Freitag, 15. Mai 2020

Das C-Wort XIX - Unnormal Normal oder Normal Unnormal

Tagesablauf: 

Der Koffer ist gepackt und enthält (Ein erstes Mal!) Desinfektionsmittel, meinen antiken DDR-Impfausweis und eine kleine Sammlung von Gesichtsmasken.

Um 5 Uhr klingelt der Wecker, dann schnell zum Bahnhof für den Zug um 6.40 Uhr nach Bremen via Hamburg. (Meine erste Zugfahrt in acht Wochen.). Der Zug ist merkwürdig leer, die Maske über drei Stunden erträglich.

(Um 11.00 Uhr bin ich im Theater, zum ersten Mal in acht Wochen). Ein gutaussehender Amtsarzt verkleidet sich in einen langen grünen Kittel und Mundschutz plus Plastikvisier und nimmt uns allen einen Corona-Abstrich ab. 10 cm in die Nase geht bei mir gar nicht, ein zweiter Versuch im Rachen klappt. Die Ergebnisse bekommen wir morgen. Wenn nur einer von uns positiv testet ... 14 Tage Quarantäne?

Dann verpasst mir der hübsche Arzt eine Pneumokokkenimpfung für den Fall des Falles. Nur ein kleiner Pieks, erst am Abend wird der Arm schmerzen.

Um 12.00 Uhr ist dann richtiger Probenbeginn. (Der ersten Probe in acht Wochen.) Die Spieler legen ihre Gesichtsschilde aus Plastik an. (Alice fiel in den Brunnen und durch den Spiegel.) Ihre Visiere spiegeln die Neonröhren des Arbeitslichtes, jede Kopfbewegung erzeugt ein kleines glitzerndes, funkelndes Feuerwerk über ihren Gesichtern. 

Um 14.00 Uhr folgt ein gemeinsam vereinzeltes Mittaggessen an von einander entfernten Tischen. Es schmeckt, wie immer, großartig. (Mit so vielen Leuten war seit acht Wochen nicht mehr in einem Raum - Maske auf, Maske ab, Hände desinfizieren.) Essen mit Maske geht nicht.

Um 15.00 Uhr folgt mein Einzug in die Theaterwohnung. Danach noch schnell der Einkauf des Nötigsten - Kaffee, Milch, blabla. (Die letzten acht Wochen habe ich jeden Tag gekocht, das werde ich jetzt in der fremden Küche erstmal nicht mehr können.)

Um 19.00 Uhr Abendprobe - was passiert mit dem Erarbeiteten unter den neuen, irren Bedingungen? Unser Stück spielt in der Hölle, also hätten die Figuren keinen Grund sich vor einem Virus zu fürchten. (Aber die Schauspieler haben einen.)

Hinter ihren Visieren klingen die Stimmen anders, wie aus zu kleinen Tonstudios oder wie aus einer Plastiktonne. Der Stirnreif drückt, die Schilde verändern die Sicht, manchmal sieht man das eigene Spiegelbild. (Gibt es entspiegelte Plastikfolie?) Es ist anstrengend. Kopfschmerzen. Instinktive Reaktionen ohne Sicherheitsgedanken sind erstmal nicht möglich. Jede Stunde lüften wir, um die Aerosolhäufungen wegzublasen. 

Die "Metaebene" unseres Stückes ist die neue deutsche Rechte, die sich gerade in die aus Verunsicherung und Denkfaulheit geborene Querfronten einparkt, Corona schützt uns nicht vor faschistoide Gedankenwelten.

Jetzt, um 24 Uhr, bin ich knülle.

 © Bild: cover-covid
 

2 Kommentare:

  1. Vielleicht fürchtet man in der Hölle kein Virus. Aber vielleicht fürchtet man Feuer?
    Und Feuerwehrleute tragen das: https://www.istockphoto.com/de/foto/feuerwehrhelm-gm182777243-13121213
    Just saying...

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  2. Nach der ersten Probe mit den Visiren gestern Abend dachte ich, es kommt mir so vor, als wären wir alle immer noch zuhause online hinter einer "Mattscheibe" (die Dinger sind tatsächlich schnell matt, weil innen vollgesprenkelt mit den Tröpchen der eigenen Aussprache). Das neue Normal. Hinter Scheiben. Ich mache Theater, weil ich das sinnliche Erleben dieser Begegnung liebe. Davon geht viel verloren im ersten Eindruck, als Spieler. Es ist dumpf, matt und distanziert - dazu sind die Dinger ja da. Distanz kann ja die Spannung sehr vergrössern auf der Bühne, diese Distanz ist anders. Sie fühlt sich nicht spannungsreicher an. Es ist auch wie Maskenspiel. Jede Kopfbewegung bedarf wohlgeführter Sorgfalt und, zielgerichtet eingesetzt, vergrössern die Teile die Bewegung. Es ist anders, sehr anders. Plastik is the new sinnlich. Oder so. Ich stelle mich der neuen Herausforderung. Ich will nicht rumjammern. Wir suchen konstruktiv danach, wie das jetzt gehen könnte. Die Proben abzubrechen war hart, traurig, schmerzhaft aber richtig. Wir haben diese Entscheidung früh und gemeinsam getroffen. Als wir uns das erste Mal auf Zoom getroffen haben, war das ein Moment der Freude, alle wiederzusehen. Inzwischen habe ich die erste Party per Zoom gefeiert. Wenn mir jemand gesagt hätte, daß das möglich ist, als ich zwanzig war - ich hätte es mir nicht vorstellen können. Jetzt proben wir wieder und alles ist sehr sehr anders. Auch das ist schmerzhaft - das bereits Erarbeitete, Gelebte, auf diese Weise zu erfahren. Aber es ist auch gut, und tut gut, sich dem zu stellen, eine neue Spielweise zu suchen.

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