Donnerstag, 15. Februar 2018

Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.

Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich.

Matthäus 12,30

ODER

Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.

Markus 9,40

Mit 14 war ich eine dumme Stalinistin, geschützt, verwöhnt, ahnungslos. Gute, wirklich gute Freunde haben mir geholfen, während ich lamentierte und diskutierte, klüger zu werden. Heute würde das wohl heißen, sie haben mir klargemacht, dass ich weiß, heterosexuell und privilegiert war. Eine harte Zeit, aber sie haben sich gut um mich gekümmert. Danke.

Der letzte Satz der Beurteilung auf meinem Abiturzeugnis lautete dann so ähnlich wie: "Ihr Klassenstandpunkt läßt zu wünschen übrig." Vor diesem Satz lagen unzählige Entweder/Oder Gespräche zwischen mir und verschiedenen Lehrern, FDJ-Vertretern und der Schul-Parteisekretärin mit dem Grundtenor von: Bist Du nun für den Sozialismus oder nicht?

Eine prägende Erfahrung. Seitdem suche ich bewußt das Aber, das Weder/Noch, das Vielleicht, das Manchmal, das Auch, die Grauzonen.

Und jetzt habe ich den Eindruck, dass ich in Gesprächen, auf Facebook und hier auf dem Blog wieder in Diskussionen gerate, in denen ich auf eine ominöse Parteilinie gebracht werden soll. Wobei Partei, hier für einen Hashtag steht. Es reicht nicht, dass ich grundsätzlich der gleichen Meinung bin, nein, ich soll ohne Widerspruch, jeden Teil der spezifischen Sicht auf die Welt akzeptieren.

Aber das kann ich nicht. Das will ich nicht.

Es wiederholen sich "realsozialistische" Argumentationsmuster, Zitate werden gebraucht, nur sind sie leicht verändert, zwischen eins und zwei gibt es kein eineinhalb, Antworten auf unbeantwortbare Fragen werden zu Gewissensentscheidungen deklariert. Mein Bestreben absolute Wahrheiten in Frage zu stellen, wird zur dem "Feind" dienenden und darum gefährlichen Unentschiedenheit umgedeutet. Schuldgefühle werden auf übelste Weise erpresserisch provoziert und mir dann liebevoll unterstellt, dass meine vorgebrachten Argumente meiner sonst durchaus vorhandenen Intelligenz unwürdig seien.

Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass jede Gewißheit den Zweifel benötigt, um sie lebbar zu machen, und sie vor der Versteinerung in Ideologie zu bewahren?

Der Kampf gegen Machtmißbrauch ist ein großer, wichtiger, gesamtgesellschaftlicher Kampf, er bedarf dringend des Infragestellens, der ganzen Härte jeden Zweifels, nur dann kann er erfolgreich sein.


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Ein ganz wunderbares Interview mit der Romanistin Barbara Vinken, die viel besser als ich, den konfliktgeladene Bereich zwischen Machtmißbrauch und Eros beschreiben kann:

Für den Kampf gegen Machtmissbrauch und Demütigung ist "Me Too" wichtig. Aber wir müssen auch für eine Kultur der Verführung, für die Kunst der Libertinage, für die Freiheit der Liebe kämpfen.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/barbara-vinken-ueber-metoo-fuer-die-freiheit-der-liebe-kaempfen-1.3845203

LOB DES ZWEIFELS

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.
Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

Schönster aller Zweifel aber
Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und
An die Stärke ihrer Unterdrücker
Nicht mehr glauben!
Oh, wie war doch der Lehrsatz mühsam erkämpft!
Was hat er an Opfern gekostet!
Daß dies so ist und nicht etwa so
Wie schwer war’s zu sehen doch!

Und dann mag es geschehn, dass ein Argwohn entsteht.
Denn neue Erfahrung
Bringt den Satz in Verdacht. Der Zweifel erhebt sich.
Und eines Tages streicht ein Mensch
Im Merkbuch des Wissens
Bedächtig den Satz durch.

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!
Was hilft zweifeln können dem
Der nicht sich entschließen kann!
Falsch mag handeln
Der sich mit zu wenigen Gründen begnügt
Aber untätig bleibt in der Gefahr
Der zu viele braucht.

Du, der du ein Führer bist, vergiß nicht
Daß du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!

Bertolt Brecht

Die Reid-Methode ist eine Vernehmungsmethode zur Befragung von Personen, die einer Straftat verdächtigt werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reid-Methode

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei - die Partei - die Partei.

