Dienstag, 9. Juni 2015

Wolfgang Herrndorf - tötete sich selbst am 26. August 2013 in Berlin am Hohenzollernkanal

Wie wär's, wenn wir uns einfach in fünfzig Jahren wiedertreffen?
Wolfgang Herrndorf



Ein Totengedenktag, fast zwei Monate zu früh.

Arbeit und Struktur, Wolfgang Herrndorfs Blog über seine Arbeit und sein Leben, geschrieben in Ungewissheit in den Jahren seines Sterbens. Die Texte habe ich gelesen an dem Abend als die Nachricht seines Todes öffentlich wurde, gelesen und beweint  bis zum nächsten Morgen. So schön, so traurig, so klug, so bar aller Sentimentalität, dass es mich fast zerrissen hat. Es geschieht selten, dass ich weine während ich lese.

HERBSTTAG

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 


Rainer Maria Rilke

http://www.zeit.de/2014/39/wolfgang-herrndorf-roman

http://www.sueddeutsche.de/kultur/arbeit-und-struktur-von-wolfgang-herrndorf-abschliessen-wollte-er-nicht-aufhoeren-1.1837839-2

http://www.wolfgang-herrndorf.de/archiv/ 

"Im Projekt Regression noch mal Wackenroder gelesen: “Was soll ich aber von jenen sagen, die mir immer am verdrießlichsten gefallen sind und die meiste Langeweile erregt haben? – Die als Knaben mit unnützer Hitze und wilder Eitelkeit über Kunst und Wissen fielen und alles wie Blumen pflückten und rissen, um sich damit zu putzen; die als Jünglinge noch Knaben blieben, und sich bald mutlos dem Eigennutze, der Sorge für ihre dürftige Wohlfahrt überließen, die sie ihr Schicksal, ihr Verhängnis nannten? – Immer tiefer in das Leben hineingelebt, fällt es wie Mauern hinter jedem ihrer Schritte, den sie zurückgelegt haben; sie sehn auch nur vorwärts, ihrem Gewinne, ihren Titeln, ihrer Ehrerbietung entgegen, die ihnen andre bezeigen, immer enger wird ihr Weg zu beiden Seiten, immer mehr schrumpft ihr Herz zusammen, und das, woran sie leiden, ist ihr Stolz, ihre Krankheit ist ihr Glück, die sie Erfahrung und Weisheit nennen. Sie billigen mit einschränkendem Bedauern die Begeisterung, weil sie sie für das Jünglingsfeuer halten, an dem sie sich als Kinder auch verbrannten, um sich nachher desto mehr davor zu hüten: sie behandeln den Enthusiasten gern wie einen jüngern unmündigen Bruder, und sagen ihm, wie mit den Jahren alles, alles schwindet, und wie er dann das eigentliche Leben, die eigentliche Wahrheit kennenlernt. So unterweist der Schmetterling den Adler, und will, daß er sich doch auch einmal, wie er getan, einspinnen soll, und dem Fluge und der tändelnden Jugend ein Ende machen. So wahr ist es, daß viele in der Unerfahrenheit der Jugend noch am besten sind, daß die Klugheit der Jahre sie erst mit dem dichtesten Nebel überhängt, und daß sie dann den Glanz der Sonne leugnen.”

https://www.freitag.de/autoren/magda/berlin-hohenzollernkanal 

Kommentare:

  1. Der Blog "Arbeit & Struktur" ist nun auch als Buch bei RoRoRo erschienen. Es ist hart aber sehr lesenswert.
    http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Wolfgang_Herrndorf_Arbeit_und_Struktur.3229010.html

    Für die Berliner gibt es bald eine Ausstellung von Herrndorfs Bildern im Literaturhaus Berlin in der Charlottenburger Fasanenstrasse, mit Eröffnung am Fr 12.6.15 um 20h:
    http://www.literaturhaus-berlin.de/veranstaltung/306-wolfgang-herrndorf-bilder.html

    Zeit für einen Kaffee im schönen Gartenlokal mitbringen!

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  2. Es gibt auch eine Ausstellung seiner Bilder - irgendwie ist das sehr ungerecht.
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/bilder-von-wolfgang-herrndorf-titanischer-humor-mit-einem-hang-zum-ungluecklichsein/11911170.html

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