Sonntag, 19. April 2015

Grunewald - Frühsommer in Berlin 2



Im Zuge meines, durch eine Freundin sanft-nachdrücklich verstärkten, Vorhabens,
wenigstens einmal wöchentlich an die "frische Luft" zu gehen und darin herumzulaufen, 
waren wir heute im Grunewald. So lerne ich einig emir bisher unbekannte Gegenden Berlins 
doch noch kennen. Das Publikum war reicher als in Rehberge, die Hunde schicker und unglaublich zahlreich. Man konnte an mehreren Ständen Bio-Hundekekse erwerben.

Eine Dame in rosa T-Shirt mit "Yeah Friday"-Aufdruck, rosa Hose und rosa Schuhen,
etwa Mitte 60, sehr bauchlastig, der Mann dazu ebenfalls sehr jugendlich-sportlich gekleidet, 
aber mit dem kahlen Kopf und Schnurrbart eines Pickelhaubenträgers,
ihr Hund, ein verängstigter Terrier, hieß Alberto. 

Im Jagdschloß eine Ausstellung mit vielen Renaissanceporträts, einige davon geradzu 
überraschend schlecht gemalt, wobei es sicher auch nicht einfach gewesen sein kann,
die meist außerordentlich häßlichen Mitglieder der Famile derer zu Brandenburg
mit Farbe auf Leinwand zu bringen. Die meisten flabberig fett, mit bösen kleinen 
dicklichen Mündern und dummen, weit auseinanderstehenden Augen. Die Männer
oft auch noch eingeklemmt in zu enge Rüstungen. Da haben wohl ein paar Cousinen
zuviel ihre Cousins geheiratet. Und auch bei einigen, der zahlreichen Cranachs, 
besonders des Älteren, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie in großer 
Eile, unter dem Einfluß von Alkohol oder schlechtgelaunt gemalt worden sein müssen.
Zitat Freundin: "Zweitklassige Kunst ist viel unterhaltsamer."
Das Brücke-Museum kommt ein andermal dran.

In den Grunewald, 
seit fünf Uhr früh, 
spie Berlin seine Extrazüge.
Ueber die Brücke von Halensee, 
über Spandau, Schmargendorf, über den Pichelsberg, 
von allen Seiten,
zwischen trommelnden Turnerzügen, zwischen Kremsern mit Musik,
entlang die schimmernde Havel,
kilometerten sich die Chausseeflöhe.
»Pankow, Pankow, Pankow, Kille, Kille« »Rixdorfer« »Schunkelwalzer« »Holzauktion«
Jetzt ist es Nacht.
Noch immer 
aus der Hundequäle 
quietscht und empört sich der Leierkasten. 
Hinter den Bahndamm, zwischen die dunklen Kuscheln, 
verschwindet 
eine brennende Cigarre, ein Pfingstkleid. 
Luna: lächelt. 
Zwischen weggeworfnem
Stullenpapier und Eierschalen 
suchen sie die blaue Blume
Arno Holz: Phantasus. Stuttgart 1978



Das Jagdschloss Grunewald 


Johann Friedrich Nagel
1788
Eigentlich wie heute, nur jetzt mit viel, sehr viel mehr Hunden


Heinrich Bollandt 
Erdmann August, Kronprinz zu Brandenburg-Bayreuth im Alter von drei Jahren
Erste Hälfte des 17. Jahrhunderts
Früher Punk

 Lucas Cranach der Ältere
Judith mit dem Kopf des Holofernes
1530
Selbst der Tote guckt noch provozierend auf den Betrachter


Meister der Aachener Schranktüren  
Geißelung Christi 
  um 1480
Vier Volkstänzer geißeln Jesus,
man beachte bei der Figur vorne rechts 
die ungewöhnliche Anbringung des linken Knies!


 Herrlich grässlich!
Im Hof des Jagdsclosses Grunewald
Johannes Brixe
Wildsau wird von drei Jagdhunden gerissen.
In der Jagdausstellung steht auf der Liste der von einem der preussischen Könige
erlegten Tieren übrigens auch ein Wal!






