Samstag, 3. Dezember 2016

Blauer Würger und Rondo Melange

Heute war ich auf einer ungewöhnlich angenehmen Geburtstagsfeier mit wirklich interessanten Gästen, Ostbiographien trafen auf westliche und vice versa.

Das Gespräch kam, warum weiß ich nicht mehr, auf Getränke und Lebensmittel in der DDR. 
Zuerst die alkoholischen Getränke: Rosenthaler Kardaker war mir nur bekannt unter dem Spitznamen "Schlüpferstürmer", denn wer immer den mitbrachte, hatte klar verständliche Absichten. Sambalita, ein Maracuja Likör (Igitt!) beförderte, im unklimatisierten Tourneebus des Deutschen Theaters, der uns zu einem Westgastspiel in Hamburg transportieren sollte, im überaus heißen Sommer 1988, zwei hochtalentierte Kollegen nahezu ins Delirium. Und dann der berüchtigte Blaue Würger!
Kristall Wodka, der zu den schlichteren Schnapsarten aus dem DDR-Angebot zählte, verdankte seinem Spitznamen "Blauer Würger" seinem blauen Etikett. Böse Zungen behaupteten, dass man nach Einsendung von hundert solcher blauen Etiketten bei der Krankenkasse einen Blindenhund gestellt bekam. Kristall Wodka war keine Bückware, sondern ging Kartonweise über den Ladentisch. Diese Produkt ging sogar in das Liedgut der DDR ein, wie etwa durch den Texter Christian Koch, der 1984 das Lied vom Blauen Würger und dem Blindenhund schrieb: Eine Flasche Blauen Würger, trinken wir im handumdrehn, und für jeden ganz normalen Bürger, kostet der nur vierzehn-zehn, eine Flasche Blauen Würger, trinken wir, der macht nicht fett, im Gegenteil, jeder Bürger, sieht dann aus wie's Etikett. Die zweite Flasche Blauen Würger, trinken wir im fußverdrehn, und jeder ganz normale Bürger, kann dann nicht mehr richtig stehn, die zweite Flasche Blauer Würger, die wirkt ganz unverzagt, man sagt dann solche heißen Sachen, die man sonst wohl niemals sagt. Die dritte Flasche Blauen Würger, trinken wir kaum noch im stehn, und jeder ganz normale Bürger, kann dann nicht mehr richtig sehn, die nächsten Flaschen Blauen Würger trinken wir und denken uns nichts bei, denn für jeden ganz normalen Bürger, gibt's den Blindenhund dann frei.
Quelle: http://www.ddr-brauwesen.de/glossar-k.php
Und dann natürlich Nordhäuser Doppelkorn! Und der fast mystische, weil mir nicht zugängliche "Kumpeltod". 
Wiki sagt:
Zu beziehen war ein Liter Trinkbranntwein für Bergarbeiter steuerfrei zu einem Preis von 1,60 Mark über Berechtigungsscheine, die in der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut auch als Talons bezeichnet wurden. Abgefüllt wurde er in Flaschen zu jeweils 0,5, 0,7 oder 1,0 Liter. Hergestellt wurde der Branntwein mit einem Alkoholgehalt von 32 Vol.-% meist in Brennereien, die in der Nähe von Bergbaubetrieben lagen, wie zum Beispiel in Nordhausen, Senftenberg, Lübben oder Lauter. Jedem Bergmann standen monatlich zwei, über Tage Beschäftigten ein Liter des Branntweins zu. Bei Normerfüllung oder -übererfüllung erhöhte sich die bezugsberechtigte Menge.
In der SAG Wismut standen ab 1947 den Arbeitern über Tage ein Liter und Arbeitern unter Tage zwei Liter im Monat zu. Später bekamen die Bergleute der SDAG Wismut im Streckenvortrieb oder im Abbau bis zu 6 Liter im Monat.
Bei den Bergleuten (übertage), die in den Braunkohle-Tagbauen arbeiteten, gab es im Winter zwei Liter pro Monat und im Sommer einen Liter „Kumpeltod“ pro Monat.
Ebenfalls war der Trinkbranntwein zum Beispiel die für Arbeiter und Angestellten des VEB Erdöl-Erdgas Grimmen oder auch für Schiffsbesatzungen der Handelsmarine der DDR verfügbar.
Der Weiterverkauf des Branntweins oder der Berechtigungsscheine war verboten und ein Verstoß gegen dieses Verbot wurde strafrechtlich verfolgt.
 
