Dienstag, 21. Februar 2017

Ich trage einen großen Namen - Und was mache ich nun damit?

Ich trage einen großen Namen ist eine deutsche Fernsehratesendung, die seit 1977 ausgestrahlt wird. Der Sendetermin im SWR Fernsehen ist sonntags um 18:15 Uhr.  
Heute wurde, so glaube ich, die 593. Sendung aufgezeichnet.

Also, ich war in Baden-Baden beim SWR und habe vor Kameras über meine Oma erzählt, bzw., erst mußten ein paar Leuten erraten, wer mein berühmter Verwandter sei, dann folgte das kurze Interview.
Und da sie immer mehrere Folgen auf einmal aufzeichnen, saßen heute beim Mittagessen vielerlei Kinder, Enkel, Urenkel und Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel, alles Leute zwischen 40 und 70, die einen Besonderen, in meinem Fall hätte ich drei zu bieten, in der Verwandtschaft haben. Bei einem ist 'derjenige welche' schon im 16. Jahrhundert gestorben, bei einer anderen gerade erst kürzlich, ein anderer ist seinem Vorfahren wie aus dem Gesicht geschnitten. Komische Gruppe, mit mir mittendrin.

 © wahrscheinlich Vera Tenschert

Ich hatte eine tolle Großmutter, freundlich, direkt, klar, schlau. Sie konnte kochen, Gäste bewirten, Pilze sammeln, lange Strecken schwimmen. Sie hat sich mit mir ernsthaft und respektvoll unterhalten, ein äußerst wichtiges Erlebnis für ein Kind. Sie war sehr schön und hatte die coolsten Klamotten, mitten in den 70ern trug sie, zumindestens am Wochenende, ausgewaschene Leinenröcke und lose Blusen. Ihre Sprachmelodie ist mir bis heute angenehm, ein Vorkriegs-Wienerisch. Sie war eine hochbegabte Schauspielerin im Deutschland der 20er Jahre und dann war sie viele Jahre lang ein Flüchtling ohne Arbeit, aber mit zwei Kindern und einem nicht unanstrengenden Mann. Und dann war sie Intendantin und Protagonistin des Berliner Ensembles. Und halt auch meine Großmutter.
Es kam die erwartete Frage nach der Strenge mit der sie Brechts Werke verwaltete und ich hatte plötzlich dieses Bild von einer Familie in einem unsicheren Ruderboot auf hoher See. 
1933, der Reichstag brennt, Herr Brecht kommt nach Hause und dringt auf sofortige Flucht. Die Kinder müssen nachkommen. Meine Mutter wird unter der Anklage des Hochverrats, sie war drei Jahre alt, von einer gütigen Calvinistin aus dem feindlichen Land geschmuggelt. Am 27. Februar 1933 war sie gerade auf Besuch beim Großvater in Augsburg.
In Österreich lehnten es Weigels Eltern ab mitzukommen, sie seien gute Österreicher und hätten nichts zu fürchten, Theresienstadt hat sie wenige Jahre später auf furchtbarste Art eines Schlimmeren belehrt. Die vierköpfige Familie geht nach Zürich, darf nicht bleiben, Dänemark beherbergt sie für drei Jahre, da hatte meine Mutter noch Schulfreunde, später nicht mehr, es folgen Zwischenaufenthalte in Schweden und Finnland, aber Hitlers Armee rückt näher, über die UdSSR hilft der kleinen Gruppe ein rettendes Visum in die USA, nach Los Angeles. Aber immer wenig Arbeit, weniger Geld. Zwei Kinder mußten ernährt und bekleidet, ein schreibender Ehemann mit einem Arbeitszimmer versorgt werden. Meine Mama, nunmehr acht Jahre alt, findet sich als deutsche Jüdin in Los Angeles wieder, Deutschland war der Feind und Juden sowieso unbeliebt. Es geht fast nicht schlimmer. Dass aus diesen Jahren ein Gefühl von Beschützenmüssen entsteht, ist mir einleuchtend. Meine Großmutter durfte nicht spielen, der Großvater schrieb für die Schublade, ihre Kinder waren einsam.
Wenn ich heute über Flüchtlinge lese, sind das Menschen ohne individuelles Gesicht, aber sie haben ein Leben vor der Flucht, sie haben Träume, Talente. Manche sind Arschlöcher, manche von tumber Religiösität, aber viele sind nichts anderes als hoffend.

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