Freitag, 28. Februar 2014

Der Bleistift der Natur - William Henry Fox Talbot

„Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.“
Paul Valéry in Pièces sur l’art, ein Zitat, dass Walter Benjamin seinem Text "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" voransetzte.


WILLIAM HENRY FOX TALBOT

Mister Talbot, geboren am 11. Februar 1800 in Melbury in der Grafschaft Dorset und gestorben am 17. September 1877 in Lacock Abbey, in der Grafschaft Wiltshire war ein wohlhabender englischer Privatgelehrter & Erfinder mit breitgefächerten wissenschaftlichen Interessen, unter anderem, auf den Gebieten der Politik, Chemie,Botanik, Astronomie,  Mathematik, Philosophie und Altertumsforschung. Er war z.B. einer der ersten Übersetzer von Keilschrifttexten aus Niniveh.

Ein Bericht über die Kunst fotogenen Zeichnens, oder der Prozess, durch den Gegenstände der Natur veranlasst werden, sich selbst abzuzeichnen, ohne den Stift eines Künstlers, ist der Titel eines Traktates, das W.H.F. Talbot 1839 veröffentlichte. 

Was für eine treffend schöne Beschreibung des Ursprungsgedanken der Photographie.


Es begann, als er feststellte, dass er nie ein guter Zeichner werden würde, selbst nicht mit Hilfe, der damals vorhandenen Hilfswerkzeuge, wie zum Beispiel der Camera lucida. Zwischen Blick und Abbild versagte das Talent.  

Er experimentierte mit verschiedenen Chemikalien. Um 1834 präparierte er Schreibpapier mit Lösungen von Kochsalz und Silbernitrat und machte sie dadurch lichtempfindlich. Dann legte er undurchsichtige Objekte darauf und setzte das Papier der Sonne aus. Die belichteten Partien verfärbten sich dunkel, die übrigen blieben hell.(Wiki) Diese Versuche trieb er weiter, bis die Beschichtung so empfindlich war, dass er eine Kamera benutzten konnte, also kein direkter physischer Kontakt zwischen Objekt und Photopapier mehr nötig war, dann entwickelte ein Freund ein Verfahren mit dem die Bilder "fixiert" werden konnten, dies nun schon im Wettrennen mit dem Franzosen Daguerre, der zeitgleich eine gänzlich andere Methode der Haltbarmachung visueller Eindrücke entwickelt hatte.  
Dann mußte noch ein Weg entwickelt werden, dass Negativ in ein Positiv umzuformen. All dies gelang.
Die Aufnahme erfolgte auf Jodsilberpapier, wurde in Gallussäure und Silbernitrat entwickelt, in Natriumthiosulfat fixiert, durch Baden in Wachs transparent gemacht und schließlich wiederum auf Jodsilberpapier zum Positiv umkopiert. (Wiki)
Aber Daguerre wurde als erster öffentlich anerkannt und gilt seitdem als Erfinder der Photographie, Talbot hatte das Nachsehen.

Beweisführung vor Gericht mit Hilfe von Photographien, war eine der Verwendungen, die er betreffs der Nützlichkeit, Verwendbarkeit seiner Erfindung ins Feld führte, eine andere war, "der Photographierende, entdeckt bei der genauen Betrachtung, vielleicht sogar erst viel später, dass er viele Dinge dargestellt hat, die er zum Zeitpunkt des Photographierens nicht bemerkt hat." Toll!

"Es ist wichtig zu wissen, dass die Bildplatten die jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt werden, die Bilder selbst sind, die durch die Einwirkung von Licht zustande kamen, und keine Imitationen ... Die Platten ... werden mit großer Sorgfalt angefertigt, ausschließlich durch optische und chemische Prozesse. Es ist nicht beabsichtigt, sie irgendwie zu verändern, und die Szenen, die dargestellt werden, werden nichts als die echten Berührungen des Bleistiftes der Natur enthalten." W.H.F. Talbot

„It must be understood that the plates of the work now offered to the public are the pictures themselves, obtained by the action of light, and not imitations of them (...) The plates of the present work will be executed with the greatest care, entirely by optical and chemical processes. It is not intended to have them altered in any way, and the scenes represented will contain nothing but the genuine touches of Nature’s Pencil.“
 Spitze 1845

„Ich behaupte nicht, eine Kunst zur Perfektion gebracht zu haben, aber ich habe etwas begonnen, dessen Grenzen heute noch nicht genau zu bestimmen sind.“ W.H.F.Talbot

 Heuhaufen 1844

ERINNERUNG AN DIE MARIE A.

1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.
2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.
3
Und auch den Kuss, ich hätt' ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Bertolt Brecht

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/william-henry-fox-talbot-the-pencil-of-nature-zum-bild-wird-hier-die-zeit-1628149.html 
 

Donnerstag, 27. Februar 2014

FÜR Ö.



