Freitag, 15. Februar 2013

Die Deutsche Bahn und Die Zeit


Gestern bin ich mit der Eisenbahn gefahren, vierzehn Stunden lang. Von Berlin nach Heilbronn und zurück, mit Umsteigen in Mannheim und ohne jedwede Verspätung. Dazwischen eine wundervolle, nahezu perfekte Bauprobe.
Aufstehen um 1/2 4, die Angst zu verschlafen hatte mich bis um 2 Uhr wach gehalten, Abfahrt um 4.30 Uhr, selbst die Sorge linksseitig sabbernd, schief gegen das Fenster verdreht aufzuwachen, hat mich dann nicht vom Einnicken abhalten können.

Auf der Rückfahrt: die letzte der vierzehn Reisestunden verbrachte ich als akustische Geisel eines näselnden Yuppies (young urban professional), obwohl der so jung nun auch nicht war, der alle zwei Minuten anmerkte, das müsse man gelegentlich mal "tiefer angehen", während er für uns alle deutlich hörbar eine jüngere, von ihm beruflich abhängige, Frau fertig machte.

Ich liebe mein iPhone, aber hasse die autistische Mißachtung jeder zivilen Sphäre, die Zweier-Gespräche verlangen, von Privatsphäre zu sprechen, wäre in diesem Zusammenhang völlig lächerlich. Zugegebenermaßen habe ich mich auch schon als Alleinunterhalterin von U-Bahn Abteilen und Arzt-Wartezimmern betätigt, und nur der interessiert-fragende Blick der Anderen, hat mich eilig und beschämt das Gespräch beenden lassen. Das ist wie Popeln im Auto, wenn man an der Kreuzung beseligt tiefbohrt und zufällig auf den angewiderten Blick des Fahrers des danebenstehenden Autos trifft.
Eene meene Mopel
Wer frißt Popel
Süß und saftig
Eine Mark und achtzig
Eine Mark und zehn
Und du kannst gehn.

Dass man bei solcher Gelegenheit nur halbe Unterhaltungen hört, macht die Sache übrigens nicht besser, nur surrealer.
Vor einiger Zeit: In der vollbesetzten S-Bahn kreischt eine elegant gekleidete Dame mit russischem Akzent ihrem möglicherweise fremdgehenden Liebhaber ihren Hass in die Muschel. Sagt man noch Muschel, obwohl das Ding jetzt eckig ist? Mantraartig wiederholt sie: "Ich kann es riechen, riechen kann ich es!", nach der zehnten Repetition spricht der ganze Wagen chorisch mit. 
Aber ich hatte gestern auf der wacheren Rückreise auch reichlich Zeit "Die Zeit" zu lesen. Was für ein Spaß voller Überraschungen, so viele Dinge von denen ich keine Ahnung hatte!
Hier nur das Feuilleton:
- Fernsehtalkshows und die zweitklassigen Spezialisten, deren Hauptberuf, das Hervorbringen von Meinungen zu Themen, von denen sie nur peripher eine Ahnung haben, zu seien scheint.

- Der Papst, natürlich. Erstaunlich, wie sein "revolutionärer" Rücktritt seine eklatante Rückschrittlichkeit in vielen brennend wichtigen, menschlichen Bereichen, aufzuheben scheint. Er gibt auf, weil er es nicht mehr schafft und plötzlich ist aller berechtigte Streit vergessen und er wird gelobt und verehrt. Ist er ab dem Tag seines Rücktrittes eigentlich wieder fehlbar? Interessante Frage, abends unfehlbar einschlafen und morgens ein Irrtum nach dem anderen. Oder ist Unfehlbarkeit lebenslänglich? Und ist er dann der "Heilige Stiefvater"? Oder Onkel? "Eure Zweitbeste Heiligkeit" wäre auch möglich, oder?

