Samstag, 21. Juli 2018

Ich liebe Filme! - Call me by your name - Nenn mich mit Deinem Namen und ich nenn Dich mit meinem

Sentimentalitätswarnung!
 
Ein Wochenende überfüllt mit sieben Filmen, vollgefressen und glücklich. Sechs mal Trash, darunter der sehr unterhaltsame Deadpool
und einer fürs Herz und die Seele, mein Gehirn war auch froh.

Call Me By Your Name - Nenne Mich Mit Deinem Namen
Die deutsche Variante sagt: Ruf mich bei Deinem Namen, warum rufen? Warum bei? 

Regisseur: Luca Guadagnino
Drehbuch: James Ivory & André Aciman nach dem Roman von André Aciman

Hauptdarsteller:  Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg

Armand, Armie Hammer ist gut, auch wenn ich einige Zeit gebraucht habe, um über seine so sehr amerikanische Perfektion hinwegzukommen. Der Film entspannt ihn und damit mich.

Wäre ich heute jung gewesen, hätte ich einen völlig anderen Film gesehen, denn er erzählt von der ersten Liebe, von der, die niemals, niemals aufhören wird, der, die einen wehrlos und unbesiegbar macht, scheuer als je und wagemutiger.  
Timothée Chalamet spielt einen Siebzehnjährigen, der in die Liebe fällt, "to fall in love" scheint mir eine genauere Beschreibung dieses ungeheuren Vorgangs zu sein, als unser nüchternes "sich zu verlieben". Er wurde für den Oscar nominiert und hätte ihn gewinnen sollen. Was dieser zarte Hänfling spielt, mit Augen, Gesicht, Körper und Intelligenz ist erstaunlich und überraschend und, es folgt das gefürchtete Wort, authentisch.
Es gibt eine Masturbationsszene mit einem Pfirsich, ja, mit Sommerobst, und wo andere zwei oder drei Überlegungen eingebracht hätten, bietet er eine schmerzvoll nachvollziehbare Folge von Gedanken und Gefühlen an, von verwirrt, zu verärgert, über peinlich berührt und sich über sich selbst amüsierend bis zu erregt und der Erregung erliegend. Fast den ganzen Film habe ich trockenen Auges überstanden, aber im Abspann, wenn Chalamet ins Feuer starrt und begreift, dass es nur diese eine, einzige erste Liebe geben wird, da habe ich geweint.
Wahr und endgültig und doch nicht tragisch, man ist nur einmal jung und nur einmal zum ersten Mal verliebt.

Vater zum Sohn mit Herzbruch:
 
Ich war vielleicht nah dran, aber ich hatte nie was iht hattet. Irgendwas hat mich immer zurückgehalten oder stand im Weg. Wie Du Dein Leben lebst, ist Deine Angelegenheit. Aber denke dran, unsere Herzen und unsere Körper werden uns nur einmal gegeben. Die meisten von uns tun so, als hätten sie zwei Leben zu leben, das eine der Testlauf, das andere die Endversion, und dann sind da diese Versionen dazwischen. Aber es gibt nur das eine, und bevor Du Dichs versiehst, ist Dein Herz verschlissen, und was Deinen Körper betrifft, kommt ein Punkt, wenn niemand ihn mehr ansieht, geschweige denn ihm nah kommen möchte. Gerade jetzt ist da Trauer. Ich beneide Dich nicht um den Schmerz. Aber ich beneide Dich um den Schmerz.

I may have come close, but I never had what you had. Something always held me back or stood in the way. How you live your life is your business. But remember, our hearts and our bodies are given to us only once. Most of us can't help but live as though we've got two lives to live, one is the mockup, the other the finished version, and then there are all those versions in between. But there's only one, and before you know it, your heart is worn out, and, as for your body, there comes a point when no one looks at it, much less wants to come near it. Right now there's sorrow. I don't envy the pain. But I envy you the pain.
André Aciman, Call Me by Your Name 


 Sony Pictures Classics/Warner Bros. Pictures

Wenn aber einmal einer seine wahre eigene Hälfte antrifft, …, dann werden sie wunderbar entzückt zu freundschaftlicher Einigung und Liebe und wollen sozusagen auch nicht die kleinste Zeit voneinander lassen; und ihr ganzes Leben lang miteinander verbunden bleiben 
Plato, Symposion, 192 c-e

Kommentare:

