Mittwoch, 19. März 2014

Theater muß man manchmal auch vorzeitig verlassen

Immer wenn ich für einige Zeit in Berlin bin, versuche ich, so oft wie möglich und erträglich, ins Theater zu gehen. Warum? Weil ich immer noch gern Theater schaue. Weil es gut tut, zu sehen, dass auch hier nur mit dem sprichwörtlichen Wasser gekocht wird. Weil manchmal vor meinen Augen Wunder geschehen. 

Und gelegentlich verlasse ich das Theater, bevor die Vorstellung zu Ende ist. Ungeheuerlich! 

In den ersten zwanzig Jahren meines Theaterlebens ist dies genau zweimal vorgekommen. Beide Male bei Inszenierungen des "Guten Menschen von Sezuan" und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es am Stück, das mir pädagogisch angestrengt und sozial vereinfachend scheint, oder an den Inszenierungen (Giorgio Strehler und Juri Ljubimow) lag. Und an beiden Abenden lag mir meine Fahnenflucht schwer auf dem Gewissen und ließ mich den gefühlten "Theaterverrat" verheimlichen..

Und dann wurde ich 40 oder 50 und begriff körperlich und tiefinnerlich, dass die Zeit, die auf Erden mir gegeben ist, nicht ohne Ende ist. 

Eine der Entscheidungen die ich, in Folge dieser erschreckenden Erkenntnis, traf, war der Entschluss, von nun an kein Buch mehr zu Ende zu lesen, das mir nach Seite 50 immer noch nichts sagte, was ich nicht sowieso schon wußte; oder es auf andere Weise sagte. Eine andere, in meinem persönlichen Universum schwerer wiegende: wenn mich Theater langweilt und nicht zu erwarten ist, dass diese Langeweile in ein Gefühl von Verlangsamung und Intensivierung umschlägt, oder wenn es mich kalt läßt, dann gehe ich. 

Ein Befreiungsschlag und das Eingeständnis einer Niederlage.

Heute bin ich nach einer Stunde gegangen und habe danach einen guten Abend mit Freunden verbracht. 

"Der Freund krank" geschrieben von Nis Momme Stockmann als Monolog, inszeniert von Milan Peschel als  Stück zu viert mit: Moritz Grove, Daniel Hoevels, Kathleen Morgeneyer & Martin Otting. Die beiden Hauptdarsteller, ganz unterschiedlich in Körper und Talent, segeln in ähnlichem und gleichmäßigem Ton durch den aphoristischen Text. Die Frau, durch eine schwarze Faschingsperrücke beengt, spielt um ihr Leben und ein Mann mit kranker Stimme gibt den sozial relevanten Assi.

Vielleicht habe ich nur nicht verstanden, wo der gesellschaftlich akute Punkt lag, vielleicht war es aber auch gut, dass ich Zeit mit Freunden verbracht habe.

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9172:der-freund-krank-milan-peschel-verlegt-nis-momme-stockmanns-bericht-aus-schrumpfenden-landschaften-an-die-route-66&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

Kommentare:

  1. Ein Abend mit Freunden ist sowieso nicht zu topen. Und wie du schon so richtig sagtes, ist das Leben zu kurz um es mit Dingen zu füllen, die man weder braucht noch will. :-)

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  2. Gabriele Bigott-Kleinert schrieb:

    Jaklar. - Ich allerdings wäre bei Ljubimow gerne noch Stunden länger drin geblieben, ich sah das Gastspiel im DT, mit Wyssozki, war für mich damals zentrales und weiterwirkendes Theatererlebnis. So unterschiedlich ists eben.

    Skuld Norne

    Ich erinnere mich bei deinen Worten an meine erste erste "Begegnung" mit Brecht im BE. Ich war 16 und sah den "Guten Menschen von Sezuan"!

    Franziska Troegner

    Mir hat die Ljubimov -Inszenierung damals auch gefallen, ich fand die an der Volksbühne arg anstrengend.- Auch in meinem hohen Alter habe ich an einigen Theaterabenden in der Pause auch den Gang in ein Restaurant bevorzugt -wegen der Lebenszeit !

    Johanna Schall

    Ich habe es nicht mit Vyssotzky, sondern mit Nikolai Nikolajewitsch Gubenko gesehen.

    Franziska Troegner

    Ach, hast Du das Programmheft noch ?

    Johanna Schall

    Nee, habe gegoogelt. An Vyssotzky hätte ich mich erinnert.

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  3. Robert von Wroblewsky schrieb:

    Ich war letzte Woche in "Rein Gold", nicht zu verwechseln mit Wagners Rheingold, an der Staatsoper und bin nach 2h Stunden gegangen...es war nicht zum aushalten....

    David Emig

    Und ich guck mir nüscht an;) spiel mal wieder selber.../robert nochmal abstecher machen?;)

    Mireille Adieu

    ich geh heute abend ins dt zu idomeneus und bin mächtig gespannt.
    jeht aber nur 70 minuten.

    Johanna Schall

    Fand ich toll, jede Minute!

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