Es folgte im Gespräch die uns alle betreffende Schulspeisung. Blutwurst alias "Tote Oma" und süße Milchnudeln und apfelloser Milchreis und Jägerschnitzel (eine Scheibe gebratener Jagdwurst) und in ultimo: Spinat, von dem ich damals dachte, er wäre von Natur aus braun. Dieser braune breiige Gemüsebrei wurde stets mit hartem Rührei und chemisch geschälten zuvor in großen Plastiksäcken gelieferten Kartoffeln serviert.
Noch heute denke ich, dass mein Körper durch eben diese brutale Vergiftung, immun ist gegen jedwede Intoleranz. Ich habe einfach keinerlei Überemfindlichkeiten, weil ich schon a priori chemisch ausgegelastet bin.
Kaffee. Teuer, ja das war er. Ich habe nicht "Mona" sondern "Rondo" getrunken. Noch heute brühe ich, maschinenlos, Kaffee, jetzt Dallmayr Prodomo, in der Tasse mit kochendheißem Wasser auf. Polnischer Campingkaffee ist der beste und verlangt keine Aluminiumkapseln und keine Maschine.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaffeekrise_in_der_DDR 
Weihnachtliches Marzipan, wurde aus Mangel an Mandeln nicht angeboten, dafür gab es Persipan.

Persipan ist eine dem Marzipan ähnliche Süßware, die aus Pfirsich- oder Aprikosenkernen hergestellt wird, und ein wenig herb-bitter schmeckt. Der Name ist ein Kunstwort aus lateinisch ‚persicus‘ (Pfirsich) und ‚Pan‘ von lat. ‚Brot‘. Aprikosen zur Herstellung von Persipan werden speziell gezüchtet und sind nicht genießbar. So beschreibt es Wiki.
 

Wir haben als gut trainierte Balkonraucher die Zigaretten ausgelassen. Und dabei wäre das ein interessantes Thema gewesen. Duett-Raucher oder Cabinett? F6 oder Karo filterlos und nur wenn gar kein Geld zur Verfügung stand? Meine Zunge, mein Magen, meine Leber, meine Lunge haben die ruchlose DDR überlebt. Was kann mir noch etwas antun?

http://www.ziltendorf.com/service/Rezepte/DDR/preise.htm 

DDR - Markennamen für Lebensmittel

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Markennamen_und_Produkten_in_der_DDR 

Kommentare:

  1. Pierre Bliss schrieb:

    hab 3 dvds pure ostalgie im schrank. sehr hübsche doku, die man auch gut mit freunden beim deppentod gucken kann: https://www.amazon.de/Mahlzei.../dp/B0006SWIV0/ref=sr_1_1....

    Teil 1: "Broiler, Ketwurst & Grilletta"
    Teil 2: "Kosta, Rondo & Kaffee-Mix"
    Teil 3: "Banane, Kohl & Zitrusfrucht"

    Was hat ein Broiler, was ein Hähnchen nicht hat? Warum heißt der überhaupt so? Und wie kam er in den Osten? Und was haben sich die Genossen bei den seltsam klingenden Namen "Ketwurst" und "Grilletta" gedacht?
    Weshalb war der Kaffee-Mix im Volksmund "Erichs Krönung" - ein FAll für die Staatssicherheit? Und warum gab's die besten Bananen nur für Politprominenz und Zoo-Affen?

    Die Reihe gibt historisch belegte Antworten auf diese und weitere delikate deutsch-deutsch Fragen. DDR-Staats- und Parteiorgane deckten den Tisch der Republik stets nur häppchenweise. Doch der Bürger wusste immer ganz genau, wann es was wo gab, oder eben nicht. Südfrüchte oder richtiger Kaffee zum Beispiel, eine echte Rarität. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten erinnern sich an den kulinarischen Alltag, an die Speisezettel aus vier Jahrzehnten DDR. Unzählige Akten aus vielen Archiven zeigen die hintergründigen Geschichten hinter den -erzwungenen- Essgewohnheiten, die Geschichten von Versorgungsenpässen und Beschaffungsphantasien.

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  2. Aus eigener Erfahrung muss ein weiteres alkoholisches Getränk erwähnt werden, der "Murfatlar", ein ungarischer "Dessertwein". Die Flasche hob' sich schon äußerlich von den anderen Getränken ab. Ein besonders langer Flaschenhals brachte ihm den uncharmanten Spitznamen "Dosenöffner" ein.

