Freitag, 29. April 2016

Schädliche, schlechte Scheißgedichte

Die Lieblingsnichte besucht nunmehr die 6. Klasse und erlernt dort, unter anderem, auch den guten Gebrauch der deutschen Sprache. Ja. Tut sie. Dachte ich. Rechtschreibung, Grammatik, leider völlig unsystematisch und unspielerisch, und eben auch Lyrik.
Wenn die Lieblingsnichte mir ihre teils erlebten, teils aus der Luft gegriffenen Abenteuer erzählt,  zaubert sie die verblüffendsten Wörter aus ihrem Hirn, wie aus einer Wundertüte, aufgeschnappt, halbgehört, ausprobiert, gekostet. Und wenn ich ihr ein neues Wort vorschlage, freut sie sich geradezu diebisch. "Angsteinflößend" hat sie erst dreimal gesungen und dann als Pantomime dargestellt - ein großes Glas Angst die Kehle runter, die dabei krampfhaft schluckt.
Nun steht eine Gedichtsinterpretation an. Sowas habe ich schon immer gehaßt. Man nimmt ein wehrloses Gedicht, greift es an der Kehle, quetscht ihm seinen behaupteten eineindeutigen Sinn aus dem Maul und läßt es keuchend, poesieentleert und halbtot zurück. 
Und jetzt kommt der traurige Clou. Das zu interpretierende Gedicht selbst, hier zwei seiner scheußlichen drei oder vier Strophen, ist ein Scheißgedicht. Fremd reimt sich auf benennt, der Rhythmus ist marschmusikartig und der Inhalt... der Inhalt, die Aussage ist simpel, blöd und gutgemeint. Es gibt nix Schlimmeres als gutgemeint, weil man wegen der guten Absicht auch noch ein schlechtes Gewissen haben soll, wenn man Schund Schund nennt.
...

Das Fremde bleibt so lange fremd
bis es begrüßt berührt bekennt:
Du bist nicht fremd, du bist vertraut
Gefühle werden aufgetaut.

Das Fremde bleibt so lange fremd
bis es begrüßt berührt bekennt:
Das Anderssein ist interessant
Probieren wir`s, nimm meine Hand!

Erwin Grosche
Die armen, armen Kinder. 
Als ich meine kanadischen Schauspielstudenten im dritten Jahr nach ihrem Lieblingsgedicht fragte, antwortete mir ein gigantisches langes Schweigen. Gerade ein paar mittelgute Liedtexte konnte ich ihnen mühsam abringen. 
Ich liebe Gedichte, ich liebe gute Gedichte. Lange, kurze, klare, mysteriöse, gereimte, und solche freier Art. Traurige, absurde, spirituelle, kabarettistische, wortverspielte, strenge und alberne. Eingekochte Sprache, Dichte, Musik, Bilder, Wendungen, Melodie.
Aber manchmal fühle ich mich wie ein abgewrackter Handlungsreisender, der bettelnd und unterwürfig durch die Gegend rennt und Leuten eine Ware anbietet, die sie ums Verrecken nicht wollen.
Und dann muß ich auch noch erleben, wie man meiner süßen kleinen Sprachabenteurerin abgedroschene Klischees als Poesie verkauft und ihr möglicherweise ihre Spracheroberungslust zerstört. O weh. O weh.
 Das Bild einer Schlange, die einen Elefanten verdaut, einer Schlange mit äußerst dickem Bauch, erscheint Menschen, denen man die Poesie ausgetrieben hat, wie die Darstellung eines schiefen Hutes.
"Der Kleine Prinz" Antoine de Saint-Exupéry

DER MENSCH

Der Mensch Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr,

Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar,
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr,

Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr,
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar,

Schläft, wachet, wächst und zehret
Trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.

Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.
 Matthias Claudius

Kommentare:

  1. Nichts für ungut, Herr Grosche, aber für mich liest sich das Gedicht eher wie die deutsche Übersetzung eines Disney-Songs... à la https://www.youtube.com/watch?v=-N5YODc9CKg ....

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