Samstag, 2. Mai 2015

SONNTAGNACHMITTAG AUF DER INSEL LA GRANDE JATTE


    GEORGES SEURAT
    SONNTAGNACHMITTAG AUF DER INSEL

      LA GRANDE JATTE


      Un dimanche après-midi à l'Île de la Grande Jatte 
      1884-1886 Art Institute of Chicago





Des kleinen Mannes höllisches Utopia


Der Kunstkritiker Jules Christophe schrieb 1890 in der Seurat gewidmeten Nummer 368 der Zeitschrift Les Hommes d'aujourd'hui  
(Die Menschen von heute) in einem von Seurat persönlich mitgestalteten Artikel:

„An einem Nachmittag unter flimmerndem Sommerhimmel sehen wir die 
 glitzernde Seine, elegante Villen am gegenüberliegenden Ufer, kleine, 
auf dem Fluß dahingleitende Dampfschiffe, Segelboote und ein Ruderboot. 
Unter den Bäumen, ganz in unserer Nähe, gehen Leute spazieren, andere sitzen 
oder liegen faul im bläulichen Gras. Einige angeln. Wir sehen junge Mädchen, ein Kinderfräulein, eine alte Großmutter unter einem Sonnenschirm, die aussieht 
wie Dante, einen Bootsmann, der faul hingestreckt seine Pfeife raucht und dessen Hosenbeine von der hellen Sonne regelrecht verschlungen werden. 
Ein dunkelvioletter Hund schnuppert am Gras, ein roter Schmetterling fliegt umher, 
eine junge Mutter geht mit ihrer kleinen Tochter spazieren, die ganz in 
Weiß gekleidet ist und eine lachsfarbene Schärpe trägt. Nahe dem Wasser 
stehen zwei Kadetten der Militärschule Saint-Cyr. Ein junges Mädchen bindet 
einen Strauß; ein Kind mit rotem Haar und blauem Kleid sitzt im Gras. 
Wir sehen ein Ehepaar mit seinem Baby und ganz rechts das hieratische, aufsehenerregende Paar, einen jungen Geck mit seiner eleganten Begleiterin 
am Arm, die einen purpur-ultramarinfarbenen Affen an der Leine führt.“


Ernst Bloch in "Das Prizip Hoffnung":
Dieses Bild ist ein einziges Mosaik der Langeweile, eine meisterhafte Darstellung 
der enttäuschten Hoffnung des süßen faulen Lebens ... 
Das Gemälde zeigt einen Mittelstands-Sonntag-Morgen auf einer Insel 
in der Seine bei Paris ... der, trotz der Erholung, die hier stattfindet, 
eher zum Hades gehört als zu einem Sonntag ... 
Das Ergebnis ist endlose Langeweile, des kleinen Mannes höllisches Utopia, 
den Sabbath zu umgehen und doch an ihm festzuhalten; 
sein Sonntag wird zu einem lästigen Muss, statt einer kurzen Kostprobe des Paradieses.

This picture is one single mosaic of boredom, a masterful rendering of the disappointed longing 
and the incongruities of a dolce far niente ... The painting depicts a middle-class Sunday morning 
on an island in the Seine near Paris…despite the recreation going on there, seems to belong more to 
Hades than to a Sunday…The result is endless boredom, the little man's hellish utopia of skirting 
the Sabbath and holding onto it too; his Sunday succeeds only as a bothersome must, not as a 
brief taste of the Promised Land.


Sonntag im Park mit George
(Sunday in the Park with George)


Sunday, by the blue purple yellow red water
On the green purple yellow red grass
Let us pass through our perfect park
Pausing on a Sunday

By the cool blue triangular water
On the soft green elliptical grass
As we pass through arrangements of shadow
Toward the verticals of trees
Forever

By the blue purple yellow red water
On the green orange violet mass of the grass
In our perfect park

Made of flecks of light
And dark
And parasols
Bum bum bum bum bum bum
Bum bum bum

People strolling through the trees
Of a small suburban park
On an island in the river
On and ordinary Sunday
Sunday
Sunday

Stephen Sondheim 
Das Buch stammt von James Lapine 



Anderes Lied aus demselben Musical, es singt Bernadette Peters!