  1. Du glorifizierst die erste große Liebe - und nicht jede große erste Liebe hat das verdient.
    Manche erste große Lieben erzählen einem nämlich im Nachhinein, dass ihre Gefühle schon immer eher in der Nähe der Abhängigkeit angesiedelt waren.
    Und was die lebenslange Verbundenheit betrifft. Das stimmt, bei manchen ersten großen Lieben mag das erstmal so aussehen und sogar eine latente Anziehung bleiben. Bis die erste große Liebe einem erzählt, dass es für diese andauernde latente Anziehung keine freiwillige Basis gibt.
    Menschen sind kuriose Wunderkästen, die mit der Zeit selbst holprige Perspektivewechsel spielend leicht vollziehen, wenn ihnen danach ist.
    Elio ist ein sehr sehr glücklicher junger Mann... auch wenn er das im Abschiedsschmerz nicht so empfinden mag. Denn Oliver wird niemals aufhören zu sein, was er war. Er wird niemals seine Bedeutung verlieren oder irgendwann später selbst in den Boden der Bedeutungslosigkeit rammen.
    Elio wird die Kostbarkeit seiner ersten Liebe für ewig und bis an sein Lebensende gleich empfinden. Und diese Empfindungen werden seine Beziehungen prägen. Eine bedeutend schönere Prägung als die Erkenntnis, dass große Gefühle höchst relativ sein können und ihr Wert ihnen im Nachhinein genommen werden kann.
    Elios und Olivers gemeinsame Zeit wird ihn niemals als das verlassen, was sie war... groß, weit, lebensumräumend fantastisch.
    Aus meiner Sicht ein Happy End... eines tatsächlich großartigen und großartig gespielten Films.



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  2. Vielleicht ist die "erste große Liebe" genauso gedacht. Begrenzt. Man kann nur begrenzt unbegrenzt fühlen, das ist sonst nicht gesund.
    Und wie meine Vorgängerin beschreibt vielleicht auch ziemlich ernüchternd mit der Zeit.

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  3. Jep.
    Meine erste große Liebe hat sich im Laufe der Jahre von "Liebe ist ein großes Gefühl und kostbar" zu "jeder ist für sich selbst verantwortlich" vorgearbeitet.
    Und im romantischen Sinne von "niemand kennt mich so wie du" zu "Ich hab' dich halt einfach machen lassen".
    Ich hätte diese Wandlungen lieber nicht erlebt. Lieber einmal richtig fies leiden und dann für immer als besonders erinnern als das.
    Ich würd' mit Elio tauschen...

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  4. Ich finde Platos Satz ganz furchtbar. Die eigene Hälfte finden, das ist furchtbar. Das sind dann Menschen, denen was fehlt und die ganzer werden wollen durch einen anderen. Und die lieben dann was sie bekommen.
    Gut möglich, dass das dann abhängig macht. Ist doch kein Wunder.
    Liebe sollte ein Gefühl sein in einem, das geben will.
    Habe vor kurzem das gelesen:
    "To begin by always thinking of love as an action rather than a feeling is one way in which anyone using the word in this manner automatically assumes accountability and responsibility.".
    Aber dann würden viele Hollywoodfilme gar nicht mehr funktionieren.

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  5. Leuchtet ein, ja. Aber viele Menschen sehen das anders. Man sagt "falling in love", als wäre automatisch jede Entscheidungsfreiheit verschwunden. Man fällt ja, was soll man da machen. Dann ist man auch nicht mehr verantwortlich, mit einem wird gemacht.
    Rechenschaft und Verantwortung sind dann kein Gedanke.
    Abhängigkeit als Entschuldigung für Hingabe und Rausch. Als ob ein Süchtiger der Droge die Verantwortung rüberschiebt. Und für alles im Drogenrausch. Weil das dann eben so ist.
    Das entwertet Liebe ganz schön.

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  6. Ich hab' nichts gegen große Gefühle, wirklich nicht. Und ich bin die letzte, die behaupten würde, dass man aus Liebe oder wenn man liebt nicht verletzt.
    Menschen sind Blätterteiggebilde - vielschichtig. Und können in enormes Durcheinander geraten. Und dann ist man keineswegs immer edel und gut, nicht mal moralisch. Wo ich grenzenlos wütend werde ist, wenn jemand dann trotzdem versucht mit einer weißen Weste aus der Sache 'rauszukommen.
    Wenn jemand das, was er wollte, ersehnt hat, begehrt hat umdeklariert zu Fremdbestimmung, nicht freiem Willen, sich zum Spielball dessen macht, was er irgendwann mal höchst aktiv verfolgt hat.
    Und wenn zufällig Deine erste große Liebe das macht, dann bist Du im... (Kehrseite des Menschen, nicht sein Rücken).
    Dann verlierst Du nicht nur einen Menschen, Du verlierst Deine Vergangenheit. Du bekommst niedergemacht, was Du mal für kostbar gehalten hast. Zeit Deines Lebens, die Du als Wert erinnern konntest, ramponiert sich und zerbröselt zur Bedeutungslosigkeit.
    Dann macht jemand Deine Lebenszeit gegen Deinen Willen zu einem Irrtum, kontaminiert sie und Du kannst sie wegschmeißen.
    Denn alles, was von ihr übrig bleibt, ist fragwürdig... war ja Abhängigkeit, Sucht, kein freier Wille.
    Hat der Gegenpart damals halt nicht gewusst oder zu spät gemerkt.
    Wer sich jemals von einer ersten großen Liebe getrennt hat oder getrennt wurde, der weiß, dass das viehisch weh tut. First cut is the deepest... und bis dahin unbekannt.
    Aber, was keiner glaubt, der gerade 'drinsteckt, es geht tatsächlich vorbei.
    Und im besten Fall bleibt etwas, das man niemals nicht besonders nennen kann.
    Die Kaminszene ist wahnsinnig berührend, aber auch tröstlich. Weil wahrscheinlich, mit der Zeit, das dabei herauskommen wird.
    Wenn die beiden sich aber später noch einmal begegnen, miteinander umgehen und ramponieren was sie hatten... dann wird, was sie hatten, unwiederbringlich zerstört.

