Freitag, 7. Juni 2013

Theater hat auch einen Trinker



Heute hat mir ein Freund in einem Cafe, mit lachenden Augen und einem Kichern in der Stimme, ein Gedicht vorgetragen. Wir hatten begonnen, uns leicht sentimental verklärte Anekdoten aus der Frühzeit unseres Arbeitslebens zu erzählen und während dieses Gespräches war die Rede auch auf die "Verordentlichung" des Theaterbetriebes gekommen. Omama und Opapa erzählen sich vom Krieg!

Und doch ist was Wahres daran. Der soziale Druck ist größer, die Angst eine andere und wir alle benehmen uns besser. Ich weiss wirklich nicht zu sagen, ob das der vielfach eingeforderten Political Correctness oder der allgemeinen Verbürgerlichung der Sitten, zuzurechnen ist, aber braver sind wir allemal. Oder vernünftiger, das kommt auf die Perspektive an. 
Ein Theater wie das DT (Das Deutsche Theater in Berlin) hatte in seinen Hochzeiten, mehrere hochbegabte Trinker, ein oder zwei wahrhafte Diven, mindestens einen Casanova und dann noch diesen und jenen mittelbegabten Irren. Feindschaften, ob ästhetisch, politisch oder sexuell begründet, wurden öffentlich ausgelebt, Theaterkräche waren die scharfe Würze der Proben und der promillebezogene Zustand eines Kollegen konnte im Guten wie im Katastrophalen über die Qualität der abendlichen Vorstellung entscheiden. 
R. L. nüchtern war ein missgelaunter und doch hervorragender Spieler, angetrunken neigte er zu Wiederholungen erfolgreicher Pointen und das mit großem Erfolg, im Vollsuff kam er dann auch mal viel zu spät und verlangte herrisch vom heimwärts strömenden Publikum die sofortige Rückkehr in den Saal. Ein anderer Kollege, R. Sch., hat sich tiefbeschämt für eine im Trunk verpasste Vorstellung entschuldigt, die er gespielt hatte, ohne am nächsten Morgen davon noch irgendeine Erinnerung zu haben. Ich spreche hier nicht dem Alkoholismus das Wort, aber diese Ansammlung von sozial ungelenken, ja sogar unfähigen Menschen, die auf der Bühne zu ganz unglaublicher Sensibilität und zirzensischer Verspieltheit fähig waren, hat oftmals ganz wunderbares Theater gezaubert.

HAMLETS GEIST

Gustav Renner war bestimmt
die beste Kraft am Toggenburger Stadttheater.
Alle kannten seine weiße Weste,
alle kannten ihn als Heldenvater

Alle lobten ihn, sogar die Kenner,
und die Damen fanden ihn sogar noch schlank.
Schade war nur, dass sich Gustav Renner,
wenn er Geld besaß, enorm betrank.

Eines Abends, als man Hamlet gab,
spielte er den Geist von Hamlets Vater,
und was man nur Dummes tun kann, tat er.
Hamlet war aufs äußerste bestürzt,
denn der Geist fiel gänzlich aus der Rolle,
und die Szene wurde abgekürzt.

Renner fragte, was man von ihm wolle?
Man versuchte hinter den Kulissen
ihn von seinem Rausche zu befreien,
legte ihn lang hin und gab ihm Kissen,
und dabei schlief Gustav Renner ein.

Die Kollegen spielten nun exakt,
weil er schlief und sie nicht länger störte.
Doch er kam! Und Zwar im nächsten Akt,
wo er absolut nicht hingehörte.

Seiner Gattin trat er auf den Fuß,
seinem Sohn zerbrach er das Florett,
und er tanzte mit Ophelia Blues,
und den König schmiss er ins Parkett.

Alle zitterten und rissen aus,
doch dem Publikum war das egal;
so etwas von donnerndem Applaus
gab’s in Toggenburg zum ersten Mal.
Und die meisten Toggenburger fanden:
Endlich hätten sie das Stück verstanden.
 
Erich Kästner

Dieter Franke und Klaus Piontek zwei so wundersame Verrückte

„An Dieter Franke muss erinnert werden, wo und wann immer sich die Gelegenheit bietet.“
Kurt Böwe (noch so einer)
 
Wenn wir in den Himmel kommen,
hat die Plag’ ein End’ genommen. Hopsasa! 
 

Kommentare:

  1. Mit R.L. hatte ich das Vergnügen, manches Glas zu leeren...Da wurde denn auch der entfernteste Winkel des menschlichen Daseins fantastisch ausgeleuchtet!

