Montag, 20. Juni 2016

Erste Photos "Candide"

Erste Komplettprobe "CANDIDE"


Meinen Dank an:
Christopher Diffey, Jasmin Etezadzadeh, Elena Fink, Maciej Idziorek, Katharina Löwe, Matthew Peña, Stefan Sevenich, James J. Kee, Karl Huml, Olaf Lemme, Titus Paspargilis, Anton Shults, Tim Grambow, Larissa Potapov, Linda Kuhn, Péter Copek, Teresa Lucia Forstreuter, Hung-Wen Mischnick, Natalie Brockmann, Daniele Varallo, Any dos Santos Lima, Marina Fadina, Johannes Finsterbusch, Tatjana Firsova, Maria Teresa González, Liliana Grillo, Aivars Kalniņš, Jaana Kauppinen-Widiger, Kerry Kelly, Hee Wook Kim, Regina Kölzow, Christian Lang, Uwe Lenhard, Mei Li, Antje Luckstein, Alice Löw Pereira, Akane Matsui, Felicitas Müller, Matthias Noack, Nils Pille, Alexander Pjaternev, Michael Schultz, André Trautmann, Annegret Voigt, die Rostocker Singakademie, Teodora Belu, Ralph Zedler,  Hans-Christoph Borck, Manfred Hermann Lehner, Joseph Feigl, Katja Taranu, die MusikerInnen der Norddeutschen Philharmonie und Dörte Keck, Peter Martins, Christiane Blumeier-Braun, Susanne Menning, Constance Schwerdt, Michael Martin, Jörg Adam, Ekkehart Merker, die KollegInnen der Maske und der Garderobe und der Schneiderei und der Werkstätten und des Malsaales und der Beleuchtung und der Bühnentechnik und der Requisite,
und die vielen anderen, die man nicht sieht, ohne die aber gar nichts ginge ... gar nichts.








Alle Photos © Volkstheater Rostock - Dorit Gätjen
 

Freitag, 17. Juni 2016

Photogramme - Ding & Schattending

PHOTOGRAMME

Die Schatten die Dinge werfen, 
die Dinge, die Schatten werfen 
 
Als Photogramm auch Schadografie (Schattenphotographie) oder Rayogramm wird die direkte Belichtung von lichtempfindlichen Materialien wie Film oder Fotopapier im Kontaktverfahren bezeichnet. Im Gegensatz zur Fotografie oder Luminografie wird dabei keine Kamera benutzt. So beschreibt es Wiki. Und über den Schatten sagt sie: Ein Schatten ist der hinter einem Objekt entstehende Mangel an Strahlung, die das Objekt auf seiner der Strahlenquelle zugewandten Seite empfängt.
 
Die Umrisse, die Abbilder, die äußeren Ränder und die inneren und doch habe ich den Eindruck, das Eigentliche des Dinges zu sehen. 
Ein kleines Mädchen erschrickt sich vor dem eigenen Schatten, ein ganz kurzes Video:
 
 
Wir werden ihn nicht los unseren Schatten, im wörtlichen Sinne zeigt er uns nur unsere Form, zu dick, zu ungelenk, verzerrt je nach Position der Lichtquelle, scharf und unerbittlich oder weich und ahnungsvoll. Metaphorisch, ist er dieser schwarzgraue Fleck, den wir in uns ahnen oder wissen, auf den kein Licht fällt, der aber gerade darum umso deutlicher erkennbar ist, durch den Kontrast. Ach, wie gerne wären wir nur Licht und Glanz und Güte! Aber kein Licht ohne Schatten, ist da auch unsere Grauzone und der schattige Bereich, böse, garstig, selbstsüchtig und ohne Mitgefühl. Wir verbergen ihn meist gut, er bleibt im Schatten unserer öffentlichen ums Gutsein bemühten Persönlichkeit. Ist aber doch da. Quelle von Scham und Gewissensbissen. Aber ohne ihn wäre unsere wirkliche Anständigkeit nur sorglose Ahnungslosigkeit, Zufall, keine Anstrengung.
 
Nachdem Buddha todt war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle, – einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. – Und wir – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen! 
Friedrich Netzsche "Die fröhliche Wissenschaft"
 
William Henry Fox Talbot & Hippolyte Bayard

William Henry Fox Talbot


William Henry Fox Talbot


William Henry Fox Talbot

 Hippolyte Bayard

Wilhelm Conrad Röntgen
 
Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Friedrich Rückert "Kindertotenlieder"

Sonntag, 12. Juni 2016

Theater hat auch eine freie Zeit von Samstagmittag bis Montagmorgen

Seit Anfang Mai arbeite ich an einem Theater, das unter jahrzehntelangem, unerbittlichem Dauerbeschuss steht. 

