Donnerstag, 14. März 2013

Galilei und der Kleine Mönch oder warum mir Bescheidenheit suspekt ist.


Mir mißfällt Der neue Chefideologe aller Katholiken sehr.

In den Berichten über den neugewählten Papst ist ungewöhnlich häufig von seiner großen Bescheidenheit die Rede, er fährt nicht im Papa-Mobil, sondern im Kleinbus, er fährt mit der U-Bahn zur Arbeit, er betritt die Kirche durch den Nebeneingang, sehr rührend, aber was bedeutet es? Es bedeutet nichts. Oder es bedeutet: Er kann sich Bescheidenheit leisten, es ist seine Geste der Unterdrückung. "Seht! Armut ist gut für euch, sie erhöht euch." Mag sein, aber er hat die Wahl. Millionen andere nicht. Und eben denen will er auch noch Verhütung, Revolte und das Leben gemäß ihrer angeborenen Orientierung verbieten. 

Armut ist keine gottesnahe Lebensweise, sondern soziale Ungerechtigkeit. Auf diese Feststellung lege ich Wert!




Aus: DAS LEBEN DES GALILEO GALILEI 
von Bertolt Brecht


Galilei: Reden Sie, reden Sie! Das Gewand, das Sie tragen, gibt Ihnen das Recht zu sagen, was immer Sie wollen.

Der kleine Mönch: Ich habe Mathematik studiert, Herr Galilei.

Galilei: Das könnte helfen, wenn es Sie veranlasste einzugestehen, dass zwei mal zwei hin und wieder vier ist!


Der kleine Mönch: Herr Galilei, seit drei Nächten kann ich keinen Schlaf mehr finden. Ich wusste nicht, wie ich das Dekret, das ich gelesen habe, und die Trabanten des Jupiter, die ich gesehen habe, in Einklang bringen sollte. Ich beschloss, heute früh die Messe zu lesen und zu Ihnen zu gehen.

Galilei: Um mir mitzuteilen, dass der Jupiter keine Trabanten hat?

Der kleine Mönch: Nein. Mir ist es gelungen, in die Weisheit des Dekrets einzudringen. Es hat mir die Gefahren aufgedeckt, die ein allzu hemmungsloses Forschen für die Menschheit in sich birgt, und ich habe beschlossen, der Astronomie zu entsagen. Jedoch ist mir noch daran ge- legen, Ihnen die Beweggründe zu unterbreiten, die auch einen Astronomen dazu bringen können, von einem weiteren Ausbau der gewissen Lehre abzusehen.

Galilei: Ich darf sagen, dass mir solche Beweggründe bekannt sind.

Der kleine Mönch: Ich verstehe Ihre Bitterkeit. Sie denken an die gewissen außerordentlichen Machtmittel der Kirche.

Galilei: Sagen Sie ruhig Folterinstrumente.


