Donnerstag, 12. April 2018

2018/19 - wieder was Neues

"Der Nackte Wahnsinn" hatte Premiere und ich habe bis November keine festen Jobs. Und habe es so geplant. Ein halbes Jahr Zeit fürs Schreiben, Lesen, Denken, Leben, Faulsein, Kochen.  
Luxus! 
Eine Art Premiere. Freizeit war in meinem Leben immer rar und sogar irgendwie irritierend, denn wenn man, wie ich, das Glück hat, mit einem Beruf zu leben, der einem meist Vergnügen bereitet und dem alle "Hobbies" zuarbeiten, wird man schnell frustriert, wenn inhaltslose Zeit ansteht. Versteht mich nicht falsch, Liebe, Freundschaft und das ganze irre Leben gab und gibt es immer auch. Aber es war parallel stets irgendwas Berufliches am Kochen oder Köcheln.

Aber nun bin ich älter und nähere mich rasant dem, was meine Jugend als Rentenalter bezeichnete.

Der DDR-Rentner. Grauweiße Haare, oder aubergine-lila dauergewellt.
Die Schuhe bequem und plump, die Kleidung in asexualisierendem Breige, wetterfest und formunschön. Sie wirkten geschrumpft. Ihr Gang schien vorsichtiger, die Augen blasser. Ihr Kaffee war dünner gebraut und wurde zum Tortenstück am Nachmittag getrunken. Mochten sie Torte? Oder haben sie sie nur aus Pflichtgefühl gegessen? "Wenn man alt ist, ißt man Torte." Im Osten auch noch mit Margarine-, anstatt Buttercreme.

Haben wir, als wir jung waren überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, wie diese Alten leben? Höchstens wenn man einen älteren Menschen persönlich kannte. Der/Die war die Ausnahme. Die anderen, so vermuteten wir, führten Leben ohne all die herrlichen Aufregungen und die großen Gefühle, die wir selbst durchlitten. Kein Sex, kein Drama, keinerlei Spaß. Ich vermute junge Leute sind halt zeitübergreifend gedankenlose Arschlöcher, was das betrfft. 
Ach ja. Und irgendwann starben sie, die Alten.

 Harald Hauswald

(Meine Mutter hatte bis zum Schluß wundervoll langes silbergraues Haar. Nur etwas schütter. Der zarte Schimmer ihrer blassen Kopfhaut hat mich tief gerührt.)

 Harld Hauswald "Mandy ist doof"

Nun werde ich, auch wenn ich äußerlich noch anders erscheine, zu einer von ihnen und sehne mich nach "me-time", verdeutscht, nach Zeit für mich. Nach Zeit zum Nachdenken, zum Genießen, zum Zögern, zum, es folgt ein großes Wort, zum Innehalten

Die 60 scheinen noch passabel
und erst die 70 miserabel.
Mit 70 aber hofft man still:
"Ich schaff' die 80, so Gott will."

Wer dann die 80 biblisch überlebt,
zielsicher auf die 90 strebt.
Dort angelangt, sucht er geschwind
nach Freunden, die noch älter sind.

Doch hat die Mitte 90 man erreicht
- die Jahre, wo einen nichts mehr wundert -,
denkt man mitunter: "Na - vielleicht
schaffst du mit Gottes Hilfe auch die 100!"

Wilhelm Busch

INNEHALTEN: zaudern, halten, stoppen, aufhören, warten, unterbrechen, offenlassen, einlegen, zagen, haltmachen, stehenbleiben, bedenken, stocken, pausieren, einhalten, abwarten, einstellen, besinnen, zögern, rasten, schwanken, verweilen, abbrechen, aussetzen 

Nach dieser Auszeit wird ein Jahr voller Arbeit folgen. 

Franz Hohler
Ansprache zum Solothurner Literaturpreis 2013
(12.5.2013)

Täuschst du dich
oder zittert manchmal
die Hand ein bisschen
wenn du den Suppenlöffel hältst?
Bist du das wirklich
von dem das Strassenverkehrsamt
ein ärztliches Zeugnis verlangt
du seiest noch fähig
ein Auto zu lenken?
Kann das sein
dass die
Kirchgemeinde dich einlädt
zur Seniorenweihnacht
mit schöner Klaviermusik
und gemütlichem Zvieri?
Und der Tanzanlass
für ältere Paare
dienstags von 15 bis 16.30 Uhr
ist der für dich?
Ist nicht
ein Ausdruck von Mitleid
im Blick des jungen Verkäufers
der dir erklärt
dein Mobiltelefon
sei nicht mehr zu reparieren?
Müsstest du sparsamer werden
mit dem Gebrauch eines Wortes wie
„früher“?
Warum fällt es dir
immer noch schwer
deine Handy-Nummer zu lernen
(Die Nummer des Elternhauses
weisst du noch jetzt)?
Wie war schon wieder
der Titel des Films
in dem ein Planet
die Erde bedroht?
Und die Schauspielerin
die den Jungen beschützte
wie hiess sie doch gleich?
Hast du genügend Sätze
für ein Gespräch
mit jemandem
dessen Namen
dir nicht in den Sinn kommen will?
Merkst du das Lauernde
beim Zusammensein mit alten Bekannten
sobald die Rede
auf die Gesundheit kommt
auf Knie, Hüften, Gelenke
und ihre Ersetzbarkeit?
Was haben die Medikamente
auf deinem Frühstückstisch
verloren?
Warum feiern so wenig Freunde
den vierzigsten
und immer mehr
ihren sechzigsten, siebzigsten, achzigsten?
Und wieso
will der dunkle Anzug
im Kleiderschrank
nicht mehr nach hinten rücken?
Morgens vor sechs
schon wach zu sein
dafür einzunicken
bei Büchner, Brecht
oder Shakespeare
ist das normal?
Ist es möglich
dass die Tage
etwas geschrumpft sind
in letzter Zeit?
Wird die Sparlampe
die du im WC einschraubst
Brenndauer 10’000 Stunden
länger halten als du?
Und all die Petitionen
und Initiativen
Für eine sichere
Keine, Nein zu, Stop dem, Schluss mit
und Ausstieg aus -
was gehen dich Zeiten an
die du kaum mehr erleben wirst?
Warum aber
trifft dich der Blick deiner
frisch geborenen Enkelin
mitten ins Herz
und lädt dich auf
mit Zuversicht
Zukunft
und Lebenssucht?

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