Wiki schreibt:

Text und Musik wurden 1949 von dem Deutschböhmen Louis Fürnberg (1909–1957) verfasst, welcher als überzeugter Kommunist 1928 in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eingetreten war. Auch wenn das Lied als Lobeshymne Verbreitung fand, besonders in der DDR, so war der konkrete Anlass für das Lied gegenteiliger Natur. Fürnberg, der sich zu jener Zeit in Prag aufhielt, wurde 1949 erstmals nicht zum Parteitag der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei eingeladen, was ihn tief kränkte. Wie seine Witwe Lotte Fürnberg 2001 ausführte, schrieb er das Lied, um sich selbst wieder zur Ordnung zu rufen. "Er schrieb es, um die Kränkung vor sich selbst zu rechtfertigen."

Kommentare:

  1. Der Link zu Barbara Vinken ist leider für einen Nicht-Abonnenten nicht zugänglich.

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  2. Heiko Senst schrieb:
    Schopenhauer: (aus 38 rhetorische Strategeme dafür, in einer Diskussion als derjenige zu erscheinen, der im Recht ist) Eristik - die Kunst, Recht zu behalten - ist auf die menschliche Eitelkeit zurückzuführen. Dem Gesprächspartner selbst bei objektiv wahren Äußerungen zuzustimmen, würde unser Ego nicht verkraften. Befürchtet man, in einer Diskussion geschlagen zu werden, rät Schopenhauer zu einer geschickten Verschiebung der Streitfrage. Durch geistesgegenwärtiges Ablenken von der eigentlichen Frage, eloquentes Verallgemeinern und originelles Übertreiben lässt sich so mancher ordentlich den Wind aus den Segeln nehmen. Findet sich auf die Schnelle kein geeignetes Thema, wird der Gegner selbst zum Streitgegenstand. Letzter Kunstgriff: persönlich beleidigend werden. (R.Gottl in Freitag 6/18)

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  3. Und er schrieb auch:
    2.: Roberto Simanowski (Literatur- und Medienwissenschaftler) Bedenken First: Die Digitalisierung führt durch immer intensivere Ablenkungs- und Filtermechanismen zum Niedergang des Reflexionsvermögens und der politischen Diskussionskultur. (...) Die Schule muss zu problemsensiblem Denken erziehen, wenn sie Grundlagen der Zivilgesellschaft langristig sichern will. (...) wir sollten vermeiden, mit dualistischen Begriffen ein komplexes Thema auf einfache Antworten zu reduzieren. In den Digital Humanities ist viel die Rede vom ¨Ende der Kritik¨ und von der Ethik des Machens¨ Ich plädiere dafür, am Gestus der Kritik im Sinne Foucaults festzuhalten: als einer Tugend des Misstrauens, die im Selbstverständlichen das Nicht-Zwangsläufige aufdeckt. (Freitag 6/18)

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  4. Mein Professor in Erfurt, ehemaliger innerer Dissident (‚Lieber fünf Minuten rot als ein Leben lang tot!“), für den ich, einziger ‚Wessi‘ unter lauter ‚Ossis‘, in den Neunziger und Nuller Jahren als wissenschaftlicher Assistent arbeitete, zitierte gerne immer wieder mal Makarenko: „Das Kollketiv ist der Turnsaal des Individuums.“ Diesen Spruch fand ich sinngemäß bei meiner Lektüre von Helmuth Plessner wieder. In „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924) bezeichnete Plessner die Gesellschaft als eine Bühne, auf der die Menschen durch ein Rollen- und Maskenspiel ihre Individualität entdecken und verwirklichen können.

    Plessner unterschied dabei scharf zwischen ‚Gemeinschaft‘ und ‚Gesellschaft‘. Die Gemeinschaft vereinnahmt die Individuen auf so totale bis totalitäre Weise, daß diese keine Chance haben, sich ihr gegenüber zu behaupten. Plessner richtete sich mit diesem Gemeinschaftsbegriff gegen die verschiedenen ‚Bewegungen‘ von extrem links bis extrem rechts. In diesen Bewegungen gab es nur schwarzweiß und keine Grautöne, nur ‚Freunde‘ und ‚Feinde‘ und nichts dazwischen.

    Die Gesellschaft hingegen interessiert sich Plessner zufolge nicht für die Gesinnung ihrer Mitglieder. Sie interessiert sich nur für ihre Rolle, für ihre Funktion. Dabei können dieselben Individuen die verschiedensten Rollen bzw. Funktionen übernehmen und so die Identität wechseln, ohne daß sie dafür sanktioniert werden. Hauptsache sie spielen ihre Rollen. Niemand nimmt ihnen das übel.

    Plessner hat auch einen kleinen Essay über die Anthropologie des Schauspielers geschrieben. Da geht es im engeren Sinne um den Perspektivenwechsel zwischen Bühne und Zuschauerraum. Sehr lesenswert.

    https://erkenntnisethik.blogspot.de/search?q=Anthropologie+des+Schauspielers

    Es ist diese Art der Freiheit, die die Gesellschaft gewährt, die durch Gemeinschaftsbildungen aller Art gefährdet wird.

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