Der kleine Mönch: Aber ich möchte andere Gründe nennen. Erlauben Sie, dass ich von mir rede. Ich bin als Sohn von Bauern in der Campagna aufgewachsen. Es sind ein- fache Leute. Sie wissen alles über den Ölbaum, aber sonst recht wenig. Die Phasen der Venus beobachtend, kann ich nun meine Eltern vor mir sehen, wie sie mit meiner Schwester am Herd sitzen und ihre Käsespeise essen. Ich sehe die Balken über ihnen, die der Rauch von Jahrhunderten geschwärzt hat, und ich sehe genau ihre alten abgearbeiteten Hände und den kleinen Löffel darin. Es geht ihnen nicht gut, aber selbst in ihrem Unglück liegt eine gewisse Ordnung verborgen. Da sind diese verschiedenen Kreisläufe, von dem des Bodenaufwischens über den der Jahreszeiten im Ölfeld zu dem der Steuerzahlung. Es ist regelmäßig, was auf sie herabstößt an Unfällen. Der Rücken meines Vaters wird zusammengedrückt nicht auf einmal, sondern mit jedem Frühjahr im Ölfeld mehr, so wie auch die Geburten, die meine Mutter immer geschlechtsloser gemacht haben, in ganz bestimmten Abständen erfolgten. Sie schöpfen die Kraft, ihre Körbe schweißtriefend den steinigen Pfad hinauf zu schleppen, Kinder zu gebären, ja zu essen aus dem Gefühl der Stetigkeit und Notwendigkeit, das der Anblick des Bodens, der jedes Jahr von neuem grünenden Bäume, der kleinen Kirche und das Anhören der sonntäglichen Bibeltexte ihnen verleihen können. Es ist ihnen versichert worden, dass das Auge der Gottheit auf ihnen liegt, forschend, ja beinahe angstvoll; dass das ganze Welttheater um sie aufgebaut ist, damit sie, die Agierenden, in ihren großen oder kleinen Rollen sich bewähren können. Was würden meine Leute sagen, wenn sie von mir erführen, dass sie sich auf einem kleinen Steinklumpen befinden, der sich unaufhörlich drehend im leeren Raum um ein anderes Gestirn bewegt, einer unter sehr vielen, ein ziemlich unbedeutender! Wozu ist jetzt noch solche Geduld, solches Einverständnis in ihr Elend nötig oder gut? Wozu ist die Heilige Schrift noch gut, die alles erklärt und als notwendig begründet hat, den Schweiß, die Geduld, den Hunger, die Unterwerfung, und die jetzt voll von Irrtümern befunden wird? Nein, ich sehe ihre Blicke scheu werden, ich sehe sie die Löffel auf die Herdplatte senken, ich sehe, wie sie sich verraten und betrogen fühlen. Es liegt also kein Auge auf uns, sagen sie. Wir müssen nach uns selber sehen, ungelehrt, alt und verbraucht, wie wir sind? Niemand hat uns eine Rolle zugedacht außer dieser irdischen, jämmerlichen auf einem winzigen Gestirn, das ganz unselbständig ist, um das sich nichts dreht? Kein Sinn liegt in unserm Elend, Hunger ist eben Nichtgegessenhaben, keine Kraftprobe; Anstrengung ist eben Sichbücken und Schleppen, kein Verdienst. Verstehen Sie da, dass ich aus dem Dekret der Heiligen Kongregation ein edles mütterliches Mitleid, eine große Seelengüte herauslese?

Galilei: Seelengüte! Wahrscheinlich meinen Sie nur, es ist nichts da, der Wein ist weggetrunken, ihre Lippen vertrocknen, mögen sie die Soutane küssen! Warum ist denn nichts da? Warum ist die Ordnung in diesem Land nur die Ordnung einer leeren Lade und die Notwendigkeit nur die, sich zu Tode zu arbeiten? Zwischen strotzenden Weinbergen, am Rand der Weizenfelder! Ihre Campagnabauern bezahlen die Kriege, die der Stellvertreter des milden Jesus in Spanien und Deutschland führt. Warum stellt er die Erde in den Mittelpunkt des Universums? Damit der Stuhl Petri im Mittelpunkt der Erde stehen kann! Um das letztere handelt es sich. Sie haben Recht, es handelt sich nicht um die Planeten, sondern um die Campagnabauern. Und kommen Sie mir nicht mit der Schönheit von Phänomenen, die das Alter vergoldet hat! Wissen Sie, wie die Auster Margaritifera ihre Perle produziert? Indem sie in lebensgefährlicher Krankheit einen unerträglichen Fremdkörper, zum Beispiel ein Sandkorn, in eine Schleimkugel einschließt. Sie geht nahezu drauf bei dem Prozess. Zum Teufel mit der Perle, ich ziehe die gesunde Auster vor. Tugenden sind nicht an Elend geknüpft, mein Lieber. Wären Ihre Leute wohlhabend und glücklich, könnten sie die Tugenden der Wohlhabenheit und des Glücks entwickeln. Jetzt stammen diese Tugenden Erschöpfter von erschöpften Äckern, und ich lehne sie ab. Herr, meine neuen Wasserpumpen können da mehr Wunder tun als ihre lächerliche übermenschliche Plackerei. – „Seid fruchtbar und mehret euch“, denn die Äcker sind unfruchtbar, und die Kriege dezimieren euch. Soll ich Ihre Leute anlügen?

