Sonntag, 18. Februar 2018

DER SEIDENE FADEN - BDSM VOM FEINSTEN

Steven Shainberg hat den einzig mir bekannten Film dreht, der explizit BDSM zum Thema hat. 'Secretary' ist der Titel des Originals, 'Secretary - Womit kann ich dienen?' die erklärende Anleitung für den hilfsbedürftigen deutschen Zuschauer. 
Ein ganz wunderbarer Film, ja, eine der heitersten und zärtlichesten Liebesgeschichten, die ich kenne. James Spader und Maggie Gyllenhaal spielen ihre Figuren hinreißend und schräg und tragikkomisch, was wohl die schwerste theatralische Form ist. Ich kichere und mein Herz ist voll. 
Eine Frau mit kraftvoller Sehnsucht nach Unterwerfung und emotional autistischer Mann treffen aufeinander, die Frau erkämpft sich ihre erwünschte Form der Beziehung gegen den panischen Widerstand des Mannes. 'Das Käthchen von Heilbronn' erzählt auch solch ein Muster. Unterwerfung aus Stärke verlangt vom erwählten Anderen den höchsten Einsatz, nämlich Sorgsamkeit, Nähe, Vertrauen und Verläßlichkeit. 'Mein hoher Herr!'

Heute abend 'Der Seidene Faden', eine ähnliche Geschichte, aber vorsichtiger und stilisierter. Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps in einem Film von Paul Thomas Anderson, über einen manischen, egozentrischen Couturier in den Fünfziger Jahren des britischen Empires.

Der bekannte Schneider Reynolds Woodcock und seine Schwester Cyril betreiben gemeinsam The House of Woodcock und entwerfen Mode für die Mitglieder der High Society und der königlichen Familie. Zu ihren Kunden gehören Erben, Filmstars und andere Prominente. Die Frauen kommen und gehen durch das Leben von Reynolds, doch sie inspirieren den eingefleischten Junggesellen auch und halten seine Kreativität aufrecht. Eines Tages macht er die Bekanntschaft der jungen Alma, die bald zu seiner Muse und Geliebten wird. Sein sonst so kontrolliertes und durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen. So beschreibt es Wiki.

Warum sich Herr Day-Lewis gerade diesen Film als seinen letzten erwählt hat, weiß ich nicht. Der Film ist ok, gelegentlich langatmig, manchmal etwas zu selbstgewiß, aber keineswegs öde. Eine Erleuchtung ist er nicht.
'My Left Foot', 'Mein Wundervoller Waschsalon', 'Gangs Of New York' - die Latte liegt hoch. Irgendwie bleibt der Eindruck, dass sensationell gute Schauspieler, an einem gefährlichen Punkt ihrer Karriere beginnen an das eigene Genie zu glauben, Ryan Gosling ist auch solch ein Fall, und dann spielen sie nicht mehr, das was ihr Bauch verlangt, sondern, dass was sie glauben, spielen zu müssen. Sie nehmen sich selbst zu ernst, verlieren ihre kindliche Spielfreude und gestalten, was das Zeug hält. Schade.


Kaimin - die Vagina Perücke - Photo: Albert Urso/Getty

Kommentare:

  1. Sie schreiben: "emotioal autistischer Mann".
    Ich kann nicht genau erkennen, ob Sie "autistisch" in diesem Zusammenhang fehlerhaft oder wohlüberlegt anwenden und möchte deswegen etwas dazu schreiben.
    "Autistisch" wird oftmals synonym dafür verwendet, dass jemand sich emotional zurückgenommen, reduziert verhält oder sich im Ausdruck seiner Emotionalität abseits eines von der menschlichen Mehrheit erwarteten Normsprektrums der Interaktion bewegt.
    Dem zugrunde liegt die verbreitete Annahme, dass Autisten weniger Gefühle wahrnehmen und zu weniger Gefühl fähig sind als neurotypische Mitmenschen.

