Freitag, 23. März 2018

Exotische Berliner Dörfer

Ich bin Berliner. Mit Leib und Kopf und Seele. 
Natürlich spreche ich auf der Bühne Hochdeutsch, doch dem rigorosen Rat einer älteren, bewunderten Kollegin, mein Berlinerisch gänzlich auszumerzen, konnte und wollte ich nie folgen. Der raue Dialekt meiner Heimatstadt liegt mir gut im Mund und entspricht meiner Haltung zur Welt, unsentimental, direkt, manchmal auch unhöflich. 

In den letzten Tagen habe ich Orte in Berlin besucht, an denen ich vorher noch nie war. 

Jeder Berliner Kiez ist ein Dorf, das der Einwohner nur verläßt, wenn zwingende Umstände vorliegen. In Rudow bin ich nie wissentlich gewesen, auch nicht in Frohnau, Wilhelmsstadt oder Blankenfelde. Durch andere Ortsteile bin ich nur durchgefahren. Blankenburg und Rosenthal kenne ich nur, weil Kindheitsfreunde dort in Kleingartenanlagen Datschen hatten. 
Aber sonst. Warum soll ich dahin, wenn keiner da wohnt, kein Theater oder Kino lockt oder ein besonderes Restaurant? 
Auf die Heerstrasse brachte mich die Terminzwangslage der Berliner Ämter, vorher gab es die nur als Abfahrt auf der Stadtautobahn. Mitte ist mein Intimfreund, im Prenzlauer Berg und in Lichtenberg und Friedrichshain habe ich viele Jahre gewohnt. Aber Weißensee? Da fahre ich durch, wie auch durch Hellersdorf und Marzahn, wenn ich Richtung Strausberg reise. 
Aber nun suchte ich jemanden der alte Schirme repariert. Und wahrlich es gibt nur noch EINEN solchen Handwerker in der Stadt. Gesucht habe ich ihn in Neu-Kölln im Afrikanischen Viertel, wo die Straßennamen einem unsere widerliche Kolonialvergangenheit laut ins Gesicht brüllen. Aber von da war er weggezogen nach Steglitz. In eine niedliche kleine Straße mit einem tollen Gewürz-Laden. Sein Laden war ganz klein, ganz ungeschmückt, Schirme allüberall, und meine, von meiner Mutter geerbten, Teile nannte er mit sanfter Stimme von allerfeinster Art. Und in der Kantstrasse in Charlottenburg reparieren sie alte Feuerzeuge. Und in einer Seitenstrasse der Schönhauser Allee flicken zwei mittelalte Vietnamesinen zerrissene Kleidung. Irgendwie war ich also  unterwegs, um Altes nicht wegschmeissen zu müssen. Aber den uralten Kürschner auf der Kantstraße gibt es nicht mehr und der Buchladen vor dem S-Bahnhof Hackescher Markt ist einem Steak-House gewichen. Vielleicht bin ich doch sentimental.

Zum Abschluß Bratkartoffeln bei ROGACKI in der Wilmersdorfer. Mehr Berlin geht nicht. Wenn auch in edelteuer. Blutwurst und Erbsensuppe neben Schnecken und Austern, alle stehen, alle fressen.
  
Ich bin Berliner. Die Stadt ist toll. Weil sie, wie alle wahrhaften Großstädte, immer wieder Überraschungen bietet. Es gibt in ihr unzählige Welten, nebeneinander existierend. Junge Leute kennen Clubs, von denen ich noch nie gehört habe und über die ich auch nichts wissen muß. Alte Berliner gehen zu ihrem bevorzugten Tanztee. Manche Strassen sind grottenhäßlich und andere nicht. Alles das existiert gleichzeitig und tut sich nicht weh. Wenn man von schwäbischen und anderen Zugezogenen absieht, die auf idiotische Sperrstunden und Lärmschutzregelungen bestehen. Der gemeine Berliner schläft nämlich bei jeder Lautstärke.


Hier habe ich gewohnt von 1962 bis 1975
Die steinerne Bank an der Monbijoubrücke ist mein schönster Ort in Berlin. Keine Currywurst ist besser, als die von Konoppke, im Tiergarten kann man Boot fahren, im Saal hinter der Nofretete steht eine schönere Nofretete oder ist es doch Echnaton? Mein Kinder-Berlin ist weg. Aber meine alte Stadt lebt und es geht ihr gut. Trotz Chris Dercon, trotz Gentrifikation und schnellsterbenden Startup-Läden. 
Aber was mir Sorgen macht, das Haus mir gegenüber wird für zwei Jahre generalsaniert. Edeka und DM kommen vielleicht wieder. Aber wird sich das Seniorenheim dann die neue, und sicher viel höhere Miete noch leisten können? Ich mochte die Idee, dass man, wenn man alt ist und nicht mehr fähig allein zurecht zu kommen, doch in der Mitte der Stadt bleibt, draußen aber nicht ausgeschlossen.

Kommentare:

  1. Daß sich Berlin verändert ist ganz sicher der normale Gang der Zeit, manche umstände allerdings sind dabei sehr bedenklich.... aber es gibt z.B. in französisch-Buchholz immer noch die Kneipe "Zum eisernen Gustav", in der sich Rühmann damals bei den Dreharbeiten zwischendurch erholte, alte s/w Bilder an den Wänden belegen es..... Paul Nipkow + Max Skladanowsky haben in Pankow gelebt + gewirkt........die Thermosflasche nahm von Pankow aus ihren Erfolg rund um die Welt auf.......nur ist es im Alltag leider unter gegangen, sollte man dazu mal ne Umfrage machen, ich befürchte ein niederschmetterndes Ergebnis......deshalb geniessen Sie weiterhin die steinerne Bank.....solange sie noch da steht...

    AntwortenLöschen
  2. Biermann in einem interview: ...und die Kneipe 116. Die-lag in der Friedrichstraße 116 und war die belLiebteste Studentenkneipe in Ostberlin. Dort gab es schlechtes, billiges Essen und eine gute Atmosphäre. Die Stasi hatte einen Hass auf diese Kneipe. Diese Kneipe war legendär, für Studenten und auch im politischen Sinne.

    AntwortenLöschen