Dem fünfzehnten Intendanten seit der Wende ist soeben gekündigt worden. (Von den fünfzehn haben, glaube ich, nur zwei termingerecht und ohne Abfindung das Haus verlassen. Die Gründe sind höchst unterschiedlich, die städtisch politischen Umgangsformen sind gleichbleibend rabiat. Nun sind Spartenschließungen beschlossen, hochbegabten Kollegen wird mit Änderungskündigungen gedroht, das heißt, sie sollen auf Stellen wechseln, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen und dafür auch noch bis zu dreißig Prozent weniger verdienen, bei den ohnehin sehr niedrigen Ausgangsgagen. Der Musikdramaturg hat bereits verdientermaßen einen Auflösungsvertrag, der zweite Chef geht bald woanders hin.)

Das deutsche Stadttheater im mittlerweile normalen Ausnahmezustand, verächtlich behandelt, verzweifelt weitermachend, großartig im Einzelnen, vollständig verwirrt im Ganzen. Orchester und Opernchor sind durch exzellente Gewerkschaftsarbeit geschützt, Schauspieler und Tänzer und all die anderen hart Arbeitenden mit "Normalvertrag Solo = NV Solo sind jedermanns politischer Spielball. Die technischen Abteilungen registrieren alles und arbeiten zunehmend hoffnungslos weiter.

Warum, für wen und wie sollen wir weitermachen? 

Mittendrin wursteln wir mit unserer grandiosen komischen Oper oder Operette.
"Candide" - ein Mann voller Optimismus verliert alles und kann seine Hoffnung auf Liebe doch nicht aufgeben.

Die Sänger & Tänzer sind wunderbar, die Gewerke tragen uns auf Händen, allerdings ähnelt die Probenplanung einem schlechtorganisiertem Kindergeburtstags-Blindekuhspiel. Die Bühnenorchesterprobe Nummer zwei findet zum Beispiel zwei Wochen vor der Premiere statt. In der nächsten Wochen kommen einhundertsiebzig Kostüme mit vielen rasendschnellen Umzügen hinzu. Thalia oder irgendeine andere Theatergöttin schütze uns!

Aber jetzt ist es Wochenende. Ich habe frei. In Berlin. In meiner eigenen Wohnung, inklusive meines eigenen Bettes. 

Wie schalte ich mein Gehirn ganz rasch und übergangslos auf den nötigen Entspannungsmodus? Gestern noch Bühnenprobe und Beleuchten bis 22 Uhr und heute seit 13 Uhr - Freizeit. 36 Stunden bis zur Probe am Montagmorgen. Sechs davon als Gast der deutschen Bundesbahn. Wobei es hier weniger um meine Entspannung geht, und weit mehr um den Dauerdruck, der auf Künstler ausgeübt wird. Sie singen, sie tanzen, sie fühlen und sind doch längst nicht mehr Zentrum des Interesses. Sie sind nurmehr Kanonenfutter.

Kultur ist Luxus. Ist nicht abrechenbar. Gesänge und wilde Worte sind nicht gewinnbringend abzurechnen. Spieler und Tänzer und Sänger rezitieren, schreien, murmeln, springen, wirbeln, jubeln und strapazieren ihre zarten Stimmbänder auch ohne geliebt zu werden. Die Schamanen werden wie Kassenwarte beurteilt. Der ohnehin kleine, doch heilige Raum der Bühne ist zur beliebigen Wurstverkaufsbude verkommen. Am 26. Juni, werden wir eine Premiere haben, irgendwo zwischen Untergang, Alltagsgeschäft und magischem Ereignis. What the fuck!

Sonntag, 5. Juni 2016

Voltaire - Candide - Bernstein


Du ewiges Geschehen nutzloser Katastrophen! Ihr ruft: Alles ist gut! Getäuschte Philosophen, kommt her und schaut euch an: entsetzliche Ruinen, die Scherben und der Schutt, von Asche die Lawinen, und Schicht auf Schicht gehäuft die Kinder und die Frauen, zerstreuter Gliederstaub, von Marmorstein zerhauen.

