Samstag, 19. Mai 2018

Woyzeck von Ulrich Rasche beim Theatertreffen

Es is viel möglich. Der Mensch! Es is viel möglich. – Wir haben schön Wetter, hh. Sehn Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein' Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, nur wegen des Gedankenstriches zwischen Ja und wieder Ja – und Nein. hh, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will darüber nachdenken.

Ein toller Abend, den ich nach der Pause nicht mehr weitersehen wollte.
War es ein Oratorium? Eine Oper? Tanztheater? Post-Futuristisches Maschinentheater? Eine poetische Reanimation von "Stomp"? Ein bisschen von alledem.
Irrwitziger Widerspruch: Im Programmheft beschreibt Rasche die Ausgangsposition Woyzecks als hell, er sei zufrieden in seiner üblen Lebenssituation, bis ihm sein Ankerpunkt, seine Liebe und sein Kind genommen werden. Aber auf der Bühne sehe ich ab Minute eins eine panische Kreatur. 
Monika Roschers Musik ist durchkomponiert, rhytmisch und bestimmt letztendlich im Pas de deux mit der gewaltigen schrägen Drehbühne das Bühnengeschehen. Die Sprechweise ist für alle Spieler vorgegeben, sicher auch um neben/auf der Musik zu bestehen. Die Worte, Sätze werden gedehnt, synkopiert. Den Partner anzusehen, scheint verboten. Und, um die Position für eine Szene zu erreichen und zu halten und wieder zu verlassen, muß gelaufen werden, ohne Unterlaß. Manche nutzen das für eine spezifische Körperlichkeit ihrer Figur, manche kämpfen damit, den Takt zu halten.




Quelle: Sandra Then

Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.  

Die erste Stunde überwältigten die Bilder mich im besten Sinn, dann war mir das Prinzip klar und ich sehnte mich nach einer Minute ohne Musik oder ohne Drehung oder danach, dass mal jemand einfach nur einen Satz direkt zu jemand anderem sagt. Die Chöre sind beeindruckend. 
Es ist einfach von allem zu viel. Immer auf Wirkung gedacht, ohne Leerstelle, ohne Haspler, Zufälligkeit. Mit wahnsinniger Disziplin läuft der Abend wie eine Riesenuhr.

Schwierig. Solche Energie, aber auch Krampf, Dampf. Machogeprotze. Die Bühnenmaschinerie, das Stampfen, das ständige laute Rufen der Worte, die schwarzen martialischen Kostüme mit den suichtbaren Sicherheitsgurten, die Anspannung in den Körpern auf der Schräge ergibt eine irritierende Wirkung von Militanz, exerzierende Soldaten, in Reih und Glied. Masse. Schleef kommt mir in den Kopf, aber er hat seine Chöre mit Spielszenen abgewechselt. 

Ich bin ein Mann! – Ein Mann, sag' ich. Wer will was? Wer kein besoffner Herrgott ist, der laß sich von mir. Ich will ihn die Nas ins Arschloch prügeln! Du Kerl, sauf! Ich wollt' die Welt wär' Schnaps, Schnaps – der Mann muß saufen! – Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehn und sie um den Leib herumwickeln? Soll ich dir noch so viel Atem lassen als 'en Altweiberfurz, soll ich? Der Kerl soll dunkelblau pfeifen.
Branndewein, das ist mein Leben;
Branndwein gibt Courage!

Die schönste Szene: Marie und der Tambourmajor, erotisch und verspielt. Die beiden haben es geschafft im Artifiziellen Figuren zu erschaffen mit eigener Beweglichkeit und Denkhaltung. Sehr schön. 

Kommentare:

  1. Ich finde es schwierig eine Kritik zu veröffentlichen, wenn man einen Abend nicht bis zum Schluss gesehen hat.

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    1. Das ist schwierig, da haben Sie Herr oder Frau Anonym, recht. Aber erstens habe ich klar benannt, dass ich nur über die ersten Zweidrittel gesehen habe und zweitens ist dies keine Kritik im professionellen Sinne, sondern mein persönlicher Eindruck für meinen Blog, meinen Denkspielplatz. Niemand bezahlt mich, niemand muß lesen, geschweige denn, mich ernst nehmen.

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  2. Florian Leiffheidt schrieb:
    "Die erste Stunde überwältigten die Bilder mich im besten Sinn, dann war mir das Prinzip klar und ich sehnte mich nach einer Minute ohne Musik oder ohne Drehung oder danach, dass mal jemand einfach nur einen Satz direkt zu jemand anderem sagt. Die Chöre sind beeindruckend.
    Es ist einfach von allem zu viel. Immer auf Wirkung gedacht, ohne Leerstelle, ohne Haspler, Zufälligkeit. Mit wahnsinniger Disziplin läuft der Abend wie eine Riesenuhr."

    Genau so erging es mir auch (in verstärkter Form) bei Rasches Inszenierung der RÄUBER von Schiller - ja, der Effekt, ja, die Maschinerie, ja, das Bühnenbild - aber es erklärt sich allzuschnell und es stellt sich dann die Frage ein: Was nun?

    Donald Berkenhoff schrieb:
    Ich finde, dieses Uhrwerk, die nicht zu beeinflussende Disziplin, das Macho-Gehabe, all das ist es, was diese Figur tötet. Da läuft eine Tötungmaschine. Das ist wie Kafka. Und ich finde es groß!

    Florian Leiffheidt schrieb:
    aber was nützt diese maschine(rie), wenn sie sich bereits nach 20 oder 30, spätestens aber nach 30 minuten völlig von und (und das ist das traurige) vor allem durch sich selbst erklärt? ja, wir erkennen, wofür die mittel stehen sollen. ja, wir wissen, worauf es hinauslaufen wird. wir wissen, wir ahnen, wir ahnen, was wir wissen und eben dieses gewusst-geahnte tritt ein.

    keine faszination. keine überraschung. und durch das fehlen eben dieser beiden bleibt auch das große faszinosum ebenso aus wie spannung ob der inszenierungsideen.

    wenn mittel nach einer gewissen zeit sich selbst durch und durch zu erklären im stande scheinen, ist dann nicht auch das zu erzählende erschöpft, da jede*r zu ahnen, zu wissen glaubt, wie die fabel ausgehen, die handlung enden, die katastrophe aussehen wird?

    Michaela Misha Nabjinsky schrieb:
    Ich fand es grandios. Leben is so. Weißt Du doch.

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