Welcher Künstler hat die Wildschweinplastik im Hof erschaffen?
Im Innenhof befindet sich eine aus Metall (aus Gußeisen, laut Fontane 1894 und Berdrow 1902) hergestellte Wildschweinjagdplastik aus dem Jahre 1862, welche sich ursprünglich vor dem Schlosseingang befand, später dann aber vor den Jagdzeugschuppen verlegt wurde, wo sie auch heute noch steht. Auf dem Sockel steht der Name (des Künstlers?): “Johannes Brix – Berlin”. Leider konnte ich über diesen Künstler bisher nichts in Erfahrung bringen. Dafür, dass es sich um eine sehr “lebensechte” Plastik handelt, ist es sehr verwunderlich, dass von ihm nicht weitere Werke bekannt oder benannt sind.
Börsch-Suphan schrieb 1981/97, Seite 9: “An die Jagdromantik des 19. Jahrhunderts erinnert noch heute die in Zink gegossene Wildschweingruppe von Wilhelm Wolf, die 1862 im Hof aufgestellt wurde.”
Die naheliegende Frage ist nunmehr, weshalb der Name “Johannes Brix” auf dem Sockel der Plastik geschrieben steht und nich jener von Friedrich Wilhelm Wolf?
Anlässlich einer Schlossführung am 27.01.2013 wurde mir dazu die Auskunft gegeben, dass Wilhelm Wolf der Künstler, aber Johannes Brix der Gießer der Plastik ist. Zur damaligen Zeit stellte ich die Fertigkeit des Gießens für sich selbst schon eine herausragende Leistung dar.
 
Forst Grunewald website "Der GruneWald im Spiegel der Zeit"


1 Kommentar:

  1. Warst Du schon mal am Grunewaldturm?
    Dahin ging es als Schulklasse mit dem "Wandertag" oder mit Freunden mit Fahrrädern, z.B. am "Vatertag" (in den 1970igern sah man noch die vegetationsgeschmückten Leiterwagen mit bierbeseelten Männern).

    Dann hiess es auf den Turm klettern, Eis essen (Langnese, am liebsten "Split" oder "Capri") und Minigolf spielen...

    Auch heute noch ein nettes "frische Luft"-Ziel im Grunewald!

    Und geh' auf alle Fälle ins Brücke-Museum, spannend.

    Natürlich fâllt mir zu "Grunewald" noch dieses Lied ein:

    "Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion
    Ist Holzauktion, ist Holzauktion
    Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion
    Ist Holzauktion

    |: Links um die Ecke rum
    Rechts um die Ecke rum
    Überall ist große Holzauktion :|

    Der ganze Klafter Süßholz kost nen Taler
    'nen Taler, 'nen Taler
    Der ganze Klafter Süßholz kost nen Taler
    'nen Taler kost er nur

    Der Förster schießt dabei zwei große Böcke
    Für´n Taler, für´n Taler
    Und sieht drauf in der linken rechten Ecke
    Für´n Taler, Taler nur

    Der Forstgehilfe küßt des Försters Tochter
    Für´n Taler, für´n Taler
    Der Förster auf den Forstgehilfen pocht er
    Für'n Taler, Taler nur.

    Beim Mondenschein da kamen alte Weiber
    Für´n Taler, für´n Taler
    Die mausten Holz wie echte rechte Räuber
    Für´n Taler, Taler nur

    Die Polizei kam leise wie auf Strümpfen
    Für´n Taler, für´n Taler
    Und arretierte, ach, die alten Nymphen
    Für´n Taler, Taler nur."

    Wikipedia schreibt dazu:
    "Die Holzauktion (im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion) ist ein von Otto Teich (Text) 1890 geschriebenes Lied.[1] Dieser Text wurde von Franz Meißner (Musik) in einen vierteiligen Rheinländer integriert und 1892 veröffentlicht.[2]."
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Holzauktion

    Einen Rheinländer für einen Berliner Wald, nein sowas!

    AntwortenLöschen