    Es ist generell sehr schwer verallgemeinernde Aussagen für Autismus zu treffen, denn Autismus ist ein Spektrum und in seinen Ausprägungen verwirrend vielseitig. Generell kann aber gesagt werden, dass Autisten die Welt nicht weniger stark empfinden - wohlaber anders.
    Das oftmals dabei auftauchende Problem ist die Reizdichte der zu verarbeitenden und von der Umwelt bereitgestellten Informationen.
    Während neurotypische Menschen über eine "eingebaute" Reizfilterung verfügen, die sowohl Anzahl als auch Bedeutung der umgebenden Informationen vorsortiert ist diese Fähigkeit bei Autisten je nach Ausprägung weniger stark angelegt.
    Man könnte also sagen, dass das grundlegende Problem eines Autisten mit seiner Umwelt in hohem Maße darin besteht, dass er zuviel wahrnimmt, zu gleichwertig bedeutsam wahrnimmt.

    In diesem Zusammenhang stellen emotional hochbesetzte Interaktionen wie Liebe und/oder Erotik einen besonderen Schwierigkeitsgrad dar - letzteres vorallem zudem dadurch, dass Körperlichkeit und Berührung eine sinnhafte Informationsdichte herstellen - zusätzlich.

    Für Menschen, deren intuitive Verarbeitung reduziert funktioniert, entstehen daraus hochverwirrende Gemengelagen des zwischenmenschlichen Miteinanders.
    In Foren gibt es hochinteressante Diskussionen zwischen Menschen mit Autismus darüber, ob daraus eine Disposition für BDSM resultiert.
    Denn das setting ist für Autisten angenehm. Es greift ordnend in die chaotische Impulssituation ein und verteilt Aktion und Reaktion in klaren Rollen. Es schafft eine maximal mögliche Kontrolle und damit die beste Möglichkeit die Impulse und Eindrücke zu verlangsamen, zu lenken und in eine verarbeitbare Form zu überführen.
    Regeln, Rituale und Formen sind für Autisten helfend. Sie erschaffen eine Vorhersehbarkeit, die an die Stelle von Intuition treten kann und werden als angenehm empfunden.
    Zudem... Autismus geht oft einher mit einer zu neurotypischen Menschen veränderten sensorischen Wahrnehmung... beispielsweise gegenüber Geräuschen, Farben, Licht, aber auch Berührungen. Dabei kommt sowohl Über- als auch Unterempfindlichkeit vor. Wenn ein Partner also nicht durch Zufall und eigene Disposition in der Lage ist Berührungen passend zu dosieren, dann ist ein erotisches setting wie BDSM ein Mittel regulierend einzuwirken und Berührung zu steuern.

    Da ich nicht wissen kann, mit welchem Hintergrund und gedanklichen Zusammenhang Sie "autistisch" verwenden erschien es mir wichtig all das anzuführen.
    Denn Autismus wird oft als Gefühlskälte mißverstanden, während ich selber es eher als innere "Überfrachtung" erlebe, die ab einer gewissen Stärke lähmt und blockiert. Diese dann über eine Struktur wie BDSM zu ordnen hat seinen Ursprung nicht in Gefühlskälte, Macht oder Sadismus. Vielmehr in Ordnung, Form und kontrollierter Verlangsamung.

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  2. "autistisch" wird von neurotypischen personen gern verwendet, wenn sie den begriff "gefühlskälte" nicht gut erklären können. in ihrer vorstellung ist es einer der wenigen begriffe, den sie damit in verbindung bringen. das ist sehr bedauerlich, 1. für autisten selbst, weil sie in ihrem gefühlserleben überhaupt nicht anerkannt werden und 2. weil es zeigt, wie wenig sich neurotypische personen wirklich für Autismus und seine wahren hintergründe interessieren.

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  3. Ich stimme dem zu. Wobei ich vermute, dass diese Fehlverwendung das Resultat einer generell bestehenden Uninformiertheit bzw. Desinformation über Autismus darstellt. (Danke "Rainman".)
    Neurotypische Menschen verlassen sich darauf, dass eine universelle Fähigkeit zur Gefühlsäußerung besteht. Daraus leiten sie ab, dass was nicht ausgedrückt wird auch nicht vorhanden ist. Diesen Trugschluß nachzuvollziehen wird leichter, wenn man soziale Interaktion als Sprache versteht.
    Sich in einer Fremdsprache auszudrücken ist immer weniger facettenreich, es fehlen Vokabeln, man versucht es einfach zu halten. Soziale Interaktion ist für Autisten eine mehr oder weniger mysteriöse Fremdsprache, die nicht in dem Maße angeboren ist, wie das für die meisten selbstverständlich ist.
    Viele Autisten erlernen sie, d.h. sie ersetzen Intuition durch Wissen, durch angeeignete Interpretation. Aber das ist immer noch, als ob man deutsch denkt, während man Englisch spricht. Es ist anstrengend, verzögert und wird niemals spontane muttersprachliche Selbstverständlichkeit bereitstellen können.
    Das sagt jedoch nichts darüber aus was oder wie ein Autist empfindet. Es sagt nur etwas darüber aus was oder wie er etwas ausdrücken kann.