Der kleine Mönch in großer Bewegung: Es sind die allerhöchsten Beweggründe, die uns schweigen machen müssen, es ist der Seelenfrieden Unglücklicher!

Galilei: Wollen Sie eine Cellini-Uhr sehen, die Kardinal Bellarmins Kutscher heute Morgen hier abgegeben hat? Mein Lieber, als Belohnung dafür, dass ich zum Beispiel Ihren guten Eltern den Seelenfrieden lasse, offeriert mir die Behörde den Wein, den sie keltern im Schweiße ihres Antlitzes, das bekanntlich nach Gottes Ebenbild geschaffen ist. Würde ich mich zum Schweigen bereit finden, wären es zweifellos recht niedrige Beweggründe: Wohlleben, keine Verfolgung et cetera.

Der kleine Mönch: Herr Galilei, ich bin Priester.

Galilei: Sie sind auch Physiker. Und Sie sehen, die Venus hat Phasen. Da, sieh! Siehst du dort den kleinen Priap an der Quelle neben dem Lorbeer? Der Gott der Gärten, der Vögel und der Diebe, der bäurische obszöne Zweitausendjährige! Er hat weniger gelogen. Nichts davon, schön, ich bin ebenfalls ein Sohn der Kirche. Aber kennen Sie die achte Satire des Horaz? Ich lese ihn eben wieder in diesen Tagen, er verleiht einiges Gleichgewicht. Er greift nach einem kleinen Buch. Er lässt eben diesen Priap sprechen, eine kleine Statue, die in den Esquilinischen Gärten aufgestellt war. Folgendermaßen beginnt es:
“ Ein Feigenklotz, ein wenig nützes Holz
 war ich, als einst der Zimmermann, unschlüssig ob einen Priap machen oder einen Schemel, sich für den Gott entschied ...“
Meinen Sie, Horaz hätte sich etwa den Schemel verbieten und einen Tisch in das Gedicht setzen lassen? Herr, mein Schönheitssinn wird verletzt, wenn die Venus in meinem Weltbild ohne Phasen ist! Wir können nicht Maschinerien für das Hochpumpen von Flusswasser erfinden, wenn wir die größte Maschinerie, die uns vor Augen liegt, die der Himmelskörper, nicht studieren sollen. Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kurie abgeändert werden. Die Bahnen fliegender Körper kann ich nicht so berechnen, dass auch die Ritte der Hexen auf Besenstielen erklärt werden.

Der kleine Mönch: Und Sie meinen nicht, dass die Wahrheit, wenn es Wahrheit ist, sich durchsetzt, auch ohne uns?

Galilei: Nein, nein, nein. Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein. Eure Campagnabauern schildert Ihr ja schon wie das Moos auf ihren Hütten! Wie kann jemand annehmen, dass die Winkelsumme im Dreieck i h r e n Bedürfnissen widersprechen könnte! Aber wenn sie nicht in Bewegung kommen und denken lernen, werden ihnen auch die schönsten Bewässerungsanlagen nichts nützen. Zum Teufel, ich sehe die göttliche Geduld Ihrer Leute, aber wo ist ihr göttlicher Zorn?

Der kleine Mönch: Sie sind müde!

Galilei wirft ihm einen Packen Manuskripte hin: Bist du ein Physiker, mein Sohn? Hier stehen die Gründe, warum das Weltmeer sich in Ebbe und Flut bewegt. Aber du sollst es nicht lesen, hörst du? Ach, du liest schon? Du bist also ein Physiker?

Der kleine Mönch hat sich in die Papiere vertieft.