    Im Paradies der Kleinbürger sind alle Menschen Fremde

Als "Mosaik von Langeweile" beschrieb der Philosoph Ernst Bloch das Bild. Der 1977 gestorbene Marxist sah nur "Sonntagselend" und "Landschaft des gemalten Selbstmordes" auf dem Gemälde "Grande Jatte" von Georges Seurat ( 1859 bis 1891 ).

Für den Kunstkriker Felix Feneon dagegen, einen Zeitgenossen des Malers, war es ein heiteres Werk: "Eine sonntägliche zusammengewürfelte Menge", erblickte er auf der Leinwand, "die sich im Freien vergnügt, unter einem hochsommerlichen Himmel." Feneon bewunderte die zwischen 1884 und 1886 gemalte "Grande Jatte"; in seinen Artikeln warb er für Seurat und seinen "neuen Weg, die Wirklichkeit zu entschlüsseln" _ aufgerastert nämlich in unzählige, winzige Lichtpunkte; Das Bild dokumentiert die Erfindung des Pointillismus. Das Publikum folgte dem Kritiker nicht, das Bild blieb im Besitz des Malers bis zu dessen frühem Tod 1891 " "So gerne", notierte der Maler Paul Signac in seinem Tagebuch, hätte Seurats Mutter "die großen Werke ihres Sohnes den Museen vermacht, doch welches Museum wäre heute bereit, sie anzunehmen?" Neun Jahre nach Seurats Tod veranstalteten Signac und seine Freunde im Auftrag der Familie eine Verkaufsschau. Ungerahmt kosteten Seurats Zeichnungen zehn Franc, mit Rahmen 100. Die "Grande Jatte" ging tür 800 Franc an einen Pariser Großbürger. 1911 weigerte sich der Vorstand des Metropolitan Museum in New York, den Ankauf zu bewilligen; mehr Kunstsinn und Mut bewies 1924 der reiche Frederic Clay Bartlett aus Chicago: In Paris erstand er das Gemälde für 20000 Dollar. Kurz danach stiftete er es dem Art Institute of Chicago, wo es als Schlüsselwerk der europäischen Moderne gehütet wird. 1931 bot ein französisches Konsortium 400000 Dollar, um es zurückzukaufen. Vergeblich. Die Leinwand mißt 207 mal 308 Zentimeter und paßte nur knapp in das Atelier des 25 Jahre alten Malers. Ein Kollege beschrieb ihn als "unendlich hartnäckig", er sei "von einer Energie, die nicht minder extrem ist als seine Schüchternheit". Künstlerische Experimente konnte sich der 1859 geborene Seurat leisten; Sein Vater, ein durch Grundstücksspekulation reich gewordener Gerichtsbeamter, unterstützte ihn großzügig. Die Kunstakademie hatte er schon mit 21 verlassen, er wollte keines der üblichen Historienbilder malen, auch keine Nixen und Nymphen _ er verzichtete auf eine der üblichen Künstlerkarrieren. Bei der vierten Impressionisten-Ausstellung 1879 habe er einen "tiefen, unerwarteten Schock" erlitten, schreibt der Ausstellungsmacher Robert L. Herbert im Katalog der Seurat-Retrospektive 1991 im Pariser Grand Palais. Danach arbeitete der Künstler allein, zeichnete mit dem fetten, schwarzen Conte-Stift Porträts und Figuren von einfachen Leuten, malte kleinformatige Landschaften und ging, wie die Impressionisten, ins Freie, besonders gern ans Wasser. Das Licht einzufangen wurde Seurat wichtig, und nirgends sprach es ihn so an wie an der Seine in Asnieres, einem Vorort im Nordwesten von Paris. "Die Badenden, Asnieres" heißt sein erstes großformatiges Gemälde, das 1884 vom offiziellen Salon zurückgewiesen wurde, dafür aber bei der Ausstellung der "Unabhängigen Künstler" auffiel. Es zeigt badende Männer und )ungen am Ufer der Seine, sie blicken hinüber zu einer nahen Insel im Fluß: Es ist die Grande Jatte, der Schauplatz seines nächsten Werkes. Die Impressionisten, bestrebt, den Augenblick einzufangen, malten meist spontan in der Matur. Seurat dagegen bereitete sein Gemälde sorgfältig vor. An Ort und Stelle fixierte er aufvielen Holztäfelchen das Ufer, Rasen und Bäume, teilweise ohne Menschen. Die zeichnete er parallel dazu in unterschiedlichen Positionen als Studien in Schwarzweiß, Im Atelier fügte er beides zusammen. Etwa 40 Figuren, so beschreibt Feneon die Menschen auf dem Bild, "steif dasitzend, horizontal ausgestreckt, kerzengerade aufgerichtet". Zeitgenossen sprachen gar von einer "pharaonischen Prozession", und Seurat selbst bezeichnet den Tempelfries des griechischen Bildhauers Phidias als Vorbild: "Die Panathenäen des Phidias bildeten eine Prozession. Ich möchte moderne Menschen darstellen, die sich wie aufdiesem Fries ergehen, in ihrem Wesentlichen erfaßt." Als modernes Arkadien zeigt Seurat die Insel in der Vorstadt: Weder Flaschen noch Picknickkörbe sind auf dem gepflegten Rasen zu sehen. Unsichtbar bleiben auch die Restaurants, Cafes, Bootswerften und Wohnhäuser, die Anfang der