Dienstag, 30. September 2014

Hallo! Hier spricht Edgar Wallace.

Ungefähr bis zu meinem zehnten Lebensjahr gab es nahezu kein Fernsehen für mich. Dann, 1968 - 1978, es existierten drei Westprogramme und das Fernsehen der DDR mit zwei Sendern, und ich wurde, von meinen Eltern streng rationiert, Teil der zuschauenden Menge.

Die Geschichte des Fernsehens in Deutschland 

Ganz vorneweg: Ich habe die Wallace Filme geliebt, überdreht, theatrig, kindergruselig und durchschaubar. Sie wurden oft um 20.15 Uhr gezeigt, nach der Tagesschau am Samstag, oder als Spätfilm nach dem Wort zum Sonntag. In Zeiten ohne Videorecorder war Fernsehen eine streng geregelte Angelegenheit. Am Samstag Nachmittag Professor Flimmrich für Märchenfilme, oft russische, das Ostsandmännchen am Abend und, wenn man Eltern hatte, die Westfernsehen zuliessen und nicht gerade in Sachsen wohnte, von 18.00 bis 19.00 Uhr halbstündige Vorabendserien wie "Maxwell Smart - Immer, wenn er Pillen nahm..." Und am Sonnabend halt der Samstagsfilm.
"Hier spricht Edgar Wallace" dann Schüsse, Blutflecken und schrille Musik. Die meisten Filme an die ich mich erinnere in Schwarz-Weiß und mit schattigen schrägen Einstellungen, viel Nebel, weil die Handlung ja in England, meist in London, stattfand und dort war es bekanntermaßen oft nebelig. Gedreht wurde übrigens in Deutschland.

Die Schauspieler schauspielerten was das Zeug hielt. Keiner war auch nur ansatzweise natürlich. Eddie Arendt, Karin Dor, Elisabeth Flickenschildt mit dem Wahnsinn in der Stimme, Klaus Kinski, Pinkas Braun mit dem Wahnsinn im Auge. Ödipuskomplexe die Menge und nordische Sexbomben mit Hartplastikfrisuren, Blacky Fuchsberger oder Heinz Drache als kühle, heute würde man coole sagen, Komissare. Logik war unnötig. Spannung enorm. Humor sicher.


Blacky Fuchsberger & Klaus Kinski

Der Herrensitz Marks Priory war schon zur Zeit der Sachsen gegründet worden, und der Westturm hatte ein hohes Alter. Die anderen Teile des Gebäudes stammten aus den verschiedensten Zeiten. Lord Willie Lebanon, der Herr von Marks Priory, ärgerte sich über das Haus, obwohl ihn der Aufenthalt hier in gewisser Weise beruhigte. Dr. Amersham hielt es für ein Gefängnis, in dem er eine unangenehme Pflicht zu erfüllen hatte, und nur Lady Lebanon sah darin den Stammsitz ihres uralten Geschlechts. Lady Lebanon war schlank und nicht allzu groß, aber ihre tadellose Figur wirkte weder klein noch unbedeutend. Das reiche, schwarze Haar, das dem feingeschnittenen Gesicht einen reizvollen Rahmen gab, trug sie in der Mitte gescheitelt. Von Zeit zu Zeit leuchteten ihre dunklen Augen auf und verrieten einen fanatischen Charakter, obwohl sie sonst in ihrem Wesen fest, kühl und klar war. Immer schien sie sich bewußt zu sein, daß sie als Aristokratin die Pflicht hatte, zu repräsentieren; der Geist der neuen Zeit hatte sie nicht berührt. Sie hatte einen Vetter geheiratet und war erfüllt von der Bedeutung des alten Geschlechts der Lebanon.
Ihr Sohn Willie fand wenig Freude an dem Leben, das er auf Marks Priory führen mußte, und langweilte sich. Obwohl er verhältnismäßig schwächlich war, hatte er mit Erfolg die Militärakademie in Sandhurst besucht. Darauf tat er als Leutnant zwei Jahre Dienst in Indien, was einen sehr guten Einfluß auf seinen Gesundheitszustand hatte. Schließlich bekam er jedoch einen schweren Fieberanfall und wurde dadurch etwas nervös und unruhig. Lady Lebanon erzählte das ihren Gästen, wenn sie sich überhaupt zu einer Erklärung herbeiließ. Unvoreingenommene Beobachter hätten vielleicht einen anderen Grund für die Nervosität des Lords finden können.Edgar Wallace: Das indische Tuch - Kapitel 3
Ins Deutsche übertragen von Hans Herdegen 

Der Grüne Bogenschütze 
Der ganze Film

Trailer Das Indische Tuch & Der Frosch mit der Maske

Wikipediaseite von Alfred Vohrer, dem wohl stilbestimmendsten Regisseur der Edgar Wallace Reihe http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Vohrer

Ein Bonbon:
Talkshow 1977 "Je später der Abend" Reinhard Münchenhagen und Klaus Kinski als Gast
https://www.youtube.com/watch?v=HskcRzUGcuU 

"Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" ist der Titel der Autobiographie Klaus Kinskis, die heute, nachdem seine Tochter seinen Mißbrauch an ihr veröffentlicht hat, einen sehr bitteren Beigeschmack bekommen hat.

Eine verliebte Ballade für ein Madchen namens Yssabeau

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.


Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!


Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart,
für mich so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht
im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.


Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!