    (Ich habe den ersten Kommentar verfasst. Zur besseren Unterscheidung verwende ich daher nun als Namen Anonym 1.)

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  4. Sehr geehrter Anonym 1 und Anonym! Sie beide haben natürlich völlig recht. Ich habe das Wort unbedacht benutzt. Tut mir wirklich leid. Ich meinte einen Mann, der aus vielerlei Gründen seine Emotionen zurückhält, in fest angezogenen Zügeln hält. Was also auch nicht heißt, dass er keine hat, sondern dass er sie nicht sichtbar, fühlbar für Andere zulassen will, kann.
    Werde in Zukunft besser nachdenken, bevor ich den Begriff verwende. Dank für ihre Bemerkungen. Johanna Schall

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  5. Ich wäre aber froh, wenn sie, sollten sie mal wieder kommentieren wollen, bitte ihre Namen verwenden. Ich finde es nicht gut, mit anonymen Personen zu sprechen.

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  6. (Wie ich feststelle hat Ihr Blog eine Zeichenbegrenzung. Ich umgehe sie in zwei Teilen:)

    Ich habe mir den Trailer von "Secretary" angesehen, um mir ein Urteil zu bilden, ob es sich bei der Figur des Hauptdarstellers um einen beabsichtigt autistisch angelegten Charakter handeln könnte und Ihre Zuordnung zutreffend ist.
    Ehrlich gesagt, ich bin zu keinem abschließenden Eindruck gekommen, wahrscheinlich muss man den Film als ganzes sehen, um ein persönliches Urteil zu fällen.
    Nichts desto trotz, ich fände es sogar interessant, wenn sich ein Drehbuch mit einer solchen Konstellation befassen würde, unabhängig davon, ob das nun hier der Fall ist oder nicht.
    Sich zu verlieben ist für Autisten ein anforderungsreicher Umstand. Auch neurotypische Menschen werden zustimmen, dass wenig anderes einen so nachhaltig in chaotische Gefühle wirft.

    Interaktion mit Menschen ist für mich oft so, als müsse ich nebenher Formeln rechnen. Sich verlieben ist für mich, als müsse ich diese Formeln betrunken rechnen.
    Obwohl ich den Zustand des verliebt sein meistens als angenehm empfinde, ist das eine Nebenwirkung, die ich keineswegs als problemlos wahrnehme. Es ist deswegen mein ureigenstes Interesse die Intensität der Umstände für mich abzumildern bis mein "betrunkenes" Gehirn mit "rechnen" hinterherkommt. Im Gegensatz zu den meisten Menschen schätze ich long-distance-Beziehungen. Ich schätze Langsamkeit und ich schätze es Erotik so zu strukturieren, dass ich die Impulsdichte des Geschehens lenken kann.
    Ich kann das sonst alles gar nicht im dafür bestehenden Zeitfenster verständlich wahrnehmen, jede Berührung, jedes Gefühl, jede Bewegung, jedes Geräusch, jeden Anblick. Es ist schlichtweg zuviel auf einmal.
    Ich schätze daher eine gewisse Passivität des anderen und versuche sie auch herzustellen. Mit BDSM hat das relativ wenig zu tun, umso mehr mit Wahrnehmung ordnen.
    In dieser Notwendigkeit liegen einige Komplikationen, andererseits auch eine besonders detailreiche Aufmerksamkeit - jede Konstellation hat Vor- und Nachteile.
    Mit Gefühlskälte oder -reduktion hat all das wenig zu tun. Im Gegenteil.
    Ich habe, nicht ausschließlich, aber überwiegend, Beziehungen mit neurotypischen Menschen geführt. Wie lange und mit welchem Ausgang hing dabei entscheidend davon ab, wie weit sie bereit waren ihre Erwartungen dessen, was ich ausdrücken sollen könnte abzulegen und zu verstehen, wo und wie ich stattdessen Gefühle ausdrücke.
    Wie "anonym" angeführt hat: das Gefühlserleben ist vorhanden und darf geschätzt werden. Ich für meinen Teil würde sogar sagen, dass es ausgesprochen massiv vorhanden ist.
    Deswegen ist es wichtig mit dem gesellschaftlichen Sprachgebrauch aufzuräumen, der "autistisch" synonym für "gefühlsarm" oder "gefühlskalt" verwendet. Diese Fehlinterpretation entsteht, weil Autisten sich nicht natürlicherweise in dem Spektrum ausdrücken, das von der Gesellschaft als Mittel erwartet wird.
    Es ist ein wenig, als ob man an einem Ritual oder Gottesdienst teilnimmt, dessen Regeln man nicht kennt oder versteht. Man versucht Fehler zu vermeiden, nimmt sich zurück und kommt nicht ganz hinterher mit dem, was erwartet wird. Daraus entsteht eine andauernde Drucksituation für Autisten, die nicht zu unterschätzen ist und mit dazu beiträgt eine gewisse Vorsicht im Umgang mit neurotypischen Mitmenschen zu kreieren.
    Letztlich möchte ich noch sagen: Autismus ist ein Spektrum mit fließenden Grenzen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die meisten Menschen einen Autisten kennen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein - einfach deshalb, weil er nicht dem gängigen Klischee dessen entspricht, was sie unter Autismus verstehen.
    Viele Autisten bleiben lebenslang oder bis ins hohe Erwachsenenalter undiagnostiziert. Auch deshalb, weil viele die Fähigkeit haben sich in das Sozialgefüge einzupassen und Verhaltensweisen zu adaptieren - weil sie sie erlernen. Besonders Frauen werden deshalb seltener diagnostiziert, weil sie vieles kompensieren können.