achtziger Jahre bereits zwei Drittel der Inselfläche bedeckten. Die Besucher, Seurats "moderne Menschen", ergehen sich gesittet oder lagern im Schatten. Keiner badet, niemand hat sich seiner Kleidung entledigt. Feneon nennt sie eine "zusammengewürfelte" Gesellschaft, und wirklich trafen sich damals auf der schmalen Landzunge in der Seine Angehörige verschiedener sozialer Schichten - für den heutigen Betrachter ist jedoch schwer zu erkennen, ob der hingestreckte Mann mit Mütze und Pfeife ein Arbeiter aus dem nahen Industrie-Vorort Clichy ist oder ein Wassersportler aus Paris im zünftigen Outfit. Für die Bürger der Hauptstadt war Asnieres, von wo eine Fähre zur Grande Jatte übersetzte, dank der neuen Eisenbahnlinie bequem und schnell zu erreichen. Doch Technik und Fortschritt ver-änderten die idyllischen Erholungszentren, überzogen sie mit Fabriken und Billigquartieren für Arbeitskräfte _ sie wurden zum Eldorado für Spekulanten wie Seurats Vater. Auch das ländliche Asnieres hatte in den letzten Jahren seine Bevölkerung verdoppelt und sich zur Schlafstadt für Kleinbürger entwickelt _ jene aufstrebende Schicht, die von der Regierung der Dritten Republik als sozialer Stabilitätsfaktor gefördert wurde. So dürfte denn die Grande Jatte am Sonntag vorwiegend von kleinen Kaufleuten, Verkäuferinnen, Angestellten und Beamten samt ihren Familien besucht worden sein. Im Hintergrund des Bildes sind zwei Soldaten zu erkennen und - am weißen Umhang und an der Haube mit den langen Bändern - eine Krankenschwester in Rückenansicht, neben der alten Frau unter dem Schirm. Alle anderen haben ihre Berufskleidung mit dem Sonntagsstaat vertauscht. Die Frauen auf dem Bild sind ins enge Korsett geschnürt, die meisten tragen den modischen, die weiblichen Formen betonenden "cul de Paris" unter dem weiten Rock und den Hut, ohne den _ und ohne männliche Begleitung _ sich keine ehrbare Frau in der Öffentlichkeit zeigte. Vielen hat das Bild Rätsel aufgegeben: Sollten die zwei Mädchen zu Füßen des Trompeters leichte Beute für die herannahenden Soldaten darstellen? Sollte die Anglerin nach einem Mann fischen? Immerhin klingen die französischen Wörter für "fischen" (pecher) und "sündigen" (pecher) fast gleich. Und signalisieren Hund und Affe, von der Dame im Vordergrund an der Leine geführt, nur modische Extravaganz oder (nach traditioneller Symbolik) niedere Wollust? Der Begleiter dieser Dame trägt Zylinder, Stock und Monokel, typische Attribute des Großbürgers, der für gewöhnlich im Bois de Boulogne promenierte, einem Ort, der im Unterschied zur Grande Jatte nicht als gemischt, sondern als exklusiv galt. Dorthin gehörte der "wohlbekannte Pariser Herr aus den besten Kreisen", dessen Gattin - so berichtet das Journal "Autour de Paris" 1887 - einen Skandal machte, als sie herausfand, daß er mit ihrem Kammermädchen den Sonntag auf der Grande Jatte verbracht hatte. Doch Seurat erzählt keine Anekdoten, seine Protagonisten haben weder Gesicht noch Körpersprache, weder eigene Geschichte noch Individualität. Die "modernen Menschen", die er "in ihrem Wesentlichen erfassen" wollte, hat er auf typische Attribute wie Zylinderhut, Stöckchen oder Korsett reduziert - sie sind Zeichen in seinem Fries. Der Schlüssel zur Moral der Arbeiterklasse liegt in einem sonntäglichen Ruhetag", lautete 1874 das Fazit eines von der Academie des Sciences Morales et Politiques preisgekrönten Textes. Statt unter sich zu bleiben wie die Männer auf Seurats "Die Badenden, Asnieres", sollten die Arbeiter den Sonntag mit ihren Familien verbringen. So empfahl es auch die Regierung der Dritten Republik: Proletarier sollten Kneipen und Protestversammlungen meiden und durch bürgerliche Verhaltensweisen Ordnung und Stabilität sichern. Zwar war ein arbeitsfreier Tag in der Woche üblich, aber nicht durch Gesetze garantiert - die gab es erst 1892 für Frauen und Kinder und 1906 für Männer. Besonders in den achtziger Jahren wurde leidenschaftlich darüber debattiert: Seurats Thema war aktuell. Ob die Arbeiter oder Kleinbürger mit dem ihnen verordneten "bürgerlichen Familiensonntag" viel anfangen konnten, ist fraglich; es gibt wenig Männer auf Seurats Grande Jatte. "Lauter glückloses Nichtstun" sieht Ernst Bloch darauf, "Puppen, intensiv mit starrem Lustwandel beschäftigt". In den Augen des Marxisten kündet Seurats Bild vor allem von der Malaise der Arbeiter und Kleinbürger, von der Entfremdung in der industriellen Gesellschaft.