Paul Zech

Sonntag, 28. September 2014

Muß ich schreiben? Rainer Maria Rilke - Briefe an einen jungen Dichter - Letters to a young poet


Briefe an einen jungen Dichter
Erster Brief



An Franz Xaver Kappus  

Paris am 17. Februar 1903

Sehr geehrter Herr,
Ihr Brief hat mich erst vor einigen Tagen erreicht. Ich will Ihnen danken für sein großes und liebes Vertrauen. Ich kann kaum mehr. Ich kann nicht auf die Art Ihrer Verse eingehen; denn mir liegt jede kritische Absicht zu fern. Mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten: es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Mißverständnisse heraus. Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.
Wenn ich diese Notiz vorausschicke, darf ich Ihnen nur noch sagen, daß Ihre Verse keine eigene Art haben, wohl aber stille und verdeckte Ansätze zu Persönlichem. Am deutlichsten fühle ich das in dem letzten Gedicht «Meine Seele». Da will etwas Eigenes zu Wort und Weise kommen. Und in dem schönen Gedicht «An Leopardi» wächst vielleicht eine Art Verwandtschaft mit diesem Großen, Einsamen auf. Trotzdem sind die Gedichte noch nichts für sich, nichts Selbständiges, auch das letzte und das an Leopardi nicht. Ihr gütiger Brief, der sie begleitet hat, verfehlt nicht, mir manchen Mangel zu erkläre, den ich im Lesen Ihrer Verse fühlte, ohne ihn indessen namentlich nennen zu können.
Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.
Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. Dann nähern Sie sich der Natur. Dann versuchen Sie, wie ein erster Mensch, zu sagen, was Sie sehen und erleben und lieben und verlieren.

Schreiben Sie nicht Liebesgedichte; weichen Sie zuerst denjenigen Formen aus, die zu geläufig und gewöhnlich sind: sie sind die schwersten, denn es gehört eine große, ausgereifte Kraft dazu, Eigenes zu geben, wo sich gute und zum Teil glänzende Überlieferungen in Menge einstellen.

Darum retten Sie sich vor den allgemeinen Motiven zu denen, die Ihnen Ihr eigener Alltag bietet; schildern Sie Ihre Traurigkeiten und Wünsche, die vorübergehenden Gedanken und den Glauben an irgendeine Schönheit - schildern Sie das alles mit inniger, stiller, demütiger Aufrichtigkeit und gebrauchen Sie, um sich auszudrücken, die Dinge Ihrer Umgebung, die Bilder Ihrer Träume und die Gegenstände ihrer Erinnerung.
Wenn Ihr Alltag Ihnen arm scheint, klagen Sie ihn nicht an; klagen Sie sich an, sagen Sie sich, daß Sie nicht Dichter genug sind, seine Reichtümer zu rufen; denn für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort. Und wenn Sie selbst in einem Gefängnis wären, dessen Wände keines von den Geräuschen der Welt zu Ihren Sinnen kommen ließen - hätten Sie dann nicht immer noch Ihre Kindheit, diesen köstlichen, königlichen Reichtum, dieses Schatzhaus der Erinnerungen? Wenden Sie dorthin Ihre Aufmerksamkeit. Versuchen Sie die versunkenen Sensationen dieser weiten Vergangenheit zu heben; Ihre Persönlichkeit wird sich festigen, Ihre Einsamkeit wird sich erweitern und wird eine dämmernde Wohnung werden, daran der Lärm der anderen fern vorüber geht. Und wenn aus dieser Wendung nach innen, aus dieser Versenkung in die eigene Welt Verse kommen, dann werden Sie nicht daran denken, jemanden zu fragen, ob es gute Verse sind. Sie werden auch nicht den Versuch machen, Zeitschriften für diese Arbeiten zu interessieren: denn Sie werden in ihnen Ihren lieben natürlichen Besitz, ein Stück und eine Stimme Ihres Lebens sehen.

Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes. Darum, sehr geehrter Herr, wußte ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen.

Nehmen Sie sie, wie sie klingt, an, ohne daran zu deuten. Vielleicht erweist es sich, daß Sie berufen sind, Künstler zu sein. Dann nehmen Sie das Los auf sich, und tragen Sie es, seine Last und seine Größe, ohne je nach dem Lohne zu fragen, der von außen kommen könnte. Denn der Schaffende muß eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.
Vielleicht aber müssen Sie auch nach diesem Abstieg in sich und Ihr Einsames darauf verzichten, ein Dichter zu werden (es genügt, wie gesagt, zu fühlen, daß man, ohne zu schreiben, leben könnte, um es überhaupt nicht zu dürfen). Aber auch dann ist diese Einkehr, um die ich Sie bitte, nicht vergebens gewesen. Ihr Leben wird auf jeden Fall von da ab eigene Wege finden, und daß es gute, reiche und weite sein mögen, das wünsche ich Ihnen mehr, als ich sagen kann.
Was soll ich Ihnen noch sagen? Mir scheint alles betont nach seinem Recht; und schließlich wollte ich Ihnen ja auch nur raten, still und ernst durch Ihre Entwicklung durchzuwachsen; Sie können sie gar nicht heftiger stören, als wenn Sie nach außen sehen und von außen Antwort erwarten auf Fragen, die nur Ihr innerstes Gefühl in Ihrer leisesten Stunde vielleicht beantworten kann.
Es war mir eine Freude, in Ihrem Schreiben den Namen des Herrn Professor Horacek zu finden; ich bewahre diesem liebenswürdigen Gelehrten eine große Verehrung und eine durch die Jahre dauernde Dankbarkeit. Wollen Sie ihm, bitte, von dieser meiner Empfindung sagen; es ist sehr gütig, daß er meiner noch gedenkt, und ich weiß es zu schätzen.
Die Verse, welche Sie mir freundlich vertrauen kamen, gebe ich Ihnen gleichzeitig wieder zurück. Und ich danke Ihnen nochmals für die Größe und Herzlichkeit Ihres Vertrauens, dessen ich mich durch diese aufrichtige, nach bestem Wissen gegebene Antwort ein wenig würdiger zu machen suchte, als ich es, als ein Fremder, wirklich bin.

