Sonntag, 22. September 2013

Asche klebt an unseren Füssen - Elena Chizova


Ein guter Artikel:
Neue Zuercher Zeitung
22. August 2013

Asche klebt an unseren Füssen

Russland wird noch heute von Leuten regiert, die aus den kalten Tiefen des Sowjetsystems kommen. Von Elena Chizhova


Am 19. August 1991 wurde in der Sowjetunion der Versuch eines Staatsstreichs unternommen. Zu den zauberhaften Klängen von «Schwanensee» warf man uns zurück in die sowjetische Vergangenheit. In der Nacht zum 20. August (niemand von uns war schlafen gegangen) meldete das Fernsehen: Panzer im Anmarsch auf Leningrad. In dem Augenblick betrat ich mit einem Tablett voller Teegeschirr den Raum. Mir zitterten die Hände, Tassen und Untertassen flogen auf den Boden. Ich kroch auf den Knien herum und sammelte die Scherben auf. Und in dieser Position vernahm ich: Um zehn Uhr morgens würde auf dem Schlossplatz eine Kundgebung stattfinden. Während ich wieder aufstand, fasste ich einen Entschluss: Ich muss da hin. Damals war ich im dritten Monat schwanger. Heute ist meine Tochter stolz darauf, dass sie ebenfalls teilgenommen hat an dieser Protestkundgebung, als einhunderttausend Menschen auf den zentralen Platz der Fünfmillionenstadt strömten.

Die Vergangenheit ruhen lassen?

Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre wurden Hunderte Bücher und Aufsätze publiziert, die das menschenverachtende Wesen des Systems enthüllten. Artikel 6 der Verfassung, in dem die uneingeschränkte Macht der KPdSU und ihrer Ideologie festgeschrieben war, wurde für gesetzwidrig erklärt. Sämtliche Träume der Intelligenzia schienen sich zu verwirklichen. In den neunziger Jahren debattierte man über die Sowjetunion wie über etwas längst Vergangenes. Die Stimmen ihrer Apologeten liess man als Tribut an den Pluralismus gewähren: In einem freien Land hat jeder Mensch das Recht, seinen Standpunkt zu äussern. Es gab im Übrigen auch Stimmen, die eine offene und öffentliche Gerichtsverhandlung gegen die KPdSU forderten, ähnlich den Nürnberger Prozessen. Diese Idee fand keine breite Unterstützung, vielmehr setzte sich ein anderer Gedanke durch: Man soll die Vergangenheit ruhen lassen, schliesslich hat die Geschichte ihr Urteil bereits gefällt. Unsere Aufgabe war eine andere - einen Bogen um diesen Haufen Staub zu machen.

Zu Beginn der 2000er Jahre aber zeigte sich, dass die Asche, die nach Jahrhunderten der Sklaverei und Jahrzehnten des Terrors zurückgeblieben war, an den Füssen haftete. Unter dem einlullenden Gerede darüber, dass ein Rückfall in die sowjetische Vergangenheit unmöglich sei, kamen Leute an die Macht, die in den Tiefen des Systems erzogen worden waren. Für sie ist die Geschichte des Landes nicht das Feld einer historischen Schlacht von Lüge und Wahrheit, sondern eine Geheimdienstoperation mit dem Ziel, die Macht zu bewahren und das Privateigentum zu mehren. Im Unterschied zu ihren Vorgängern, den Mitgliedern der August-Junta, zittern ihnen nicht die Hände und läuft ihnen nicht die Nase. Das KGB, ihre Alma Mater, hat ihnen effizientes Handeln beigebracht. Schritt für Schritt ist es ihnen gelungen, vieles von dem, was die Geschichte, so schien es, für immer verworfen hatte, zu restituieren: Zensur im Fernsehen, unehrliche Wahlen, die absolute Vorherrschaft einer einzigen politischen Partei.

Und nun, da sie glauben, die Gegenwart im Griff zu haben, nehmen sich die jetzigen Machthaber die Geschichte vor, und zwar zuallererst die ideologische Beeinflussung der Kinder. Ihre Pläne beziehen auch diejenigen ein, die noch nicht geboren sind: Schliesslich werden sie nach dem neuen Einheits-Lehrbuch für Geschichte lernen müssen - eine Idee, die Putin persönlich geäussert hat. Aus meiner Sicht ist das eines der gefährlichsten Projekte des Kremls. Unter dem leeren Geschwätz davon, man werde die besten Historiker als Mitverfasser beiziehen, erblickt ein halbsowjetischer Wechselbalg das Licht der Welt, der die Sowjetunion in einer einzigen Gestalt erscheinen lässt: die Grossmacht, die im Zweiten Weltkrieg gesiegt und Gagarin in den Kosmos geschickt hat. Über alles andere, namentlich über die Massenrepressionen der Stalinzeit, wird es vorsichtig heissen: Es gab Auswüchse, aber keine besonders schlimmen . . .