Galilei: Ein Apfel vom Baum der Erkenntnis! Er stopft ihn schon hinein. Er ist ewig verdammt, aber er muss ihn hineinstopfen, ein unglücklicher Fresser! Ich denke manchmal: ich ließe mich zehn Klafter unter der Erde in einen Kerker einsperren, zu dem kein Licht mehr dringt, wenn ich dafür erführe, was das ist: Licht. Und das Schlimmste: was ich weiß, muss ich weitersagen. Wie ein Liebender, wie ein Betrunkener, wie ein Verräter. Es ist ganz und gar ein Laster und führt ins Unglück. Wie lang werde ich es in den Ofen hineinschreien können – das ist die Frage.

Der kleine Mönch zeigt auf eine Stelle in den Papieren: Diesen Satz verstehe ich nicht.

Galilei: Ich erkläre ihn dir, ich erkläre ihn dir.


Kommentare:

  1. Goethe:"Nur die Lumpe sind bescheiden"!

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  2. Peter Besen schrieb:
    Haarscharf!

    Anne Mechling-Stier
    Danke! Fühl ich mich mit meinen Abers nicht mehr so allein

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  3. Die Verschleppung

    Essay


    Junge Menschen sind sehr gut geeignet als Objekte für chaotische Projekte perverser Fanatiker. Allerdings hat das auch den Beigeschmack einer niederträchtigen Geiselnahme und der Ausnutzungsfaktor ist beträchtlich.
    Die perverseste Form im Deutschen Fernsehen ist DSS, oder Dschungel- Camp
    Daneben kann man im Öffentlich- Rechtlichen die verfeinerte Form deutlich sehen.
    Ein auserlesener Kreis so genannter ‚Prominenter’ formiert sich über Dezennien auf den deutschen Bildschirmen und ‚macht Meinung’.
    Der Begriff der „Verschleppung“ hat in diesem Sinne eine dreifache Bedeutung.
    ‚Verschleppung’ kann heißen: Verlangsamung durch Bremsen; oder aber: Wegschleppen; die Probleme aus dem Weg räumen. Der dritte Aspekt ist der der Geiselnahme durch politisches Diktat.
    Die Political Correctness (auf Deutsch: Politische Korrektheit) wird sozusagen produziert durch das öffentlich rechtlicher Fernsehen. Das Volk wird zur Geisel der öffentlichen Fernsehanstalten und somit der Politik.
    Das Heer der Hartz IV- Empfänger bildet dabei das Pendant zur modernen Sklaverei.
    Bis zur Meinungslosigkeit degradiert, liegen alle Diejenigen in den Fesseln des Staates, der Justiz und dem öffentlichen Fernsehen.
    Wer einiger Massen um die Runden kommt, muckt nicht auf.
    Das ist für die vielen ‚Verdammten’ eine immer schlimmer werdende Not, weil das Vertrauen im zivilen Bereich quasi auf Null reduziert ist.
    Neid und Konkurrenz sind die einzigen Antriebsmechanismen der Gesellschaft; man spielt die Menschen gegeneinander aus und es scheint, als sei der Höhepunkt des Versagens christlich- humanistischer Ethik erreicht.
    Das neue Jahrhundert ist geprägt von Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen.
    Die Kunst verliert sich in die Belanglosigkeit einer pervertierten Subjektempfindlichkeit, ohne Konzepte für Schönheit und Lebbarkeit. Sie zeichnet allenfalls die Perversionen der Realität nach und schöpft nichts, was gestaltendes Leben gebiert.
    Das ist schon eine traurige Epoche!
    Und dennoch! Bei aller Widersinnigkeit und staatlich sanktionierter Schizophrenie gibt es das Schöne!
    Täglich erlebe ich es um mich, durch mich und mit Anderen, die unerschütterlich dem sie umgebenen Blödsinn abhold sind.
    Und dafür bin ich dankbar!


    © Armin Gröpler Jänner 2011

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  4. Deine Feststellung trifft den Nagel auf den Kopf...leider!!!
    Und was "GALILEO GALILEI" betrifft... ich weiß, dass wir in einer besseren Welt leben, wenn man Brecht nicht mehr spielen muss, sondern kann.

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