Mit aller Ergebenheit und Teilnahme:

Rainer Maria Rilke 



R.M.Rilke selbst in sehr jungen Jahren


Wikiseite mit den Links zu den übrigen neun Briefen:


http://de.wikipedia.org/wiki/Briefe_an_einen_jungen_Dichter


Letter Nº1
Paris
February 17, 1903


Dear Sir,
     Your letter arrived just a few days ago. I want to thank you for the great confidence you have placed in me. That is all I can do. I cannot discuss your verses; for any attempt at criticism would be foreign to me. Nothing touches a work of art so little as words of criticism: they always result in more or less fortunate misunderstandings. Things aren't all so tangible and sayable as people would usually have us believe; most experiences are unsayable, they happen in a space that no word has ever entered, and more unsay able than all other things are works of art, those mysterious existences, whose life endures beside our own small, transitory life.
     With this note as a preface, may I just tell you that your verses have no style of their own, although they do have silent and hidden beginnings of something personal. I feel this most clearly in the last poem, "My Soul." There, some thing of your own is trying to become word and melody. And in the lovely poem "To Leopardi" a kind of kinship with that great, solitary figure does perhaps appear. Nevertheless, the poems are not yet anything in themselves, not yet any thing independent, even the last one and the one to Leopardi. Your kind letter, which accompanied them managed to make clear to me various faults that I felt in reading your verses, though I am not able to name them specifically.
     You ask whether your verses are any good. You ask me. You have asked others before this. You send them to magazines. You compare them with other poems, and you are upset when certain editors reject your work. Now (since you have said you want my advice) I beg you to stop doing that sort of thing. You are looking outside, and that is what you should most avoid right now. No one can advise or help you - no one. There is only one thing you should do. Go into yourself. Find out the reason that commands you to write; see whether it has spread its roots into the very depths of your heart; confess to yourself whether you would have to die if you were forbidden to write. This most of all: ask yourself in the most silent hour of your night: must I write? Dig into yourself for a deep answer. And if this answer rings out in assent, if you meet this solemn question with a strong, simple "I must", then build your life in accordance with this necessity; your whole life, even into its humblest and most indifferent hour, must become a sign and witness to this impulse. Then come close to Nature. Then, as if no one had ever tried before, try to say what you see and feel and love and lose. Don't write love poems; avoid those forms that are too facile and ordinary: they are the hardest to work with, and it takes a great, fully ripened power to create something individual where good, even glorious, traditions exist in abundance. So rescue yourself from these general themes and write about what your everyday life offers you; describe your sorrows and desires, the thoughts that pass through your mind and your belief in some kind of beauty Describe all these with heartfelt, silent, humble sincerity and, when you express yourself, use the Things around you, the images from your dreams, and the objects that you remember. If your everyday life seems poor, don't blame it; blame yourself; admit to yourself that you are not enough of a poet to call forth its riches; because for the creator there is no poverty and no poor, indifferent place. And even if you found yourself in some prison, whose walls let in none of the world's sound - wouldn't you still have your childhood, that jewel beyond all price, that treasure house of memories? Turn your attention to it. Try to raise up the sunken feelings of this enormous past; your personality will grow stronger, your solitude will expand and become a place where you can live in the twilight, where the noise of other people passes by, far in the distance. And if out of , this turning within, out of this immersion in your own world, poems come, then you will not think of asking anyone whether they are good or not. Nor will you try to interest magazines in these works: for you will see them as your dear natural possession, a piece of your life, a voice from it. A work of art is good if it has arisen out of necessity. That is the only way one can judge it. So, dear Sir, I can't give you any advice but this: to go into yourself and see how deep the place is from which your life flows; at its source you will find the answer to, the question of whether you must create. Accept that answer, just as it is given to you, without trying to interpret it. Perhaps you will discover that you are called to be an artist. Then take that destiny upon yourself, and bear it, its burden and its greatness, without ever asking what reward might come from outside. For the creator must be a world for himself and must find everything in himself and in Nature, to whom his whole life is devoted.
     But after this descent into yourself and into your solitude, perhaps you will have to renounce becoming a poet (if, as I have said, one feels one could live without writing, then one shouldn't write at all). Nevertheless, even then, this self searching that I ask of you will not have been for nothing. Your life will still find its own paths from there, and that they may be good, rich, and wide is what I wish for you, more than I can say.
     What else can I tell you? It seems to me that everything has its proper emphasis; and finally I want to add just one more bit of advice: to keep growing, silently and earnestly, through your whole development; you couldn't disturb it any more violently than by looking outside and waiting for outside answers to questions that only your innermost feeling, in your quietest hour, can perhaps answer.
     It was a pleasure for me to find in your letter the name of Professor Horacek; I have great reverence for that kind, learned man, and a gratitude that has lasted through the years. Will you please tell him how I feel; it is very good of him to still think of me, and I appreciate it.
     The poem that you entrusted me with, I am sending back to you. And I thank you once more for your questions and sincere trust, of which, by answering as honestly as I can, I have tried to make myself a little worthier than I, as a stranger, really am.
Yours very truly,

Rainer Maria Rilke

Link for the other nine letters:
http://www.carrothers.com/rilke_main.htm 

Neue Bühne Senftenberg - Das Jahr100 Spektakel



1978 - eine Freundin spielte Minna von Barnhelm am Theater der Bergarbeiter Senftenberg. Den Regisseur, eigentlich Dramaturg, ihren Lebensgefährten, kannte ich von Besuchen bei ihr, wo er nah an der Heizung saß, über verschiedene körperliche Leiden klagte und höchst spannend über Theater sprach. Dies war seine erste Inszenierung, noch fast traditionell, aber ganz leicht, ganz hurtig und klar. Kurze Zeit danach wurde er nach Anklam "verbannt", dass heißt die Anfahrt als Mitfahrer in verschiedenen Trabbis wurde länger, und der Rest ist Theatergeschichte. *

Später war ich fast drei Jahre in Frankfurt an der Oder engagiert, mit Abstechern nach Schwedt, Eisenhüttenstadt und sämtlichen NVA-Stützpunkten der Umgebung, aber nach Senftenberg bin ich nicht wieder gekommen.

Bis gestern. Und was sehe ich - kurz hintereinander zwei Trabbis, einer davon zum Cabrio umgebaut und davon hat die Stadt auch was. Ganz sorgsam und liebevoll neu verputzt und hell gestrichen, steht da eine DDR-Kleinstadt mitten im Brandenburgischen.
Mit dieser Spielzeit beginnt hier eine neue Mannschaft, der langjährige Intendant Sewan Latchinian ist nach Rostock weitergezogen und Manuel Souberand dafür aus Esslingen hergewandert. 
Der Eröffnungsabend heißt: Das Jahr100 Spektakel - http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

Zuerst:
GERMANIA 3 - Gespenster am toten Mann

3

NÄCHTLICHE HEERSCHAU

Nacht Berliner Mauer Thälmann und Ulbricht auf Posten.