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  2. Mein Schauspieldirektor joggt und ich habe ihn noch niemals auch nur angetrunken erlebt - arbeite ich wirklich am Theater??? ;)
    Ja, tue ich...
    Ich kenne diese Gespräche, darüber, dass das Theater und seine Menschen brav geworden sind... aber ernsthaft... isses ein Nachteil??? Manche Geschichten, die mir dann in der Kantine von "damals" erzählt worden sind, haben einen gewissen Charme, einen gewissen Wahnsinn, eine lächelnd machende Verrücktheit, die vielleicht zum Theater gehören sollte. Aber das, was sie formt, hat auch anderes im Spülsaum... und nichts davon gefällt mir. Wer jemals mit einem betrunkenen Kollegen eine Vorstellung überstehen musste weiß wovon ich rede. Wir sind so mistig aufeinander angewiesen und es hat überhaupt keinen Charme sich zu fragen, ob einem Menschen mit dem man auf der Bühne steht, der Text einfallen wird - oder eher er von der Schräge fällt.
    Ja, oftmals sind es hochbegabte, wunderbare und höchst sensible Menschen, die sich der Berauschung hingeben... und eine Weile funktioniert das zusammen, Bühnenrausch und Alkoholrausch... und dann? Auf die Dauer gewinnt nie das Talent, immer die Sucht. Das Ergebnis ist Verschwendung und daran ist nichts charmant.
    Und was die öffentliche Vermischung von privatem und Bühne betrifft... das sind Geschichten für Biografien, aber mich nervt es. Ich verstehe es als Hinwendung an die Sache, wenn man es lassen kann private Antipathien in der Arbeit auszuleben. Ich bin, ja wirklich genervt, wenn neben mir emotionale Fechtduelle stattfinden statt inhaltliche Rollengestaltung.
    Ich bin gerade in einem extrem gutgelaunten Ensemble untergebracht in dem Diventum von Männlein wie Weiblein als unkonstruktiv angesehen und Teamwork extrem hochgehalten wird. Und ich empfinde das als unglaublich angenehm und qualitätsfördernd. Beherrschender Gedanke ist: "Wie kriegen wir das hin?" und nicht "Wie regen wir uns gekonnt darüber auf?". Ich hab' Kollegen, die hier seit Jahrzehnten arbeiten und das immer noch mit der angepieksten Motivation als kämen sie frisch von der Schauspielschule und wollten erstmal alles probieren. Gut, das mag nicht für Anekdoten taugen, es ist ein bißchen unreißerisch... aber die Energie fließt in die eine Geschichte, die des Stücks und nicht in Storys, die man sich irgendwann mal erzählt.
    Du hast hier mal, vor sehr langer Zeit eine englischsprache ethische Selbstverpflichtung veröffentlicht, ich glaube, sie kam von einem amerikanischen Theaterensemble und sie war schon älter. Und darin stand nichts von Trunkenheitseskapaden, Egomanie oder zwischenmenschlichem Minenfeldcharakter. Ich mochte diese Erklärung sehr. So will ich Theater machen. Und wenn ich dafür auf Anekdoten verzichten muss, dann mache ich das gerne. Glaub' ich aber nicht mal, unsere Arbeit produziert immer genug davon...

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  3. Hab's gefunden... :)

    http://johannaschall.blogspot.ch/2011/06/1945-code-of-ethics-for-theatre-workers.html

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  4. Liebe Silvia, ja Du hast Recht und auch nein, ganz Recht ist es nicht.
    Wenn ich es erklären könnte. Es geht nicht um das Trinken, es geht um die Gefährdung. Und das, was Du bescheibst ist auch wunderbar. Aber...

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  5. Was wir tun ist doch Gefährdung... ohnehin. Ich meine jetzt gar nicht die hunderte Scheinwerfer über unseren Köpfen, die schrägen Bühnenbilder, die für Schauspielerinnen oftmals noch mit 10cm Absätzen gekoppelt werden, die Versenkungen und Hubpodien, die Drehbühnen von denen man lustig auf und abspringt... schon allein eine Menge guter Gründe ziemlich nüchtern auf die Bühne zu gehen.
    Nein, ich meine, wenn wir das, was wir tun ganz tun, dann gefährden wir unser Innenleben doch permanent - durch Offenbarung, durch Bloßlegen, durch Auslieferung, durch öffentliches durchleben von Fallstrickgefühlen...ja, Kamikazetum hat was mit der Bühne zu tun, dieses hineinwerfen entspricht keinem Schutzgefühl, keiner gesellschaftlich ruhigen Norm. Das ist Bladerunning, ohnehin... wenn ich mich da betrunken reinstürze, dann erwische ich vielleicht, durch den Rausch beschleunigte brilliante Momente. Den Rest der Zeit aber mache ich mich kaputt und andere. Und wer sagt denn, dass diese Brillianz nicht auch anders zu erreichen gewesen wäre? Und länger... und ein Leben lang, ohne dass der künstliche Rausch irgendwann seinen Tribut fordert und zerstört? Ist es nicht die viel größere Gefährdung, die bessere, wenn ich mich dem allem aussetze ohne mir mit Alkohol die Seele vorweichzuspülen?
    Bei hochbegabten Trinkern ist die Kurve doch so, dass eine Weile alle finden, dass sie das sind... und irgendwann finden nur noch sie es... und dazwischen geht verloren, was eigentlich die Begabung war.

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    1. Lass es uns nicht aufs Trinken reduzieren. Gefährdung, wie ich sie meine, ist auch "going where no man has gone before". Mehr leben, mehr leiden, mehr wüten und, ja, auch, in einigen Fällen mehr trinken. Ungerade, schwer ertragbare Biographien werden in (Theater-) Kunst verwandelt. Das ist der kollektiven Heiterkeit des Ensembles nicht immer zuträglich, aber kann doch großartige (Kunst-) Wahrheit hervorbringen. Es ist anstrengend, ungemütlich, erschöpfend und doch ist es der Mühe wert.

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  6. Ich kniee nieder vor John Belushi. Aber Vollhonks an Stadttheatern die saufen weil sie sich dann genialer finden sind ein Graus. Und die gibt es öfter. Trinken macht einen nicht genial. Die Enthemmung kann beeindruckendes hervorbringen. Sicher. Wenn die Voraussetzungen stimmen. Das Risiko einzugehen, sich den Kollegen und dem Publikum zuzumuten, ohne Zensur, hat nichts mit Alkohol zu tun. Und es gibt immer genug Killer und Wahnsinnige, die sich auf die Bühne retten und anstatt zu Verbrechern zu werden und die spielen wie Teufel. Mit oder ohne Alkohol. Zum Glück. Das ist ja das Schöne am Theater. Eher liegt es an den Prozessen, das eher funktioniert wird als den tiefer liegenden Wahnsinn freizulegen. Da ist er.

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