Montag, 30. Januar 2017

Fakten und Irrationalität

Inmitten eines Strudels von Fakten, Lügen, Meinungen, Provokationen, Hilflosigkeiten und Protesten, bin ich mir nur einer Sache wirklich sicher, es ändert sich gerade etwas ganz Grundsätzliches in unserer Welt. 

Vor vielen Jahren saß ich in einem Wagon der Bundesbahn einer jungen Frau gegenüber, die mir mit milder, mitfühlender Stimme mitteilte, dass es keine Evolution gegeben haben könne, weil wissenschaftlich nachgewiesen sei, dass Dinosaurier & Menschen zeitgleich gelebt hätten. Sie hatte Photos dabei, auf denen Fußabdrücke von Menschen & Sauriern übereinander lagen. 
In einem Ostberliner Cafe überhörte ich in den Neunzigern ein Gespräch zweier Eheleute, die die Familienzusammengehörigkeit im Dritten Reich priesen. Auf meinen Einwand, dass dieses Reich den gewalttätigen Tod von Millionen Juden verursacht habe, bekam ich die mitfühlende Antwort: "Die wären doch sowieso irgendwann gestorben."
Vielleicht verliere ich meinen Verstand. Vielleicht auch nicht.
Mein malawischer Kollege erzählt mir, wie China kontinuierlich den afrikanischen Kontinent aufkauft. Donald Trump bedauert, dass die USA nicht das Öl aus dem Irak mitgenommen habe, dass nun, so sagt er, ISIS ermöglicht. Er verbietet gestern schlagartig die Einreise von Menschen aus dem Irak, Syrien, Iran, Libyen, Somalia, Sudan und Jemen in die USA, aber Saudi-Arabiens Bürger bleiben wunderbarerweise verschont. Circa drei Millionen Frauen & Männer weltweit protestieren gegen erwartete Ungerechtigkeiten und der amerikanische Präsident tweetet wütend über Zuschauerzahlen bei seinem Amtsantritt. ISIS veröffentlicht Enthauptungs-Videos und Uber verliert einige Kunden wegen seiner Unterstützung von Trumps-Präsidentschaft. Netanjahu gratuliert Trump zum geplanten Mauerbau, ich bin Ost-Berliner! Eine Gruppe alter amerikanischer Männer beschließt, Zuschüsse für Organisationen zu streichen, die in der Dritten Welt, da wo wirkliche Armut herrscht, Sexualaufklärung und Verhütungsmethoden verbreiten. Der Papst, Chef aller Katholiken, und also nicht unbedingt ein typischer Revoluzzer, äußert sich warnend über den "unchristlichen" Trump und bekommt folgende Antwort: "Wenn der Vatikan vom IS angegriffen wird, was das Ziel der Terrormiliz ist, wird sich der Papst noch wünschen und dafür beten, dass Donald Trump Präsident ist.". Studenten angesehener Universitäten verlangen Trigger-Warnungen vor dem Lesen antiker Texte und ein bulgarischer Mann tritt wahllos einer ihm unbekannten Frau ins Rückgrat. Junge schwarze Männer werden erschossen, weil sie a priori als gefährlich betrachtet werden und weiße Menschen werden im Gegenzug als privilegiert und unfähig zur Empathie betrachtet. Deutsche Hunde werden vegan ernährt und Babies nicht geimpft. Türkische Schüler sollen in Zukunft nichts mehr über Darwin und seine wichtigen, wissenschaftlichen Erkenntnisse erfahren. Die Evolutionstheorie soll aus allen gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden. 
Was ist passiert mit uns? Sind wir alle, Lemmingen gleich, irrsinnig geworden?

Der Begriff Aufklärung, auch für das "Aufklären" beliebiger Sachverhalte verwendet, bezeichnet seit etwa 1700 das gesamte Vorhaben, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden, sagt Wiki. 

Samstag, 28. Januar 2017

Nsima & Beouf Stroganoff

Mein Kollege aus Malawi hat heute für mich sein Nationalgericht gekocht: Nsima.

Nsima wird aus Maismehl und Wasser gekocht, indem das Mehl in gerade noch nicht kochendes Wasser geschüttelt wird, etwa 10 bis 15 Minuten gekocht, dabei oft umgerührt, und dann mit einem Holzlöffel gegen die Topfwand geschlagen wird, bis es die Konsistenz von Kartoffelbrei erreicht hat. Es werden keinerlei Gewürze zugefügt.
https://en.wikipedia.org/wiki/Nshima 
Und es schmeckt. Breiig und füllig und nahezu neutral mit einer leichten Süße, die perfekte Beilage für jedes würzige Gemüse- oder Fleischgericht.



