Lied von denen,
auf die alles zutrifft und die alles schon wissen
Dass etwas getan werden muss und zwar sofort
das wissen wir schon
dass es aber noch zu früh ist um etwas zu tun
dass es aber zu spät ist um noch etwas zu tun
das wissen wir schon
und dass es uns gut geht
und dass es so weiter geht
und dass es keinen Zweck hat
das wissen wir schon
und dass wir schuld sind
und dass wir nichts dafür können dass wir schuld sind
und dass wir daran schuld sind dass wir nichts dafür können
und dass es uns reicht
das wissen wir schon
und dass es vielleicht besser wäre die Fresse zu halten
und dass wir die Fresse nicht halten werden
das wissen wir schon das wissen wir schon
und dass wir niemand helfen können
und dass uns niemand helfen kann
das wissen wir schon
und dass wir begabt sind
und dass wir die Wahl haben zwischen nichts und wieder nichts
und dass wir dieses Problem gründlich analysieren müssen
und dass wir zwei Stück Zucker in den Tee tun
das wissen wir schon
und dass wir gegen die Unterdrückung sind
und dass die Zigaretten teurer werden
das wissen wir schon
und dass wir es jedes Mal kommen sehen
und dass wir jedes Mal recht behalten werden
und dass daraus nichts folgt
das wissen wir schon
und dass das alles wahr ist das wissen wir schon
und dass das alles gelogen ist das wissen wir schon
und dass das alles ist
das wissen wir schon
und dass Überstehn nicht alles ist sondern gar nichts
das wissen wir schon
und dass wir es überstehn
das wissen wir schon
und dass das alles nicht neu ist
und dass das Leben schön ist
das wissen wir schon
das wissen wir schon
das wissen wir schon
und dass wir das schon wissen
das wissen wir schon
(Hans Magnus Enzensberger)
Montag, 14. März 2011
Sonntag, 13. März 2011
Die Sonntagmorgen-Matinee
Nahezu jedes mir bekannte Theater veranstaltet morgendliche Sonntagstreffen mit interessiertem Publikum, um die nächsten Premieren dramaturgisch und unterhaltend vorzustellen und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich zu diesen Anlässen in Abscheu zusammenknäueln oder sympathisierend dauernicken möchte.
Gegen 10.30 bewegen sie sich in kleinen Grüppchen und verwitwet einzeln gen Theater, die Interessierten. Sie sind alt. Das ist keine Disqualifizierung, ich bin auch nicht jung, aber sie sind alle alt, sehr sehralt, nur hin und wieder verirrt sich ein stützender besorgter Enkel dazwischen. Sie kommen schon immer, die Neuberin hat damals noch selbst die Veranstaltungen geleitet und ihnen höchstpersönlich die Entlassung des Hanswurst verkündet.
Letztlich in Baden-Baden, dem geriatrischen Disneyland, untermauerten zwei Damen mit Rollatoren ihre zarte und melancholische Kritik an meiner dort zur Premiere gekommenen Inszenierung eines Goldonistücks, mit dem bedauernden Satz: "Wir haben doch nach dem Krieg so schönes Theater gesehen." (Nach welchem?)
Der Ablauf: Ein Dramaturg führt, je nach Fähigkeit, in literaturhistorische und biographische Details des jeweiligen Tschechow/Goethe/Shakespeare/Müller/Pollesch Materials ein. Ein paar Literaturbeispiele, obskure Gedichte, Biographieauszüge, lustige Anekdoten werden dazwischengemischt und von Darstellern (herrliches Wort!) vorgetragen. Die Interessierten hören zu, sie haben sich fein gemacht, sie sind ruhig, sie kichern gern, danach gehen sie zum Mittag. Sicher sind sie alle ganz verschieden, haben faszinierende, tragische, überraschende Biographien, aber an diesen Sonntagmorgen verschmelzen sie zur braven Gruppe "der Interessierten". Und das ist alles gut und richtig so, aber auch schrecklich traurig. Als wir in Rostock diese Matineen in Freitag-Nacht Soireen verwandelt haben, kamen viele, aber da eben nur junge. Auch keine Lösung. Entweder laut und deutlich sprechen für das Blumenkohlfeld oder Nuscheln im verzweifelten Umwerben der Twitter Generation. Und einen Jahrmarkt haben wir nicht, nur Foyers. Insbesondere die flugzeughallenartigen Eingangsräume in den Gussbetontheaterbauten des westlichen Deutschlands tun das ihrige, um die Wirkung der morgendlichen Zelebration ins postindustriell Absurde zu verstärken.
Ja, ich meckere, gern, ausgiebig. Das ist wohl das Alter!
