Montag, 18. März 2013

Wie wir uns Menschen basteln und uns selbst belügen


Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei...
...Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn...
1 Moses 1

Ein Gegrübel

Nur sehr selten erfahren wir, wie uns andere sehen. 

Wenn wir überhaupt darüber sprechen, verhindern vorauseilende Höflichkeit, anerzogener Takt, die weitverbreitete Unwilligkeit sich unbeliebt zu machen, und, natürlich, gewöhnliche Verlogenheit, meist wirklichen Erkenntnisgewinn. 
Und dass Kinder und Betrunkene die Wahrheit sagen, halte ich in Erinnerung an die von mir geäußerten kindlichen Grundsatzurteile und selbstverteidigenden Gemeinheiten, für eine ungenaue Platitüde.
Der liebende Blick ist ein Spezialfall, im besten Fall sieht der andere uns in unserer schönsten Möglichkeit, im schlimmsten sieht er, nur das was er selbst braucht und wird, bei dem Versuch uns dafür nutzbar zu machen, niedermetzeln, was dem im Wege steht. Und das "zu unserem Besten". Ob das Letztere Liebe zu nennen sei, ist zu bezweifeln.

Die Verwendung der Wörter "immer" und "nie" scheint mir ein deutliches Warnzeichen für versuchte 'Selbst'-Verletzung durch einen Anderen.
Ich habe über die Jahre gehört, dass ich, wenn ich bei den mittelschweren Vorwürfen bleibe, zu kühl, zu selbstbewusst, sogar arrogant, besserwisserisch, verschlossen und überhaupt rechthaberisch bin. Was alles irgendwie stimmt und andererseits auch nicht.
Manchmal bin ich so und manchesmal auch das genaue Gegenteil. 
Unser Selbstbild wankelig, idealisiert beschönigend oder selbstzerfleischend, je nach Zustand, begnügt sich deshalb meist mit dem imaginierten Fremdbild. "Zu fett" ist gleichzeitig eigentlich eines der harmlosesten, aber auch weitverbreitetsten Urteile, das wir anderen unterstellen. Oder warum vergesse ich gute Kritiken in Windeseile, während Verrisse oft jahrelang wortwörtlich in den Tiefen meines Gehirns herumwabern?  


Und da leben wir, kennen uns eigentlich, wollen, können aber vieles von dem was wir da sehen, ahnen, nicht ertragen, denn ungeschminkt und ungewaschen blickt uns ein unerwartetes, anderes Gesicht entgegen. Anders als erhofft, anders als genehm, anders als was gemeinhin hübsch genannt wird. Aber es ist halt unseres.

Manchmal erblicken wir in den verletztenden Worten, die uns jemand über uns entgegenschleudert, für Sekunden nur die verzweifelte Fratze unseres Gegenüber, der selbst im heftigen Kampf mit sich gefangen, uns einen Teil seiner Not überhelfen möchte.

Und manchmal sagt jemand einen scheinbar lapidaren Halbsatz, und auch wenn es eine schmerzhafte Wahrheit seien mag, die da ausgesprochen wurde, geht es uns doch besser, denn wir sind gesehen worden, erkannt.


Ich bin und weiß nicht wer.
Ich komm' und weiß nicht woher.
Ich geh', ich weiß nicht wohin.
Mich wundert, dass ich fröhlich bin!

Wenn ich wüsste, wer ich bin.
Wenn ich ging und wüsste wohin.
Wenn ich käm und wüsste woher.
Ob ich dann wohl traurig wär? 

Ich leb und weiß nicht wie lang / ich sterb und weiß nicht wan / ich fahr und weiß nicht wahin / mich nimmt wunder daß ich so frelich bin / wan ich bedenk den dot und di ewige pein / so mecht ich nicht so frelich sein.
15. Jh., Autor unbekannt 


Egon Schiele Doppel-Selbstportrait 1915

Da sprach Gott zu Mose: "Ich bin, der ich bin." Dann sprach er: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Der "Ich bin" hat mich zu euch gesandt.
oder
Gott sprach zu Mose: ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE. Und sprach: Also sollst du den Kindern Israel sagen: ICH WERDE SEIN hat mich zu euch gesandt. 
Numeri 3.14

I AM WHAT I AM - ICH BIN WAS ICH BIN


Ich bin, was ich bin
Ich bin meine eigene spezielle Kreation
Also komm, schau mich an
geh weg oder gib mir Applaus
Es ist meine Welt
auf die ich stolz sein möchte
Meine Welt
und es ist nicht ein Platz an dem ich mich verstecken muss
das Leben ist nichts wert
Bis du sagen kannst
Ich bin, was ich bin

Ich bin, was ich bin
ich möchte kein Lob, ich möchte kein Mitleid
Ich schlage meine eigene Trommel
Einige denken es ist Krach, ich denke es ist schön
also was, wenn ich jedes Funkeln und jedes Armband liebe
warum nicht versuchen das Leben von einem anderen Standpunkt zu sehn?
dein Leben ist nur ein schwindel
bis du schreien kannst
Ich bin, was ich bin

Ich bin, was ich bin
und dafür brauch ich mich nicht zu entschuldigen
ich teile mein eigenes Spiel aus
Manchmal die Asse manchmal die Zweien
es ist ein Leben und es gibt es kein Zurück und kein Pfand
ein Leben, also ist es Zeit die Tür zu öffnen
das Leben ist nichts wert
bis du schreien kannst
Ich bin, was ich bin