Vergleicht man mit den Lehrbüchern meiner Generation, ist das schon ein gewaltiger Schritt nach vorn. Im Unterschied zu den künftigen russischen Schülern sind wir in einem historischen Vakuum aufgewachsen. Unsere Eltern redeten mit uns nicht über die sowjetische Vergangenheit. Dieses Thema war tabu. Aus Furcht vor unseren geschwätzigen Zungen behielten die Familien ihre Erinnerungen, ihre Gedanken und Ängste für sich. Mein Vater hat sich nur ein einziges Mal «verplappert», 1980. Damals lag er nach einer schweren Operation auf der Intensivstation. Als ich zu ihm kam, war er noch unter dem Einfluss der Narkose. Nachdem er die Augen aufgeschlagen und mich erkannt hatte (er nannte mich beim Namen), versuchte er sofort, seine Benommenheit zu überwinden, und befahl mir plötzlich: «Stell dich an die Tür. Berija hat seine Leute schon losgeschickt. Lass niemanden rein.» Ich sagte: «Keine Angst, ich stelle mich gleich an die Tür. Sie kommen nicht rein. Ich lasse niemanden durch.» Er nickte: «Gut.» Er glaubte mir und schlief wieder ein.

Die Schrecken der sowjetischen Geschichte entdeckten wir selbst. Manchmal, wie in meinem Fall, mithilfe der Lehrer. Es gab nicht viele, aber es gab sie - Lehrer, die dem sowjetischen Einheits-Lehrbuch zu widersprechen wagten, wenn auch natürlich nicht während des Unterrichts. Ich bin überzeugt, solche Lehrer finden sich auch heute. Allerdings haben dieses Glück nicht alle Kinder. Viele müssen sich auf sich selbst verlassen.

Die Angst in den Augen

Natürlich skizziere ich hier das schlimmste Szenario, an dessen Erfolg ich, ehrlich gesagt, nicht glaube. Man kann den Geist der Freiheit, der Ende aus der Flasche entwich, nicht mehr zurücktreiben. Das wissen auch die heutigen Machthaber. Nicht von ungefähr stand im Herbst und Winter 2011, als Tausende Bürger aus Empörung über die Wahlfälschungen bei den Duma-Wahlen auf die Strasse gingen, in ihren kalten, metallgrauen Augen die ANGST. Nicht die Angst, die meinen Vater und Millionen seiner und meiner Mitbürger gequält hatte. Ihre tief in den Genen steckende Angst war eine Erinnerung an die Repressionen; diese hier war das Gespenst eines unrühmlichen Endes.

Die Tatsache, dass viele Menschen der älteren und mittleren Generation der sowjetischen Vergangenheit und einer «starken Hand» nachtrauern, ist leicht zu erklären. Die alles durchdringende Korruption, die das heutige Regierungssystem zusammenhält, die bestechlichen Gerichte, die ungeheure Diskrepanz zwischen den Reichsten und den Ärmsten - kaum jemand begreift, dass die Wurzeln dieser «Pflänzchen» in die sowjetische Vergangenheit oder sogar noch weiter zurückreichen. Aber auch junge Menschen empfinden Nostalgie nach der Sowjetunion. Natürlich bei weitem nicht alle. Manche spüren die Anzeichen einer zunehmenden Sowjetisierung und ziehen es vor, in den Westen auszureisen; andere entschliessen sich in der Hoffnung auf bessere Zeiten zum Bleiben, und es bedrückt mich, wenn ich daran denke, dass manche dieser Kinder auf der Anklagebank sitzen werden, auf der Chodorkowski und Lebedew ebenso sassen wie die jungen Frauen von Pussy Riot.