Trost - Wort zum Sonntag
Nu ween ma nich, nu ween ma nicht, in de Röhre stehn Klöße, du siehst se bloß nicht.
(Von Tucholsky via Ö.)
Samstag, 12. März 2011
Für Herrn B. - Ein Trostgedicht
Remember me when I am gone away,
Gone far away into the silent land;
When you can no more hold me by the hand,
Nor I half turn to go yet turning stay.
Remember me when no more day by day
You tell me of our future that you planned:
Only remember me; you understand
It will be late to counsel then or pray.
Yet if you should forget me for a while
And afterwards remember, do not grieve:
For if the darkness and corruption leave
A vestige of the thoughts that once I had,
Better by far you should forget and smile
Than that you should remember and be sad.
Christina Rossetti
Heute ganz ohne Humor
"I Am Legend" by Robert Matheson oder "Ich bin Legende"
Bitte nicht an den oder die Verfilmungen denken, ich meine die Kurzgeschichte!
Die Geschichte eines Mannes, Neville, der in einer postapokalyptischen Welt lebt, alle anderen Menschen haben sich, infiziert mit einer nicht näher bestimmten Seuche, in Vampire verwandelt. Er ist allein. Er raucht, trinkt, jagt "die anderen" und hört alte LPs. Es geht hier nicht um Blutsauger oder die üblichen Horrorszenarien, der wahre Terror liegt in der Einsamkeit Nevilles, wahrhafter, völliger Einsamkeit und Fremdheit in der Welt. 1953/54 geschrieben, wohl auch als Allegorie auf den die Luft verpestenden McCarthyismus, gibt die Erzählung eine Ahnung vom Schrecken der Dehumanisierung, die auch der verständlichste Kampf in Seele und Herz anrichtet, wenn er ohne Hoffnung gekämpft werden muss. Am Ende wird Neville von der Neuen Rasse, den Nachtwandlern, überrannt.
"Robert Neville betrachtete die neuen Menschen der Erde. Er wusste, dass er nicht zu ihnen gehörte; er wusste dies, genau wie die Vampire, er war Fluch und schwarzer Terror, der zerstört werden würde. Und, plötzlich, schloss sich das Konzept, erheiternd sogar im Schmerz. ...zum vollen Zirkelschluss. Ein neuer Terror geboren im Tod, ein neuer Aberglaube betrat die unangreifbare Festung der Ewigkeit. Ich bin Legende."
"Robert Neville looked out over the new people of the earth. He knew he did not belong to them; he knew that, like the vampires, he was anathema and black terror to be destroyed. And, abruptly, the concept came, amusing to him even in his pain. ... Full circle. A new terror born in death, a new superstition entering the unassailable fortress of forever. I am legend."
When The Wind Blows Animated Film, aus gegebenem traurigen Anlass.
http://www.youtube.com/watch?v=6EbsrJuAoQo
Freitag, 11. März 2011
Zbigniew Herbert - Der Siebte Engel
DER SIEBTE ENGEL
Der siebte engel
ist ganz anders
er heißt sogar anders
Schemkel
kein Gabriel
der güldene
eine stütze des throns
und baldachin
kein Raphael
stimmeister der chöre
auch kein
Asrael
planetenführer
geometer der unendlichkeit
vollendeter kenner der theoretischen physik
Schemkel
ist schwarz und nervös
vielmals vorbestraft
für schmuggel mit sündern
zwischen Abgrund
und himmel hallt
sein ständiges gestampfe
er hält nicht auf seine würde
und man lässt ihn in dieser schar
nur mit rücksicht auf die zahl sieben
aber er ist nicht wie die anderen
kein feldherr
Michael
ganz in schuppen und federbüschen
kein Asraphael
weltdekorateur
beschützer der üppigen vegetation
mit flügeln die wie zwei eichen rauschen
nicht einmal
Dedrael
apologet und kabbalist
Schemkel Schemkel
- murren die engel
warum bist du so unvollkommen
byzantinische maler
wenn sie die sieben malen
zeigen Schemkel
ähnlich den anderen
sie meinen nämlich
sie würden der lästerung schuldig
wenn sie ihn malten
so wie er ist
schwarz nervös
im alten ausgefransten glorienschein
von Zbigniew Herbert
Onoda Hirō - Nur nicht irre machen lassen!
Dies ist ein Wikipedia-Artikel, aber die Geschichte ist so irre, dass ich ihn hier vollständig wiedergeben möchte. Bitte beachtet die Jahreszahlen!
Onoda Hirō war auf Lubang stationiert, als im Februar 1945 amerikanische Truppen die Insel überrannten und kurz darauf das Kriegsende verkündeten. Onoda und die Soldaten Yuichi Akatsu, Siochi Shimada und Kinshichi Kozuka konnten in den Dschungel flüchten und versteckten sich dort.