ICH GRATULIERE DIR ZUM GEBURTSTAG!
Ganz sehr, von Herzen, mit Liebe! 

Kleines Mädchen mit rotem Kleid
Egon Schiele 1916

ICH FREUE MICH, DASS DU GEBOREN BIST

Ich freue mich, dass Du geboren bist
und hast Geburtstag heut'
Ich freue mich, dass Du geboren bist
und hast Geburtstag heut.


Man hat Dich lieb und schenkt Dir viel,
zum Essen, und zum frohen Spiel,
Ich freue mich, dass Du geboren bist 
und hast Geburtstag heut. 

Heut vor *
* Jahren
hat der Storch ganz sacht
Deinen lieben Eltern
Dich ins Haus gebracht.

Zum frohen Feste bringen wir
die besten Wünsche Dir
und rufen aus mit hellem Klang
Du liebe Ö. lebe lang


Lebe lang und lebe froh
all Deinen lieben Wünsche so
Möge Gottes reichster Segen
Dich auch fernerhin erfreun
und auf allen Deinen Wegen
Dir des Glückes Rosen streun.


Zum frohen Feste bringen wir
die besten Wünsche Dir
und rufen aus mit hellem Klang
Du liebe Ö. lebe lang
Lebe lang und lebe froh
all Deinen lieben Wünsche so
Lebe lang und lebe froh
all Deinen lieben Wünsche so.
Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben drei mal hoch!


Blumenwiese
Egon Schiele 1910 


SOZUSAGEN GRUNDLOS VERGNÜGT

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
- Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen,
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.


Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht,
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn,
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.


In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
- Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben,
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freue mich, dass ich… Dass ich mich freu.

Mascha Kaleko

Sufjan Stevens HAPPY BIRTHDAY 

 

Dienstag, 25. Februar 2014

Alfred Sisley & Mirko Bonné - Nie mehr Nacht


NIE WIEDER NACHT

Ein ganz leises, langsames, lyrisches Buch. Einer will mit sich aufhören, sich auflösen, auch wenn er nicht wirklich weiß warum. Er ist Bruder, Onkel, Sohn, Freund, Zeichner und will dies alles abstreifen, verlieren. Nicht emphatisch oder voll wilder Verzweiflung, nein, nur sehr traurig.
Von Brücken in Frankreich, um die im Ersten Weltkrieg hart gekämpft wurde, erzählt das Buch genauso persönlich und zärtlich, wie von den Menschen, die der sich vereinsamende Erzähler trifft. Und Bilder werden beschrieben, wie die von Sisley von einer Überschwemmung durch die Seine. Kleine impressionistische Bilder ohne tragische Vorkommnisse. Vormals war da Land, jetzt ist dort Wasser. Und vielleicht geht unter der silbrigen Oberfläche das Leben einfach weiter, weil es wohl sehr schwer ist, einfach damit aufzuhören.





Alle Bilder: Alfred Sisley, Überschwemmung bei Port Marly 1872 bzw. 1876

Geschichte selbst mißbraucht


Geschichte - ein weites Wort. 

Wiki sagt:
Geschichte im allgemeinen Sinn bezeichnet alles, was geschehen ist. Im engeren Sinne ist Geschichte die Entwicklung der Menschheit, weshalb auch von Menschheitsgeschichte gesprochen wird (im Unterschied etwa zur Naturgeschichte). In diesem Zusammenhang wird Geschichte gelegentlich synonym mit Vergangenheit gebraucht. Daneben bedeutet Geschichte aber auch die Betrachtung der Vergangenheit im Gedenken, im Erzählen und in der Geschichtsschreibung.


Das Wort ist gar viele Wörter, Schichten von Geschehnissen, geschichtete Zeit, übereinander, nebeneinander, ineinander, vergangen und gegenwärtig, zukünftig, die nächste Sekunde ist, kaum gedacht, auch schon Geschichte. Wir hetzen immer geradeso vor der Geschichte her, irgendwann holt sie uns dann ein, wir sterben und werden, ein nunmehr inaktiver, Teil von ihr.

Zu allen Zeiten wurden (und werden) Teile der Menschheit von anderen Teilen derselben ausgebeutet, mißbraucht, benachteiligt, umgebracht und meist werden, die einst Unterlegenen, nach Umstürzen selber zu Unterdrückern. Die Befähigung zum Machtmißbrauch ist in uns allen angelegt. Nicht vielen und immer nur Einzelnen gelingt es, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen, dem Sog zu widerstehen und alle bisherigen Versuche Utopien zu realisieren, sind an diesem bedauerlichen Fakt gescheitert. 