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  7. Viele Autisten können Umgangformen erlernen, das bedeutet nicht, dass sie sie natürlicherweise so empfinden.
    Minimalbeispiel: wenn ich jemanden neu kennenlerne und gefragt werde, wo ich herkomme, dann weiß ich, weil ich das gelernt habe, dass gefragt wird, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin.
    Meine erste innere Antwort ist aber immer noch jedes Mal "Von Zuhause.", denn da war ich bevor ich zum Treffen gefahren bin. Es war mein letzter Aufenthaltsort vor dem Treffen, also komme ich dorther.
    Manchmal gebe ich die Antwort, wissend, dass sie nicht die erwartete ist. Menschen finden das dann meistens witzig. Tatsächlich ist es aber die Art wie ich denke. Sprache ist für mich kein Spielraum, sondern verbriefter Inhalt.
    Ich habe gelernt, dass die meisten Menschen ihr mehr Interpretationsfreiheit geben. Das ist für mich anstrengend, aber meistens kann ich es einordnen - nur muss ich es bewusster tun, als andere.
    Die Synonyme von Autismus allerdings sind eine Interpretationsfreiheit, die ich anderen gerne wegnehme. Ich freue mich, dass es mir bei Ihnen gelungen ist.

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  8. In meinem ursprünglichen Text habe ich das Wort klar und deutlich falsch verwendet. Und die Verbindung mit BDSM ist spezifisch nur für diesen Film, den ich sehr mag.

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  9. Nachtrag zur Anonymität:

    Ich bin Schauspieler. Deswegen lese ich Ihren Blog, deswegen habe ich aber auch den denkbar unerwartetsten Beruf für einen Autisten.
    Vorallem aufgrund der gängigen Klischees über Autismus ziehe ich es vor anonym zu bleiben.
    In meinem Berufsumfeld weiß niemand, dass ich Autist bin und das darf auch so bleiben. Denn obwohl ich manchmal wahrscheinlich für Autismus typische Schwierigkeiten mit meinem Beruf an den Tag lege, so zeige ich im Gegensatz zu meinen neurotypischen Kollegen auch typische Stärken, die sie nicht zeigen.
    In der Endsumme habe ich wahrscheinlich gleich viele Schwierigkeiten, ich habe sie oftmals an anderen Stellen. Und gleich viele Stärken, oftmals auch an unvermuteten Stellen.
    Es wäre mir lieb, wenn meine Kolleginnen und Kollegen sich bei beidem nicht fragen woher was kommt und ob es im Autismus seine Ursache hat oder es schlicht jedem so gehen würde.
    Denn letztlich bin das ich und es spielt keine Rolle.

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