nix mehr mit Mickey Mouse, das Böse pirscht sich an, Gefahr wird signalisiert, der Pestbote nähert sich, Assoziationen von Krankheit, Tod und dunklen Geschöpfen, Bedrohung.
    Hat die kleine Ratte sich irgendwie verändert? Natürlich nicht, das arme Vieh kann nichts für die Abrufbarkeit unseres Gehirnkontexts.
    Während Filme uns ja gewissermaßen vorgefertigt und in unveränderlicher Weise mit Soundtracks manipulieren hat man das für Videospiele regelrecht wissenschaftlich aufgedröselt und verschiedene Kompositionstecniken entwickelt, die der Produktanforderung der manipulativen Interaktion Rechnung tragen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Videospielmusik#Mood-Technique)
    Es ist eben doch wahr: unser Gehirn ist ein wundervoller gefährlicher Spielplatz. ;)

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