Geschichte ist auch, wo wir herkommen, wem wir uns zuordnen, wem wir mißtrauen, und sollte uns doch genügend Freiheit lassen diese Verbindlichkeiten zu verändern, neu zu ordnen und anders zu leben. 

Wann aber wird Geschichte zur Ausrede, zur Zuflucht, um unsere erwünschte Andersartigkeit zu untermauern, Vorurteile zu verfestigen oder uns in der Illusion zu beruhigen, dass früher alles besser war? 

Wären es solche wie wir gewesen, die die Herrschaft ausgeübt hätten, wäre alles anders, besser geworden?

Warum haben wir es so sehr nötig, dass wir besonderer sind als jemand anderes? Und die Geschichte muß dann, ob sie mag oder nicht, als Untermauerung unserer Einzigartigkeit herhalten.

Ich bin anderer, besser, wahrer, echter als Du. Daraus folgt:

1. Wir, wer auch immer dieses imaginäre "Wir" sein mag, sind über Jahrhunderte, Jahrtausende schlecht behandelt worden -  Wer ist dieses fabelhafte "Wir"? 
"Wir" ... man mag einsetzen welcher Gruppe, auch mehrere sind möglich, man selber zugehört.
2. Die Unterdrückung, Verfolgung, Mißhandlung ist geschichtlich nachweisbar. Sie gehört, wenn sie noch andauert, abgeschafft. Keine Frage. Das darf keine Frage sein. Allerdings, fällt mir auf, wird die ökonomische Ungerechtigkeit, die doch Basis aller anderen ist, hier oft sträflich vernachlässigt. Esoterische, spirituelle, auch nur vage gefühlte innere Bindungen zu Völkern, Gruppen,  werden bevorzugt, da sie unkonkreter sind, und somit nicht zu harten, das eigene Leben ungemütlich machenden, Kämpfen verpflichten.
3. Die Gruppe muß möglichst Qualitäten aufweisen, die im angesagten Trend liegen. Wobei diese Qualitäten, wie in einer Zeitblase, als unveränderlich, grundlegend besser, naturnäher, wahrer etc. angesehen werden. 
4. Unsere Andersartigkeit muß ge-, verfestigt werden. Sonst stehen wir plötzlich nur als wir selbst herum. So wie wir sind. Was eigentlich genügt, aber halt nicht  schick, nicht besonders wichtig, nicht rechtfertigend ist.
5. Ideal ist Besonderheit ohne besondere Anstrengung, die sich eignet gleichzeitig als Eintrittskarte zu einer Opfergruppe und Mitgliedschaft in einem exclusiven Club, verwendet zu werden.

Unsere Welt ist voll von schreiender Ungerechtigkeit. Warum müssen wir sie auch noch nach selbstsüchtigen Qualitätsnormen sortieren? Solange jemand hungert, dürstet, benachteiligt, vernachlässigt wird, sollte dies doch genügen, zornig zu sein?
Nein, wir brauchen einen abgesonderten Ort, von dem aus wir Urteile fällen können.
Wir betrachten dann nicht unsere eigene Situation und unseren subjektiven Anteil daran, sondern setzen uns ab, machen uns unkritisierbar, indem wir nicht selbst erfahrene, sondern in Besitz genommene, usurpierte Not, zur eigenen erklären.

Vor nicht allzulanger Zeit hatte ich eine Diskussion über den politisch korrekten Namen dunkelhäutiger Bürger der USA, deren Vorfahren einstmals unter gräßlichsten Bedingungen aus Afrika nach Nordamerika verschleppt wurden, um dort als Sklaven verkauft zu werden. Mir wurde versichert, dass Afro-Amerikaner die einzig korrekte Bezeichnung wäre. Warum? Mein Diskussionspartner war gebürtiger New Yorker und lebt jetzt in Spanien. Was hat er noch mit Afrika zu tun?

Vor läppischen 2000 Jahren sind meine Vorfahren durch Galiläa gelaufen und trotzdem würde ich nicht erwarten, dass mich jemand als Israel-oder Judäo-Deutschen bezeichnet (Ich rede hier vom historischen Reich Israel!) Im Gegenteil, ich würde demjenigen ein gutberlinerisches "Du spinnst wohl!" entgegnen. 
Ich bin, wie jeder, die Summe meiner Teile und keines davon bestimmt mich ausschließlich.
  
Kinder aus aller Welt mit ihren Spielsachen 

Samstag, 22. Februar 2014

Rom, Nachbetrachtung - Die Versuchung des Heiligen Antonius



Einige der Gründe dafür, warum mir Religion Angst macht und mir letztendlich unverständlich bleibt, auch wenn sie eine Quelle für großartige Kunst ist.


TÖTE DICH TÄGLICH SELBST AB.