Im Oktober 1945 fand die Gruppe ein Flugblatt, auf dem das Kriegsende mitgeteilt wurde. Kurz darauf ein Zweites mit der Aufforderung: „Der Krieg endete am 15. August. Kommt von den Bergen runter!“ Dem misstrauten die Soldaten aber, da sie ein paar Tage zuvor Schüsse vernommen hatten. Sie schlussfolgerten daher, dass es sich bei den Flugblättern um alliierte Propaganda handeln musste. Ende 1945 wurden weitere Flugblätter, mit dem Befehl des japanischen Generals Tomoyuki Yamashita, sich zu ergeben, abgeworfen. Die Gruppe um Onoda beriet sich, um letztendlich zu dem Schluss zu kommen, dass auch dieses Flugblatt eine List sei. Im September 1949 entfernte sich Akatsu von der Gruppe und ergab sich, nachdem er 6 Monate auf sich allein gestellt war, 1950 den Philippinern. Die verbleibenden drei Soldaten sahen im Verschwinden von Akatsu ein Sicherheitsproblem und wurden so noch vorsichtiger. Akatsu bestätigte unterdessen der Außenwelt, dass die anderen drei noch am Leben waren, was 1952 dazu führte, dass Briefe und Familienfotos mit der Aufforderung, sich zu ergeben, abgeworfen wurden. Die drei Japaner kamen dem erneut nicht nach. Während einer Schießerei mit lokalen Fischern wurde Shimada 1953 ins Bein getroffen. Onoda pflegte ihn daraufhin, bis er sich wieder erholt hatte. Am 7. Mai 1954 schließlich wurde Shimada dann von einem Suchtrupp erschossen, der die Männer ausfindig machen sollte.
Als Teil ihrer Guerillaaktivitäten verbrannten die beiden nun noch verbleibenden Männer Onoda und Kozuka am 19. Oktober 1972 Reis, welcher gerade von lokalen Bauern zusammengetragen wurde. Infolgedessen wurde Kozuka von der örtlichen Polizei erschossen. Nach diesem Vorfall wurde von den Behörden in Betracht gezogen, dass auch Onoda, der bereits im Dezember 1959 für tot erklärt wurde, noch leben könnte. Es wurden erneut Suchtrupps gebildet, die allerdings auch dieses Mal Onoda nicht ausfindig machen konnten. Die Nachricht, dass Onoda noch am Leben sein könnte, sprach sich bis nach Japan herum. Dort brach gerade der Student Suzuki Norio sein Studium ab und setzte sich das Ziel „Lieutenant Onoda, einen Panda und den Yeti zu finden, in dieser Reihenfolge“. Suzuki reiste in die Region, in der Onoda vermutet wurde, und suchte dort nach ihm. Weil Suzuki Japanisch sprach, gab sich Onoda ihm am 20. Februar 1974 zu erkennen. Beide wurden Freunde. Onoda lehnte es jedoch weiterhin ab, sich ohne den Befehl eines Vorgesetzten zu ergeben. Suzuki kehrte daher mit Fotos von sich und Onoda, als Beleg für ihr Treffen, nach Japan zurück. Dort machten die Behörden Onodas ehemaligen Vorgesetzten, Major Taniguchi, ausfindig, der inzwischen Bücherverkäufer geworden war. Dieser flog am 9. März 1974 nach Lubang, informierte Onoda über die Kapitulation Japans im und befahl ihm, sich zu ergeben. Das akzeptierte Onoda. Zu dieser Zeit trug er immer noch seine Uniform, sein Schwert, sein Gewehr sowie etwa 500 Schuss und mehrere Handgranaten bei sich. Obwohl er während seiner Zeit auf der Insel ungefähr 30 Menschen umbrachte, weitere ca. 100 verwundet hatte und in mehrere Schießereien mit der Polizei verwickelt war, wurde er aufgrund der Umstände vom philippinischen Präsidenten Marcos begnadigt.
Onoda Hirō war auf Lubang stationiert, als im Februar 1945 amerikanische Truppen die Insel überrannten und kurz darauf das Kriegsende verkündeten. Onoda und die Soldaten Yuichi Akatsu, Siochi Shimada und Kinshichi Kozuka konnten in den Dschungel flüchten und versteckten sich dort.