Mein Anteil war Beouf Stroganoff für ein afrikanisch-russisches Gemeinschaftsprojekt, beides simpel, beides schmackhaft, die Möglichkeit einer guten Freundschaft war gegeben. Anstatt Mehl, habe ich zum Verdicken der Sauce Maismehl verwendet.
Wiki beschreibt es so: Zur Zubereitung werden die Filetspitzen gewürfelt und kurz in geklärter Butter bei hoher Hitze sautiert – das Fleisch muss innen noch blutig sein – und nach einer Ruhezeit mit dem sich absetzenden Fleischsaft in eine separat zubereitete Sauce aus goldgelb angebratenen Zwiebeln (oder Schalotten), Champignons und Gewürzgurken, Sauerrahm sowie Kalbsjus gegeben und kurz durchgeschwenkt. Abgeschmeckt wird mit Senf, Essig und Zitronensaft. Nach Zugabe des Fleisches zur Sauce darf die Sauce nicht mehr aufkochen, da das Fleisch zäh werden würde. Das Bœuf Stroganoff ist sofort zu servieren. 
In Malawi ißt man Nsima als kleine Kügelchen mit der rechten Hand, ein Schüsselchen mit lauwarmen Wasser zur Reinigung der Hände steht bereit. Die Beilage, das Relish wird gestippt oder in einer Aushöhlung der Kugel wie mit einem Löffel gegriffen.
Es wurde ein genüssliches völkerverbindendes Mahl.




Ein vereister See

Ich war heute, zum ersten Mal in meinem Leben, auf einem zugefrorenen See, der größer ist, als die durchschnittliche Brandenburger Pfütze. Die Bezeichnung stammt von einem Fischer in Buckow, der in den Masuren aufgewachsen ist. 
Also, ich und ein zauberhafter Schauspieler aus Malawi, Wintertemperaturen dort liegen um 15 Grad plus, haben heute nach der Probe zuerst Schnitzel gegessen, für ihn sichtbar ein gänzlich unbekannter Hochgenuß, besonders, wenn man bedenkt, dass er zuhause auch mal eine oder zwei Wochen ohne Essen auskommen muß, ein Fakt, den er nebenbei und ohne jede Klage mitteilte, was uns noch mehr bestürzte. Also Schnitzel und dann auf den zugefrorenen Gnadensee, der vermutlich ein Teil des Bodensees ist.


Mein erster Eindruck, wie ein Bild von Breughel - hunderte Menschen verstreut über das Eis, mit Schlittschuhen und Gleitern und Laufstöcken und Stühlen und Hockeyschlägern oder einfach nur zu Fuß.  



An Mpunduh aus Malawi, der gerade etwas besorgt ist, weil er hier, wegen der mangelnden Sonne, zunehmend blasser wird, glitt ein noch schwärzerer Schlittschuhläufer vorbei, der seiner Freundin in tiefstem Konstanzerisch von der Schönheit der Natur vorschwärmte. Mpunduh, der noch niemal Schnee und Eis erlebt hat und ich, die als Großstadtkind ein eher exotisches Verhältnis zur Natur im Allgemeinen habe, waren verzaubert und glücklich. 



VOM BÜBLEIN AUF DEM EIS

Vom Büblein auf dem Eis
Gefroren hat es heuer
noch gar kein festes Eis;
das Büblein steht am Weiher
und spricht so zu sich leis:
Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.-
Wer weiß?

Das Büblein stampft und hacket
mit seinem Stiefelein,
das Eis auf einmal knacket,
und Krach! Schon brichts hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
als wie ein Krebs und zappelt
mit Schreien.

O helft, ich muss versinken
in lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken
im tiefen, tiefen See!
Wär nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen,
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe
und zieht es dann heraus,
vom Fuß bis zu dem Kopfe
wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hats geklopfet
zu Haus.

Friedrich Güll 1812-1879


Freitag, 27. Januar 2017

Haschen nach Wind

 
 Mosaik Pompeii 1. Jahrhundert

Kohelet oder Ekklesiastes oder Prediger Salomo oder ein Teil der Ketuvim, mein liebstes Buch im Alten Testament. Als ich es zum ersten Mal gelesen habe, war ich auf der Suche nach einem schönen Text für den Heiligabend, ein Fest, das in meiner jüdisch-kommunistischen Familie intensiv gefeiert wurde, und mein Vater, protestantischer Herkunft zwar, doch entschlossener Atheist, meinte man müsse doch wissen, was man da feiere und las uns die weihnachtsbezüglichen Stellen mit belehrenden Kommentaren und trockenem Witz nach jeder Bescherung vor. 
Mit etwa 16 ging diese Pflicht auf mich über und ich wollte diese Tradition, natürlich, umschmeißen, revolutionieren. Also neue Texte mußten her.
So kam ich zum Buch Kohelet und einem sehr heftigen Lachanfall. 

Folgende Vision: auf der Suche nach Trost, Erbauung oder Hoffnung schlägt man das Heilige Buch auf und liest Folgendes:  

Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!, ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen: am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Lieds verklingen; selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus und die Klagenden ziehen durch die Straßen - ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. 

Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.
oder im Talmud heißt es:
Hauch und nichtig, sprach Kohelet, das alles ist Hauch.

Wunderschön. Wunderschön, aber nicht wirklich aufmunternd. Ich liebe es. 

Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Regt euch ab

Ohne die geringste Ahnung zu haben, wer nun wirklich weiß, wie es werden wird oder was gerade jetzt recht und richtig ist, gibt es nur wenig dessen ich mir, bezüglich der momentanen politischen Weltlage, sicher bin. Und dieses Wenige ist, dass ich nur einmal vorher und zwar im Frühherbst 1989, um genau zu sein, solche Hysterie verspürt habe, nur war sie damals positiv aufgeladen. 
Jetzt schlägt mir panische Aggression entgegen. 
Obama war schlimmer als Trump. Trumps direkte Grobschlächtigkeit ist genau, was wir jetzt brauchen. Trumps Präsidentschaft läutet die Apokalypse ein. Trump ist der Antichrist. 
Und es hackt jeder auf jeden ein. 
Frauen demonstrieren in ungewöhnlich großer Menge. Frauen haben den Wahlsieg nicht verhindert. Frauen sind keine Frauen mehr.
Regt euch ab. Ich rege mich ab. 
Was wird jetzt passieren?
Wird die Welt untergehen? Wahrscheinlich nicht.
Die Welt hat die Mongolen überlebt, die Christianisierung, Mohamed, die Pest, die Sklaverei, Stalin & Hitler, esoterische Impfgegner und andere Dumpfbacken. Sie ist sehr geduldig. Den Klimawandel wird sie vielleicht nur unter Verlust ihrer Bevölkerung überleben. 
Treffen sich zwei Planeten im All, sagt der eine: "Wie geht es Dir?", antwortet der andere: "Nicht so gut, ich hab Menschen." Antwortet der andere: " Das hatte ich auch mal. Keine Angst, das geht vorbei."

 

Sonntag, 22. Januar 2017

Dass ich eine Schneeflocke wär


Weil es zur Jahreszeit passt, wir heute viel über DDR-Musik geschwätzt haben und es immer noch ein süßes Lied ist, obwohl ich "Auf der Wiese" noch mehr mag:

Dass ich eine Schneeflocke wär

Dass ich eine Schneeflocke wär,
irgendwo da rings um dich her.
Tanzte ich so wunderschön
bis Du bliebst stehn.
Und Dein Weib will dich weiterziehn.
'Lass sie tanzen, lass sie verblühn!'
Aber dir fällt etwas ein.
'Geh Weib, lass sein!
Will sie fangen mit der Stirn.
Sie erinnert mich an irgendwas.
Will nicht mehr als Herz und Hirn
soll'n mir sagen wie, wann, wo war das.'

Aber er erinnert sich nicht mehr -
Kinderzeit ist lange her.
Und das Schneehaus, das wir uns gebaut -
seit zehn Jahren fortgetaut.

Dass ich eine Schneeflocke wär,
käm ich auf die Stirn dir so schwer.
Dass die Wärme deiner Haut,
mich aufgetaut.
Und ich fließ' durch dein Gesicht
tränengleich und wie ein Spiegel klar.
Weißt Du denn noch immer nicht,
immer noch nicht, was ich dir mal war?

Aber er erinnert sich nicht mehr -
Kinderzeit ist lange her.
Und das Schneehaus, das wir uns gebaut -
seit zehn Jahren fortgetaut.

Aber er erinnert sich nicht mehr.
Kinderzeit ist lange her.
Und das Schneehaus, das wir uns gebaut -
seit zehn Jahren fortgetaut.
Kinderzeit ist lange her.

Franz Bartsch/Kurt Demmler 


Das Lied gewann 1975 „Erster Preis national“ beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden, dann 1976 den Platz zehn in der DDR-Jahreshitparade .


Samstag, 21. Januar 2017

Das Opfer - Ein moderner Archetyp

Mir ist kein Opfer zu groß, das die anderen für mich tun können.
Schwäbisches Sprichwort 

 
Mir scheint, dass sich immer mehr Menschen lautstark als Opfer der Umstände, der Anderen überhaupt, oder einer Gruppe Anderer oder halt der "da oben" definieren und damit ihre Aggressionen, ihre Rachegelüste, ihren Neid, ihre Mißgunst, ihre Selbstüberschätzung rechtfertigen.  
X oder Y oder Z sind schuld daran, dass es uns schlecht geht oder zumindest nicht so gut, wie es uns zusteht, und deshalb dürfen, ja müssen wir sie hassen, bekämpfen, ausschließen.
Amerika hat allen alles gegeben und hat nun das Recht nur noch an sich zu denken. "Amerika first!"* 
Wir Deutsche sind Opfer ihrer uns von den Siegern aufgezwungenen Schuldkultur und müssen deshalb "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad"** vollziehen, um wieder zu werden, was wir einst waren, ein wohlhabendes, friedfertiges Volk von Dichtern und Denken. 

So kann es, so darf es und so wird es nicht weiter gehen, liebe Freunde. Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstauflösung. Die gibt es nicht. Im Gegenteil, es gibt die moralische Pflicht, dieses Land, diese Kultur, seinen noch vorhandenen Wohlstand und seine noch vorhandene staatliche Wohlordnung an die kommende Generation weiter zu geben, das ist unsere moralische Pflicht. Wenn wir eine Zukunft haben wollen und wir wollen eine Zukunft haben und immer mehr Deutsche erkennen, dass auch sie eine Zukunft haben wollen, dann brauchen wir eine Vision. Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden, wenn wir uns wieder selbst entdecken. Wir müssen wieder wir selbst werden. Selber haben werden wir uns nur, wenn wir wieder eine positive Beziehung zu unserer Geschichte aufbauen... wir brauchen eine lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu aller erst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt.
Björn Höcke 17.01.2017

Wenn ich schon das Wort Altvordere höre, schwillt mir der Kamm. Wer war denn das bitte? Wiki sagt: Altvordere oder Altvordern (mittelhochdeutsch altfordero, später ouldvorderen; niederländisch oudtvoirdern) bezeichnet alle Vorfahren (Ahnen), die den noch Lebenden vorausgingen. 
Alle? Alle unsere Ahnen und ihre großartigen Leistungen? Goethe, der Autor des Hexenhammers, Büchner, Lothar von Trotta, Herero-Massenmörder, Bach, Eichmann, Marx, Haarmann?
Wir tun uns schrecklich leid und zermöbeln schluchzend und selbstgerecht das Recht des jeweils anderen auf Empathie. 
Solidarität, Kooperation, Integration werden zu irgendwie schmuddeligen Wörtern, die Schwäche suggerieren.