Bernardo Parentino

Auszug aus der Antoniusregel, die dem Heiligen Antonius zugeordnet wird, aber wohl nicht von ihm stammt:

Eine Frau darf nicht zu den Mönchen kommen, denn der Zorn geht nämlich hinter ihr drein.
Entzünde deine Lampe mit dem Öle deiner Augen, nämlich den Thränen.
Sei immer traurig wegen deiner Sünden, als hättest du ständig einen Toten in deinem Hause.
Schlafe nur wenig und mäßig, und die Engel werden zu dir kommen.
Töte dich täglich ab.





Die Versuchung des Heiligen Antonius
Martin Schongauer 1450-1491
Kopiert vom jungen Michelangelo



Die Versuchung des Heiligen Antonius
Martin Schongauer 1450-1491


Leben und Wandel unseres frommen Vaters Antonius, verfasst und abgesandt an die Mönche in der Fremde von unserem heiligen Vater Athanasius, Bischof in Alexandria.

...Als aber der böse Feind seine Schwäche gegenüber dem festen Entschluß des Antonius sah, ja als er merkte, wie er niedergerungen wurde durch seine Festigkeit, zur Flucht gezwungen durch seinen starken Glauben und niedergeworfen durch sein beständiges Gebet, da setzte er sein Vertrauen auf die Waffen "am Nabel seines Bauches", und voll Stolz darauf - denn es sind seine ersten Fallstricke für Jünglinge -, stürmte er heran gegen ihn, den Jüngling; er bedrängte ihn nachts und setzte ihm am Tage so zu, daß auch die, welche den Antonius sahen, den Zweikampf zwischen ihm und dem Teufel bemerkten. Der Teufel gab ihm schmutzige Gedanken ein, Antonius verscheuchte sie durch sein Gebet; jener stachelte ihn an, er aber, gleichsam errötend, schirmte seinen Leib durch den Glauben, durch Gebet und Fasten. Der arme Teufel ließ sich sogar herbei, ihm nachts als Weib zu erscheinen und alles mögliche nachzumachen, nur um den Antonius zu verführen. Dieser aber dachte an Christus und den durch ihn erlangten Adel der Seele, an ihre geistige Art, und erstickte die glühende Kohle seines Wahnes. Dann wieder stellte ihm der böse Feind die Annehmlichkeit der Lust vor, er aber, voll Zorn und Schmerz, erwog bei sich die Drohung des ewigen Feuers und die Plage des Wurmes; dies hielt er ihm entgegen und ging aus den Versuchungen unversehrt hervor. So lief das alles zur Schande für den schlimmen Feind ab. Denn er, der sich vermessen hatte, Gott gleich zu werden, wurde nun zum Spott durch einen jungen Mann, und er, der voll Prahlerei Fleisch und Blut verachtete, wurde überwunden von einem Menschen, der im Fleische lebte. Denn diesem half der Herr, der für uns Fleisch geworden ist und der dem Leibe den Sieg gegen den Teufel gegeben, so daß jeder, der in Wahrheit kämpft, sagen kann: "Nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir"...
Aus: Des Heiligen Athanasius Leben des Heiligen Antonius, aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Hans Mertel (= Bibliothek der Kirchenväter Kempten / München 1917)

In Antonius’ Leben zeigt sich die tiefste Berührung zwischen Natur und Gnade. Wo der Mensch in unbeirrter Aszese seine unfreie, begrenzte Natur Gott zum Pfande gibt, da erhält er eine geläuterte begnadete Natur zurück, die zwar dem Leibe nach an gewisse Grenzen gebunden bleibt, aber doch eine bewundernswerte, das Leben geistig umgestaltende Freiheit ihr eigen nennen darf. In dieser Freiheit des konsequenten glaubensmutigen Denkens und der unerschrockenen Hingabe an die Gottes- und Menschenliebe liegt das Vorbildliche der Heiligen für den Alltagschristen. Es tritt ihm aber erst nahe, wenn zuvor kritische Arbeit den Vorhang mystischer Heimsuchungen gelüftet und die Seele eines Heiligen in ihrer starken unbeirrten Haltung gegenüber den schwersten Prüfungen enthüllt hat.

Aus: Die Angriffe der Dämonen auf den Einsiedler Antonius. Ein Beitrag zur Geschichte der Mystik. Von Repetent Dr. Jos. Stoffels, Bonn. 1910


Freitag, 21. Februar 2014

Rom - Das alte Ghetto

Cum nimis absurdum et inconveniens existat, ut Iudaei, quos propria culpa perpetuae servituti submisit...“


„Da es allzu widersinnig und unziemlich ist, dass die Juden, die ihr eigenes Vergehen zu ewiger Knechtschaft verdammt hat...“
Wir beginnen auf der Via Giulia: zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte  Papst Julius II. (Julius=Giulia) beschlossen, zur äußerlichen Darstellung der Macht des Kirchenstaates, eine breite Prachtstrasse mit Regierungsviertel in gerader Linie durch das verwinkelte Rom schlagen zu lassen. Fertig geworden ist sie nicht, aber die gebaute immerhin einen Kilometer lange Strecke steht voll mit protzigen, nach Reichtum förmlich riechenden Prachtbauten, die heute Botschaften und Ähnliches beherbergen .