Im Oktober 1945 fand die Gruppe ein Flugblatt, auf dem das Kriegsende mitgeteilt wurde. Kurz darauf ein Zweites mit der Aufforderung: „Der Krieg endete am 15. August. Kommt von den Bergen runter!“ Dem misstrauten die Soldaten aber, da sie ein paar Tage zuvor Schüsse vernommen hatten. Sie schlussfolgerten daher, dass es sich bei den Flugblättern um alliierte Propaganda handeln musste. Ende 1945 wurden weitere Flugblätter, mit dem Befehl des japanischen Generals Tomoyuki Yamashita, sich zu ergeben, abgeworfen. Die Gruppe um Onoda beriet sich, um letztendlich zu dem Schluss zu kommen, dass auch dieses Flugblatt eine List sei. Im September 1949 entfernte sich Akatsu von der Gruppe und ergab sich, nachdem er 6 Monate auf sich allein gestellt war, 1950 den Philippinern. Die verbleibenden drei Soldaten sahen im Verschwinden von Akatsu ein Sicherheitsproblem und wurden so noch vorsichtiger. Akatsu bestätigte unterdessen der Außenwelt, dass die anderen drei noch am Leben waren, was 1952 dazu führte, dass Briefe und Familienfotos mit der Aufforderung, sich zu ergeben, abgeworfen wurden. Die drei Japaner kamen dem erneut nicht nach. Während einer Schießerei mit lokalen Fischern wurde Shimada 1953 ins Bein getroffen. Onoda pflegte ihn daraufhin, bis er sich wieder erholt hatte. Am 7. Mai 1954 schließlich wurde Shimada dann von einem Suchtrupp erschossen, der die Männer ausfindig machen sollte.
Als Teil ihrer Guerillaaktivitäten verbrannten die beiden nun noch verbleibenden Männer Onoda und Kozuka am 19. Oktober 1972 Reis, welcher gerade von lokalen Bauern zusammengetragen wurde. Infolgedessen wurde Kozuka von der örtlichen Polizei erschossen. Nach diesem Vorfall wurde von den Behörden in Betracht gezogen, dass auch Onoda, der bereits im Dezember 1959 für tot erklärt wurde, noch leben könnte. Es wurden erneut Suchtrupps gebildet, die allerdings auch dieses Mal Onoda nicht ausfindig machen konnten. Die Nachricht, dass Onoda noch am Leben sein könnte, sprach sich bis nach Japan herum. Dort brach gerade der Student Suzuki Norio sein Studium ab und setzte sich das Ziel „Lieutenant Onoda, einen Panda und den Yeti zu finden, in dieser Reihenfolge“. Suzuki reiste in die Region, in der Onoda vermutet wurde, und suchte dort nach ihm. Weil Suzuki Japanisch sprach, gab sich Onoda ihm am 20. Februar 1974 zu erkennen. Beide wurden Freunde. Onoda lehnte es jedoch weiterhin ab, sich ohne den Befehl eines Vorgesetzten zu ergeben. Suzuki kehrte daher mit Fotos von sich und Onoda, als Beleg für ihr Treffen, nach Japan zurück. Dort machten die Behörden Onodas ehemaligen Vorgesetzten, Major Taniguchi, ausfindig, der inzwischen Bücherverkäufer geworden war. Dieser flog am 9. März 1974 nach Lubang, informierte Onoda über die Kapitulation Japans im und befahl ihm, sich zu ergeben. Das akzeptierte Onoda. Zu dieser Zeit trug er immer noch seine Uniform, sein Schwert, sein Gewehr sowie etwa 500 Schuss und mehrere Handgranaten bei sich. Obwohl er während seiner Zeit auf der Insel ungefähr 30 Menschen umbrachte, weitere ca. 100 verwundet hatte und in mehrere Schießereien mit der Polizei verwickelt war, wurde er aufgrund der Umstände vom philippinischen Präsidenten Marcos begnadigt.
Donnerstag, 10. März 2011
Interview mit Matthias Freihof zu "Coming Out"
JS.: Rainer Carow hatte viele Kämpfe auszutragen, um seine Filme in der DDR realisieren zu können. Er soll sieben Jahre lang darum gerungen haben, das Drehbuch von „Coming Out“ gegen den Widerstand von, unter anderen, Karl-Heinz Maede, dem Generaldirektor der DEFA, durchzusetzen. Carow holte zur Unterstützung Gutachten ein, psychologische, soziologische, juristische, weißt Du etwas darüber?
MF.: Heiner hatte vor „Coming Out“ viele Jahre keinen Film gemacht, aber in der Zeit, soviel ich weiß, auch andere Stoffe eingereicht, die abgelehnt wurden. Ob es sieben Jahre waren, erinnere ich nicht mehr genau. Er wollte einen Film mit dem Arbeitstitel „Paule Panke“ drehen, der unter anderem wegen einer schwulen Nebenfigur nicht gewollt war. Laut Heiner haben er und unser Autor Wolfram Witt sich darauf hin gesagt: Ok! Dann erst recht! Dann kriegt ihr jetzt ein Buch, in dem das Thema Homosexualität im Zentrum steht!