Auszug eines Artikels in art, das Kunstmagazin:

 

Kommentare:

  1. Unterschiedliche, gegensätzliche, Beschreibungen aus der Zeit der Entstehung und aus zeitlichem Abstand sind immer anregend, noch mal genauer hinzugucken, und die Meinung, die man selbst mal irgendwann für sich abgeheftet hat, zu bedenken.
    Wenn ich Bilder von Seurat heute im Original sehe, ist da so eine Mischung aus Respekt und Bewunderung vor der kunsthistorischen Leistung im Umgang mit der Farbe und andererseits dem Befremden über das ausdauernd Bürokratische bei der Tupferei, die - für mich - das Lebendige, das Flirrende, das Bewegliche von Licht, Wasser, Pflanzen, Körpern festnagelt in unverrückbare Kompaktheit. Ich mag dann vielleicht konstatieren oder analysieren, aber da jubelt nichts und es tut nichts weh.

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  2. Ja, aber das Arrangement des Bildes, die Künstlichkeit der Körper - das greift bei mir irgendwas.

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    1. Ja, finde auch, speziell in diesem Bild hat der Widerspruch zwischen dem scheinbar heiteren Sonnentag und der künstlichen, kunstvollen, Erstarrung alles Lebendigen eine reizvolle Eigenartigkeit. Aber dann muss ich an die Verlorenheit der Figuren bei Edward Hopper denken und bleibe bei Seurat wieder an der Technik des Malens kleben..

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  3. Ich entdecke durch diesen Artikel das aus dem Bild entstandene Musical und finde diese Idee genial, vom Bild zur Bühne!
    Danke.

    Auch heute noch ist die Ile de la Jatte ein nettes Ausflugsziel, vor allem wegen der dortigen Restaurants am Rande der Seine.

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