Sonntag, 12. Juni 2016

Theater hat auch eine freie Zeit von Samstagmittag bis Montagmorgen

Seit Anfang Mai arbeite ich an einem Theater, das unter jahrzehntelangem, unerbittlichem Dauerbeschuss steht. 

Dem fünfzehnten Intendanten seit der Wende ist soeben gekündigt worden. (Von den fünfzehn haben, glaube ich, nur zwei termingerecht und ohne Abfindung das Haus verlassen. Die Gründe sind höchst unterschiedlich, die städtisch politischen Umgangsformen sind gleichbleibend rabiat. Nun sind Spartenschließungen beschlossen, hochbegabten Kollegen wird mit Änderungskündigungen gedroht, das heißt, sie sollen auf Stellen wechseln, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen und dafür auch noch bis zu dreißig Prozent weniger verdienen, bei den ohnehin sehr niedrigen Ausgangsgagen. Der Musikdramaturg hat bereits verdientermaßen einen Auflösungsvertrag, der zweite Chef geht bald woanders hin.)

Das deutsche Stadttheater im mittlerweile normalen Ausnahmezustand, verächtlich behandelt, verzweifelt weitermachend, großartig im Einzelnen, vollständig verwirrt im Ganzen. Orchester und Opernchor sind durch exzellente Gewerkschaftsarbeit geschützt, Schauspieler und Tänzer und all die anderen hart Arbeitenden mit "Normalvertrag Solo = NV Solo sind jedermanns politischer Spielball. Die technischen Abteilungen registrieren alles und arbeiten zunehmend hoffnungslos weiter.

Warum, für wen und wie sollen wir weitermachen? 

Mittendrin wursteln wir mit unserer grandiosen komischen Oper oder Operette.
"Candide" - ein Mann voller Optimismus verliert alles und kann seine Hoffnung auf Liebe doch nicht aufgeben.

Die Sänger & Tänzer sind wunderbar, die Gewerke tragen uns auf Händen, allerdings ähnelt die Probenplanung einem schlechtorganisiertem Kindergeburtstags-Blindekuhspiel. Die Bühnenorchesterprobe Nummer zwei findet zum Beispiel zwei Wochen vor der Premiere statt. In der nächsten Wochen kommen einhundertsiebzig Kostüme mit vielen rasendschnellen Umzügen hinzu. Thalia oder irgendeine andere Theatergöttin schütze uns!

Aber jetzt ist es Wochenende. Ich habe frei. In Berlin. In meiner eigenen Wohnung, inklusive meines eigenen Bettes. 

Wie schalte ich mein Gehirn ganz rasch und übergangslos auf den nötigen Entspannungsmodus? Gestern noch Bühnenprobe und Beleuchten bis 22 Uhr und heute seit 13 Uhr - Freizeit. 36 Stunden bis zur Probe am Montagmorgen. Sechs davon als Gast der deutschen Bundesbahn. Wobei es hier weniger um meine Entspannung geht, und weit mehr um den Dauerdruck, der auf Künstler ausgeübt wird. Sie singen, sie tanzen, sie fühlen und sind doch längst nicht mehr Zentrum des Interesses. Sie sind nurmehr Kanonenfutter.

Kultur ist Luxus. Ist nicht abrechenbar. Gesänge und wilde Worte sind nicht gewinnbringend abzurechnen. Spieler und Tänzer und Sänger rezitieren, schreien, murmeln, springen, wirbeln, jubeln und strapazieren ihre zarten Stimmbänder auch ohne geliebt zu werden. Die Schamanen werden wie Kassenwarte beurteilt. Der ohnehin kleine, doch heilige Raum der Bühne ist zur beliebigen Wurstverkaufsbude verkommen. Am 26. Juni, werden wir eine Premiere haben, irgendwo zwischen Untergang, Alltagsgeschäft und magischem Ereignis. What the fuck!

Kommentare:

  1. Großartig geschrieben, liebe Frau Schall!! Ein Stimmungsbild, in dem auch mich zu 100% wiederfinde. Das habe ich in meinen elf Spielzeiten in Schwerin von 1999 bis 2010 auch schon genauso erlebt und empfunden: diese Anrennen gegen eine von Seiten der Politik bereis längst beschlossene und betonierte Unverrückbarkeit der Entscheidung, die für uns als Künstler die absolute Vergeblichkeit unserer Bemühung bedeutet. Auf dem Prüfstand steht dabei immer wieder die mit dem scheinbar neoliberal-kapitalistischen Zauberwort etikettierte "Effizienz" unserer Arbeit, die sich bedauerlicherweise nicht in Zahlen messen lässt, denn Tränen oder Begeisterung und überhaupt das Berühren der Seelen von Menschen - dafür gibt es keine Maßeinheit; und selbst eindrucksvolle Zuschauerzahlen sind den Verantwortlichen da oben ja nie genug, es müssen immer noch mehr sein. Sind es zu wenig, wird gekürzt, sind es viele, sind es nicht genug, und es wird wieder gekürzt - man findet immer Gründe. Und wenn man dann noch weiß, dass das Bundesland MV für Kultur 0,46% seines Gesamtetats "aufwendet", dann ist die Diskussion, die sich über so wenig Geld entzündet und die für uns so fatale Konsequenzen beinhaltet, an Lächerlichkeit nicht zu überbieten.
    Danke für Ihre tollen Worte - und tanken Sie gut Kraft für den Endspurt! RALPH ZEDLER

    AntwortenLöschen
  2. Am Freitag hatten wir Verabschiedung. Der Schauspieldirektor Tim Kramer, der selbst seine Zeit am Theater St.Gallen beendet, fand wunderbare Worte. Die findet er meistens, er ist da gut drin. Zum Abschluss sagte er etwas, das sei ihm selbst erst vor kurzem so richtig klar geworden. Man spräche vom Theater immer als flüchtig. Und das ist wahr. Wir spielen live, wir sind im Moment. Aber eigentlich sei Theater nicht flüchtig. DAS Theater sei das langlebigste überhaupt.
    Und weisst Du was... er hat recht!
    Ich habe vor kurzem diese Luftaufnahme der Felsenstadt Petra gesehen:
    http://cdn4.spiegel.de/images/image-1006897-galleryV9-tddy-1006897.jpg
    Und ich habe sehr gelächelt.

    AntwortenLöschen
  3. Sicher hast Du recht. DAS THEATER hat ein langes Leben, aber wir halt nicht. Es ist vielleicht Eitelkeit oder der menschliche Wunsch nach Unsterblichkeit, aber ...

    AntwortenLöschen
  4. Übrigens: Die Änderungskündigungen werden nicht stattfinden. Wunderbar. Was passiert jetzt? Keiner weiß es. Oder?

    AntwortenLöschen