Natürlich gab es eine breite Ablehnung dem Buch gegenüber. Maede sagte wohl, dass es einen solchen Film nie geben würde, so lange er DEFA-Chef ist! Heiner war Mitglied der Akademie der Künste und bei einer Veranstaltung traf er auf Kurt Hager, den obersten „Meinungsmacher“ der DDR. Er diskutierte mit ihm seine berufliche Situation und beklagte, dass all seine Projekte abgelehnt würden. Dieses Gespräch war dann sozusagen das „grüne Licht“. Der Film wurde über die Köpfe der mittleren Leitungsebene (Maede inklusive) durchgesetzt. Die Gutachten kenne und besitze ich. Aus heutiger Sicht sind sie wenig spannend, aber damals haben sie ihren Zweck erfüllt. In einem wurde hervorgehoben, dass es in den Konzentrationslagern der Nazis eine recht starke Solidarität zwischen den Insassen mit dem „roten Winkel“ und denen mit dem „rosa Winkel“ gegeben hat. Neben dem Original-Drehbuch und meinem Filmvertrag habe ich die Gutachten in Kopie dem Schwulen Museum in Kreuzberg überlassen und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Natürlich gab es auch während des Drehs seitens derer, die über Drehgenehmigungen zu entscheiden hatten, Versuche der Zensur, die Heiner aber glücklicherweise abschmettern konnte. Den Paragraph 175 gab’s zwar schon lange nicht mehr, aber die Berührungsängste der „Genossen“ waren groß.
JS.: Dirk Kummer war sehr jung damals, es war sein erster Film überhaupt, und für Dich wohl der zweite, wie war Carow als Schauspieler – Regisseur? (Und Du hast inzwischen bei Dirk Kummer gedreht, was war das für ein Film?)
MF.: Dirk hatte damals über die Akademie der Künste eine Meisterschülerschaft bei Heiner Carow für Filmregie und war eigentlich für den Dreh von „Coming Out“ als zweiter Regieassistent am Start. Bei den Probeaufnahmen für die Hauptrolle war Dirk immer der Spielpartner für die jeweiligen Schauspieler. Dabei fiel Heiner auf, wie gut Dirk spielen kann und hat dann Dirk gefragt, ob er die Rolle des „Matthias“ im Film spielen wolle. Wenn Dirk nicht vor der Kamera stand, hat er beim Dreh seinen Job als Assistent gemacht.
Heiner Carow war ein großartiger Schauspieler-Regisseur, hat sehr intensiv mit seinen Darstellern gearbeitet, das Maximum an Konzentration und Emotion gefordert, war manchmal über die Schmerzgrenze hinaus unerbittlich und seinen Schauspielern ein extrem launischer Liebhaber. Eine derart intensive Arbeit ist mir in meinem beruflichen Leben leider nie wieder begegnet.
Mein erster DEFA-Film war „Käthe Kollwitz“ und ich durfte den Sohn der wunderbaren Jutta Wachowiak spielen.
Meine erste Arbeit mit Dirk Kummer als Regisseur war für seinen TV-Film „Geschlecht Weiblich“. Dirk hat eine sehr professionelle, extrem konzentrierte, vertrauens- und liebevolle und entspannte Atmosphäre am Set geschaffen! Großartig! Den Film habe ich sehr gemocht und Ulrike Krumbiegel hat für ihre Hauptrolle den Fernsehpreis bekommen! Dirk und ich sind bis zum heutigen Tage sehr eng befreundet.
JS.: Du warst 28 als Du „Coming Out“ gedreht hast, und, so wie ich es in der taz gelesen habe, war der Film auch dein persönliches „Coming Out“? Hast Du Probeaufnahmen gemacht oder warst Du gleich besetzt? Wie war Deine Reaktion auf das Drehbuch, falls Du das überhaupt noch erinnerst?
MF.: Mein persönliches „Coming Out“ hatte ich als Teenager, aber für mich war es „politische Mission“, mich nach diesem Film, der dazu aufruft, aus dem Versteck zu kommen, auch in der Öffentlichkeit (Interviews) zu „outen“.
