Mittwoch, 9. Juli 2014

Herr Neuer ist ein großartiger Torwart und ich nicht.




Fußball ist eine Ballsportart, bei der zwei Mannschaften mit dem Ziel gegeneinander antreten, mehr Tore als der Gegner zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen. (Wiki)
Konkreter kann man es nicht formulieren.

Mein Heimweg von der Probe durch Schwäbisch Hall, heute zwischen 22.20 und 22.45, im Abstand von ungefähr 5 Minuten Schreie, als hätte ganz Schwaben multiple Orgasmen.

Aber nein, es handelt sich leider nicht um erotisch motiviertes Freudenstöhnen, bzw. viele beglückt und schweratmend ausgestoßene "Jetztele!", vermutlich kommt es heute Abend sogar zu weit weniger sexuellen Zusammentreffen als gewöhnlich, da ein überwiegender Teil der Bewohner vor den überall altarartig aufgebauten Fernsehern sitzt, mit angespanntem Oberkörper, verkrampften Fäusten und nun, nach dem 7:0 beseligt, fassungslosem Gesicht. "WIR" haben gesiegt. WIR. Wer ist WIR? Um Otto Wallkes zu zitieren: ist es das WIR aus WIRtschaft? Oder das WIR aus VerWIRrrt? Oder das aus WIRtuell? Welchen Anteil, haben WIR am hochgezüchteten Können von 11 überbezahlten Profi- Sportlern? WIR haben gewonnen? WIR? 
Ich nicht.
WIR ist Deutschland? Als Ganzes? WIR über alles? WIR alle über alles?
Nö.

Wenn ein deutscher Chirurg ein Herz verpflanzt, haben nicht WIR einen Menschen gerettet. Wenn Heinrich von Kleist die deutsche  Sprache verzaubert, haben nicht WIR Wörter neu gedacht. Wenn Herr Neuer großartig Bälle hält, sollten WIR ihm gratulieren, aber nicht denken, dass WIR dadurch Anteil hatten. WIR. Wer ist dieses WIR? Ich will mein WIR sehr genau und eigenwillig definieren. Ich bin nicht jedermanns WIR.

Zugegebenermaßen interessiert mich Fußball nicht die Bohne, Zugegebenermaßen erwecken ganz andere Dinge in mir solch archaische Gefühle, Sex, Theater. 
Zugegebenermaßen gönne ich Leuten Vergnügen, auch wenn ich sie nicht teilen kann. Meine Nichte reitet gerne, ich fürchte mich vor Pferden. Eine Freundin hat jede Madonnaveröffetlichung verschlungen, ich höre nur deren dünne Stimme. Mein Ex konnte sich hochkonzentriert 12 Stunden das Empire State Building als Stummfilm in schwarz/weiß aufgenommen von Andy Warhol ansehen, ich schlief nach zehn Minuten tief und fest. Was macht's, ich selbst liebe Serienmörderthriller. To each his own, was doch besser klingt, als das historisch versaute: Jedem das Seine. 
Aber. Aber ich bin heute Abend nicht gerannt, habe nicht geschwitzt, kein Tor geschossen. Das ist Fakt. Ich habe nicht gewonnen.

Jetzt ist Autocorso in Schwäbisch Hall. Nach dem Viertelfinale dauerte es eine Stunde. Aber heute ist es schon spät, alle wollen nach Hause. Sie hupen auf eiliger Heimfahrt.


Ines Geipel im DeutschlandRadio Kultur am 8.7.2014

Regel 12: Verbotenes Spiel

Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien mit dem ersehnten Halbfinale der Deutschen heute gegen die Selecao. Und ganz Deutschland spielt mit. Auch wenn mittlerweile allen klar ist: Wir sind in einem völlig neuen Spiel. Der Gegner – und das ist neu – wird nicht mehr einfach gestoppt, sondern wenn möglich vorsätzlich ausgeschaltet. Eine angefressene Schulter, ein gebrochener Rücken, Schläge gegen die Halsschlagader, vor allem Tritte gegen den Fuß, zu Matsch geschlagene Köpfe. Ein Knie von hinten und dann mit voller Wucht rein in den Körper des Gegners. Das ist nicht nur Männlichkeitssymbolik - der brasilianische Superstar Neymar hätte im Viertelfinale gegen Kolumbien genauso gut gelähmt sein können. Sein Trainer sagte gegenüber der spanischen Zeitung Marca: „Marcelo hat sich nach dem Foul neben Neymar auf den Boden gekniet und ihn gefragt, wie es ihm geht. Daraufhin hat Neymar gesagt: „Ich kann meine Beine nicht fühlen.““ Ex-Profi Mehmet Scholl brachte es nach diesem groben Foul auf den Punkt und schimpfte unmittelbar nach dem Spiel in der ARD: „Spielertypen wie Mesut Özil und Neymar werden bei der WM gejagt, verfolgt und gedemütigt.“

Regel 12 im Fußball legt fest: „Ein Spieler, der im Kampf um den Ball von vorne, von der Seite oder von hinten mit einem oder beiden Beinen in einen Gegenspieler hineinspringt und durch übertriebene Härte die Gesundheit des Gegners gefährdet, begeht ein grobes Foul. Grobe Fouls werden mit einem Platzverweis geahndet.“ Platzverweis gegen Juan Zuniga, den kolumbianischen Brutalo, aber gab es keinen, nicht mal eine gelbe Karte. Der Schiedsrichter wollte Vorteil gesehen haben. Neymar wurde auf der Trage vom Feld getragen. Das Spiel lief weiter.