Ich bin Amerikaner, Deutscher, Türke, Jude, Muslim, links, rechts, wertkonservativ, ehemaliges Stasi- oder jetziges AfDmitglied, ich bin sensibel, ich bin eine Frau, ich bin transgender, ich bin schwul, ich bin vegan. Kurz ich bin arm dran. Ärmer dran als X, Y und Z, obwohl ich besser, edler, schlauer, besonderer bin. Und da darf ich doch wohl X, Y oder Z mal kurz und kräftig in die Schnauze hauen. Das ist doch einsehbar und nur gerecht

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Maximilian Zirkowitsch, SPÖ-Bezirksratskandidat, übt mit Satireprojekt Kritik am Wahlkampf Wien – Mit einer ungewöhnlichen Kampagne auf Facebook und Twitter versucht Maximilian "#bezirkowitsch" Zirkowitsch (SPÖ) Stimmen bei den Wahlen in Wien für die SPÖ zu gewinnen. "Als Mann des Volkes spreche ich Volkes Sprache", lässt er auf Facebook wissen. Seine Aufforderung zur Stimmabgabe lautet daher: "Fünfhaus, du Opfa, gib Stimme!" - derstandard.at/2000022233577/Du-Opfa-gib-Stimme
Maximilian Zirkowitsch, SPÖ-Bezirksratskandidat, übt mit Satireprojekt Kritik am Wahlkampf Wien – Mit einer ungewöhnlichen Kampagne auf Facebook und Twitter versucht Maximilian "#bezirkowitsch" Zirkowitsch (SPÖ) Stimmen bei den Wahlen in Wien für die SPÖ zu gewinnen. "Als Mann des Volkes spreche ich Volkes Sprache", lässt er auf Facebook wissen. Seine Aufforderung zur Stimmabgabe lautet daher: "Fünfhaus, du Opfa, gib Stimme!" - derstandard.at/2000022233577/Du-Opfa-gib-Stimme
Maximilian Zirkowitsch, SPÖ-Bezirksratskandidat, übt mit Satireprojekt Kritik am Wahlkampf Wien – Mit einer ungewöhnlichen Kampagne auf Facebook und Twitter versucht Maximilian "#bezirkowitsch" Zirkowitsch (SPÖ) Stimmen bei den Wahlen in Wien für die SPÖ zu gewinnen. "Als Mann des Volkes spreche ich Volkes Sprache", lässt er auf Facebook wissen. Seine Aufforderung zur Stimmabgabe lautet daher: "Fünfhaus, du Opfa, gib Stimme!" - derstandard.at/2000022233577/Du-Opfa-gib-Stimme 

To Germany
You are blind like us. Your hurt no man designed,
And no man claimed the conquest of your land.
But gropers both through fields of thought confined
We stumble and we do not understand.
You only saw your future bigly planned,
And we, the tapering paths of our own mind,
And in each other's dearest ways we stand,
And hiss and hate. And the blind fight the blind.
When it is peace, then we may view again
With new-won eyes each other's truer form
And wonder. Grown more loving-kind and warm
We'll grasp firm hands and laugh at the old pain,
When it is peace. But until peace, the storm,
The darkness and the thunder and the rain.

An Deutschland
 Ihr seid blind wie wir. Euren Schmerz hat kein Mensch geplant,
Und kein Mensch hat die Eroberung eures Landes geplant.
Aber gierige Grapscher, durch Gedankengebäude eingeengt,
Stolpern wir und wir verstehen nicht.
Ihr habt nur eure Zukunft gesehen, groß geplant,
Und wir, die sich zuspitzenden Pfade unseres Geistes,
Und wir stehen einander im liebsten Weg,
Und zischen und hassen. Und die Blinden bekämpfen die Blinden.
Wenn Frieden ist, werden wir unsere wirklichen Formen
wieder sehen können mit neu gewonnenen Augen
und uns wundern. Liebender und herzlich
Werden wir feste Hände greifen und über alten Schmerz lachen.
Wenn Frieden ist. Aber bis zum Frieden, der Sturm,
Die Dunkelheit und der Donner und der Regen.

Der Dichter Charles Hamilton Sorley (Jg. 1895) wuchs in Cambridge auf, Anfang 1914, ehe er sein Studium in Oxford aufnahm, reiste er für einige Monate nach Deutschland. Während eines Gastsemesters an der Universität Jena überraschte ihn der Ausbruch des Krieges. Nach kurzer Internierung in Trier gelang Sorley die Rückkehr nach Großbritannien. Sofort trat er als Offizier dem Suffolk Regiment bei. SeineErfahrungen ließen ihn nicht in das allgemeine Kriegsgeheul seiner Generation einstimmen und seine hohe Meinung über Deutschland machte es ihm unmöglich, den Feind zu hassen.Im September 1915 nahm Sorley, zum Hauptmann befördert an der Schlacht bei Loos teil. Eine deutsche Kugel tötete ihn am 13. Oktober 1915.