Wolfram Witt hatte mich mal in Frankfurt/Oder auf der Bühne gesehen, Heiner von mir erzählt und so wurde ich zu Probeaufnahmen eingeladen. Beim Casting war ich der erste und Heiner mochte mich sehr. Aber er wollte nicht glauben, dass gleich der erste Schauspieler sein „Phillipp“ ist und wollte weitere Kollegen sehen. Beim zweiten Casting wollte Heiner überprüfen, ob Dagmar Manzel und ich als Paar funktionieren und beim dritten Casting ging es dann darum, ob Dirk Kummer und ich zusammenpassen. Es war also ein ziemlich langes Prozedere über mehrere Monate! Ich habe das Drehbuch bis auf wenige Passagen sehr geliebt und wollte die Rolle natürlich unbedingt spielen! Als junger Schauspieler eine Hauptrolle bei DEM Heiner Carow zu spielen, war der Sechser im Lotto! Für den hätte ich auch ein Tablett durch’s Bild getragen! Zudem hat mich das Thema des Films selbst betroffen und ich fand es mehr als an der Zeit und sehr wichtig, dass dieser Film in der DDR gemacht wird! Heiner sagte mir nach Beendigung aller Probeaufnahmen, dass er einen zweiten Favoriten für die Hauptrolle hätte, der der Geschichte eine ganz andere Stimmung und Handschrift geben würde und dass er sich jetzt überlegen muss, WELCHEN Film er drehen will. Er hat sich für den Film mit mir entschieden und ich war überglücklich.
JS.: Sicher, die Gesetzgebung der DDR war, zu unserer Zeit, hinsichtlich Homosexualität schon recht fortschrittlich, der §175 war 1968 endlich abgeschafft worden, aber trotzdem weiß ich, dass Freunde sehr unter der provinziellen und kleingeistigen Denkart großer Teile der Bevölkerung gelitten haben. Es war nicht verboten, aber unerwünscht. Würdest Du diese Einschätzung teilen?
MF.: Absolut! Kuschelnde Genossen passten nicht ins Bild! Es gab zwar seit Anfang der Achtziger die ersten Printveröffentlichungen, Theaterabende, Kontaktanzeigen in der „Wochenpost“ und einen „Aufklärungsfilm“, der vom Hygienemuseum Dresden in Auftrag gegeben wurde, aber trotzdem war das Thema Homosexualität in der Öffentlichkeit nicht präsent. Vor allem nicht in der DDR-Provinz, woran sich ja leider bis heute (weltweit) nicht wirklich viel geändert hat. Ostberlin war die Ausnahme, wie es alle Großstädte bis heute noch sind. Dass Ostberlin für alle Schwulen und Lesben sehr attraktiv war, wussten natürlich auch unsere obersten Genossen. Und in den Achtzigern zog ein Gespenst auf, das auch die DDR-Oberen zum Umgang mit Homosexualität in der Öffentlichkeit zwang, nämlich HIV und AIDS. Die Mauer war nah und die Panik auf allen Seiten groß! Wir haben bei den Dreharbeiten zu „Coming Out“ natürlich auch darüber diskutiert , aber dann bewusst darauf verzichtet, HIV oder AIDS zu thematisieren, da es unsere Geschichte gesprengt hätte und kontraproduktiv zu dem gewesen wäre, das wir mit diesem Film erzählen und öffnen wollten.
JS.: Die Besetzungsliste klingt wie ein Ausschnitt aus der Sammlung meiner Lieblingsschauspieler, Dagmar Manzel, Michael Gwisdek, Werner Dissel, Gudrun Ritter, Walfriede Schmidt, Axel Wandtke, Pierre Bliss (heute Sanoussi-Bliss), Gudrun Okras und und und, war es eine eher angestrengte oder heitere Drehzeit?
MF.: Es war schon eine harte Drehzeit, denn wir haben ja hauptsächlich nachts gedreht! Die Kollegen hatten zum Teil tagsüber Proben und abends Vorstellungen, bevor sie zum Dreh kamen! Aber wir hatten alle sehr viel Spass und haben extrem viel rumgeblödelt! Einmal bei nem Nachtdreh im „Burgfrieden“ gab es eine sehr lange Pause, weil umgebaut und umgeleuchtet werden musste. Gudrun Okras und mir war langweilig! So sind wir heimlich um die Ecke ins „Café Nord“ gegangen, haben uns jeder drei Cola-Vodka gegönnt, bisschen getanzt und kamen dann sehr beschwingt zum Drehort zurück. Heiner hat natürlich „die Lunte“ gerochen, war stinksauer und hat uns beschimpft. Aber wir haben dieses „bisschen Leben“ gebraucht, mussten die nächsten Takes laut Buch sowieso „betrunken“ spielen und alles war letzten Endes so, wie der Regisseur es haben wollte. Immer, wenn ich diese Szene jetzt im Film sehe, muss ich innerlich kichern und schicke ein kräftiges „Prösterchen“ zu Gudrun, wo auch immer sie jetzt sein mag!