Thälmann

Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt er

begraben. Die Kränze sind aus Stacheldraht, der Salut wird

auf die Hinterbliebenen abgefeuert. Mit Hunden gegen die

eigene Bevölkerung. Das ist die rote Jagd. So haben wir uns

das vorgestellt in Buchenwald und Spanien.
Ulbricht

Weißt du was Bessres.

Thälmann

Nein.

Ulbricht

Wenn du das Ohr an den Boden legst. kannst du sie schnar-

chen hören, unsre Menschen, Fickzellen mit Fernheizung

von Rostock bis Johanngeorgenstadt, den Bildschirm vorm

Schädel, den Kleinwagen vor der Tür.

(Schüsse. Leuchtspur.)

Wieder einer. Hoffentlich ist es nicht mein Abschnitt

Meine Tochter (35) hatte das Stück sehr aufgewühlt und dann sagte sie: nur ein paar Jahre jünger und man versteht nix mehr. Geschichte verschwindet nie, aber das Wissen um sie schon, und schnell und gründlich. Meine hinreißende Studententruppe vom letzten Jahr, alle in den Neunzigern geboren, hatten, nachdem wir eine Woche mit Geschichtserforschung des 20. Jahrhunderts zugebracht hatten, beim Lesen von Müllers "Mauser" den Schrecken und die Fassungslosigkeit der Unschuldigen in den Augen.


Die kleine Reise hat sich sehr gelohnt. Ich hatte ganz stark das Gefühl, dass die Senftenberger ihr Theater mögen und es behalten wollen, ein sehr wichtiger Punkt, bedenkt man dass es im Land Brandenburg nur noch wenige Stadttheater mit Ensemble gibt. Frankfurt/Oder und Brandenburg sind schon weg. Schwedt, Potsdam, Cottbus und Senftenberg leben noch. Möge ihnen ein langes, nicht zu unterfinanziertes und lebendiges Leben beschert sein.

* Frank Castorf


Samstag, 27. September 2014

Verrücktes Blut - Maxim Gorki Theater


O schöne neue Welt, die solche Bürger hat ...
William Shakespeare Der Sturm

Ich war im Theater. Es war lustig. Nichts wirklich Neues, aber unerwartet spannend. VERRÜCKTES BLUT vom Dramaturgen Jens Hillje und dem Regisseur Nurkan Erpulat in Zusammenarbeit mit den Spielern für das Theater in der Naunystrasse, auf der Grundlage des französischen Films "Heute trage ich einen Rock", entwickelt, jetzt zu sehen im Maxim Gorki Theater, dass sich selbst als Zentrum des postmigrantischen Theaters bezeichnet.
Nun rattert es in meinem Kopf und das ist gut und auch erschreckend. 


THILO SARRAZIN - in meiner faulen linksbürgerlichen Arroganz habe ich seine Bücher nicht gelesen, nur verurteilt. Erst heute, nachdem ich im Maxim Gorki Theater "Verrücktes Blut" gesehen habe und nach der anschließenden Diskussion mit meinen Freundinnen, von denen eine Lehrerin einer jetzt achten Klasse in Neukölln ist, beginne ich mich zu fragen, ob mein Hochmut nicht ignorant und also gefährlich sein könnte.

In­te­gra­ti­on ist eine Leis­tung des­sen, der sich in­te­griert. Je­man­den, der nichts tut, muss ich auch nicht an­er­ken­nen. Ich muss nie­man­den an­er­ken­nen, der vom Staat lebt, die­sen Staat ab­lehnt, für die Aus­bil­dung sei­ner Kin­der nicht ver­nünf­tig sorgt und stän­dig neue klei­ne Kopf­tuch­mäd­chen pro­du­ziert. Das gilt für 70 Pro­zent der tür­ki­schen und 90 Pro­zent der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung in Ber­lin.

Thilo Sar­ra­zin im In­ter­view mit dem Ma­ga­zin „Lett­re In­ter­na­tio­nal“ Nr. 86 vom 01.​10.​2009 , Seite 197-​201


Wir haben in Ber­lin vier­zig Pro­zent Un­ter­schicht­ge­bur­ten, und die fül­len die Schu­len und die Klas­sen, dar­un­ter viele Kin­der von Al­lein­er­zie­hen­den. Wir müs­sen in der Fa­mi­li­en­po­li­tik völ­lig um­stel­len: weg von Geld­leis­tun­gen, vor allem bei der Un­ter­schicht.

Sar­ra­zin im In­ter­view mit dem Ma­ga­zin „Lett­re In­ter­na­tio­nal“ Nr. 86 vom 01.​10.​2009 , Seite 197-​201


Wäh­rend die Tüch­ti­gen auf­stei­gen und die Un­ter­schicht oder un­te­re Mit­tel­schicht ver­las­sen, wur­den und wer­den in einer ar­beits­ori­en­tier­ten Leis­tungs­ge­sell­schaft nach »unten« vor allem jene ab­ge­ge­ben, die we­ni­ger tüch­tig, we­ni­ger ro­bust oder ganz schlicht ein biss­chen düm­mer und fau­ler sind.


Thilo Sar­ra­zin: Deutsch­land schafft sich ab, Mün­chen, 13. Auf­la­ge 2010, Seite 79-80 


Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch."  
B. Brecht Arturo Ui

Was für ein gewalttätiges Wort: "Unterschicht". - Verbales Attentat, entmenschlichender Stempel, Entsubjektivierung einer großen Menge von Menschen. Endlösungsmentalität. Be-, Verurteilung von Personen auf der Grundlage ihrer sozialen Ausgangssituation.
In Aldous Huxleys "Schöner Neuen Welt" wird eine Unterschicht, die Epsilons, durch Sauerstoffentzug im Embryonalstadium erzeugt, Irgendwer muß ja die Drecksarbeit verrichten. 
Heute Abend im Theater wurden zumeist unsere Erwartungen, also die der weißen Mittelschicht, verhandelt und wie ihnen nicht oder nur mangelhaft entsprochen wird. Aber wie werden "wir" von den Anderen betrachtet, beurteilt, verurteilt? Wie groß ist der Riss zwischen unseren Welten wirklich?
In meinem Hirn mischen sich Islam, ISIL, Osama bin Laden, maurische Archtektur und Dichtung, Nathan der Weise und mangelhafte Kenntnisse des Koran zu einem unklaren und vorurteilsbehafteten Brei. 
Pädophile Erzbischöfe sind nicht typisch für den Katholizismus, genausowenig wie es Inquisition und Hexenverbrennungen waren?
Der Islam, im 7. Jahrhundert nach UNSERER Zeitrechnung entstanden, befindet sich jetzt also ungefähr in einer Zeit entsprechend UNSEREM Mittelalter? 
Lebe ich in einer Blase ungeprüfter Toleranz? Mir geht es gut, ziemlich. Vielen anderen nicht. Wenn die nun anders leben wollen als ich, was dann?
Nur um es klar zu sagen, ich lebe gern in einer, wenn auch sehr wackeligen, Demokratie, ich bin eine anarchische linke Feministin und wünsche so wenig Staatsintervention in meine Angelegenheiten wie nur irgend möglich. Aber wie kann ich diese Realität aufrechterhalten, ohne ein übles Arschloch zu werden, ohne ignorant, ausschließend, letztendlich rassistisch zu werden?
Ich bin ver-wirrt, aus meiner Mitte geworfen. Ich will keine Schleier, Burkas, keine weibliche Beschneidung, keinen Gott, der straft, verdammt und aussortiert. Aber ich will auch nicht einen Großteil meiner Mitmenschen ablehnen, verachten oder wegrationalisieren. Was tun?

Von der Website Der Alternative für Deutschland - AfD - konsensfähiger Rassismus für den Hausgebrauch oder für wen die NPD zu unästhetisch ist:

Zuwanderung und Asyl 

Da wir demographische Nachhaltigkeit ernst nehmen, bejahen wir die Zuwanderung integrationswilliger und integrationsfähiger Einwanderer nach Deutschland.
Weil wir uns der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet fühlen, muss die Einwanderungspolitik nach klaren Kriterien gesetzlich geordnet werden, z. B. in Anlehnung an entsprechende Kriterien wie in Australien oder Kanada. Entscheidend sind Sprachkenntnisse, Ausbildung, berufliches Wissen und die Erfordernisse des deutschen Arbeitsmarktes. Eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme – auch aus Ländern der EU – lehnt die AfD strikt ab.

Sozialleistungen für Zuwanderer sind ohne jede Einflussnahme der EU ausschließlich nach deutscher Gesetzgebung zu gewähren. Leistungen wie ALG II (Arbeitslosengeld), Kinder- und Wohngeld sollen nur solche Zuwanderer erhalten, die in erheblichem Umfang Steuern, bzw. Sozialversicherungsbeiträge in Deutschland gezahlt haben oder deren Eltern das getan haben.

Politisch Verfolgten im Sinne des Grundgesetzes ist Asyl zu gewähren. Als Gäste des Landes sollen Asylanten würdig behandelt und als Mitmenschen akzeptiert werden, wozu auch das Recht gehört, ihr Auskommen selbst erarbeiten zu dürfen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Aus Gründen der Humanität ist es eine Pflicht, Kriegsflüchtlingen bei uns oder an anderen sicheren Aufenthaltsorten mit Unterkünften und dem notwendigen Lebensunterhalt beizustehen.

Dieser französische Film diente als die Vorlage:
http://de.wikipedia.org/wiki/Heute_trage_ich_Rock!

Donnerstag, 25. September 2014

Antigone 2 - Antigonick von Anne Carson - ein Bilderbuch - ein Comicstrip


Hier sind Kreons Verben für heute:
URTEILE FÄLLEN
GESETZE ERLASSEN
ANSTOSS ERREGEN
KAPITAL AUS ETWAS SCHLAGEN.

Hier sind Kreons Substantive:
MÄNNER
VERNUNFT
VERRAT
TOD
STAATSSCHIFF
MEINS.

Here are Kreon’s verbs for today: 
ADJUDICATE 
LEGISLATE 
SCANDALIZE 
CAPITALIZE. 

Here are Kreon’s nouns: 
MEN 
REASON 
TREASON
DEATH
SHIP OF STATE 
MINE.


ANTIGONICK 
Anne Carson & Bianca Stone &
Robert Currie

Antigon-nick - in the nick of time = gerade rechtzeitig, im letzten Moment - dieser Nick ist der stumme Mitspieler. Wenn alle anderen am Ende, die Bühne verlassen haben, bleibt er, Nick, der fortfährt zu vermessen/zu messen, "who continues measuring".


Die erste Seite

CHORUS (Ungeheuer ist viel...)

Many terribly quiet customers exist but none more
terribly quiet than Man:
his footsteps pass so perilously soft across the sea
in marble winter,
up the stiff blue waves and every Tuesday
down he grinds the unastonishable earth
with horse and shatter.

Shatters too the cheeks of birds and traps them in his forest headlights,
salty silvers roll into his net, he weaves it just for that,
this terribly quiet customer.
He dooms
animals and mountains technically,
by yoke he makes the bull bend, the horse to its knees.

And utterance and thought as clear as complicated air and
moods that make a city moral, these he taught himself.
The snowy cold he knows to flee
and every human exigency crackles as he plugs it in:
every outlet works but
one.
Death stays dark.

Death he cannot doom.
Fabrications notwithstanding.
Evil,
good,
laws,
gods,
honest oath taking notwithstanding.

Hilarious in his high city
you see him cantering just as he please,
the lava up to here.
 
© Antigonick by Anne Carson

“seven gates / and in each gate a man / and in each man a death / at the seventh gate.”
"sieben tore / und in jedem tor ein mann / und in jedem mann ein tod / am siebten tor."

