Freitag, 30. Dezember 2016

Essen - Fressen -

Geständnis eines unbelehrbaren Fleischfressers

Ich esse gern. Ich schmecke gern. Ein Genußmensch. Kein Gourmet, eher ein Gourmand. Gut muß es schmecken und es muß viel davon sein. Zwischen mir und der schrecklichen Fettleibigkeit stehen nichts als genetische Zufälle und meine Restdisziplin. Ein nicht unwesentlicher Teil meines Gedächtnisses besteht aus erinnerten Genüssen. Oder, wie es meine Mutter nannte: "Das ist für die Bank". Die Bank des Erlebten, Gefühlten, Geschmeckten. 
Ich bin nicht laktoseintolerant, da hab ich Glück gehabt. Wer erdenkt solche Begriffe? Ich lasse Laktose nicht zu? Lehne sie ab? Ertrage ihre Anwesenheit nicht? Auch Gluten und andere von vielen nicht zu tolerierende Stoffe, vertragen sich netterweise mit meinem Verdauungssystem gut. Ich bin halt ziemlich tolerant. (Sorry, dummer Wortwitz.)
 
Und ich bin in extremer Weise nicht vegan, habe keinerlei Mitgefühl für getötete Pflanzen, gemordetes Gemüse und Obst, dass in der Blüte seines Lebens aufgefressen wurde. Auch wenn ich grausame, nicht artgerechte Tierhaltung verabscheue, kann ich nach genauer Betrachtung meines Gebisses, nur folgern, dass ich durchaus zum Fleischverzehr gedacht bin. Für mich muß Fleisch, wenn es denn vom Rind oder Reh stammt, auch noch möglichst blutig sein.
Also kaufe ich Bio-Fleisch, meistens, brate mein Steak knappe zwei Minuten, zuerst in der heißen (Heiß ist sie, wenn Spucke oder, für die, die es kulturvoller mögen, Wasserspritzer, sofort verdampfen.) Pfanne ohne Öl, dann Butter oder Olivenöl dazu, eine feine Kruste um den blutigen Fleischkern entstehen lassen und dann verschlinge ich das Ergebnis pur mit etwas Ketchup (Heintz).

Jeder mag nach seiner Fasson glücklich werden. Ich auch. Warum scheint es mir, als ob sich jede persönliche nahrungstechnische Entscheidung in Nullkommanichts in eine Ideologie verwandelt? Hunde werden vegan gequält, Kinder an der Entwicklung eigener Vorlieben gehindert und exotische Getreide & Teesorten zu ultimaten Lebensverlängerern idolisiert. Macht euch nichts vor, wir sterben alle irgendwann, egal wie genußfeindlich wir uns ernähren. Die Möglichkeit zur luxuriösen Wahl wird, glaube ich, mit der Annäherung an eine erträumte Natürlichkeit verwechselt. Anhänger der Paläo-Diät suchen nach dem "Urgeschmack" und vernachlässigen locker mal 20 000 Jahre menschlicher Entwicklung, Fruktarier vermuten in jeder Mohrrübe die Seelenwelt einer sensiblen Seele, aber der Umgangston in einem Berliner Bio-Markt an einem gewöhnlichen Samstag ist genauso grob, dränglerisch und ellenbogenzentriert, wie der bei LIDL oder ALDI.

Fleisch gehört dazu Veganer retten nicht die Welt, sagt Ulrike Gonder. Die Ökotrophologin meint, sie wissen zu wenig über die Natur.
 
Absurdes Beispiel, Prinz George, Sprößling von Kate und William aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, wird fotografiert, als er, im zarten Alter von drei Jahren, seinem Hund freundlicherweise einen Haps von seiner Eiswaffel anbietet - es folgt ein Sturm der Empörung, weil Hunde doch kein Eis essen dürfen.

