Freitag, 24. Oktober 2014

Antigone 5 - Wer ohne Sünde ist...



Den Hochverräter Polyneikes,

Werft unbestattet vor die Mauern dieser Stadt!

Und wer es wagt, wer heimlich diesen Leichnam schmückt
Und deckt mit frischer Erde, wird gesteinigt!
Die Steinigung ist eine jahrtausendealte Art der Hinrichtung. Ein Mensch wird bis zur Hüfte oder unter die Brust eingegraben und durch Steinwürfe auf Kopf und Oberkörper getötet. Wiki


In Syrien wurde vor wenigen Tagen eine junge Frau wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt. Ihr Vater verweigerte ihr die Verzeihung vor dem Tod. Er sprach, so hat man es mir erzählt, ganz kühl, entschieden und hat dann endgültig Nein gesagt, die junge Frau zeigte dabei keine erkennbare Reaktion. Diese Szene und die anschließende Steinigung kann sich man als Video ansehen. Wenn man kann oder will. Ich konnte es nicht und will es nicht.

Unser altes Stück ist also nicht einmal in den Details so alt. Schrecklich. Unbegreiflich. Unerträglich.




Wer ohne Sünde ist
werfe den ersten Stein
hatte Jesus gesagt
und alles blickte zu Boden

Nur eine kleine zähe
Frau in den besten Jahren
bückte sich wütend
und nahm einen Stein und warf ihn

Nach der Steinigung
als alles zurück in die Stadt ging
sagte Jesus zu ihr:
Mutter du kotzt mich an

Erich Fried

Hämon, der Sohn des Kreon, versucht mit fast übervorsichtigen Worten seinen Vater davon abzubringen, seine Verlobte Antigone hinrichten zu lassen. Der Vater wird zornig, fühlt sich vom Sohn verraten, verläßt die Bühne und kommt mit einem Eimer voller Steine zurück, den er schweigend ausschüttet, einen Stein aufhebt und dem Sohn in die Hand drückt. 


KREON: 
Holt die Verworfene! Dass sie ihm gleich

Vor Augen stirbt, in Gegenwart des Bräutigams!



HAIMON: 
Vor meinen Augen sterben wird sie nicht,

Und niemals wirst du mich mit deinen Augen wiedersehen!

Später wird er die Strafe auf Einmauern und Verhungern "reduzieren".

Kommentare:

  1. Sehr geehrte Frau Schall,

    das durchaus witzige, den Katholizismus der unbefleckten Empfängnis auf die Schippe nehmende Gedicht von Erich Fried, vielleicht ist das etwas zu zweideutig unter einem so eindeutig barbarischen Sachverhalt?

    Das ging mir beim Blog-Lesen durch den Kopf.


    M. K.

    AntwortenLöschen
  2. Ich denke das Fried Gedicht, ist, trotz seines rauen Tones, durchaus nicht nur witzig und ich finde es auch als Kontrast interessant.
    Und, dass das Judentum & Christentum zu einer Zeit Steinigung als "normale" Strafe angesehen haben, das sollten wir nicht vergessen, nicht um irgendetwas derartiges zu entschuldigen, aber um unserer moralischen Empörung eine genauere Perspektive zu geben.

    Mendelsohn-Bartholdy "Paulus": Nr. 8 Rezitativ und Chor

    TENOR
    Sie aber stürmten auf ihn ein und stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn und schrien laut:

    DAS VOLK
    Steiniget ihn! Er lästert Gott; und wer Gott lästert, der soll sterben.

    AntwortenLöschen
  3. Ideologie - Feindbild - Verachtung - Verfolgung - Brutalität - Sadismus

    AntwortenLöschen
  4. Ich war immer sehr glücklich darüber in eine Zeit geboren worden zu sein, die jenseits des Mittelalters die Aufklärung schon kennt. Aber es mehren sich Zeichen, wonach das Mittelalter weiter existiert und expandiert, es findet nur nicht direkt dort statt wo ich lebe.
    Fanatismus, gleich welcher Art und wo, ist immer die Abkehr vom unbequemen, weil komplexen und beweglichen denken.
    Wie Eva Lermer, Psychologin von der Ludwig-Maximilians-Universität München sagte:
    "Und wenn wir mit einem Problem oder einem komplexen Ereignis konfrontiert sind, dann müssen wir auf einmal nachdenken, müssen vom intuitiven ins rationale System wechseln und uns anstrengen. Das gefällt uns nicht."
    Fanatismus enthebt uns dieser Anstregung durch radikale Festlegung von richtig und falsch.
    Und Menschen sind bequem, besonders dann, wenn ihnen eine radikale Festlegung ermöglicht auf der "richtigen" Seite zu stehen, sie erhebt und ihnen eine Wertigkeit zuweist, die sie ansonsten nicht erreichen würden.

    AntwortenLöschen