Dann eine Strecke am Tiber entlang, der sehr dunkelgelb und trüb dahinfließt und weiter in das ehemalige jüdische Ghetto Roms, ganz nah am Fluß gelegen, der damals noch heftig und regelmäßig die ufernahen Gebiete überflutete. 

Der Begriff Ghetto stammt aus Venedig, wo das jüdische Viertel Cannaregio oder Gettore nahe einer Gießerei lag, (im Venezianischen: ghèto - getto = Guss), die aus Gründen des Brandschutzes vom Rest der Stadt abgeriegelt zu sein hatte. Hier mußte sich die jüdische Bevölkerung Venedigs ab 1516 ansiedeln.

1555 legte Papst Paul IV. im Zuge der Gegenreformation in der Bulle Cum nimis absurdum genauestens fest, nach welchen Regeln, die jüdischen Bürger Roms von jetzt an zu leben hatten und in Rom lebten Juden schon seit über tausend Jahren. Die Formulierungen klingen unangenehm vertraut.

1. Juden dürfen nur in zugewiesenen Vierteln, Stadtteilen und besonders gekennzeichneten Straßen siedeln. Diese Wohngebiete sollen von denen der Christen getrennt sein und nur durch einen Zugang zu betreten sein.

Das Ghetto wurde von einer Mauer eingeschlossen, deren Bau die Juden selbst bezahlen mußten. Auf circa 200 Meter mal 250 Meter lebten hier zu Hochzeiten 10.000 Menschen. Abends wurde das Ghetto abgeschlossen und erst am Morgen wieder geöffnet.

2. Die Juden dürfen nur noch eine einzige Synagoge innerhalb ihres Wohngebietes besitzen. Der Neubau weiterer Synagogen wird untersagt. Alle übrigen Synagogen müssen abgerissen werden, Grundbesitz verkauft werden.

Die Bevölkerung des Ghettos bestand aus Juden, die schon sehr lang in Rom lebten, oder aus dem Orient, aus Deutschland, ja aus nahezu aller Herren Länder hierher gekommen waren und also auch unterschiedliche religiöse Gewohnheiten hatten, die mußten sich jetzt eine Synagoge teilen. Eine Art jüdischer Zwansökumene.

3. Der jüdischen Bevölkerung wird angeordnet, dass Männer einen deutlich sichtbaren gelben Hut und Frauen ein anderes kennzeichnendes Kleidungsstück derselben Farbe tragen müssen. Davon dürfen sie keine kirchliche Ausnahmegenehmigung erwerben, selbst von den höchsten päpstlichen Behörden nicht.

4. Juden dürfen keine christlichen Diener, Krankenpfleger oder Ammen in Dienst nehmen.
5. Weder sie selbst noch ihre Angestellten dürfen an christlichen Feiertagen und an Sonntagen arbeiten.

6. Sie dürfen Christen nicht bedrängen, schon gar nicht durch fingierte Schuldscheine und Verträge.


Fingiert war sicher Auslegungssache. Den Juden war der Zugang zu Handwerksberufen verwehrt. Sie durften Geld verleihen, etwas was Christen als Sünde verboten war, und Altkleider & Lumpen sammeln und verarbeiten.

7. Sie dürfen mit Christen nicht zusammen spielen, essen oder gar Freundschaften pflegen. 
8. In ihren Rechnungsbüchern dürfen sie für die Konten von Christen nur die lateinische oder italienische Sprache und Schrift benutzen, andernfalls können sie diese Unterlagen nicht vor Gericht verwenden. 9. Solche jüdischen Händler dürfen kein Getreide liefern noch andere lebensnotwendige Waren. Ausnahme bildet der Lumpenhandel. 
10. Jüdische Ärzte dürfen auch auf ausdrückliches Ersuchen keine Christen behandeln.
11. Sie dürfen sich auch von christlichen Bettlern nicht Herren nennen lassen.
12. Die Juden müssen ihre Kredite tagesgenau abrechnen, nicht nach angefangenen Monaten. Pfänder dürfen erst nach Ablauf von 18 Monaten verkauft werden. Mehrerlöse müssen dem Pfandgeber ausgezahlt werden.
13. Juden sind der Gesetzgebung ihres jeweiligen Wohnortes unterworfen, auch ihnen nachteiligen.
14. Im Übertretungsfall sind sie angemessen zu bestrafen. Auch der Straftatbestand der Majestätsbeleidigung kann gegen sie in Anschlag gebracht werden.
15. Alle anderslautenden früheren päpstlichen Regelungen, sonstige Anweisungen und Gesetze werden durch diese Bulle aufgehoben.