Opfer ist wie die meisten Wörter mit pf ein Fremdwort. Es ist abgeleitet von lateinisch operari 'tätig sein', hier im Sinn von 'ein gutes Werk tun'. Die Bedeutung ist aber beeinflusst von dem ähnlichen offere 'darbringen'.
http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/9sp-ecke/artikel/200/2008/08-04-22.htm

"Opfer" (auch "Opfa") wird in diesem Zusammenhang ohne Empathie für eventuell erlittenes Leid, sondern abwertend und verächtlich gebraucht. Der Begriff zielt auf Personen, die sich nicht ausreichend wehren können oder auf andere Weise Schwächen zeigen und allgemein nicht einem Konzept von harter, starker und wehrhafter Männlichkeit entsprechen. In diesem Sinn ist das Wort "Opfer" in etwa ein Synonym für Versager oder Loser. Der so Bezeichnete habe als Loser seine Randgruppenlage selbst verschuldet. 

* Donald Trump in der Rede zu seiner Amtseinführung
** Björn Höcke 17.01.2017 

TRUMP, HÖCKE und ICH

Hätte Moses solch eine Rede gehalten, ER hätte ihn unterbrochen: Blitz, Donner, Wolkenbruch und eine Stimme aus den Wolken: "Mal schön den Ball flach halten!" 
What the fuck! 
Vor drei Tagen die Rede von Höcke, dem Dreckskerl, in Dresden und heute spricht Trump in Washington, der erstere hat, Gott sei Dank, das Charisma einer toten Qualle, der andere ist jetzt Präsident eines sehr mächtigen Landes. Was passiert hier? Muß ich Angst haben? Vernünftig wäre es. Aber ich will nicht. Ich will nicht.
Ich verstehe diese Worte auch schlecht, weil es mir, einerseits, an jedem Funken von patriotischem Gefühl mangelt und ich mir, andererseits, immer noch sicher bin, dass zuerst das Essen und dann die Moral kommt. 
Was ist das überhaupt, dieses "liebe Deutschland" von dem Höcke redet oder dieses "Amerika" Trumps, das doch nur ein Teil der nördlichen Hälfte eines Kontinents ist? 
Ein verbissener deutscher Geschichtslehrer bejammert, dass wir den Gemütszustand eines total besiegten Volkes haben. Ja, da hat er recht, weil wir in dem von uns begonnen "totalen Krieg" besiegt worden sind. Ein Fakt, der mich sehr froh macht, weil ich sonst nie geboren worden wäre. 
Und ein amerikanischer Multimillionär behauptet, dass die USA, er nennt sein Land kurz und falsch Amerika, praktisch allen anderen Ländern der Welt zum Wohlstand verholfen habe, und dabei selbst leer ausgegangen sei und sich nun in einem Zustand völligen Verfalls befinde, und, dass der einzige Ausweg sei, von nun an Amerikas Belange, vor die aller anderen Nationen zu stellen. 
Ich glaube nicht wirklich, dass es früher besser war, aber es schien mir doch eine nicht ausgesprochene Vereinbarung zu geben, dass wilde Gier und rabiate Selbstsucht nicht offen zugegeben wurden, nicht als Qualität herausgestellt wurden. Diese Vereinbarung ist wohl nunmehr nichtig: von heute an wird es nur ICH und die, wie ICH sind, zuerst sein.


Zitate:

January 20, 2017 will be remembered as the day the people became the rulers of this nation again.

Der 20. Januar wird erinnert werden, als der Tag an dem das Volk wieder Herrscher dieser Nation wurde.

This American carnage stops right here and stops right now. We are one nation and their pain is our pain. Their dreams are our dreams and their success will be our success. We share one heart, one home and one glorious destiny.
The oath of office I take today is an oath of allegiance to all Americans. For many decades, we have enriched foreign industry at the expense of American industry, subsidised the armies of other countries while allowing for the very sad depletion of our military. We have defended other nations' borders while refusing to defend our own. And spent trillions and trillions of dollars overseas while America's infrastructure has fallen into disrepair and decay. We’ve made other countries rich while the wealth, strength and confidence of our country has dissipated over the horizon.


Dieses amerikanische Blutbad hört genau hier auf, und hört genau jetzt auf. Wir sind eine Nation und ihr Schmerz ist unser Schmerz. Ihre Träume sind unsere Träume und ihr Erfolg wird unser Erfolg sein. Wir teilen ein Herz, ein Heim und eine ruhmreiche Bestimmung. Der Amtseid den ich heute leiste, ist ein Eid der Loyalität zu allen Amerikanern. Viele Jahrzehnte lang haben wir ausländische Industrien reich gemacht auf Kosten der amerikanischen Industrie, die Armeen anderer Länder finanziell unterstützt, während wir die sehr schmerzliche Auszehrung unseres Militärs zugelassen haben. Wir haben die Grenzen anderer Länder verteidigt, während wir uns geweigert haben, unsere eigenen zu verteidigen. Wir haben Trillionen und Trillionen von Dollars in Übersee ausgegeben, während Amerikas Infrastruktur verfiel und verfaulte. Wir haben andere Länder reich gemacht, während der Wohlstand, die Kraft und das Selbstvertrauen unseres Landes am Horizont verschwunden ist. 