Übersetzung & Text & Handschrift: Anne Carson
Illustrationen: Bianca Stone
Design: Robert Currie

Mittwoch, 24. September 2014

Antigone 1 - remixed


Zum Einstieg, mein Thema für die nächsten Monate. 
Eine Stadt, Theben, ein Bürgerkrieg mit ausländischer Beteiligung, der für die Stadt unerwartet siegreich endet. 
Wie wird der Frieden aussehen? 
Wie schafft man Frieden?
Die Schuldigen strafen?
Die Ordnung wiederherstellen?
Nach vorn schauen? 
Die Toten auf beiden Seiten betrauern?
Und da ist es, das grässlich-nötige Wort - die Vergangenheit aufarbeiten? 
Oder, wie es so oft genannt wird, sie "bewältigen"? 
Überwältigen? 

Σοφοκλής - Αντιγόνη

Sophokles - Antigone

Πολλὰ τὰ δεινὰ κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει

Viel sind der Wunder, und nichts
ist wunderbarer als der Mensch ist.

πολλὰ (“viel”) τὰ δεινὰ (“[sind] die Wunder”) κοὐδὲν (“und nichts”) ἀνθρώπου (“als der Mensch”) δεινότερον (“wunderbarer”) πέλει (ein emphatisches “ist”) 
oder
Τὰ δεινά (ta deina) ist Neutrum Plural, τά (ta) ist der Artikel, δεινά (deina) ist also substantiviert und heißt damit svw. die Ungeheuerlichkeit(en), das Ungeheure, das Furchtbare; ... κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει: "... doch (das καί ist hier offenbar nicht reihend, sondern steigernd) nichts Ungeheureres als der Mensch regt sich."
oder
τα δεινά - das Leid
 
--------------------------------------------------------------------- 
---------------------------------------------------------------------

CHOR
 
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheurer als der Mensch.
Er überschreitet auch das graue Meer
Im Notossturm *
Unter tosenden Wogen hindurch.
Erde, der Götter höchste,
Die unerschöpfliche, unermüdliche,
Bedrängt sein Pflug. Auf und ab
Ackern die Rosse ihm
Jahr um Jahr.

Leichtgesinnter Vögel Volk
Fängt er im Garn,
Wilder Tiere Geschlechter
Und Kinder des Meers
In verschlungenem Netzgeflecht,
Der kluge Mensch.
Mit List bezwingt er,
Was haust auf Höhen
Und schweift im Freien.
Dem Pferd mit der mächtigen Mähne,
Dem unbändigen Bergstier
Zähmt er den Nacken
Unter das Joch.

Und die Sprache
Und luftgewirkte Gedanken
Lehrte er sich
Und den Trieb zum Staat
Und Obdach
Gegen ungastlichen Reif vom Himmel
Und Regengeschosse,
Allberaten.
Ratlos tritt er
Vor nichts, was kommt,
Nur dem Tod entrinnt er nicht.
Aber aus heillosen Leiden
Ersann er sich Rettung.

Mit der Erfindung Kunst
Reich über Hoffen begabt,
Treibt's zum Bösen ihn bald
Und bald zum Guten.
Ehrend des Landes Gesetz
Und der Götter beschwornes Recht,
Ist er groß im Volk. Nichts im Volk,
Wer sich dem Unrecht gab
Vermessenen Sinns.
Nie sei Gast meines Herdes, 
Nie mein Gesinnungsfreund,
Wer solches beginnt.
Übersetzer nicht gefunden
* Notosturm = griech. Νότος, lat. Notus: der Südwind, der im Herbst manchmal für die Schiffer wegen der unregelmäßigen Sturmböen eine große Gefahr bedeutete.

--------------------------------------------------------------------- 

Caspar Neher 1949 Entwurf für Brechts Antigone 
--------------------------------------------------------------------- 
CHOR 

Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheuerer, als der Mensch.
Denn der, über die Nacht
Des Meers, wenn gegen den Winter wehet
Der Südwind, fähret er aus
In geflügelten sausenden Häusern.
Und der Himmlischen erhabene Erde,
Die unverderbliche, unermüdete,
Reibet er auf; mit dem strebenden Pfluge,
Von Jahr zu Jahr,
Treibt sein Verkehr er, mit dem Rossegeschlecht,
Und leichtträumender Vögel Welt
Bestrickt er, und jagt sie;
Und wilder Tiere Zug,
Und des Pontos salzbelebte Natur
Mit gesponnenen Netzen,
Der kundige Mann.
Und fängt mit Künsten das Wild,
Das auf Bergen übernachtet und schweift.
Und dem raumähnigen Rosse wirft er um
Den Nacken das Joch, und dem Berge
Bewandelnden unbezähmten Stier.
Und die Red und den luftigen
Gedanken und städtebeherrschenden Stolz
Hat erlernet er, und übelwohnender
Hügel feuchte Lüfte, und
Die unglücklichen zu fliehen, die Pfeile. Allbewandert,
Unbewandert. Zu nichts kommt er.
Der Toten künftigen Ort nur
Zu fliehen weiß er nicht,
Und die Flucht unbeholfener Seuchen
Zu überdenken.
Von Weisem etwas, und das Geschickte der Kunst
Mehr, als er hoffen kann, besitzend,
Kommt einmal er auf Schlimmes, das andre zu Gutem.
Die Gesetze kränkt er, der Erd und Naturgewaltger
Beschwornes Gewissen;
Hochstädtisch kommt, unstädtisch
Zu nichts er, wo das Schöne
Mit ihm ist und mit Frechheit.
Nicht sei am Herde mit mir,
Noch gleichgesinnet,
Wer solches tut.

Übersetzt von Friedrich Hölderlin

---------------------------------------------------------------------

 Polnisches Theaterplakat von Wieslaw Grzegorczyk
 --------------------------------------------------------------------- 

CHOR
 Ungeheuer ist viel, und nichts
ungeheurer als der Mensch.
Der nämlich, über das graue Meer
im stürmischen Süd fährt er dahin,
andringend unter rings
umrauschenden Wogen. Die Erde auch,
der Göttlichen höchste, die nimmer vergeht
und nimmer ermüdet, schöpfet er aus
und wühlt, die Pflugschar pressend, Jahr
um Jahr mit Rössern und Mäulern.
Leichtaufmerkender Vögel Schar
umgarnt er und fängt, und des wilden Getiers
Stämme und des Meeres salzige Brut
mit reichgewundenem Netzgespinst-
er, der überaus kundige Mann.
Und wird mit Künsten Herr des Wildes,
des freien schweifenden auf den Höhen,
und zwingt den Nacken unter das Joch,
den dichtbemähnten des Pferdes, und
den immer rüstigen Bergstier.