Das Ghetto bestand mit sehr kurzen Unterbrechungen bis zur militärischen Eroberung Roms durch die italienische Armee 1870.


70 n.Chr. die römischen Truppen des Kaiser Titus tragen eine Menora und anderes nach der Zerstörung des Tempels als Kriegsbeute von Jerusalem nach Rom
Ein schönes absurdes Detail: Wie schon erwähnt arbeiteten viele Juden als Altkleidersammler und -verarbeiter, die Königin von Schweden, Christina, dankte 1654 ab, trat zum Katholizismus über und lebte bis zu ihrem Tod in Rom, eines ihrer Kleider, bedruckt mit der schwedischen Krone, kam in die Altkleidersammlung und wurde zu einem Toramantel verarbeitet, einem Teil der Einhüllung der jüdischen heiligen Schrift.




Ein nicht schönes Detail: 50 Kilogramm Gold verlangte SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler von den römischen Juden, und zwar innerhalb von 36 Stunden, dann wären sie sicher vor der Deportation. Das Gold wurde gesammelt, davon 15 Kilo durch katholische Helfer, und pünktlich an Kappler übergeben.
Auch der Papst soll finanzielle Hilfe angeboten haben, sagen manche.
Ob er von der Razzia am 16. Oktober vorher wusste, ist nicht bekannt. Er hat sich auf jeden Fall nicht öffentlich gegen die Judenverfolgung ausgesprochen.
"Die Welt soll sehen, daß wir alles versucht haben, um in Frieden mit Deutschland zu leben."*
Papst Pius XII.

Am 16. Oktober begann der Abtransport der Juden Roms.
1022 wurden deportiert. 16 davon sind zurück gekommen, 15 Männer und eine Frau.


Interessanter Link:

http://books.google.de/books?id=vx16sY4iVXUC&pg=PA220&lpg=PA220&dq=r%C3%B6mische+juden+gerettet+versteckt&source=bl&ots=zsrjNFFC2i&sig=6zXRZ2JPIRQSg7Cb15GdL0esYG8&hl=de&sa=X&ei=_ZwGU-6BO4eX1AW354DIAg&ved=0CGUQ6AEwCjgK#v=onepage&q=r%C3%B6mische%20juden%20gerettet%20versteckt&f=false --------------------------------------------



And now for something completely different: Weil Rom in Italien liegt und Italiener, auch jüdische, ungemein gut kochen:  

Artischocken auf jüdische Art - Carciofi alla giudea
Erst einmal die besonders harten Außenblätter abschälen, dann mit einem scharfen Messer die Außenblätter stutzen. Artischockenblätter haben an der Spitze oft kleine Dornen. Die müssen auch gekappt werden. Wichtig ist es auch die kleinen Dornen auf den Blätterspitzen, die im Inneren sein könnten abzuschneiden.


4 Artischocken erstmals putzen, aber sie müssen ganz bleiben.
Die Blätter sind weich genug wenn man sie problemlos durchbeißen kann. Am besten mit einer Schere. Der Stängel soll auf nicht mehr als 4 cm gekürzt und geputzt werden. Dann gibt man die Distelfrüchte in eine Schale mit viel Wasser und dem Saft einer halben Zitrone (eigentlich bin ich nicht sicher, dass es in diesem Fall sooo wichtig ist aber da es alle Rezepte angeben halte ich mich abergläubisch dran). Ich frittiere in meiner Wokpfanne, in der ich 0, 75l Maisöl auf mittlerer Flamme erhitzt habe. (Soviel Öl halt, dass die Artischocken mit geöffneten Blättern, nach unten gestellt und dem Stiel nach oben, bis zum Stielanfang, damit bedeckt waren) Dann kommen die Artischocken hinein, deren Blätter wie die einer Rose ich schon soweit möglich geöffnet habe, vor allem durch Plattdrücken auf den Tisch, und werden zuerst von einer Seite und dann von der anderen Seite frittiert. Pro Seite um die 10 Minuten. Bis der Stiel halt weich ist. Dann dem Kopf und geöffneten Blättern nach unten auf höherer Flamme mindestens weitere 15 Minuten frittiert bis sie richtig braungebrannt und knusprig sind. Auf Küchenpapier abtropfen lassen, salzen und heiß servieren. Man kann sie ganz aufessen.
Wikipedia hat wieder viel geholfen!

*Gerhard Besier: Der Heilige Stuhl und Hitlerdeutschland. Die Faszination des Totalitären. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, ISBN 3-421-05814-8, S. 293 f.