From this day forward, it's going to be only America first, America first.
Protection will lead to great prosperity and strength. I will fight for you with every breath in my body. And I will never ever let you down. America will start winning again, winning like never before.




Von heute an, wird es nur Amerika zuerst sein, Amerika zuerst.
Schutz wird zu großem Wohlstand und Kraft führen. Ich werde für euch mit jedem Atemzug in meinem Körper kämpfen. Und ich werde euch nie enttäuschen. Amerika wird wieder beginnen, zu gewinnen, zu gewinnen, wie nie zuvor.
 

We will be protected by the great men and women of our military and law enforcement. And most importantly, we will be protected by God.


Wir werden beschützt werden von den großartigen Männern und Frauen unseres Militärs und der Ordnungskräfte. Und, am wichtigsten, wir werden beschützt von Gott.

So to all Americans in every city near and far, small and large, from mountain to mountain, from ocean to ocean, hear these words, you will never be ignored again.


So, zu allen Amerikanern in allen Städten nah und fern, klein und groß, von Berg zu Berg, von Ozean zu Ozean, hört diese Worte, ihr werdet nie wieder mißachtet werden.

http://www.psychose.de/therapie-von-psychosen-54.html

Donnerstag, 12. Januar 2017

Belanglose Hollywoodfilme

Die Probebühne hier liegt recht weit weg in einem Industriegebiet, also probieren wir, wenn es möglich ist, nur einmal und dafür länger, demzufolge sind eine Menge Abende frei. Was tun? Arbeiten. Lesen. Mir alles angucken, was am Theater läuft. Ins Kino gehen.
La La Land startet erst am Donnerstag, Arrival habe ich schon gesehen, Animationsfilme gucke ich nur mit der Lieblingsnichte, übrigens sehr zu empfehlen Pets, und in Vier Gegen Die Bank würde mich nur das Versprechen ewigen Lebens bringen und selbst dann würde ich nochmal ernsthaft abwägen müssen.
Es blieb, da das hiesige zentrale feine Programmkino einem Einkaufcenter weichen mußte und das andere, kleinere nur recht selten spielt, Passengers und Assassin's Creed und The Accountant.
The Accountant zuerst: Eins zu eins Thriller, Affleck ein bisschen aufgequollen, aber sehenswert, ein Polizeichef von Law and Order auf der größeren Leinwand und sehr gut, Autismus, Geldwäsche, Nahkampf und etwas Liebe, ok und weiter nichts.
Passengers: Science Fiction Kitsch mit zwei guten Darstellern (Jennifer Lawrence und Chris Pratt), deren Chemie, der eines billigen Chemiebaukastens für Fünftklässler gleicht. Glatt, öde, ununterhaltend. Schon vergessen.
Assassin's Creed: Science-Mittelalter Kitsch mit einer tollen Verfolgungsjagd. Justin Kurzel, der Regisseur, ist es schon in Macbeth gelungen Marion Cottillard und Michael Fassbender davon zu überzeugen, das lange ernste Blicke mit strengen Stirnfalten (er) und Tränen die am unteren Lidrand hängen (sie), sichere Zeichen großer Schauspielkunst sind. Verrückt, wie zwei wirklich gute Spieler auf solch pseudobedeutungsschwangeren Mumpitz reinfallen können. Beide haben Filme gemacht, in denen ich die Not ihrer Figuren fasziniert aus kaum sichtbaren Zeichen herausschälen mußte. Da war ich am arbeiten. Ich war der Entdecker der Verzweiflung. Und ich war glücklich. Shame oder Der Geschmack von Rost und Knochen zum Beispiel. Oder sie haben Spaßfilme gemacht, lustig, oberfächlich und genau, das, was mir versprochen wurde - X-Men oder The Dark Knight Rises. Und dann kommt so ein Herr Kurzel und findet scheinbar ihren schwachen Punkt und sie spielen für ihn was der Klischeebaukasten hergibt. Verrückt. 
Ich hab so sehr gern geweint auf der Bühne und hatte glücklicherweise das Glück, oft auf Regisseure zu treffen, die gesagt haben: "Schön, aber mach was anderes!"

http://johannaschall.blogspot.de/2015/12/macbeth-der-film-ein-gefuhlsporno.html

Samstag, 7. Januar 2017

Königsberger Klopse - Mhmmm!

DAS REZEPT
von einer mir unbekannten Oma Gertrud Stöcker, die schmeckbar, eine gute Köchin war.

Ick sitze da und esse Klops.
Uff eenmal kloppt's.
Ick sitze, kieke, wundre mir,

uff eenmal is se uff de Tür.
Nanu denk ick, ick denk nanu!
Jetzt is se uff erst war sie zu.
Und ick geh raus und kieke.
Und wer steht draußen?
Icke.


Das grenzt ans Philosophische. Wer ist dieser Icke? Wer öffnet die Tür? War da jemand? Bekloppt!

Sieht, zugegebenermaßen, ein wenig blass aus, aber der Geschmack ist subtil und erfreuend.
 
