Freitag, 12. Mai 2023

Selbständig oder vereinfachend - freischaffend

Selbst-ständig, unverständlicherweise selbständig geschrieben, Frei-schaffend, selbst eine bestimmte Tätigkeit dauernd ausüben, ständig - was für eine schöne, doch halbwahre Beschreibungen einer lebenslang unsicheren Beschäftigungslage. 

Das Internet erklärt: Das spätmittelhochdeutsche Wort „selbstēnde“ hieß „für sich bestehend“. Ab 1996 hieß es der neuen Rechtschreibung nach dann selbstständig – neben der Schreibweise selbständig. Bei Google liefert selbstständig 71,9 Mio. Ergebnisse, während selbständig nur rund 34,5 Mio. Treffer ergibt (Stand Dezember 2022). https://languagetool.org/insights/de/beitrag/selbststandig-selbstandig/

Selbstständig oder selbständig, oh, es gibt Pluspunkte: Einige der Unannehmlichkeiten des deutschen Stadttheatersystems bleiben mir erspart, ich kann mich aus den notwendigen und komplizierten, politischen und finanziellen Schwierigkeiten heraushalten. Außer, wenn sie die Gage beeinträchtigen. Doch ich kann "Nein" sagen, wenn es mir finanziell möglich ist. Und wenn ich "Ja" sage, bin ich nur zu Besuch, im besten Fall eine gern gesehene Tante, die gelegentlich vorbeischaut und die "Mühen der Ebenen" nicht mitbearbeiten muss.

Aber. Aber, nie ist irgendetwas sicher. Ist das Telefon kaputt? Oder bin es ich. Damit und davon lebe ich, leben die Selb(st)ständigen, Jahr über Jahr. Mal besser, mal schlechter. Das Alter spielt eine Rolle, die Nähe zu gerade virulenten Trends wohl auch. Aber da weiß ich zu wenig, spüre es nur. Und das Feuilleton, ein besser bezahltes Fass ohne Boden, manchesmal übersättigt und naseweiß. Aber wenigstens gibt es überhaupt noch gelegentlich Theaterkritiker, in manchen kleineren Städten schreibt Theaterkritiken, der, der auch die Geflügelzüchter und Sportvereine abdeckt. Ahnungslos, aber bemüht.

Unter Feuilleton versteht man den literarisch-unterhaltenden Teil einer Zeitung. In diesem Teil stehen Rezensionen, Kritiken, Buchbesprechungen usw. Ein literarischer Beitrag im Feuilletonteil der Zeitung wird ebenfalls Feuilleton genannt, sagt Wiki.
 
Letzten Endes, liebe ich es, freischaffend zu sein. Ich treffe seit Jahren drei, vier Mal pro Jahr auf eine Gruppe von Spielern, manchmal kenne ich einige schon, aber es ist eine gute Weile her, manchmal sind mir alle neu und unbekannt. Konzeptionsproben sind wie erste Schultage, alles ist möglich und darum spannend. Meistens treffe ich auf gute Leute, selbst im heftigst überarbeiteten Zustand noch neugierig, willig und interessiert. Ich liebe Proben. Abenteuerland. Proben sind meine Droge, wie gern ich auch faule Freizeit liebe, irgendwann muss ich wieder probieren, sonst werde ich unfroh und unleidlich.  

 
Aber, ich bin in vielem auf mich allein gestellt. Der Verwaltungsdirektor ist im verständlichen, aber künstlerisch nur mäßig interessierten Sparwahn, ich muss damit umgehen. Die Schauspieler haben seit Monaten viele Vorstellungen und noch mehr Proben, Kinder vermissen ihre Eltern, Schlaf ist rar. Die Vorteile einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit einem Ensemble sind ein eigenes Thema. Auch kenne ich die Städte, in denen ich arbeite meist nur oberflächlich, ganz anders als in Rostock, wo ich fünf Jahre gelebt, geliebt und gearbeitet habe.

Wir reden nicht gern über unsere Ängste und schlechte Zeiten, weil sie uns schwach und nicht genügend erfolgreich erscheinen lassen könnten, denn wir sind dem Markt ganz direkt ausgeliefert und müssen uns gut verkaufen. 

Der Begriff "Markt" bezeichnet allgemeinsprachlich einen Ort an dem Waren regelmäßig meist an einem zentralen Ort gehandelt werden.

Unser "zentraler Ort" ist das Stadttheater, dass von interner Stagnation, Corona und Energiekrise heftig geschüttelt wird und da werden wir halt mitgeschüttelt. Bis jetzt geht es mir gut, wer weiß, was die Zukunft bringt. Aber solang man mich läßt, ...

3 Kommentare:

  1. Eva-Maria Otte12. Mai 2023 um 07:20

    SELB: Ich mag das Morphem selb. Es klingt in erhaltenen Zusammensetzungen so schön. Selbander, selbdritt, seltener auch selbviert sind manchmal in älterer Literatur zu lesen. Mir fällt da grad kein Beleg ein, aber ich kenne Sätze wie "Ich verbrachte den Nachmittag selbander im Wald". Ich finde, das erzählt auch noch ein bisschen was anderes als: zu zweit. Und Leonardo zeigt Anna mit ihrer Tochter Maria und ihrem Enkelkind Jesus in dem Gemälde mit dem Titel "Anna selbdritt".

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    1. http://www.planetlyrik.de/lyrikkalender/paul-celans-gedicht-selbdritt-selbviert/

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    2. Eva-Maria Otte12. Mai 2023 um 09:42

      Dankeschön für diese feine Entdeckung!

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