Dienstag, 18. Februar 2014

Rom - Päpste, Eiskrem und sehr viel Kunst


ZWEI FAMILIEN, ZWEI PÄPSTE, ZWEI PALÄSTE

     Urban VIII. * 5. April 1568 als Maffeo Barberini in Florenz; † 29. Juli 1644 war 
     von 1623 bis 1644 Papst der katholischen Kirche.
     
     Wiki schreibt:
     Urban VIII., bürgerlich Maffeo Barberini, besetzte hohe Posten mit seinen 
     Verwandten. Die Söhne seines Bruders kamen zu besonderem Ansehen: Francesco
    
Barberini machte er zum Kardinalnepoten, Antonio Barberini zum Kardinal und Herzog
     von Urbino. Für seine Baumaßnahmen in Rom gab Urban das Kolosseum als 

     Steinbruch frei; die Bronzedecke des Portikus im Pantheon ließ er einschmelzen, um 
     Kanonen für die Engelsburg herstellen zu lassen. An diese zerstörerischen Praktiken 
     an den antiken  Denkmälern erinnert noch heute der lateinische Spruch des Pasquino:
     Quod non fecerunt barbari, fecerunt Barberini 
     Was die Barbaren nicht schafften, schafften die Barberini.

     Innozenz X. eigentlich Giovanni Battista Pamphilj; * 6. Mai 1574 in Rom; † 7. 
      Januar 1655 ebenda war Papst von 1644 bis 1655.

      Und wieder Wiki:
      Am 15. September 1644 wurde Innozenz X. durch das Konklave gewählt. Bei seiner 
      Wahl war er schon 70 Jahre alt und wurde sehr von seiner Schwägerin Olimpia 
      Maidalchini beeinflusst, die sich dadurch bereichern konnte...In seiner Sterbestunde 
      plünderte seine Schwägerin die päpstlichen Gemächer und weigerte sich, eine 
      standesgemäße Beisetzung zu finanzieren. Es soll sich drei Tage niemand um den 
      Toten gekümmert haben, bevor er schließlich ohne jede Feierlichkeiten bestattet 
      wurde.

Ein Zitronenbaum im Garten derer von Doria-Pamphilij

Urban VIII. (Maffeo Barberini) 
 Pietro de Cortona 1627

     Der Palazzo de Barberini, erbaut 1625–1638, und der Palazzo Doria-Pamphilij, 
     ungefähr zehn Jahre später errichtet, der eine hell und weit und licht, der 
     andere düster, übervollgehängt und leicht heruntergekommen. Beide ganz 
     unterschiedlich und doch gleich atemberaubend.

     Nach dem Tode Urbans VIII., bürgerlich Maffeo Barberini, kam Innozenz X.
     eigentlich Giovanni Battista Pamphilj, auf den Papstthron, dem es gelang, die Macht 
     der Barberini zu brechen. (Wiki)

 Innozenz X. (Giovanni Battista Pamphilj)
Diego Velazquez 1650
Der Papst sagte dazu: " Es ist zu wahr!"

Die Haupttreppe derer von Barberini
 
     Bei den Barberinis, heute Teil der Nationalgalerie alter Kunst, hängen die Bilder 
     geordnet, frei und gut dokumentiert und beleuchtet. Bei der Familie Pamphilij, 
     der Palast ist noch immer in Privatbesitz, ist es dunkel, die Gemälde drängeln sich 
     in Dreierreihen übereinander, das Schönste direkt neben dem größten Schrott, ein 
     Sammelsurium von allem, was zu kriegen war, eine Rumpelkammer der Renaissance. 
     Ups, da zwängt sich ein Carravaggio zwischen irgendwelche Renaissance-Ölschinken, 
     das Schild ist handgemalt. Man sieht von Vielem nur die Ahnung, das hat aber auch 
     seinen Reiz.
     Andererseits hat auch die Großzügigkeit des staatlich geleiteten Museums seine 
     Vorzüge.
     Wenn so viel von allem da ist, hat jedes seinen Ort.


Vanitas
Meister des Kerzenlichts, Identität umstritten 
zwischen 1620 und 1640
Heute im Palazzo Barberini

    Zwischenbemerkung: Die Gelateria Della Palma an der Via della Maddalena hat 150 
    verschiedene Sorten Eis im Angebot, allein zwanzig davon sind unterschiedliche
    Schokoladeneissorten! Hmmmmmm!
    Es ist laut, es ist voll, es ist ein Eiskremparadiesauferden!




      Allerdings kann man, wenn man zu viel von diesem Zeugs ißt, enden wie das Baby auf 
      dem folgenden Bild, das wahrscheinlich fetteste Jesuskind der Welt!