Und das soll es, der globale Hype soll weiterlaufen, auf keinen Fall innehalten, das Geschäft hat zu stimmen. Wozu sonst schließt die FIFA Versicherungen ab, die die Betroffenen und deren Arbeitgeber in Unfällen wie diesen auszahlt? Wozu sonst pfeifen die Referees so brüsk wider die Regel? Bei 54 Fouls im Spiel Brasilien gegen Kolumbien wurden lediglich vier geahndet. Ein WM-Rekord. Wobei 31 Fouls – das ist im Vorfeld des heutigen Halbfinales, das der mexikanische Schiedsrichter Rodriguez pfeift, derselbe, der den Schulterbiss von Suarez übersehen hatte, doch noch einmal festzuhalten - auf die Kappe von Brasilien gingen. Und zum Dritten: Wozu sonst finden die Dopingkontrollen während des Turniers unter der alleinigen Hoheit der FIFA, genauer des FIFA-Arztes Jiri Dvorak, statt? Sie lässt die Proben veranlassen, durchführen, untersuchen und behält sich zu guter Letzt vor, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Fußball sei autonom, heißt es in solchen Fragen dann immer. Was nötig ist, würde intern geregelt. Das ist so, als wenn der Spieler sich selbst auf die Hand pinkeln würde, um mal ein deutlicheres Bild zu bemühen.

Die Weltmeisterschaft in Brasilien weist sich bislang vor allem als eine permanente Übertretung des Reglements aus. Eine neue Kultur des Fouls oder laut Regel 12 auch des Verbotenen Spiels. Fußballer aber sind Meister der Körperbeherrschung, Jongleure, Tänzer mit dem Ball. „Das erste Gesetz des guten Tons ist: Schone fremde Freiheit“, heißt es bei Schiller über den Tanz. Von der geschonten Freiheit des anderen aber ist in diesem brutalisierten Turnier kaum noch was zu sehen. Wer schont, muss um sein Rückgrat bangen. Brutalos gehen vor Stilisten, HGH-Gesichter – oder auch Spieler, bei denen Wachstumshormone alles Fett aus dem Körper gezogen haben - vor Wadenlose. Die neue Kultur des Fouls wird insofern von einer neuen Physis auf dem Platz gespielt, von fettlosen Modellathleten, merkwürdigen Kampfmaschinen, die ab der 60. Minute immer schneller werden, so schnell, dass man dem Ball kaum mehr folgen kann. Das war mal deutlich anders. Modellathleten waren frühere Fußballer eher selten. Sie hatten immer die sympathischeren Körper. Diesen Typus gibt es praktisch nicht mehr. Jetzt dominieren die markant Fettlosen mit stieren Blicken, die Entfesselten, die das Spiel so ungemein gefährlich machen.

Keine Regeln im Spiel, keine in Sachen Doping, keine bei den Ticketverkäufen, keine, was Arbeits- oder Menschenrechte in Brasilien selber angeht. Der Megakonzern FIFA hat ein globales Superspiel entwickelt, das etwas Gespenstisches hat. Zuallererst auf dem Feld, aber auch in seiner kalkulierten und gesteuerten Entgrenzung. Nicht weniger gespenstisch ist, dass immer mehr Fans zu diesem gigantischen Foul-Spiel gehören wollen und dabei so unheimlich glücklich wirken.

Kommentare:

  1. WÖRTER

    Wörter im deutschen Radio, RBB-info:
    Brasilien hätte in dieser WM mit zu viel Herz, mit zu viel Gefühl gespielt.
    (waren da nicht 51 Fouls gegen Kolumbien?, mit Herz und Gefühl? )

    Wörter aus der Presse in Brasilien :
    von Deutschland gekrümmt, abgeschossen, massakriert
    Folter
    Demütigung mit erlesener Grausamkeit

    Wort aus der Presse in den NL:
    Deutschland machte Hackfleisch aus Brasilien

    http://www.focus.de/sport/fussball/wm-2014/internationale-pressestimmen-brillant-presse-von-deutschem-sieg-beeindruckt_id_3976552.html

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  2. Nicht 7:0, sondern 7:1.

    Ja, es wird zuviel und zu hart gefoult!

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