Montag, 18. Juni 2012

Endstation Sehnsucht - A streetcar named Desire


Eine Frau, Blanche Dubois = das heisst übersetzt: weisser Wald, steigt in eine Strassenbahn namens Desire = Sehnsucht. Die Strassenbahnlinie dieses Namens fuhr in New Orleans von der Bourbon Street durch das French Quarter in Richtung Elysian Fields Avenue, benannt nach der Pariser Champs-Elysee, der Allee der Elysischen Felder = die Elysischen Felder waren in der griechischen Sage der Ruheplatz der Helden- und Tugendhaften. Sie will ihre Schwester besuchen, Stella = der Stern.
Im Deutschen wird daraus bedeutungsschwer "Endstation Sehnsucht", im englischen Original ist es konkret städtischer Wegweiser und mythologischer Bezug in einem.
Ein sehr merkwürdiges Stück.


Der Film: Marlon Brando im Unterhemd als Stanley Kowalski, Vivian Leigh im weissen Flatterkleid als Blanche, Kim Hunter und Karl Malden, der mit der dicken Nase aus "Die Strassen von San Franzisko". Irgendwann hat fast jeder meines Alters diesen Film gesehen und geblieben ist oft nur eine Erinnerung an den Mann im T-Shirt und ein ungefähres Gefühl von animalischer Bedrohung. Der Regisseur Elia Kazan, hat nur ein Jahr nach der Fertigstellung dieses Filmes, als "friendly witness" = bereitwilliger Zeuge vor dem Ausschuss für Unamerikanische Aktivitäten, ausgesagt.

Heute im BE in Berlin eben dieses Stück, in einer späten Inszenierung von Thomas Langhoff. Oh, wie beschreibe ich es?
Die Bühne ist gräßlich, eine zu große, symbolhafte Papp- und Tuch-Schraube, deutet deutlich den drohenden sozialen Niedergang der beiden Schwestern aus gutem südstaatlichen Hause, Stella und Blanche, an. O jemine! Was den Abend rettet sind, wie so oft, die Spieler. Manzel, Gallinowski, Mauer und Schubert halten das Interesse wach, trotz des vagen, akustik-tötenden Raumes um sie herum und, wenn man die dilettantische Jazzmusik überhört, ein nicht einfaches Unterfangen, sieht man eine trostlose, und doch wahrhaftige Geschichte über Menschen, die mehr schlecht als recht in Traumwelten überleben und deren Leben zerbrechen, wenn sie gezwungen werden "den Realitäten ins Auge zu schauen". 
Das Stück gehört zu einer dramatischen Gattung, die uns, europäischen Theaterguckern eher fremd ist, psychologischer Naturalismus würde ich es nennen. Was die Figuren sagen, ist was sie sind, sie sind gleichzeitig Produkte und Opfer ihrer Worte und demonstrieren mit jedem gesprochenen Wort ihre Realitätsverweigerung.
Eine Bekannte sagte, wir leben alle in solchen "Traumwelten" und wer sie zwänge diese zu verlassen, der würde ihr, die träumend in der mit wohlig warmem Badewasser gefüllten Badewanne liegt, den Stöpsel lockern und sie, frierend, in der nun leeren, kalten Wanne liegen lassen.

Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität. Alfred Hitchcock

Kommentare:

  1. Ich schätze Theater wegen seiner Vielfalt. Innerhalb dieser Vielfalt habe ich Vorlieben. Was Du treffend psychologischen Naturalismus nennst ist eine große meiner Vorlieben.
    Das mag nicht unbedingt zeitgemäß sein, aber ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich im Theater "ins Kino gehen durfte"... und trotzdem alle Vorzüge genossen habe, die mit einer Theatervorstellung einhergehen.
    Williams befüttert diese Vorliebe schon mein ganzes Theaterleben lang.
    Gerade weil ich Rollen schätze, die nicht fortlaufend zersplittern wie eine Champagnerflasche am Bug eines Schiffes... mit großer Überhöhung und Krach. Ich mag Rollen, die wie die Eisdecke eines Sees im Winter knacken, unter Belastung immer mehr feine Risse und Bedrohlichkeit bekommen, bei denen man sich fragt wie lange sie den Menschen noch tragen, ob und wann er einbricht. Rollen, die wie eine Autoscheibe nach einem Steinschlag mit immer neuen Lagen Klebeband notdürftig geflickt werden. Williams hat viele solche Tesafilmgeschichten geschrieben über Menschen, die in ihren Ausweichmannövern vor der Realität und Wahrheit kaum mehr zusammengeleimt weiter zu funktionieren versuchen.
    Und ja, in unterschiedlichen Abstufungen betreiben wir dieses Spiel wohl alle mal. So wird man diese Stücke wohl noch lange spielen - wie alles, was die menschenliche Verhaltensgrundessenz einfängt.

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  2. So eine kluge Beschreibung! Und auch wenn ich eher zur "mit großer Überhöhung und Krach" Fraktion gehöre, verstehe ich genau, was Du meinst.

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  3. Oh, ich fand die Fritsch'en "Nibelungen" in Bremen köstlich... und mehr Krach und Überhöhung kann man eigentlich kaum noch auf einer Bühne zusammenpferchen, ohne dass eine medizinische Betreuung der Schauspieler UND des Publikum verpflichtend vorgeschrieben sein müsste.
    Vorlieben heisst ja... in dem, was man als ein Ganzes liebt, manches ein bißchen mehr lieben. Wenn ich eine Wahl treffen müsste würde ich Williams, Ibsen, Miller u.a. und die in ihren Stücken angelegte Psychologie immer bevorzugen. Aber das schöne am Theater ist, dass man diese Wahl nicht treffen muss. So kriegt man per se den Bonbonladen und kann darin noch nach den Lieblingspralinen stöbern. Fulminanter Job. :)

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  4. Traumwelten und Badewanne: Das Bild funktioniert nicht.
    Wenn das Wasser warm bliebe, wäre es keine Traumwelt, und wenn es eine Traumwelt wäre, würde die Realität das Wasser ohnehin kalt werden lassen und das Aufschrecken wäre unvermeidlich.

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