Ich bin, was ich bin
Ich bin, was ich bin
Ich bin, ich bin, ich bin gut
Ich bin, ich bin, ich bin stark
Ich bin, ich bin, ich bin würdig
Ich bin, ich bin, ich gehöre hierher

Ich bin
Ich bin
bin ich
Ich bin, ich bin, ich bin nützlich
Ich bin, ich bin, ich bin ehrlich
Ich bin, ich bin jemand
Ich bin so gut wie Du

Ich bin, ich bin, ich bin

Shirley Bassey "I am what I am"
https://www.youtube.com/watch?v=BjcquP0sKjs

Kommentare:

  1. Michael Dressel schrieb:

    Und dann muss man natuerlich noch das gesamte immer groesser werdende Gebaeude der Erinnerungen dem jeweiligen Selbstbild staendig anpassen. Das is ne Menge Arbeit. Da kommt man fast zu nix anderem mehr. Und obendrein noch all die Anderen die an ihren eigenen Legenden und Illusionen arbeiten und einem staendig in die Quere kommen. Das gibt ein Gedraenge.

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  2. Ich bin - - ganz schwierig.
    Ich war - - verzeichnet.
    Ich werde - - unwahrscheinlich.

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  3. Leichter lässt sich eine schnelle Antwort dem Anderen entgegenknallen.

    Du bist - so.
    Du warst - so.
    Du wirst - so.

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  4. Sorry. Heute lese ich meine Kommentare, und finde sie missverstänlich.
    In der Verkürzung meinte ich nicht mich persönlich, sondern die Schwierigkeit, überhaupt Selbstaussagen über die eigene Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu treffen.

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  5. Wenn Herr K. einen Menschen liebte
    "Was machen Sie" wurde Herr K. gefragt "wenn Sie einen Menschen lieben?" "Ich mache einen Entwurf von ihm" sagte Herr K. "und sorge, daß er ihm ähnlich wird." "Wer? Der Entwurf?" "Nein" sagte Herr K., "Der Mensch".
    Bertolt Brecht

    Ist das nicht großartig.

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  6. „Einen Menschen zu lieben bedeutet, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat.“ (Fjodor Michailowitsch Dostojewski)
    Und wenn man sich darüber im klaren ist, dass man das tut, ist es für alle Parteien einfacher die kleinen Fehler liebevoll auszudiskutieren.

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    1. Und wenn der Bauplan eines Menschen von dem Anderen, der dem Einen selbst, nur herein- oder herausgedeudet wird?
      Und wenn gar kein Bauplan existierte? Gibt es denn eine DNA des Wesens? Ist Sehen und Lieben nicht deshalb immerfort spannend, endlos, weil unaufhörlich etwas herausgefunden werden will?

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    2. Tippfehler erste Zeile: ...dem Anderen, oder dem Einen selbst .....

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  7. Letztendlich ist es die Entscheidung, ob ich den anderen sehen will, mich von ihm überraschen lassen will, oder ob ich, um der eigenen Sicherheit willen, aus der eigenen Unsicherheit heraus, den Anderen in ein Eisenkorsett von Urteilen fesseln muß.

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  8. Vincenz Braun schrieb:
    Gedanken mit Tiefgang, die das Wesentliche im persönlichen Leben suchen und verteidigen, behaupten. Erfrischend, anregend, aufregend, weiterführend - weiter zu sich selbst. Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt ! Den "Rest" an Selbstfindung muss dann schon jeder selbst leisten...

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  9. Den Menschen sehen wie Gott ihn gemeint hat ist natürlich ein Schöpfungsakt.
    Denn um ihn zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat muss ich ja Gottes Sichtweise einnehmen... und Gott werden....???
    Ich verstehe den Satz aber eher so, dass man die Potentiale, Stärken und Schönheiten eines Menschen intensiver sieht als jene, die ihn nicht lieben. Man erdenkt mehr, wohin das wunderbare in ihm führt und was er damit tut, was ihm gelingen kann. Man lächelt sehr wissend wenn es ihm mal wieder gelungen ist wunderbar zu sein - auf diese einzigartige Weise eben nur jenes Menschen. Und ohne eine rosarote Brille aufzusetzen nimmt man diese Gaben wichtiger als die Schwächen, Fehler, nervtötende Angewohnheiten. Ich denke, das bedeutet dieser Satz für mich.
    Ob Urteile immer ein Eisenkorsett bilden müssen... ich weiß es nicht. Ich erwische mich oft dabei Menschen mit einer fast wissenschaftlichen Nüchternheit zu betrachten... als wären sie eine mir unbekannte Spezies. Ich scanne sie, ich forme aus den erhobenen Daten ein "Profil", ja sicher, aber oftmals nur aus dem Vergnügen an der Beobachtung. Ich stelle mehr fest, als das ich urteile. Ich sehe und sammle. Oft staune ich, freue mich auch, wenn das "Profil" stimmt und manchmal sogar Prognosen erlaubt. Ich mache das bei Unbekannten und auch bei Freunden. Vielleicht wie Mr.Holmes eine Szene betrachten würde. Ich verstehe Menschen so besser und wahrscheinlich stammt nicht wenig Motivation für meinen Beruf aus dieser Angewohnheit. Ob ich Menschen ein Korsett verpasse...hm... ich versuche es zu vermeiden. Es gelingt bestimmt nicht immer, subjektiv bleibt es.

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