Eine Oper nach dem gleichnamigen Roman von Voltaire
Musik von Leonard Bernstein
Texte von Richard Wilbur, Hugh Wheeler, Stephen Sondheim, John Latouche, Lillian Hellman, Dorothy Parker & Leonard Bernstein

Die Natur hat zu allen Menschen gesprochen: Ich ließ euch alle schwach und unwissend geboren werden, damit ihr einige Minuten auf dieser Erde lebt und sie mit euren Leichnamen düngt. Da ihr schwach seid, klärt euch auf und habt Nachsicht untereinander. Seid ihr alle derselben Meinung, was sicher nie geschehen wird, so solltet ihr, wenn es auch nur einen einzigen Menschen mit einer anderen Ansicht gibt, sie ihm zugute halten, denn ich bin es, die ihn so denken lässt, wie er denkt. *

Es beginnt mit einer glücklichen Adelsfamilie in ländlicher Idylle: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Auch das Dienstmädchen und der Hauslehrer sind glücklich. Und Candide, der Bastard und Titelheld, ist es auch.
Aber der uneheliche Junge verliebt sich in die Tochter des Hauses, wird aus der Familie verstoßen und nur kurze Zeit später werden Mama, Papa, ihre beiden Kinder und der liebenswürdige Hofmeister von bulgarischen Soldaten massakriert. Die Eltern bleiben tot, aber alle anderen erleben wundersame Wiederauferstehungen, manche sogar mehrmals, und begegnen dann unserem Helden auf seinen im wilden Zickzack um die Welt verlaufenden Reisen. 
Sie erleben Stürme und Schiffsuntergänge, Erdbeben, Kannibalen-Überfälle, rauschende Feste in Paris und Nächte in einem Spielkasino in Venedig. Sie leiden, leben, kämpfen, sterben, morden und währenddessen tanzen sie auch noch und singen außerordentlich viele wunderbare Lieder.

Und dann beschließt dieser Candide am Ende sein großes Abenteuer mit einem Satz: „ Wir müssen unseren Garten bestellen.“
Wie bitte? Damit soll der Zuschauer, nach Hause gehen?
Was für ein verflixter Garten überhaupt? 
Keine großen Pläne und Träume mehr? Keine riskanten Unternehmungen mehr? Keine Liebe ohne vernünftiges Maß? Kein Hoffen auf das Unmögliche? Bleibt uns nichts übrig, als den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und uns damit zufrieden geben? Keine Utopie? Gibt es wirklich keinen Ort, nirgends, für unsere Hoffnungen?
Sollen wir uns nur noch um unsere ordentlich umrandeten Beete kümmern, das immer wieder nachwachsende Unkraut pflichtbewusst auszupfen und still  leidend hinnehmen, dass wir niemals sehr glücklich sein werden?
Unser Held Candide hat sehr lange gehofft, geglaubt und hingenommen und ist nun müde. Seine große Liebe ist fett geworden und alt und hat meist schlechte Laune. Sein Lehrer, geschwächt durch Syphilis und nasenlos, bleibt unbelehrbar, und um seine anderen Weggefährten steht es nicht viel besser.

 
Wir sind nicht mehr das, was wir einmal waren, und wollen es auch nicht mehr sein. Wie wir geliebt haben, werden wir nicht mehr lieben. Lieben wir uns, wie wir jetzt sind. **

François-Marie Arouet, der sich selbst Voltaire nannte, Franzose, Dichter und Aufklärer, schrieb seinen kurzen Roman „Candide oder der Optimismus“ als erschütterte Reaktion auf das große Erdbeben, das 1755 Lissabon in Schutt und Asche legte und mindestens 30 000 seiner Einwohner das Leben kostete. Viele von ihnen starben, da es Allerheiligen war und sie als gute Katholiken den Gottesdienst besuchten, unter den Trümmern über ihnen zusammenstürzender Kirchen. Zwischen dieser Katastrophe und der zu jener Zeit verbreiteten Philosophie, die behauptete, dass alles was ist, notwendigerweise gut sei, tat sich für Voltaire ein Abgrund auf. Leibniz, Pope und andere erklärten diese Welt zur besten möglichen Welt, da sie die einzig mögliche Welt sei. Candide ist auch ein Aufschrei gegen diese zynisch erscheinende Weltsicht. Schon 1759 erscheint „Candide“ unter dem Pseudonym Doktor Ralph und kommt sofort auf den Index, wurde von der Zensur verschiedener Länder verboten und doch ein ‚Bestseller’.
200 Jahre später: Leonard Bernstein, einer der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, Komponist der West Side Story und von On The Town, von Symphonien und Sonaten, Filmmusiken und auch des wunderbaren Kaddisch, arbeitete sein halbes Leben lang an seiner großen Oper, an Candide. Unzählige Librettisten schrieben und schrieben um, Szenen wurden eingefügt, umgestellt, herausgenommen. Was entstand, ist ein reicher, überbordender und überraschender Kosmos, in dem unterschiedliche Gattungen einander befruchten, die Musik der ganzen Welt mitzuklingen scheint und Texte und Töne gleichberechtigte Partner sein können.

Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung.
Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.
***

* Voltaire „Über die Toleranz“ © Suhrkamp Verlag 2015
** & *** Voltaire „Candide“