Sonntag, 5. Juni 2016

Voltaire - Candide - Bernstein


Du ewiges Geschehen nutzloser Katastrophen! Ihr ruft: Alles ist gut! Getäuschte Philosophen, kommt her und schaut euch an: entsetzliche Ruinen, die Scherben und der Schutt, von Asche die Lawinen, und Schicht auf Schicht gehäuft die Kinder und die Frauen, zerstreuter Gliederstaub, von Marmorstein zerhauen.

Eine Oper nach dem gleichnamigen Roman von Voltaire
Musik von Leonard Bernstein
Texte von Richard Wilbur, Hugh Wheeler, Stephen Sondheim, John Latouche, Lillian Hellman, Dorothy Parker & Leonard Bernstein

Die Natur hat zu allen Menschen gesprochen: Ich ließ euch alle schwach und unwissend geboren werden, damit ihr einige Minuten auf dieser Erde lebt und sie mit euren Leichnamen düngt. Da ihr schwach seid, klärt euch auf und habt Nachsicht untereinander. Seid ihr alle derselben Meinung, was sicher nie geschehen wird, so solltet ihr, wenn es auch nur einen einzigen Menschen mit einer anderen Ansicht gibt, sie ihm zugute halten, denn ich bin es, die ihn so denken lässt, wie er denkt. *

Es beginnt mit einer glücklichen Adelsfamilie in ländlicher Idylle: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Auch das Dienstmädchen und der Hauslehrer sind glücklich. Und Candide, der Bastard und Titelheld, ist es auch.
Aber der uneheliche Junge verliebt sich in die Tochter des Hauses, wird aus der Familie verstoßen und nur kurze Zeit später werden Mama, Papa, ihre beiden Kinder und der liebenswürdige Hofmeister von bulgarischen Soldaten massakriert. Die Eltern bleiben tot, aber alle anderen erleben wundersame Wiederauferstehungen, manche sogar mehrmals, und begegnen dann unserem Helden auf seinen im wilden Zickzack um die Welt verlaufenden Reisen. 
Sie erleben Stürme und Schiffsuntergänge, Erdbeben, Kannibalen-Überfälle, rauschende Feste in Paris und Nächte in einem Spielkasino in Venedig. Sie leiden, leben, kämpfen, sterben, morden und währenddessen tanzen sie auch noch und singen außerordentlich viele wunderbare Lieder.

Und dann beschließt dieser Candide am Ende sein großes Abenteuer mit einem Satz: „ Wir müssen unseren Garten bestellen.“
Wie bitte? Damit soll der Zuschauer, nach Hause gehen?
Was für ein verflixter Garten überhaupt? 
Keine großen Pläne und Träume mehr? Keine riskanten Unternehmungen mehr? Keine Liebe ohne vernünftiges Maß? Kein Hoffen auf das Unmögliche? Bleibt uns nichts übrig, als den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und uns damit zufrieden geben? Keine Utopie? Gibt es wirklich keinen Ort, nirgends, für unsere Hoffnungen?
Sollen wir uns nur noch um unsere ordentlich umrandeten Beete kümmern, das immer wieder nachwachsende Unkraut pflichtbewusst auszupfen und still  leidend hinnehmen, dass wir niemals sehr glücklich sein werden?
Unser Held Candide hat sehr lange gehofft, geglaubt und hingenommen und ist nun müde. Seine große Liebe ist fett geworden und alt und hat meist schlechte Laune. Sein Lehrer, geschwächt durch Syphilis und nasenlos, bleibt unbelehrbar, und um seine anderen Weggefährten steht es nicht viel besser.

 
Wir sind nicht mehr das, was wir einmal waren, und wollen es auch nicht mehr sein. Wie wir geliebt haben, werden wir nicht mehr lieben. Lieben wir uns, wie wir jetzt sind. **

François-Marie Arouet, der sich selbst Voltaire nannte, Franzose, Dichter und Aufklärer, schrieb seinen kurzen Roman „Candide oder der Optimismus“ als erschütterte Reaktion auf das große Erdbeben, das 1755 Lissabon in Schutt und Asche legte und mindestens 30 000 seiner Einwohner das Leben kostete. Viele von ihnen starben, da es Allerheiligen war und sie als gute Katholiken den Gottesdienst besuchten, unter den Trümmern über ihnen zusammenstürzender Kirchen. Zwischen dieser Katastrophe und der zu jener Zeit verbreiteten Philosophie, die behauptete, dass alles was ist, notwendigerweise gut sei, tat sich für Voltaire ein Abgrund auf. Leibniz, Pope und andere erklärten diese Welt zur besten möglichen Welt, da sie die einzig mögliche Welt sei. Candide ist auch ein Aufschrei gegen diese zynisch erscheinende Weltsicht. Schon 1759 erscheint „Candide“ unter dem Pseudonym Doktor Ralph und kommt sofort auf den Index, wurde von der Zensur verschiedener Länder verboten und doch ein ‚Bestseller’.
200 Jahre später: Leonard Bernstein, einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, Komponist der West Side Story und von On The Town, von Symphonien und Sonaten, Filmmusiken und auch des wunderbaren Kaddisch, arbeitete sein halbes Leben lang an seiner großen Oper, an Candide. Unzählige Librettisten schrieben und schrieben um, Szenen wurden eingefügt, umgestellt, herausgenommen. Was entstand, ist ein reicher, überbordender und überraschender Kosmos, in dem unterschiedliche Gattungen einander befruchten, die Musik der ganzen Welt mitzuklingen scheint und Texte und Töne gleichberechtigte Partner sein können.

Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung.
Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.
***

* Voltaire „Über die Toleranz“ © Suhrkamp Verlag 2015
** & *** Voltaire „Candide“

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