Wieder andere (glaubt man den Umfragen, sind es ziemlich viele) spielen, begleitet vom Gemunkel der Grosseltern, die von den sowjetischen Greueln aus unterschiedlichen Gründen nicht betroffen waren, ein Computerspiel mit dem Titel «Das Leben in der Sowjetunion». In diesem virtuellen Raum, den sie für die sowjetische Vergangenheit halten, herrscht «Freundschaft unter den Völkern», hier floriert «die Fürsorge der Partei für den einfachen Menschen». Grosse Bücher werden geschrieben und bedeutende Filme gedreht. In dem Spiel gibt es nicht die Option herauszufinden, um welchen Preis das geschieht. Es gibt keine leeren Ladentische, keinen Eisernen Vorhang, keine stumpfsinnigen Parteiversammlungen, keine Denunzianten, keine Verzweiflung und keine Machtlosigkeit angesichts dessen, dass dein Leben offenkundig schon gelaufen ist - alle wichtigen Entscheidungen treffen diejenigen für dich, deren sorgfältig retuschierte Gesichter von den Feiertags-Plakaten herunterblicken. Die heutigen Herrscher stammen von ihnen ab. Sie, die Mitglieder der «inneren Partei» (wenn man an Orwell denkt), empfinden zivilen Dissens als persönliche Beleidigung und unternehmen alles Mögliche, um zu einer Vergangenheit zurückzukehren, wo man diejenigen, die nicht einverstanden waren, an einer Hand abzählen konnte: Sie reanimieren die alten sowjetischen Mythen, sie kokettieren mit dem «einfachen Volk» und hetzen es gegen die Intelligenzia auf, sie manipulieren Wahlergebnisse, sie tauschen die Plätze wie in einer billigen Jahrmarktsposse.

Mir scheint, ich kann ihre Gedanken lesen, schliesslich sind sie mehrheitlich in meinem Alter. Wir sind im selben Land aufgewachsen. Freilich sind sie im Gegensatz zu denjenigen, die 1991 auf die Strasse gingen, die perfekte Verkörperung des Typus Sowjetmensch, wie er sich zum Ende der Breschnew-Ära herausgebildet hatte. Ihr Bewusstsein ist deformiert von der sowjetischen Ideologie, die zum Katzbuckeln und zur Lüge nötigte. Wenn ich ihre Reden höre, frage ich mich nie, ob sie die Wahrheit sagen. Sogar wenn sie die Wahrheit sagen, lügen sie - in den neunziger Jahren, als sie die sowjetische Vergangenheit «aufrichtig» anprangerten, ebenso wie heute, wenn sie der Grösse dieser Vergangenheit Hosianna singen und unsere Kinder verführen. Sie haben keine Ideale, keine unverbrüchlichen Werte - weder «westliche» noch «östliche». Aber sie haben pragmatische Ziele.

Ich sage meiner Tochter: Schau genau hin, es ist ganz einfach. Es scheint nur so, als trügen sie westliche Designermode. In Wirklichkeit haben sie ihre durchtrainierten Körper in Anzüge aus der Fabrik «Bolshevichka» gekleidet. Es scheint nur so, als dufteten sie nach teurem Parfum. In Wirklichkeit riechen sie nach sowjetischer Pestilenz - da bleibt nur noch, sich die Nase zuzuhalten. Es scheint nur so, als benutzten sie iPhones und iPads - sie und ihre Anhänger (die Mehrheit der Bevölkerung, die «dafür» stimmt) leben im sowjetischen Mittelalter, und da gibt es keine Gadgets.

Wir, die Minderheit, die «dagegen» stimmt, haben eine historische Niederlage erlitten - das höre ich in der letzten Zeit immer häufiger. Blickt man zurück auf die neunziger Jahre, muss man zugeben, dass diese Worte ein Körnchen Wahrheit enthalten: Im Unterschied zu den heutigen russischen Machthabern waren wir «ineffiziente Manager» - in der Euphorie der Freiheit, die über uns hereingebrochen war, stiessen wir keinen Espenpfahl in den sowjetischen Sarg. Heute verstehe ich, dass ein Land, in dem, wie man bei uns sagt, «die eine Hälfte gesessen und die andere sie eingesperrt hat», dafür weit mehr Zeit benötigt als fünfundzwanzig relativ demokratische Jahre.

Es mag anmassend klingen, aber wenn ich am Schreibtisch sitze, scheint mir zuweilen, ich würde von neuem auf dem Platz stehen und meine Kinder verteidigen. Aber mir tun auch die anderen leid - diejenigen, die an eine «sowjetische Zukunft» glauben. Wenn ihnen diese Pestilenz schon nicht erspart bleibt, so hoffe ich zumindest, dass sie nicht die schwerste Form von Sowjetnostalgie durchmachen müssen.


Elena Chizhova, 1957 geboren, lebt als Schriftstellerin in St. Petersburg. Sie ist Direktorin des Petersburger PEN. Ihre bisher acht Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, 2009 erhielt sie den angesehenen russischen Booker-Preis für ihren Roman «Die stille Macht der Frauen» (dtv 2012). - Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg.

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