Freitag, 12. April 2013

NEIN.


NEIN.

»Weißt du nicht, dass die Sprache kein Wort so wild kennt wie ›nein‹?«  
Emily Dickinson

Kennt ihr das herrliche Gefühl "nein" zu sagen? Nicht "nein danke", nicht "nein, aber..", nicht "leider nein", nicht " eigentlich nicht", sondern NEIN!. 
Ich will nicht. Nein.
Dazu braucht es Klarheit, dazu braucht es Angstüberwindung, dazu braucht es Selbstachtung.

Ich, zum Beispiel, kann ganz schlecht nein sagen. Ich will lieb gehabt werden. Ich kann mich schlecht von Beziehungen verabschieden, selbst von solchen die nicht gut für mich sind. Ich sehe meist mehr als eine Seite eines Konfliktes und bin darum nur allzu willig, Gegenargumente mit in Betracht zu ziehen. Und so höre ich mich oft eine Menge Jeins, Abers und Obwohls äußern, obwohl (schon wieder) ich eigentlich ein fettes, sattes Nein im Bauch spüre. Sicher ist Kompromissfähigkeit für das Überleben im sozialen Umgang hilfreich und auch notwendig, aber, auch so ein schönes Wort, aber wo hört Verständigungs-bereitschaft und Akzeptanz auf und beginnt der ungute Marsch auf dem beliebten und schlammigen Mittelweg. Selbstzweifel sind ein Zeichen von Intelligenz, aber Mangel an Selbstachtung ist auch ein Zeichen, nur wofür?

Wiki sagt: 
Die Höflichkeit oder Zivilisiertheit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Ihr Gegenteil ist die Grobheit oder Barbarei.
Sozial gehört sie zu den Sitten, soziologisch zu den sozialen Normen. Das Wort hat sich aus dem Begriff „höfisch“ entwickelt, das die Lebensart am frühneuzeitlichen Hof bezeichnete.

Sind wir also barbarisch, wenn wir nein sagen? Wie vereinbaren wir Höflichkeit und Ehrlichkeit? 

Nein, ich finde, Sie haben das nicht gut gespielt.
Nein, Sie sind mir nicht sympathisch.
Nein, mir geht es nicht gut. Diese Antwort auf das übliche gemurmelte "Na, wie geht's" kann zu geradezu panischen Reaktionen beim jeweiligen Gegenüber führen.
Nein, deine Entschuldigung entschuldigt Dich nicht.
Nein, ich mochte Deinen Schweinebraten noch nie. Aber ich denke, das geht selbst mir zu weit, dieser Satz zu einer Mutter geäußert, läuft unter unnötiger Grausamkeit. Nein, Mama, dein Schweinebraten ist großartig. Ist er wirklich!
Kein Nein aus Faulheit, kein Nein aus Trotz, kein Nein aus Gemeinheit oder Lust am Widerspruch, sondern dieses rare, kostbare Nein aus tiefster Seele, dass die Frage des Anderen ganz ernst nimmt und - sie verneint.
Wie sagt man nützlich "Nein". Von Nutzen für sich selbst und für den Anderen?
Damit danach eine neue Frage gestellt werden kann.



Das Nein…

Das Nein
das ich endlich sagen will
ist hundertmal gedacht
still formuliert
nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
nimmt mir den Atem
wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
und verläßt
als freundliches Ja
meinen Mund.

Peter Turrini, in ” Ein paar Schritte zurück”

Wiki sagt:

„Nein“ ist ein Erbwort, gehört mithin zum ältesten Bestand des deutschen Wortschatzes und seine Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen sind lautlich oft sehr ähnlich. Das Wort „nein“ ist bereits in dieser Form oder in der Form „nain“ im Althochdeutschen vor dem 9. Jahrhundert belegt.
Entstanden ist das Wort als Zusammensetzung aus der Negationspartikel „ni“ (wie sie auch in den Wörtern „nicht“ „nie“ und „niemand“ vorkommt) und dem unbestimmten Artikel „ein“ und bedeutete somit ursprünglich „nicht eines“....
„Nein“ ist ein Basiswort in fast allen Sprachen. Wegen seiner kommunikativen Bedeutsamkeit sowie seiner grundlegenden Semantik und somit häufigen Verwendung ist das Wort aus sprachökonomischen Gründen in der Regel kurz. Da „nein“ auch als dringliche Aufforderung zur Unterlassung einer Handlung dienen kann, ist die Kürze des Wortes in Gefahrensituationen schon aus biologischen Gründen vorteilhaft.


