Mittwoch, 15. April 2015

Theater hat auch Brillenträger


Ich war eins dieser süüüßen Kinder mit Schielkorrekturbrille, eine Seite zugeklebt, damals noch ohne lustiges Bildchen auf dem Pflaster. Mit fünf galt ich als geheilt und wurde das monströse Gerät los, wenn ich auch bis heute noch, wenn ich müde bin, ein wenig schiele. Die zweite Klasse und meine Zensuren fielen ins Bodenlose, es stellte sich heraus, dass meine Augen nunmehr entschieden hatten, kurzsichtig zu werden und ich keine blasse Ahnung hatte, was wirklich an der Tafel stand. Also wieder eine Brille, die ich gehaßt und deshalb regelmäßig verloren habe, bis meine Mutter mir ein besonders häßliches Sozialversicherungsmodell überhalf und mich so brutal aber durchschlagend dazu brachte, das verflixte Ding künftighin nicht überall liegen zu lassen. Bis dahin war das Fundbüro in der Torstrasse sozusagen mein zweites Wohnzimmer.

Die Brillengestelle wechselten und ich wurde geschlechtsreif. "Mein letzter Wille - eine mit Brille!" Man stelle sich vor, ich, 13-jährig, dürr, busenlos, aknegeplagt, die Stimme im unteren Baritonbereich und bebrillt - mein erstes Date hieß Bernd, war 1 Meter und neunzig, Brillenträger und wahrscheinlich noch verklemmter als ich.

14 Jahre, Wechsel zur Oberschule, Pubertät, erste Liebe, erste echte Jeans und meine kleine Schwester schwatzte wunderbarerweise einem Optiker für zehn Mark ihres mühselig ersparten Taschengeldes eine Nickelbrille aus den Rippen. Ich wurde ein anderer Mensch. Die Pickel verschwanden. Nur die Stimme blieb in den unteren Regionen.

Ich wurde Zwanzig und hatte mein erstes Vorsprechen bei Alexander Lang am Deutschen Theater; aber Johanna traute sich nicht, woraufhin Herr Lang verlangte das die Brille abgenommen wird. Halbblind war ich furchtlos, weil ich, orientierungslos und hilflos, keine Energie mehr übrig hatte, mich zu verstecken.

Ein DEFA-Film, einige Jahre später, ich spiele eine unglücklich verliebte Frau, die einen letzten heroischen Versuch unternimmt den Geliebten zu gewinnen, sie macht sich nackt. Ich sollte mich ausziehen. Stop. Ausziehen? Langweilig. Aber die Brille absetzen, das macht wehrlos. Der Regisseur, Lothar Warnecke, hat es gekauft. Es stimmte.

Wir Brillenträger sind mittlerweile eine aussterbende Gruppe. Ich gehöre nur deshalb noch dazu, weil meine Experimente mit Kontaktlinsen allesamt in blutroten tränentriefenden Augen oder anderen Katastrophen endeten, zum Beispiel habe ich einmal einen längeren Monolog nach hinten, vom Publikum weggewendet sprechen müssen, weil sich die Linse hinter meinen Augapfel geschoben hatte, so wahrhaft verzweifelt habe ich sicher nie wieder geklungen. 
 
Andere Kollegen waren da weit cooler, Dagmar Manzel hat in einer riesigen Tirade, ohne zu stocken, ihre Linse auf dem Bühnenboden ertastet, durch Spucke gereinigt und mit einer höchst eleganten Geste wieder eingesetzt. Allerdings hat sie auch eine große Gruppe von Darstellern im "Kaufmann von Venedig" dazu gezwungen, sich wie eine Volkstanzgruppe im Rundtanz zu bewegen. Dagmar, als Portia, hatte ihre Linsen vergessen und spielte also blind, aber bestimmt ihre Anklagerede gegen Shylock in die von ihr vermutete Richtung des Dogen von Venedig. Ihre Vermutung war allerdings falsch. Der Doge bewegte sich unmerklich auf ihre Position, aber Dagmar bestand auf ihren verschwommenen Ansprechpartner und bewegte sich ebenfalls. Der Doge rückte nach und Dagmar auch, und und und...

Der Weichzeichner, den eine Kurzsichtigkeit dem Brillenlosen bietet hat auch ungeahnte Vorteile, ich sehe zwar wenig, aber ich höre alles! Kollegen erscheinen faltenfrei und überirdisch schön. Blöde Grimassen lassen mich kalt, aber wehe einer verspricht sich!
Alles hören, heißt über alles lachen müssen, aber nicht lachen dürfen.

Und weil ich sowieso Schwierigkeiten mit dem Wechsel von Hellig- und Dunkelheit habe, meine Zusammenstöße mit Seitenwänden auf der Suche nach dem Abgang waren häufig und schmerzhaft, habe ich eine korrektive Operation, die möglicherweise Blendungsprobleme nach sich ziehen könnte, nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

Ernst Busch mußte im Kaukasischen Kreidekreis die folgenden Worte ohne Lachkrampf sprechen, nachdem die Brille eines Beleuchters gerade von seinem Nasenrücken auf der Beleuchtungsbrücke direkten Weges auf die Bühne gefallen war.

O Blindheit der Großen! Sie wandeln wie Ewige
Groß auf gebeugten Nacken, sicher
Der gemieteten Fäuste, vertrauend
Der Gewalt, die so lang schon
gedauert hat.
Aber lang ist nicht ewig.
O Wechsel der Zeiten! Du Hoffnung des Volks!

Kommentare:

  1. Christopher Lambert verträgt auch keine Kontaktlinsen. Nun konnte der Highlander aber schwer eine Brille tragen. Wir wissen alle, er spielte ohne... und noch viel wichtiger... er bewältigte auch alle Schwertkämpfe ohne... dafür mit zusätzlichem Training, damit die Dreharbeiten verletzungsarm blieben.
    Als Brillenträgerin und wissend, was man ohne alles nicht sieht, bewundere ich die Nervenstärke seiner Gegner und Kollegen.

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  2. Anne Mechling-Stier schrieb:
    Ab einer gewissen Zahl von Dioptrien steigt die Kreativität von Bühnenmenschen. Eine Kollegin gab ihren Partnern Klicker (eigentlich für das Tiertraining), um bei Dialogszenen inmitten anderer Figuren in die richtige Richtung zu sehen. Was betreffenden Kollegen eine grosse Verantwortung und noch mehr Macht gab. Für einen Dernierenscherz taugte es allerdings nur ein Mal.

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