Kommentare:

  1. Ich bin Nicht-Köchin und halte in manchen Launen eine Literpackung Eiscreme für ein gelungenes Mittagessen. Ich bin von Essensphilosophie so entfernt wie vom Mars... der Planet, nicht der Schokoriegel, der kommt mir durchaus nahe.
    Ich bin Vegetarierin.
    Meine Entscheidung. Ich bin da nicht missionarisch unterwegs. Ich führe eine Beziehung, in der Fleisch verspeist wird - nur nicht von mir. Genußvoll verspeist... und ich kann das verstehen. Ich war eine fleischfressende Pflanze, immer und hemmungslos, schon als Kind.
    In Regensburg gibt es die älteste Wurstkuchl Deutschlands. Wenn man ihr straßentechnisch zu nahe kommt wird man eingefangen von unfasslich leckeren Gerüchen, die einzig Fleisch auf einem Grill produzieren kann. Ich kenne Vegetarier, denen diese verdammte Wurstkuchl die Disziplin gebrochen hat und die heute wieder Fleisch essen. Und auch mir läuft jedes Mal das Wasser im Mund zusammen.
    Aber für mich persönlich ist es einfach nicht richtig Fleisch zu essen.
    In Würzburg verschlug es mich einmal in die Nähe eines Schlachthofes. Es war nichts zu sehen - aber zu hören. Ich habe noch nie so viel Angst in Tierlauten gehört, sie schrie mich an. Und das war der Anfang vom überlegen.
    Ich bin Mitglied in einem Tierschutzverein für Hunde, ich unterstütze Sea Shepherd - warum gehe ich nur auf die Barikaden, wenn man Hunde isst und Wale? Weil das Lieblingstiere von mir sind? Ich mag auch Kühe, ich finde sie goldig. Und Schweine sind clever. Warum tätscheln wir den einen Hasen und grillen den anderen?
    Ich hasse Pelzfarmen, warum esse ich Tiere? Wieso esse ich etwas, das Freude empfinden konnte, Angst und Schmerz, wieso stopfe ich mich mit Leichenteilen voll... lecker zubereitet, mit Sößchen... aber immer noch Leichenteile von etwas, das ich hätte streicheln können?
    Es machte irgendwann einfach keinen Sinn mehr. Nicht für mich. Fleisch essen kann nur, wer nicht beim kauen im Kopf hat, was es mal war. Ist die Trennung erstmal weg ist die Konsequenz eine logische.
    Ich finde, dass das jeder selbst entscheiden darf und muss. Ich halte da niemandem eine Predigt. Allerdings finde ich sehr wohl, und anscheinend genau wie Du, dass Massentierhaltung widerlich ist und vermeidbar wäre, wenn alle Menschen Fleisch als etwas besonderes betrachten, es nicht täglich auf den Teller häufen würden und wenigstens wertschätzen dass es von Tieren stammt. Bewusster Fleischkonsum würde schon viel verbessern.
    Frau Gonders Theorien haben nämlich dann keinen Bestand mehr, wenn die Intensivmast bestehen bleibt. Was sie derzeit noch tut.
    (Sie ist mir da auch ein bißchen unbelegt beliebig. Mit schwammigen Datensätzen wie "unvorstellbare Co2-Mengen" kann ich wenig anfangen, hingegen ist sehr wohl belegt, dass ein Kilo brasilianisches Rindfleisch in der Herstellung so viel CO² produziert wie 1600km Autofahrt.
    http://www.nationalgeographic.de/aktuelles/co2-1-kilo-rindfleisch-entspricht-1-600-kilometer-autofahrt)
    Seit einiger Zeit experimentiere ich zudem mit veganen Milchprodukten. Fleisch- und Milchproduktion hängen zusammen, also sollten Vegetarier mindestens auch versuchen ihren Milchkonsum zu drosseln. Manche Alternativen sind echt bäh... aber ich habe auch richtig gute gefunden - man muss sich halt durchprobieren.
    Der Markt für vegane oder fleischlose Prudukte wird fast monatlich größer - und leckerer. Ich hab' mit vegetarischen Wiener Würstchen schon kleine Kinder betuppt... zufällig auf einer Ensembleparty. Der süße Zwerg wollte eine haben und hat sie genußvoll aus der Faust verspeist, gab wohl keinen beklagenswerten Unterschied. :)

