Samstag, 11. August 2018

New York - Splitter

Wäre ich 25 und ohne familiäre Bindungen würde ich sofort New Yorker werden wollen.

In Tegel am Sicherheitscheck steht vor uns ein solcher New Yorker, er ist hin und her gerissen:  "Ich will hierbleiben, ich hasse Trump, ich habe Heimweh."

Acht Stunden später am Flughafen in New York landet etwa gleichzeitig mit uns eine Maschine aus Tel Aviv, Männer mit pelzbesetzten Hüten, Frauen mit unkleidsamen Perücken und zu warmer Kleidung für 31 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit warten mit uns auf ihr Gepäck. Ich werde ihnen hier immer wieder begenen, sie sind ein Teil dieser Stadt, kein Exotikum wie in Berlin. Zu Präsidentenwahlen kommen in Isael lebende amerikanische Juden mit billigen Flügen in großer Zahl, um ihre meist konservativen Stimmen abzugeben. 

In Brooklyn hat mir mal eine fromme Frau vor Jahren auf die Füße gespuckt, weil ich im Hochsommer meine Ärmel über die Ellbogen hochgezogen hatte. Meine Schwester stotterte entsetzt: "Die bauen sich ein Ghetto, auch wenn man sie nicht hineinzwingt." Ich rate jedem dazu, den Roman "Unortodox" von Deborah Feldman zu lesen, denn die Gründe für diese Einkapselung sind so tragisch, wie sie furchtbar sind.

New York. Auch das, was ich nicht kenne, kenne ich aus Filmen, Filmen über die Mafia, über Law and Order, aus dünnen Komödien und Diamanten der Cinematographie. In meinem Filmgedächtnis bin ich eigentlich schon immer Bewohner dieser Stadt, von Hell's Kitchen bis zur Upper East Side, von Soho bis Harlem. Sinatra hat hier gesungen und Duke Ellington gejazzt, De Niro geboxt, Barbra Streisand geliebt. Al Pacino, Sarah Jessica Parker, Godzilla, King Kong, die Ghost Busters, Marilyn Monroe, Jane Fonda, Andy Warhol, Basquiat, Madonna, Rosemary's Baby, Denzel Washington, Woody Allen und Diane Keaton - die Liste ist wirklich nahezu unendlich - sie alle und die Bilder, die sie bevölkern, sind mein imaginäres New York.
"If you can make it there, you make it anywhere."

https://de.wikipedia.org/wiki/Manhattan

Mit einem Schiff der Circle Line fahren wir um die Insel Manhattan, einen der fünf New Yorker Bezirke, auf dem Hudson, dem East River, dem Harlem River, um 59,5 Quadratkilometer Landfläche herum. Der Tourkommentator benennt weltbekannte Orte, irrwitzige Mietpreise, Filmtitel, Celebreties, immer wieder taucht das tiefsitzende Trauma von 9/11 auf, immer wieder die Opfer und Leistungen amerikanischer Soldaten in weitentfernten Kriegen. Vom Wasser aus kann man am Ufer hie und da noch den harten Granit sehen auf dem das ungeheure Konstrukt gebaut wurde.

In einem monströs gigantischen Laden für jugendliche Bekleidung stehe ich, auf die Lieblingsnichte wartend, neben zwei exotisch aussehende Mädchen im intensiven Austausch auf - - - schwyzerdeutsch, daneben nölen sich zwei Chinesen in tiefstem New Yorker Dialekt an, eine Familie wechselt blitzschnll vom Russischen ins Englische, überhaupt viel Russisch, Hebräisch, Deutsch, Japanisch ist zu hören, und natürlich Englisch in jedweder Färbung, manchmal so versungen, dass es kaum noch als Englisch zu erkennen ist. Und alle schreien irgendwie, in Berlin habe ich das Gefühl, dass unsere Nicht-Weißen Mitbürger sich eher leiser verhalten, vorsichtiger. Natürlich mir Ausnahme pubertierender Deutschtürken.

Der Times Square, vor Jahren dreckig und bevölkert von Huren, Zuhältern, Kleinganoven und ihrem Zielpublikum, den Touristen, hat sich in ein geldgeiles Panoptikum von Werbung und Broadway-Show-Karten-Dealern verwandelt.







Karten für Bette Midler in "Hello Dolly" können bis zu 1300 $ kosten. Unter 90 $ geht gar nichts. "Hamilton" ist nach wie vor ausgebucht bis zum Sanktnimmerleinstag.

New Yorker sprechen mehr und lauter als Berliner, scheint mir, ich komme leichter ins Gespräch mit Unbekannten. Meine Neigung wildfremde Leute anzuquatschen, wird hier als normal angesehen, gefällt mir, in Berlin schlägt mir da schnell Irritation, Mißtrauen entgegen.

Am Times Square halbnackte Mädchen, die Brüste mit dem Star-Spangled Banner bemalt, auf den Köpfen klägliche Nachahmungen indianischen Federschmucks. Wenn das mal kein kultureller Übergriff ist.


Diese Hot-Dog-Stände sind im Besitz von schwerbeschädigten US Kriegsveteranen

Eine junge Tanzende, der ich ein Kompliment zu ihren "moves" mache, ruft ihrer Freundin begeistert zu: "I love old people!"

Am Ufer des Hudson, direkt neben Pier 83, da wo die Circle Line ablegt, ein haushohes Poster:
 

COP-SHOT 
$ 10,000 CASH REWARD 
For information leading to the arrest and conviction 
of anyone shooting a NYC Police Officer


Frauen sind entweder New York - dünn, was heißt trendig hagermager und Gym-gestählt, oder fett. Nix dazwischen. Männer tragen traurige Bäuche oder stolzieren mit halsverkürzenden Muskelpaketen und surrealen Six-packs.


Auf einem öffentlichen Mülleimer: 
Wenn die Rechte von Immigranten verwehrt werden
Sind die Rechte der Bürger in Gefahr.

Als New Yorker muß man für den Eintritt ins Metropolitan Museum nur so viel bezahlen, wie man sich leisten kann. Großartig. Dazu demnächst mehr.

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