Das Klopslied ist ein Musikstück von Kurt Weill aus dem Jahre 1925, das er für eine Sopran- oder Tenorstimme komponierte. Begleitet wird die Stimme von zwei Piccoloflöten und einem Fagott. Bei dem Text handelt es sich um einen alten volkstümlichen nicht datierbaren Reim in Berliner Mundart. (Wiki)

https://www.youtube.com/watch?v=RInWl9p38BA 

Was sagt Wiki? Königsberger Klopse, auch Saure Klopse, Kapernklopse, Soßklopse oder in der DDR Kochklopse genannt, sind eine ostpreußische Spezialität aus gekochten Fleischklößen in weißer Sauce mit Kapern.
KOCHKLOPS. Was für ein scheußliches Wort, aber das Zeug in der Schulspeisung schmeckte so, wie das Wort klingt. Ich dachte bisher, das sei Krankenhausnahrung, Diät für zarte Mägen, ein Irrtum, das schmeckt, obwohl ich gestehen muß, dass die Verwendung von Kalbsgehacktem, muß bestellt werden und ist teuerer, geholfen hat. Die weitverbreitete Arme-Leute-Variant arbeitet mit Rinder- und Schweinehack halbehalbe und ersetzt die Sardellen durch Salzhering.

Fakten zu den Königsberger Klopsen 

Ostpreußenhlied

Sie sagen all, du bist nicht schön
mein trautes Heimatland;
Du trägst nicht stolze Bergeshöh'n,
nicht rebengrün Gewand;
In deinen Lüften rauscht kein Aar,
es grüßt kein Palmenbaum,
doch glänzt der Vorzeit Träne klar
an deiner Küste Saum.

1884 Johanna Ambrosius

Das Ende des Kalten Krieges hat uns die Chance eines neuen, unverkrampften Zugangs eröffnet. Als Folge von Flucht und Vertreibung und des Kalten Krieges waren die deutschen Erinnerungsorte im Osten politisiert und instrumentalisiert. Es gab aber auch so viel Schmerz bei diesem Thema, dass vieles tabu war. Seit die jüngeren Generationen frei dorthin reisen, nehmen sie auch den heutigen Reichtum der Region wahr. Da wird dann nicht mehr einfach das von Eltern oder Großeltern projizierte Bild der verlorenen Heimat abgerufen, es entsteht etwas Eigenes, sehr Spannendes, indem man Polen, Tschechen, Ukrainer, Russen kennenlernt, die heute dort leben. Bei vielen deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Initiativen sind überproportional viele Nachkommen von Vertriebenen dabei.  
...
Wer hat unser Ostpreußenbild bestimmt? Sowohl vor dem Krieg als auch bis in die achtziger Jahre waren das fast ausschließlich Adlige - Marion Gräfin Dönhoff, Hans Graf von Lehndorff, Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten, Esther Gräfin von Schwerin. Dadurch haben wir die Vorstellung, dass Adlige durch ostpreußische Landschaften reiten, liebevoll-paternalistisch mit ihren Untertanen sprechen, die Gutsherren sorgen für Ordnung. 
Osteuropahistoriker Andreas Kossert


http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-76574289.html

Freitag, 6. Januar 2017

Leidenschaft ist sexy

http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/2016203-der-weltbeste-espresso-clip

Katsu Tanaka führt einen kleinen Kaffeeausschank in Tokio und serviert, so wird behauptet, den besten Espresso der Welt. Wie auch immer, er liebt es Kaffee zu brühen, tut es mit Leidenschaft. Und wahre Leidenschaft finde ich enorm sexy.

Wiki definiert das so: Leidenschaft (gesteigert, aber als Begriff abkommend: Inbrunst) ist eine das Gemüt völlig ergreifende Emotion. Sie umfasst Formen der Liebe und des Hasses, wird aber auch für religiösen, moralischen oder politischen Enthusiasmus benutzt und beschreibt die intensive Verfolgung von Zielen von beispielsweise Kunstliebhabern, Sammlern oder von Tierfreunden. Im ursprünglichen Sinn schwingt der Beilaut von etwas Zerstörerischem oder Leiden Schaffendem mit. Im heutigen Alltagssprachgebrauch hat der Begriff diese Konnotation eher selten; 'Leidenschaft' wird oft wertfrei oder positiv konnotiert (siehe auch Liebesbeziehung).

Meine Blogfreundin Silvia ist leidenschaftliche Amateurastronomin, sie gerät regelmäßig, wenn sie darüber schreibt, in den Bereich der Poesie. Die Lieblingsnichte ist begeisterte Reiterin und kein Wetter, keine Zeitnot, keine Zusatzpflicht entringt ihr je ein Wort der Beschwerde. Meine beste Freundin hat im tiefsten Winter in einer ungeheizten usbekischen Schule Siebenjährige unterrichtet, und sie dabei unentwegt in Bewegung gehalten, um frühkindliches Erfrieren zu verhindern, und hatte Spaß dabei. Mein Vater hat noch mit 60 vor jeder Vorstellung eine Stunde Körpertraining und noch eine mit Stimmübungen absolviert. Leider sind auch Terroristen sehr leidenschaftlich.

Welches Glück ist es, wenn man seine Leidenschaft findet und sie nicht von der zerstörerischen Art ist.

