Montag, 4. Juni 2018

Was ist Sünde?

Was ist Sünde?
Da fragt mich ein alter, geliebter Freund tief in der Nacht:  
Was ist das für Dich, Sünde? 
Sünde?
Ein gewaltiges Wort, dass ich meist nur verniedlicht verwende. Ich sündige, wenn ich einen riesigen Eisbecher esse, zu viel trinke oder rauche. Petitessen.
Sünde?
Ich übersetze es mir mit 'Schaden zufügen', aber Wiki sagt: Der griechische Ausdruck
μαρτία (hamartia) des Neuen Testaments und das hebräische Wort chata’a oder chat'at (חַטָּאָה/חַטָּ֣את) des Tanach bedeuten Verfehlen eines Ziels – konkret und im übertragenen Sinn, also Verfehlung – und werden in deutschen Bibelübersetzungen mit Sünde wiedergegeben.
Es wird also, per definitionem, vorausgesetzt, wir wollen sündenfrei & rein sein und verfehlen unser Ziel, machen uns mancher Verfehlung schuldig. Wir verfehlen das Ziel um Haaresbreite, oder um Kilometer.
Nach der Auslegung des Tanach werden drei Formen der Sünde unterschieden:
Pesha oder Mered: Absichtlich begangene Sünde, in bewusster Auflehnung gegen Gott.
Avon: Emotional begangene Sünde, bewusst, aber nicht in Auflehnung gegen Gott.
Chet: Unbeabsichtigte Sünde
Boah! Ist das eine komplizierte Frage, besonders da ich als radikalisierter Atheist keinen gesicherten theologischen Rahmen für eine Antwort habe. Immer muß ich selber denken.
Ach, wär ich doch ein Huhn. Nee.
Die zehn Gebote helfen mir wenig. Eins bis drei, interessieren mich, da ungläubig, gar nicht. Die Sabbathruhe ist für mich eher eine gewerkschaftliche Frage. Ehre Deinen Vater und eine Mutter kommt auf die jeweiligen Personen an, meine waren ehrenwert. Du sollst nicht morden. Wenn jemand mein Stief-Kind verletzen würde, oder die Lieblingsnichte, fände ich es durchaus rechtens den Schuldigen mittels Gewalt zu strafen. Ehebrechen? Kompliziert. Das eine Mal wo es mir ernst war, habe ich nicht ehebrechen wollen. Nicht stehlen. Wenn die Not groß genug wäre, würde ich alles mitgehen lassen, was nicht niet und nagelfest wäre. Nicht falsch gegen meinen Nächsten aussagen, lügen? Manchmal notwendig, selten entschuldbar. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört. Eigentumsfragen sind ein sehr kapitalistisches Problem, oder?
Der Mensch ist gar nicht gut
Drum hau ihn auf den Hut.
Hast du ihm auf dem Hut gehaun
Dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht gut genug
Darum haut ihm eben
Ruhig auf den Hut!
b.b.
Sünde?
Ist das ein für mich relevantes Wort? 
Ja. 
Ich sündige, wenn ich unnötig hinter meinen eigenen grundsätzlichen Erwartungen zurückbleibe, weniger tue, als ich könnte, anderen gegenüber unachtsam bin oder mich vor notwendigen Auseinandersetzungen drücke. Wenn ich nicht einschreite, wenn es nötig ist, wenn mir meine Ruhe wichtiger ist, als eine nötige Reaktion, nur weil sie mir unangenehme, für mich unvorteilhafte Folgen hätte. 
Was ist das für Dich, Sünde?  
Das, was ich tue, von dem ich weiß, dass es falsch ist, dass es nicht dem entspricht, was anständig, nützlich, erforderlich wäre, dass ich tue, weil ich zu feig, zu schwach, zu faul, zu uninteressiert, zu gierig bin, um es zu unterlassen.
Ich weiß, was das Richtige ist, aber tue das Andere. 
Meine Ausreden klingen vielleicht überzeugend, sind aber nur Ausreden, Täuschungen, manchmal Selbsttäuschungen.
Wie leicht ich es mir in der Sünde gemütlich machen kann.
Auch etwas zu unterlassen, kann Sünde sein. Die Gründe siehe oben.

Was ist das für Dich, Sünde?
Den Anderen nicht mitbedenken? Ihn mißachten?
Ohne Not, wissentlich jemandem, auch mir selbst, Schaden zufügen?
Freundlichkeit, Verständnis, Hilfe unterlassen?
Nicht zuzuhören, wenn Zuhören Hilfe wäre?
Meine Mama hat mir, Gott sei Dank, wenige weise Sprüche mitgegeben. Aber einen entscheidenden: Was immer zwei, drei oder mehr Menschen miteinander tun, bei dem alle Beteiligten wissend & einverstanden sind, kann nicht Sünde sein.
Ergo: Einverständnis nicht erfragen. 
Wenn Mißbrauch, Folter, Psychose oder Dummheit nicht unsere Sinne abgestumpft haben, ist Sünde oft mit einem diffusen Gefühl von Scham verbunden.

Todsünde ist alles Böse, Schädliche das wir Kindern antun. Und Hochmut ist auch Todsünde. Anmaßung. „Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Spr 16,18 EU). Freiheit von Zweifel führt manchesmal zum Hochmut.
Mich selbst lieben, wie meinen Nächsten. Harte Arbeit. 




Kommentare:

  1. Ich betreibe mal ein wenig Volksetymologie: im Englischen heißt ‚Sünde‘ ‚sin‘. Das erinnert an das deutsche ‚Sinn‘. ‚Sinnen‘ wiederum bedeutet, eine Reise machen, ein Ziel anstreben. Insofern paßt die Definition von ‚Sünde‘ als ‚Verfehlen eines Ziels‘, als ‚vom Weg abkommen‘.

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  2. Da fällt mir noch was ein: In katholischen Gebetsbüchern befinden sich Beichtspiegel, die Kindern, wenn sie zur Beichte gehen sollen und noch nicht so recht wissen, was sie beichten sollen, weil sie auch nicht wissen, was das ist, eine Sünde, ein Liste von in Frage kommenden Sünden anbieten, an denen sie sich orientieren können. So werden kleine Kinder origineller Weise durch die liebevolle Handreichung der Kirche vom Stand der Unschuld in den Stand der Sünde versetzt. :-)

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