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  3. Jörg Janetzko schrieb:
    Selbst heute denke ich mit leichtem Brechreiz an eine erste heftige Fete mit zu hohem Konsum von Apricot Brandy (für einen 15-jährigen....) die bewirkte daß ich mich zu einer ganz plötzlich Angebeteten auf den Weg machte ,der wegen wankender Straße sehr beschwerlich war. Da angekommen war mir irgendwie noch bewußt daß ich in Erklärungsnotstand komme wenn ich an der Wohnungstür klingel und die Eltern öffnen. Da ihr Zimmer einen Balkon hatte erschien mir der Weg übers Regenrohr .....einfach. In 2 Meter Höhe hielt das mich aber nicht mehr aus und ich krachte auf den Rücken und schappte japsend nach Luft. Durch den Fall ernüchtert und weil mir schien daß plötzlich jemand wach war japste ich noch ein bißchen leise vor mich hin und wurde zum Glück nicht entdeckt. Am nächsten Tag kamen zu den Schmerzen im Rücken auch noch die im Kopf und eine Übelkeit die ich seitdem nicht mehr los werde wenn ich an Apricot Brandy denke...

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  4. Gabriele Bigott-Kleinert schrieb:
    Und wer kennt noch Hügelrotwein, 2,80 die Flasche, das war der Erschwinglichste in meiner Studentenzeit, die allerdings wirklich lange her ist. - Sorten bei Alkohol spielten in den Kneipen nicht so die Rolle, oder? Bei harten Getränken wurde meist gefragt: Brauner oder Weißer? und bei Wein: Rot oder Weiß? - Vergleichbares bei Käse: Schnittkäse oder Schmierkäse. (Streichkäse) Ich erinnere mich an einen Film- Titel vergessen - in der Winnie Böwe eine junge Frau spielte, die nach Flucht in den Westen beim Einkaufen nach der gewünschten Käsesorte gefragt wird, die nach verlegenem Zögern sagt: Schnittkäse. War so gut gespielt, daß ich die kleine Szene nicht vergessen habe.

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  5. Winnie Maryla Böwe schrieb:
    Bei Klassenfahrten haben wir im Bett Schmelzkäse gegessen. Nordhäuser war bei meinen Eltern immer vorrätig. Getrunken haben sie Cabernet aus Bulgarien und Grünen Veltliner aus Ungarn. Gegessen hab ich Blockschokolade. Als erstes immer das K, weil mein Papa Kurt heißt....
    Schlagersüsstafel hab ich nur bei meiner Oma gegessen. Und weil sie die liebste Oma der Welt war, hat sie mir in Riesa vor dem Fernseher, in dem Kessel Buntes lief, auch besonders geschmeckt.

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  6. Was bitte ist "Campingkaffee aus Polen"?

    Ich kann mich erinnern, dass wir bei Besuchen einer Freundin meiner Mutter in Ost-Berlin immer Schwierigkeiten hatten, den Zwangsumtausch (25 DM, getauscht 1:1 in Ost-Mark) zu verbrauchen, und dann manchmal mit Paprika aus Ungarn und Limetten wohl aus Kuba zurück in den Westen fuhren.

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  7. Zitat aus altem Blogbeitrag: Ich bin Johanna und ich bin kaffeesüchtig. Es ist heraus. Wenn dann nämlich diese Frau Hyde den Wasserkocher gefüllt und gestartet, ihre sehr große Tasse mit genau drei gehäuften Teelöffeln Dallmayr Prodomo gefüllt, das kochende Wasser eingegossen, die entstehende Suppe verrührt und ihr circa ein Schnapsglas Milch zugesetzt hat, entfaltet sich ein alltägliches Wunder.
    Pseudohanna sitzt, trinkt, (raucht) und verwandelt sich - in mich.
    Ich nenne das Gesöff "polnischen Camping-Kaffee", denn man benötigt
    keine speziellen Geräte, kann praktisch nichts falsch machen, was
    sehr wichtig ist, bedenkt man den niedrigen Intelligenzquotienten
    des Morgenmonsters, und es schmeckt wie Kaffee-Kaffee, so wie polnische Klöße wie Klöße-Klöße schmecken. Nur bei der Wahl der Kaffeesorte muß man genau sein, früher Rondo, heute halt die bayrische Sorte.

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