JS.: Einige der zärtlichsten Szenen sind die mit Werner Dissel, er strahlt eine solche Traurigkeit und Erschöpfung aus und wird doch nie sentimental, besonders im Zusammenspiel mit Micha Gwisdek und Dir entsteht da ein Bild von einem Versuch generationsübergreifender Verständigung. Wie hast Du Werner bei den Dreharbeiten erlebt?
MF.: Heiner hatte die Rolle des alten Mannes ursprünglich zwei anderen, sehr namhaften, Kollegen angeboten, die dann leider beide Berührungsängste hatten. Werner kannte ich vor dem Dreh nicht persönlich. Bei meiner ersten Drehbuch-Lektüre habe ich die Erzählung des alten Mannes gehasst. Ich dachte: Jetzt kommt wieder der typische DDR-Zeigefinger mit „Arbeiterklasse“, Naziverbrechen, antifaschistischer Solidarität etc. Die wirkliche Potenz dieser Szene hatte ich nicht erkannt. Werner hat diesem „Papier“ auf zauberhafte und sehr berührende Weise Leben eingehaucht! Großartig, was da passiert, zumal die Tragik der Geschichte immer wieder durch die gespielte Zickigkeit von Gwisdek und das Partytreiben gebrochen wird. Für mich war die Szene sehr hart! Heiner hat mich getreten, wollte das Weinen anders! Und versuche mal zu heulen, wenn dich 200 Komparsen und das komplette Team dabei anstarren und denken: „Nu heul doch endlich, du Depp! Wir wollen nach Hause!“ Keine so schöne Erinnerung!
JS.: Die Premiere war am 9.11.1989, am Tag als die Mauer geöffnet wurde, das war sicher ein surrealer Vorgang, als mitten in eure Premierenfeier Einer mit der Nachricht reinplatzte?
MF.: Ja das war absolut surreal! Keiner konnte ahnen, dass sich die DDR auf so banale Weise erledigen würde! Der Abend war einzigartig und hat unseren Film auf ewig mit dem Fall der Mauer verbunden.
Ich habe den Abend schon unzählige Male in vielen TV- und Zeitungsinterviews beschrieben und verzichte jetzt hier darauf!;)
JS.: Eure Premiere, die Premiere des ersten DDR-Films der Homosexualität zum zentralen Thema nahm, wurde durch das staatliche ‚Coming Out’ zum Nebenereignis, trotzdem haben damals eine Millionen Menschen den Film gesehen und er hat bis heute „Kult“-Status. Es ist ein sehr ruhig erzählter Film, ohne extrovertiertes Drama, die Bildsprache ist nahezu karg, wie erklärst Du Dir die große Wirkung selbst heute noch, wo es, Gott sei Dank, schon mehr als einen Film zum Thema gibt, wenn auch immer noch lächerlich wenige?
MF.: Viele schwule Filme, damals und heute, sind „aus dem Ghetto für’s Ghetto“ gemacht! Unser Anspruch war es, eine realistische, ehrliche und berührende Geschichte zu erzählen. Der Zuschauer wird eingeladen, nicht mit Effekten oder falschem Pathos gelockt, nicht verschreckt, aber emotional und moralisch verwickelt und JEDER Zuschauer kann sich mit den Figuren dieser Liebesgeschichte identifizieren! Liebe ist Liebe, Fleisch ist Fleisch! Auch ich nehme im Film oder im Theater den großen Anspruch viel lieber an, wenn er mir schlicht, fast bescheiden nahe gebracht wird. Mein Lieblingsfilm zu Thema „Coming Out“ ist die britische Produktion BEAUTIFUL THING – rührend, voller Humor und Herz, einfach fabelhaft!
JS.: Apropos Bildsprache, wenn ich mir den Film ins Gedächtnis rufe, sind da Bilder, besonders die kahle Neubauwohnung, die einsam und kühl wirken, obwohl doch z.B. Deine Filmwohnung auch der Ort der ersten Liebesnacht ist. Dies und eure zurückhaltende Spielweise hat mir großen Eindruck gemacht. Diese Figuren gestehen sich ihre großen Gefühle gar nicht zu, es ist ihnen fast peinlich, wenn sie leidenschaftlich, zornig oder verzweifelt werden. Das finde ich sehr modern, nur ist es hier nicht cool, sondern wohl das Ergebnis der Idealisierung des Mittelmaßes, dass in der DDR mehr oder weniger latent betrieben wurde.