Die Rede auch und den luft´gen Gedanken und
die Gefühle, auf denen gründet die Stadt,
lehrt er sich selbst, und Zuflucht zu finden vor
unwirtlicher Höhen Glut und des Regens Geschossen.
Allbewandert er, auf kein Künftiges
geht er unbewandert zu. Nur den Tod
ist ihm zu fliehen versagt.
Doch von einst ratlosen Krankheiten
hat er Entrinnen erdacht.

So über Verhoffen begabt mit der Klugheit
erfindender Kunst,
geht zum Schlimmen er bald und bald zum
Guten hin.
Ehrt des Landes Gesetze er und der Götter
beschworenes Recht-
Hoch steht dann seine Stadt. Stadtlos ist er,
der verwegen das Schändliche tut.

Übersetzung von Hans Jonas 


Alles hat Möglichkeiten; 
Nichts hat mehr Möglichkeiten als der Mensch.

Claus Bremer

Dienstag, 23. September 2014

Der IKS-Haken oder Catch 22 - Joseph Heller 1961


Es war nur ein Haken dabei, und das war der IKS-Haken
There was only one catch and that was Catch-22


Ich verabscheue Kriegsfilme und Kriegsbücher, irgendwann kriecht immer der Heroismus der Kämpfenden ins Spektakel und versauert mir das Ansehen. Heldentum macht mir Angst. Krieg ist gräßlich. Punkt. Ich bin in der glücklichen Lage, noch nie einen am eigenen Leibe erlebt haben zu müssen. Aber selbst lächerliche Bühnenschüsse machen mir Angst, ich will sehr alt und dabei unversehrt, in meinem Bett sterben. Krieg ist gräßlich. Punkt.
Aber, oder besser, darum gibt es für mich vier Ausnahmen, Kriegsfilme, bzw. Bücher über den Krieg, die den Krieg, als genau das beschreiben, weshalb ich ihn hasse: Wege zum Ruhm von Stanley Kubrick, Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque, Der Aufstieg in der Regie der viel zu früh verstorbenen Larissa Schepitko und eben den IKS-Haken oder wie das Buch, das die Vorlage lieferte, im Original heißt: Catch 22. 

  
Der Held des Buches/Filmes, Yossarian, will raus aus dem Krieg, er ist Flieger, beim Truppenarzt beschreibt er seine schreckliche Angst bei den Einsätzen, doch der Arzt versichert ihm, dass es normal ist, Angst zu haben und erst, wenn er keine Angst mehr hat, also bleiben will, könnte man ihn ausmustern.
Das ist der IKS-Haken oder der Catch 22.

Wiki sagt, ein Catch 22 ist eine paradoxe Situation, der ein Individuum nicht entkommt, weil die Regeln sich widersprechen.
A catch-22 is a paradoxical situation from which an individual cannot escape because of contradictory rules.  


Ein "catch" ist ein Dilemma, eine Zwickmühle, ein unlösbares Problem, eines bei dem alle Lösungen nur schlechte sein können.
Das ist der Haken, da hängts, daran scheiterts. 

Joseph Heller Der IKS Haken 


„Heißt das, daß die Sache einen Haken hat?“ „Klar hat sie einen Haken“, erwiderte Doc Da-
neeka. „Den IKS-Haken. Wer den Wunsch hat, sich vom Fronteinsatz zu drücken, kann nicht ver- rückt sein.“
Es war nur ein Haken bei der Sache, und das war der IKS-Haken. IKS besagte, daß die Sorge um die eigene Sicherheit angesichts realer, unmit- telbarer Gefahr als Beweis für fehlerloses Funktio- nieren des Gehirns zu werten sei. Orr war ver- rückt und konnte fluguntauglich geschrieben werden. Er brauchte nichts weiter zu tun, als ein entsprechendes Gesuch zu machen; tat er dies aber, so galt er nicht länger mehr als verrückt und würde weitere Einsätze fliegen müssen. Orr wäre verrückt, wenn er noch weitere Einsätze flöge, und bei Verstand, wenn er das ablehnte, doch wenn er bei Verstand war, mußte er eben fliegen. Flog er diese Einsätze, so war er verrückt und brauchte nicht zu fliegen; weigerte er sich aber zu fliegen, so mußte er für geistig gesund gelten und war daher verpflichtet zu fliegen. Die unübertreff- liche Schlichtheit dieser Klausel der IKS beein- druckte Yossarian zutiefst, und er stieß einen be- wundernden Pfiff aus. 


Joseph Heller Catch 22

"You mean there's a catch?"
"Sure there's a catch", Doc Daneeka replied. "Catch-22. Anyone who wants to get out of combat duty isn't really crazy."
There was only one catch and that was Catch-22, which specified that a concern for one's own safety in the face of dangers that were real and immediate was the process of a rational mind. Orr was crazy and could be grounded. All he had to do was ask; and as soon as he did, he would no longer be crazy and would have to fly more missions. Orr would be crazy to fly more missions and sane if he didn't, but if he was sane, he had to fly them. If he flew them, he was crazy and didn't have to; but if he didn't want to, he was sane and had to. Yossarian was moved very deeply by the absolute simplicity of this clause of Catch-22 and let out a respectful whistle.
  