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  7. Nein, das was war, kann niemand anders zerstören, nur man selbst. Meine erste Liebe gehört mir.

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  8. Eine Liebe, wenn sie geteilt wird, gehört immer zwei Menschen.
    Dir gehört nur Deine Erinnerung daran und Deine Sicht darauf. Dein Erleben, Deine Perspektive.
    Die sind nicht unveränderlich.
    Wenn der andere Mensch sehnsuchtsvolle Gesten wandelt zu "Ich hab' Dich halt einfach machen lassen.", dann ändert sich die Perspektive.
    Wenn jemand weitergemacht hat, obwohl es dafür in ihm keine "freiwillige Basis" mehr gab, dann ändert sich die Erzählweise des Erlebten drastisch.
    Du kannst dann natürlich trotzdem versuchen an dem festzuhalten was du erinnerst, wie du es erlebt hast.
    Das macht aber keinen Sinn mehr. Denn Deine Hälfte korrespondiert nicht mehr mit der anderen. Und Deine Vergangenheit, Dein Erleben, das, was Du als sicher annehmen konntest, weil es durch die andere Hälfte gestützt wurde, ist zerstört.
    Wenn eine große Liebe nach der Trennung endet, gilt ihre letztgültige Erzählweise... für immer. Sie wird nicht nachträglich entwertet.
    Aus meiner Sicht eine zu bevorzugende Variante.

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  9. Klingt nach Überforderung. Nicht bei Ihnen. Auf der anderen Seite.

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  10. Absolut. Das betrachte ich genauso. Das ist der Verbalversuch der Handhabbarmachung des unliebsamen, weil überfordernden.
    Aber deswegen ist der Satz, den Sie zitiert haben, so klug.
    Wenn jemand die Verkleinerung des gefühlten, sogar die Verächtlichmachung des gefühlten höher bewertet, als die absehbare Verletzung, die im Bemühen um die eigene weiße Weste, zugefügt wird - dann lassen seine actions accountability and responsibility vermissen.
    Er macht sich selbst unverantwortlich für die eigenen Entscheidungen.
    Ich verstehe die Überforderung.
    Sie macht nur nicht wett, was sie verursacht.
    Im Gegenteil... billigend Verletzungen in Kauf zu nehmen, für das eigene Wohlbefinden mit Umständen... ist ein wenig kritikwürdig.
    Und, wie ich hinzufügen muss, enorm ramponierend.

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  11. Liebe bringt in Menschen Stärken hervor und Schwächen. Schwächen sind menschlich. Ich glaube, man kann sie nicht vermeiden. Schwächen schaden anderen. Das kann man manchmal auch nicht vermeiden.

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  12. Ich gebe Ihnen schon wieder recht. But like Watergate - it's not the crime... it's the cover-up.
    Schwächen SIND menschlich, ich nenne zahlreiche mein eigen. Deswegen muss ich sie anderen zubilligen. Und wenn man zu ihnen steht, dann gehen die meisten in Ordnung. Sogar jene, die einen Mist bauen lassen, mindestens mit ein bißchen Zeit den Bach 'runter.
    Man muss nur dazu stehen.
    Was aber, wenn man das nicht tut? Dann muss man eine Lüge mit neuen Lügen kaschieren, muss weiter Mist bauen, weil man den ersten ja nicht zugeben will... das wird dann eine Kette.
    In dieser Kette steckt viel Feigheit. Feigheit gehört zu den Schwächen, die ich sehr unangenehm finde.
    Außerdem vergrößert man die durch Schwäche entstandenen Verletzungen unbotmäßig. Absolut unnötig... und vieles wird so erst ein wirkliches Problem.

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