Programm 
NEIN!-Idee
(Bundesparteitag 10.02.2013)
Grundsatz: Die NEIN!-Idee spricht jedem Menschen das Recht zu „NEIN“ zu sagen, ohne dabei nach dem Grund zu fragen.
Die NEIN!-Idee will dem Menschen die Möglichkeit geben, neben dem „Ja“ zu einer beliebigen Partei und dem Nichtwählen, auch „Nein“ wählen zu können.
Artikel 3 des GG Abs.(1) besagt: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ also auch die Menschen die die Konzepte der zur Wahl stehenden Politiker und Parteien ablehnen. Das Ziel der NEIN!-Idee ist die größtmögliche Teilhabe aller Wahlberechtigten am politischen Entscheidungsprozess und dass jede Stimme der Menschen, auch die NEIN-Stimme, gleichwertig behandelt wird.
Die Mandatsträger der NEIN!-Idee werden exakt den Willen der Wähler repräsentieren, somit keine Gesetze befürworten, keine Ämter annehmen und niemanden in ein Amt wählen.

...
Die Mandatsträger der NEIN!-Idee werden alle Gesetze und Beschlüsse ablehnen,
die die Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen einschränken.
Jeder hat das Recht, Nein zu sagen.  


http://www.nein-idee.de/ 

Nein!

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!

Es ist das Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).

von Christian Morgenstern

Für das Ja sagen, gelten übrigens die gleichen Kriterien.
JA. 
 

Kommentare:

  1. Schwierig ist das unvorbereitete NEIN.
    Das spontane, oder - was möglicherweise dasselbe ist - das explodierende NEIN nach Zeiten des unterdrückten NEIN-Denkens oder NEIN-Fühlens . Unvorbereitet beim Neinsager und beim Neinhörer. Das schafft nicht Klarheit, sondern verquere Probleme. Fragen, denen der Neinsager vielleicht nur "Nein, ich will nichts antworten" entgegnet. Ein unbegründetes oder unbegründbares NEIN in wesentlichen Angelegenheiten ist fast immer ein Riss.
    Ganz selten, nach der Bestürzung, vielleicht auch der Keim für neue Definitionen.

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  2. Michael Dressel
    Vielleicht haben die Schwierigkeiten damit zu tun wo und wie wir aufgewachsen sind. Ich habs inzwischen gelernt es klar und deutlich zu sagen und das war ein ungemein befreiender Fortschritt.

    Burkhard Ritter
    Bei Familie oder guten Freunden bin ich schwankend, sonst kann ich gut NEIN sagen.

    Ibon Regen
    der durchschnittsmensch (der wir natürlich nicht sind. nein!) lügt ca 200 mal täglich und fährt aus überlebenstaktischen gründen seit jahrtausenden gut damit. da kommts doch auf den schweinebraten auch nicht mehr an. ich will nicht lieb gehabt werden, aber menschen, die ich lieb habe, auch nicht weh tun. ergo belüge ich die menschen mehr, die ich lieb habe, als die, die mir eigentlich wurscht sind. blöd.

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  3. Frank Schlößer
    Ich bin ja eher Anhänger des Negativ-Verfahrens: nein nein nein nein nein nein nein nein ja nein nein nein nein nein.

    Jens Mittelstenscheid
    Es ist ein Akt von Freiheit. Die ist mir sehr wichtig. Und dennoch fällt es auch mir schwer NEIN zu sagen. Und dies ist nun genau ein Wesen von Freiheit, errungen zu werden. Auch um nicht zu maßlos frei zu sein. Einsam dann...

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  4. Die unübliche Menge dwer Kommentare spricht für sich...

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  5. Aber Nein ist stärker. Und schwerer. Zu sagen. schwerwiegender auch. Und gesund, sehr. Reinigend. Bis ein Ja auftaucht. Ein klares . Wieder.

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  6. "Kennt ihr das herrliche Gefühl "nein" zu sagen? Nicht "nein danke", nicht "nein, aber..", nicht "leider nein", nicht " eigentlich nicht", sondern NEIN!."

    Ja das kenne ich, zu gut leider...
    Klasse Artikel, sehr erfreut sowas im Netz zu finden und auch mit großem Respekt, wenn so offen und persönlich geschrieben wird. Das fällt auch nicht immer leicht und vor allem wenn man weiß, dass man da jederzeit Gefahr läuft verbalen Aasgeiern im Sinne des anonymen Kommentierers der über Geschriebenes herfällt zum Opfer zu fallen...

    Aber das soll kein Aussprechen für die Aufhebung der Netz-Anonymität sein (im Gegenteil eigtl. ... meine Meinung betreffend ... für mich eine Frage des Anstands und der Erziehung) und bitte für niemanden abschreckend!

    Und ich weiß gut, dass ob man will oder nicht das einen trifft (eigene Erfahrung!). Da hilft aber nur, standhalten, weitermachen, mit der Zeit wächst man daran!

    So viel von mir, viele liebe Grüße und ein toller Blogspot hier, Rogalist (Carlo Rogall)

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