Joseph Heller Der IKS Haken

 „Freu dich, dass du am Leben bist.“
„Sei wütend darüber, dass du sterben musst.“ „Das Leben könnte viel schlimmer sein!“ rief
sie.
„Es könnte aber auch viel besser sein“, versicherte er hitzig.
„Du nennst immer nur einen Grund“, nörgelte
sie. „Du hast aber gesagt, du könntest zwei anführen.“
„Und erzähl mir nicht, dass Gott im verborgenen arbeitet“, fuhr Yossarian fort und überrannte ihren Einwurf. „Von verborgen kann keine Rede sein. Er arbeitet nämlich überhaupt nicht. Er spielt. Oder hat uns vergessen. Jedenfalls der Gott, von dem
Leute wie du reden – der ist ein Bauerntölpel, ein ungeschickter, tolpatschiger, hirnloser, arroganter, ungeschliffener Jockel. Lieber Himmel, kann man denn Ehrfurcht vor einem höchsten Wesen empfinden, das es für nötig hält, Dinge wie eine verschleimte Kehle und Zahnverfall in seine göttliche Schöpfung aufzunehmen? Was ging denn eigentlich in jenem verbildeten, bösartigen, verstopften Hirn vor, als er die alten Leute der Fähigkeit beraubte, die Schließmuskeln zu kontrollieren? Warum, zum Teufel, hat er überhaupt den Schmerz geschaffen?“
„Schmerz?“ Leutnant Schittkopps Frau stürzte sich triumphierend auf dieses Wort. „Der Schmerz ist ein sehr nützliches Symptom. Der Schmerz warnt uns vor Gefahren, die dem Körper drohen.“
„Und wer hat diese Gefahren geschaffen?“ verlangte Yossarian zu wissen. Er lachte höhnisch. „O ja, er war wirklich barmherzig, als er uns mit dem Schmerz beschenkt hat! Warum konnte er sich zu unserer Warnung nicht einer Klingel bedienen oder eines seiner himmlischen Chöre? Oder auch eines Systems von blauen und roten Neonleuchten, die alle Menschen mitten auf der Stirn tra- gen? Jeder Fabrikant von Musikautomaten, der sein Geld wert ist, hätte sich das ausdenken können. Warum also nicht er?“
„Die Menschen würden recht blöde aussehen, wenn sie mit roten Neonleuchten auf der Stirn he- rumliefen.“
„Sehen Sie denn schön aus, wenn sie sich in Schmerzen winden oder von Morphium betäubt
daliegen? Was für ein kolossaler, unsterblicher Pfuscher! Denk doch nur, welche Gelegenheit und welche Macht er hatte, etwas wirklich Herrliches zu schaffen, und sieh nur, was für einen stupiden, hässlichen Brei er stattdessen angerührt hat. Sei- ne Unfähigkeit ist geradezu erschütternd. Es liegt auf der Hand, daß er nie Löhne zu zahlen gehabt hat. Kein Geschäftsmann mit Selbstachtung würde einen Pfuscher wie ihn je einstellen, nicht einmal als Adressenschreiber!“
Leutnant Schittkopps Frau war wachsbleich geworden und starrte Yossarian erschreckt und ungläubig an. „Rede lieber nicht so von ihm, Schatz“, tadelte sie ihn leise und feindselig. „Er bestraft dich vielleicht dafür.“
„Straft er mich denn nicht schon genug?“ schnaufte Yossarian wütend. „Man darf ihm das einfach nicht durchgehen lassen. Nein, man darf ihm nicht all den Kummer durchgehen lassen, den er über uns gebracht hat. Eines Tages soll er mir dafür zahlen. Ich weiß auch schon wann. Am Tage des Jüngsten Gerichtes. Jawohl, das ist der Tag, an dem ich ihm endlich so nahe kommen werde, dass ich diesen kleinen Jockel beim Schlips packen und...“
„Hör auf! Hör auf!“ kreischte Leutnant Schittkopps Frau plötzlich und hämmerte, ohne Schaden anzurichten, mit beiden Fäusten auf Yossarians Kopf los. „Hör auf!“
Yossarian ging hinter seinem Arm in Deckung und ließ sie noch einige Sekunden ihre weibliche Wut an ihm austoben, dann packte er entschlossen ihre Handgelenke und zwang sie aufs Bett. „Worüber regst du dich eigentlich so auf, zum Teufel?“ fragte er verwundert und reuig amüsiert. „Ich dachte, du glaubtest nicht an Gott.“
„Tu ich auch nicht“, schluchzte sie und brach heftig in Tränen aus. „Aber der Gott, an den ich nicht glaube, ist ein gütiger Gott, ein gerechter Gott, ein barmherziger Gott. Er ist nicht der gemeine und törichte Gott, als den du ihn hinstellst.“



Joseph Heller Catch 22

"And don't tell me God works in mysterious ways," Yossarian continued, hurtling over her objections. "There's nothing so mysterious about it. He's not working at all. He's playing or else He's forgotten all about us. That's the kind of God you people talk about—a country bumpkin, a clumsy, bungling, brainless, conceited, uncouth hayseed. Good God, how much reverence can you have for a Supreme Being who finds it necessary to include such phenomena as phlegm and tooth decay in His divine system of creation? What in the world was running through that warped, evil, scatological mind of His when He robbed old people of the power to control their bowel movements? Why in the world did he ever create pain? ... Oh, He was really being charitable to us when He gave us pain! [to warn us of danger] Why couldn't He have used a doorbell instead to notify us, or one of His celestial choirs? Or a system of blue-and-red neon tubes right in the middle of each person's forehead. Any jukebox manufacturer worth his salt could have done that. Why couldn't He? ... What a colossal, immortal blunderer! When you consider the opportunity and power He had to really do a job, and then look at the stupid, ugly little mess He made of it instead, His sheer incompetence is almost staggering. ..."

 

Sonntag, 21. September 2014

DER ABSINTHTRINKER



DER ABSINTHTRINKER


Angel Fernandez de Soto
Picasso 1903

ABSINTH
(An Richard Dehmel)

Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!
Dort ist das Klima capriciös
Wie — eine schwangre Frau.

Das Meer ist trunken wie die Luft
Und tanzt in grünlich gelben Wogen.
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!

Doch wehe! Was umklammert jäh
Mein Schiff? — Polypen, widrig, klebrig!
Ein Riesenarm zerknickt den Mast —
Und ohne Klagelaut versink ich
Im Oceane des Absinths.

Albert Giraud
 
Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire
Übersetzung von Otto Erich Hartleben
Der Verlag deutscher Phantasten, Berlin
1893

Die Bezeichnung Absinth stammt vom lateinischen Namen der Pflanze Wermut
 Artemisia absinthium