Ich wäre ein mittelmäßiger Arzt geworden, ein nicht wirklich fleissiger Physiker und ein mittelmäßig lahmarschiger Lehrer, aber bei dem was ich liebe, bin ich überaus fleissig, brennend interessiert und habe selten das Gefühl, besondere Anstrengung & Mühe aufbringen zu müssen. Ein Glücksfall! Ich kann nix anderes, ich will nix anderes, und solange man mir die Möglichkeit gibt, tue ich nix anderes. Und in meiner Freizeit gucke ich dann auch noch nix anderes. Theater.

Leidenschaft ist, leider, nicht mit Begabung oder Talent zu verwechseln, manche großen Liebhaber waren totale Katastrophen. Für ihre Umwelt. Aber sie waren tief innen glücklich, trotz aller Zweifel. Wahre Liebe ist halt wettbewerbsuntauglich.



Der letzte Satz den Florence Foster Jenkins, die völlig gesangstalentfreie aber leidenschaftliche Opernsängerin in der Verfilmung von Stephen Frears spricht, bringt es auf den Punkt: 
"They can say that I coudn't sing, but they can't say that I didn't sing."
"Sie können sagen, dass ich nicht singen konnte, aber sie können nicht sagen, dass ich nicht gesungen habe."

Donnerstag, 5. Januar 2017

John Höxter - Der Dante des Romanischen Cafes



Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder

Vom Romanischen Café ist nichts übrig, da wo Tauentzien und Budapester Straße zusammentreffen, gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, erhebt sich heute das Europa-Center.
John Höxter war einst ständiger Gast dieses Cafes. Er war ein nicht sehr fleissiger Dichter & Maler, ein Junkie, ein Talent, ein Schnorrer, ein Unikum, ein blasser Schatten unserer gemeinsamen Geschichte.
Nach den Novemberpogromen 1938 hängte sich John Höxter, deutscher Jude aus Hannover, um der "dauernd wachsenden Entwürdigung" zu entgehen, im Grunewald an einem Baum auf.


Wir sitzen im Café auf Verdacht
Wir wissen nicht, wo wir bleiben zur Nacht.
Wir schlafen uns in der Ringbahn aus; wo wir erwachen,
Sind wir zu Haus.
Aus "Apropoésies bohémiennes" 1927


Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt' ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt' ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt' ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,

Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!


IGNORABIMUSELMANISCH

Ich will das Wie nicht wissen noch das Was;
Den Nießnutz nur von Ja und Nein (für Naß!),
Den echten Schein der Summe des Seins,
Der Dreiheit, der Zweiheit und der Eins.
(Die Drei dehnt des Denkens dunkle Dimension,
Zwei spiegelspaltet, Zwist und Zwang zum Lohn,
Die einsame Eins kann nichts weiter tun
Als im Ueberallhier immernun zu ruhn.)
Die Welt ward bestmöglich effektuiert,
Unterleibnitz hat nie Oberleibnitz geniert;
Ich vermißmutmaße in seinem Attest
Einen schwer zu tragenden, peinlichen Rest.
Gern verzicht’ ich auf Fichtes Weltvernicht-ichtung,
Aus Hegelexegese les’ ich Hexendichtung,
Der juvenile Absolütiti
Liegt mir so fern wie Otahaiti;
Indifferentier und kosmosaisch
Scheint die Kompr0misere mir höchst prosaisch!
Trotz des Erkenntnisbetriebes Ungewissensbissen
Sperrsitz’ ich fröhlich v o r den Weltkulissen.

SO LEBTEN WIR

Ende Oktober ließ der Jenaer Verein  POESIE SCHMECKT GUT e.V. vor dem neuen „Romanischen Cafe“ in Berlin mit Unterstützung der Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf einen Stolperstein für John Hoexter verlegen: „Im Anschluss an diese Verlegung besuchten wir den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee und wollten dort die Grabstätte von John Hoexter besuchen. In der Friedhofsverwaltung gab man uns einen detaillierten Plan, der es uns erst ermöglichte, die Begräbnisstelle überhaupt zu lokalisieren. Der Anblick, der sich bot, schockierte zutiefst. Tief erschüttert mussten wir feststellen, dass jede Spur von einem Grab nicht nur getilgt oder nie existent war, sondern dass direkt auf dem Fleck, unter dem John Hoexter begraben liegt, ein Müllcontainer für Grababfälle stand. Wir haben den Container entfernt und eine kleine provisorische Grabstätte hergerichtet. Dieses nur notdürftige Provisorium möchten wir nun gerne durch eine würdige Grabstelle ersetzt wissen." 


Friedrich Hollaender schrieb über Höxter diese Strophe 
(aus der Revue "Bei uns um die Gedächtniskirche rum"):
Ich pendle langsam zwischen allen Tischen.
Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich.
Ich will mir einen edlen Gönner fischen.
Vor mir sind Rassen und Parteien gleich.
Irrenärzte, Komödianten,
Junge Boxer, alte Tanten,
Jeder kommt mal an die Reihe
Jeder kriegt von mir die Weihe:
Könnse mir fünfzig Pfennige borgen?
Nur bis morgen?
Ehrenwort!
John Höxter Bildnis einer Dame mit Hut
Und Höxter hat das letzte Wort:
»Fremde Städte schaffen uns’re Moden
Ernten sammeln wir auf fremden Boden
Fremde Worte bilden uns’re Sprache
Fremde Nöte wurden uns’re Sache ...«