MF.: Ich stimme Dir zu! Nur bin ich davon überzeugt, dass sich Heiner nie der Idealisierung des Mittelmaßes unterworfen hätte, sondern es ihm darum ging, das richtige Angebot zu finden, mit dem sich jeder identifizieren kann und das niemanden ausschließt. Dass er das geschafft hat, beweist, dass die Liebesgeschichte bis heute angenommen wird und nichts an Kraft verloren hat! Das hat sich mir bei allen Festivals und Publikumsgesprächen in all den Jahren und in all den Ländern immer wieder bestätigt.
JS.: Du hast erzählt, dass Du bis heute zu Festivals und anderen Gelegenheiten eingeladen wirst, um an Diskussionen zum Film teilzunehmen, auch in Länder, wo das Hauptthema von „Coming Out“ bis heute nur selten und dann kontrovers diskutiert wird. Wie sind Deine Erfahrungen mit solchen Zuschauergesprächen, wie weit ist die Spanne der Erwartungen und Irritationen? Kannst Du Dich an besonders eindrückliche oder erschreckende Gespräche erinnern?
MF.: Die Zuschauergespräche waren immer sehr lang und intensiv. Oft haben mir heterosexuelle Zuschauer erzählt, wie schön und erotisch sie die Liebesgeschichte finden. Schwule Zuschauer berichteten, dass sie sich in diesem Film absolut wieder finden, weil ihr eigenes „Coming Out“ genauso oder ähnlich abgelaufen ist. Unser Film ist ja auch ein sehr gutes Abbild des Lebensgefühls im Ostberlin kurz vor dem Mauerfall. Dieses Abbild ist natürlich für Zuschauer aus der westlichen Welt sehr fremd und irritierend. In Canada oder Italien wurde mir beschrieben, dass unser Film neben der Liebesgeschichte, die noch immer berührt und die man ja aus seiner Welt ähnlich kennt, einen einzigartigen, fast dokumentarischen Blick hinter den Eisernen Vorhang bietet!
Viele Leute haben mir immer wieder zum Dank ohne Worte die Hand gehalten, oder mich umarmt.
Im letzten Oktober wurde unser Film zum ersten mal in Sankt Petersburg gezeigt. Nach der Vorführung kam ein Junge auf mich zu, der sehr aufgewühlt schien und mir danken wollte. Er erzählte mir, wie schwer es für Schwule in der russischen Macho-Gesellschaft und unter dem Druck der eigenen orthodoxen Kirche sei, sich in der Öffentlichkeit zu outen. Ich hatte das Gefühl, dass er innerlich brannte! Er tat mir unendlich leid und seine Situation machte mich wahnsinnig wütend! Mir wurde klar, wie wichtig mein öffentliches Zu-Mir-Stehen für viele Menschen ist und wie wichtig das Statement unseres Filmes nach all den Jahren noch immer ist. Das einzige, was ich dem jungen Mann raten konnte, war, dass er sich von seiner Kirche verabschieden kann, in der für ihn kein Platz ist, ohne seinen Glauben aufgeben zu müssen. Das Goethe – Institut Sankt Petersburg war Mitveranstalter der Filmvorführungen in Russland. Tage vor der Veranstaltung ging bei den dortigen Mitarbeitern ein Drohanruf ein von einem Anwalt der Russisch-Orthodoxen Kirche mit dem Wortlaut: „Sie bringen die westliche Sodomie nach Russland!“
Arme Ritter
Dies ist ein Rezept von meiner Mutter, während Endproben, in den Küchen schon erwähnter Theaterwohnungen, (diese Küchen besitzen im Durchschnitt: eine Pfanne, drei unterschiedliche Teller, kein scharfes Messer und der Rest ist "hit and miss"), ohne Zeit zum Kochen, aber mit dem Bedürfnis nach Schönheit auf der Zunge und im Magen, gibt es nix Besseres. Nein, es ist nicht schlankmachend!
Arme Ritter (Rezept von BBS)
Toastbrot oder Brioche in Scheiben
1 Teller: 2 Eier mit etwas Milch verquirlen
1 Teller: Semmelbrösel mit Vanillinzucker vermischen
viel Butter in einer Pfanne erhitzen
Die Brotscheiben erst in der Eier-Milch-Mischung, dann in den Semmelbröseln wälzen.
braten
Variante: 2 Scheiben Brot nehmen, dazwischen z. B. Pflaumenmus streichen, zusammendrücken, panieren wie oben, braten
Die Butter muß öfter ausgetauscht werden, da sie leicht verbrennt. Auch die Pfanne dann auswischen. Besser noch: etwas Diät-Öl in die Butter geben.
P.S. Mit Ahornsirup anstatt Marmelade, heisst das Ganze French Toast und ist "Cuisine"!
Abonnieren
Kommentare (Atom)