    Vor kurzem begegnete mir dieses Video. Sicher... es ist absolut darauf angelegt zu berühren, die Absicht sehe ich schon. Allerdings wird den Bullen niemand dressiert haben um das Video so aufzunehmen. Und wer sich so freuen und kuscheln kann, nee, den ess' ich nich'. :)
    https://www.youtube.com/watch?v=vFO6LESkHDk

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  2. Ich habe das große Glück, seit einiger Zeit in einem Dorf zu leben, wo es mehrere vernetzte Biolandbetriebe gibt. Ich schaue also jeden Tag auf die Weide gegenüber, wo die Galloways grasen die ich dann irgendwann esse. Der Weihnachtsgans sehe ich beim Wachsen zu und die Hühner bekommen als Futter die Ölkuchen aus der Ölmühle im Nachbarort, die vom Sonnenblumenöl des Biobauernbruders vom Hühnerpeter übrigbleiben. So habe ich damit kein Problem, denn auch ich bin eine echte Fleischfresserin!
    Die konventionelle Tierhaltung jedoch ist eben ein Problem nicht nur für die Tiere oder die Menschen die das Fleisch dann essen, sondern in hohem Maße für die Umwelt und dann muss man die Menschen auch am ihre Verantwortung für alle erinnern dürfen, dass hat dann mit missionieren nichts zu tun.

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  3. Ich missioniere nicht bei der Frage OB jemand Fleisch isst. Das ist, finde ich, eine persönliche Entscheidung. Sie haben aber recht, dass ich mich sehr wohl zu Wort melde bei der Frage WELCHES Fleisch jemand isst.
    Die Produktionsumstände, die Sie beschreiben, sind die erstrebenswerte Ausnahme. Sie könnten auch niemals den Fleischhunger befriedigen, der immer noch grassiert und akzeptiert ist. Dafür braucht man solche Produktionsbedingungen:
    https://www.welt.de/regionales/nrw/article140044159/Tiere-sollen-beim-Schlachten-weniger-leiden.html
    (Keine Schockbilder, keine Sorge, "nur" wörtliche Fakten des Alltags der Fleischproduktion)
    Fleischverzehrer können mit ihrem Geldbeutel steuern. Aber dazu müssen sie sich bewusst entscheiden und informieren. Wer billig jeden Tag Fleisch auf dem Teller haben muss verursacht, ignorant und gedankenlos, eine widerwärtige Fleischindustrie, die respektlos, naturentfremdet und brutal gewinnorientiert für deinteressierte Mägen schlachtet.
    Wir sind Allesfresser und waren immer Jäger - aber die ressourcenhungrige Schlachtindustrie, die wir heute betreiben, war sicher weder biologisch noch evolutionär eingeplant. Und sie ist Teil der Überstrapazierung unseres Planeten.
    Wenn wir gutes Fleisch artgerecht produzieren und in Maßen respektvoll genießen würden - dann hätten wir weltweit was Sie beschreiben.
    Und Johanna hat recht, Kinder sollten ernährungstechnisch herumprobieren dürfen und alles erschmecken. Aber erinnert sich noch jemand an den politischen Aufschrei als die Grünen einen Veggieday einführen wollten und dafür als „lustfeindlich“, „Spaßverderber“ oder „Partei der Verbote“ tituliert wurden?
    Das ist genauso albern wie vegane Hundefütterei.
    Nichts an unserer Mastindustrie ist lustvoll oder spaßig. Ich finde Tofubällchen, Folienkartoffeln und Gemüselasagne einmal pro Woche in der Schulkantine spaßiger.
    Fleisch war vor noch gar nicht so langer Zeit ein Leckerbissen, eine nicht tägliche Besonderheit. Von mir aus darf es das gerne wieder werden.

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