Madonna von Tarquinia
Fra Filippo Lippi
1437
 ebenfalls im Palazzo Barberini

   Ein sehr interessanter Artikel über die heutigen Doria-Pamphilis, leider nur in Englisch:

Tuccia, die Verschleierte


TUCCIA, DIE VERSCHLEIERTE

Geschaffen von Antonio Coradino

Tuccia war Vestalin, eine der jungfräuliche Priesterin der Vesta, Göttin des Herdes, des Heimes und so der ganzen Stadt Rom. Gegen sie wurden 
fälschliche Anschuldigungen erhoben, sie hätte ihre Reinheit nicht bewahrt, 
was unweigerlich zum Tode durch Verhungern und Verdursten in einem verschlossenen Verließ geführt hätte. Die Unkeuschheit einer Vestalin gefährdete den Frieden und die Sicherheit der Stadt und mußte deshalb hart bestraft werden. Allerdings wurde in politisch ungünstigen Zeiten, manchmal einfach eine Vestalin angeklagt, um einen vorgeschobenen Grund für militärische Niederlagen oder wirtschaftliche Probleme zu liefern, die Technik des Sündenbockes ist schon sehr alt, wie man sieht.
Um die Intaktheit ihrer Jungfernhaut zu beweisen, trug Tuccia Wasser in einem
geflochtenen Korb (Sieb) vom Tiber in die Stadt, ohne einen Tropfen zu verschütten und rettete so ihr Leben.
Ob der sich anschmiegende Schleier allerdings deshalb wie feucht wirkt, weil sie sich im Jubel anschließend das Wasser über den Kopf gegossen hat oder einfach nur, weil es so wunderschön und verlockend aussieht, mag ich nicht zu sagen.




 
©Sailko









Geschaffen um 1773, sie steht im Palazzo Barberini in Rom.

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Die jungfräuliche Elizabeth I. mit einem Sieb
George Gower 1579 
 
DIE VESTALIN

In den stillen Tempel lärmend
Bricht das Volk, empört in Wut:
»Auf und schleppt sie vor den Prätor,
Tilgt die Schuld in ihrem Blut,
Denn kein Rauch steigt mehr zum Himmel,
Und erloschen liegt die Glut.
Priesterin, wo war dein Eifer,
Priesterin, wo war dein Herz?
Träumtest du der Liebe Träume,
Pflogest du der Liebe Scherz?
Sucht den Buhlen und zerfleischt ihn
Glied für Glied mit scharfem Erz.
Doch sie selbst scharrt in die Erde
Lebend ein mit ihrer Schmach.«
Also tobt die blinde Menge,
Von den Säulen schallt es nach.
Doch erwacht aus tiefem Schweigen
Trauervoll die Jungfrau sprach:
»Wehe, rohe Männer, wehe,
Die ihr scheulos, wild, im Streit,
Auf den Lippen Zorn und Flüche,
In dies Haus getreten seid:
Nicht die Priesterin, ihr selber
Habt das Heiligtum entweiht.«
»Heuchlerin, da sieh die Asche!
Sprich, was löschte diese Glut?«
»Unauslöschlich lodert Vestas
Herd in meines Herzens Hut:
Und was diese Brände löschte, –
Das war meiner Tränen Flut.«
»Tränen? was hast du zu weinen,
Du der Göttin Dienerin?«
»Vor drei Tagen sank bei Cannä
Romas Ruhm und Macht dahin,
Und als Priesterin ich worden,
Blieb ich dennoch Römerin.«
»Nicht um Rom, um einen Buhlen,
Der gefallen, weint sie wohl:
Auf! ergreift sie, sie soll sterben,
Schleift sie fort aufs Kapitol.«
Doch die Priesterin umklammert
Fest der Göttin Steinsymbol:
»Höre mich, du große Göttin,
Die du reiner dort nicht thronst
In den Hallen des Olympos,
Als du mir im Herzen wohnst,
Die du schrecklich strafst den Frevel,
Wunderbar die Unschuld lohnst:
Höre mich, die alle Feuer
Mit dem heil'gen Atem schürt:
Bin ich rein an Leib und Seele,
Wie der Priesterin gebührt, –
Auf, entzünde diese Kohlen,
Wie sie meine Hand berührt.«
Spricht's, und auf die schwarzen Brände
Legt sie leis die weiße Hand: –
Und ein Donnerschlag erdröhnet,
Licht umflutet ihr Gewand,
Und empor vom Opferherde
Lodert goldig heller Brand.
Auf die Kniee stürzt die Menge:
Doch die hohe Jungfrau spricht:
»Wenn der Unschuld hier auf Erden
Jeder letzte Schutz gebricht,
Mutig greift sie in den Himmel,
Holt herunter sein Gericht.«

Felix Dahn