Donnerstag, 12. Februar 2015

Wir spielen nicht, wir sind - Authentizität ist der Tod des Theaters


"Eine ernst gemeinte philosophische Frage: Wieso gilt es eigentlich neuerdings als rassistisch und anstößig, wenn im Theater Weiße mit geschminkten Gesichtern Schwarze spielen – aber wenn ein normal gewachsener Schauspieler mit aufgeschnalltem Buckel und groteskem Pappklumpfuß einen Behinderten imitiert, finden das alle okay? Wie dem auch sei:..."
Matthias Heine

Als kleines Kind, dessen Eltern Abends auf Theater-Arbeit waren, hatte ich, zur Überbrückung der Einsamkeit, einen imaginierten Zwillingsbruder mit dem ich mir die magiegefüllte Herrschaft über ein ebenfalls vorgestelltes Königreich teilte. Der ärmliche Berliner Fasching sah mich als pubertären Neanderthaler, als Fliegenpilz und als Prinzessin. Wenn ich mich in früher Jugend überfordert fühlte, verschwand ich in Ersatzfiguren, die der coolen Alleswisserin oder in die der jungen Frau, die nichts erschrecken konnte - auf Grund meiner familiären Einbindung dauerte es sehr lang, bis ich mir eingestand, dass dieses "als ob" Getue, diese Sehnsucht nach dem anders sein, als ich war, auch mein Beruf werden könnte. Meine Freiheit. 
Ich, Johanna, mochte nicht vor anderen weinen, aber Johanna, die Spielerin schluchzte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sehr zur Irritation mancher Regisseure.
Ich durfte böse sein, blöd, dem Tod geweiht, verrückt, entrückt, verzückt. Freiheit.

Aber jetzt wird ein soziales, ökonomisches und gesellschaftliches Problem, nämlich dass Mitmenschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung, genetischer Bevozugtheit auf dem Arbeitsmarkt nicht fair behandelt werden, dass heißt, sie werden nicht ihrer Begabung entsprechend engagiert und eingesetzt, zu einem ästhetischen Dogma umgeformt: Sei wer du bist, nicht wer du sein könntest. 
Sei authentisch. Das harsche Todesurteil für Spiel und Clownerie und das Ausprobieren von Kleidern, die Dir nicht passen. 

Fremdheit macht scharfsichtig. 

Der gefürchtete V-Effekt, Verfremdung genannt: ich bin, was ich nicht sein kann, ich sehe was ich ich kenne, aber anders, als ich es gewohnt bin, uraltes Mittel des Theaters wird tagespolitisch fragwürdig, oder sogar anrüchig. 

Wer ist Hamlet? Ein Däne mit freudscher Vaterproblematik? Wer Cleopatra? Eine junge Ägypterin? Wer ist Richard der Dritte oder Othello? Wer ist schwarz, behindert oder sonstwie anders? Ich bin es. Ich darf all dies sein, weil ich spiele. Und vergesse doch nicht, die Ungerechigkeit, die Intoleranz die unsere Gesellschaft prägt.

Nicht wer ich bin ist entscheidend, sondern wer man mir erlaubt zu sein.


Kommentare:

  1. Authentizität bedeutet Echtheit, Übereinstimmung von Schein und Sein.
    Vom Theater, vom Schauspieler, Authentizität zu verlangen, ist nicht nur ein Widerspruch per se, also absolut bekloppt, Theater müsste auch - zuende gedacht - verboten werden. Meine Güte, allein die Tötungen...

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  2. Wikipedia sagt Authentizität bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Ich muss also nicht das Original sein, ich muss dafür befunden werden. Wer befindet am Theater? Zunächst mal ich selbst. Dann die Regie. Die befindet vielleicht etwas anderes als ich, da muss man sich dann einigen. Und dann das Publikum. Vielleicht noch die eine oder andere Theaterkritik, aber vorallem das Publikum.
    Was als Original angesehen wird befinden also eine ganze Menge Menschen. Wahrscheinlich alle unterschiedlich. Worauf läuft es also hinaus?
    Vielleicht hilft die köstliche Vorstellung von Johanna als Neandertaler im Berliner Faschung. Vielleicht hilft es überhaupt sich zu fragen warum Kinder und junge Menschen so gut sind in ihren Rollen. Ich glaube, weil sie es ernst meinen. Zutiefst ernst meinen.
    Deswegen kann man mit einem um den Hals geknoteten Badehandtuch und Wollmütze Batman sein. Weil man gerade zutiefst und vollständig davon ausgeht dass man der Held von Gotham ist. Das ist eine Überzeugung, die auf andere überspringt. Sogar wenn die anderen das Badehandtuch als Badehandtuch identifizieren.
    Authentizität bedeutet für mich und meiner Meinung also ich muss es ernst meinen.

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  3. Kluges Interview!

    http://jungle-world.com/artikel/2014/44/50836.html

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