Zur Erinnerung nur ein von vielen möglichen Details: Zeitgleich zum Start des neuen Twitter-Accounts “@Pontifex” des Papstes, am 12. Dezember 2012, überbrachte er eine Segnung an die Parlamentsvorsitzende Ugandas, Rebecca Kadaga, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade in Rom aufhielt. Kadaga versprach die Einführung eines Gesetzes, das Homosexualität in Uganda unter Strafe stellt. Das Strafausmaß lautet auf lebenslange Haftstrafe bei jeder homosexuellen Handlung und Todesstrafe bei homosexuellem Sex mit Minderjährigen oder HIV-infizierten. Rebecca Kadaga versprach Ugandas Christen das homosexuellenfeindliche Gesetz als Weihnachtsgeschenk. Wien. (Humanist News)

What the fuck?
Es tut uns schon ein bisschen leid, dass einige unserer Mitarbeiter Kinder mißbraucht haben sollen, aber Schwule zu töten ist doch nun wirklich einsehbar? Wenn ich das hier mal ganz unverblümt sagen darf, warum soll ich theologisch untermauerte Intoleranz respektieren, nur weil sie sich auf Alter, Anhängermenge und angebliche Gottgewolltheit beruft - ganz egal welcher Coleur sie auch sei! Gut, dass der Mann zurücktritt, besser wäre, kein neuer Papst folgte ihm. Noch besser wir hielten uns einfach alle an den auf Facebook kursierenden Spruch:

Religion ist wie ein Penis.
Es ist schön einen zu haben,
auch stolz darauf zu sein
und ihn mit Leuten, die ihn mögen, zu teilen.
Aber hole ihn nicht in der Öffentlichkeit raus
und zeige ihn herum,
bedrohe mich nicht damit,
dränge ihn nicht meinen Kindern auf,
denke nicht damit
und schreibe damit keine Gesetze.

Zurück zu meiner Zeitungslektüre:
- Die Nicht-Rückgabe von Nazis konfiszierter Kunstwerke und die trickreichen Methoden mit denen Museen rechtmäßige Ansprüche vermeiden, verzögern, abstreiten.
- Oscar Roehler und sein autobiographischer Film "Quellen des Lebens". Ich mag ihn nicht ansehen und jetzt, nach der Lektüre dieses Artikels, weiss ich auch warum.
- Youtube als Treffpunkt musikliebender Dilettanten, der Salon ist tot, aber die Freude an klassischer Musik lebt, nun digital, weiter. In Leipzig organisiert ein Student Bachabende unter Bierkonsum, ein einsamer Pianist in Großbritannien freut sich und übt bei laufender Kamera.
- Theodor Storm.
-  An der amerikanischen Ostküste gründen junge kritische Geister neue anstrengend zu lesende Zeitschriften, die sogar Leser finden.
- und mehr, und mehr.
Und da hatte ich alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, von machtbeflissener Indoktrination bis zur geschäftstüchtigen Überflüssigkeit, die Trägheit und den Wagemut, the good and the bad, auf circa zehn Seiten Papier. Welch Luxus!

Lloyd Harold in "Safety Last" oder "Sicherheit zuletzt"

Kommentare:

  1. Oliver Jaksch schrieb:
    Ich reise zur Zeit auch oft in den Zügen der Deutschen Bahn. Und trotz aller gelegentlicher Widrigkeiten technischer wie (mit)menschlicher Natur - meistens gern. Einerseits aus purer Nostalgie, weil es das Fernsuchtsmedium meiner Kindheit war; und selbst wenn ich den Zielort hinlänglich kenne, verursacht es immer noch das aufregende Kribbeln des Aufbruchs, der Entdeckungen… (wie bei einem Probenbeginn)
    Aber auch weil der äußere Zustand sich oft mit dem inneren mischt: Während die Landschaften an einem vorbeiziehen, hat der Kopf freie Bahn umherzuwandern... manchmal auch nur "linksseitig sabbernd"

    Katharina Palm:
    Ich liebe lange Zugfahrten wenn es genug zu essen, trinken und lesen gibt. Geschenkte Zeit der Entschleunigung.

    Benedikt Voellmy:
    Meine herrlichste (selbst erlebte) Geschichte ist folgende: Mittags im Speisewagen. Ein Herr, schätzungsweise Mitte vierzig sitzt vor seinem dritten Weizenbier, im Gesicht eine Flieger- bzw. Pornobrille-wahrscheinlich ist es gestern spät geworden... Zu ihm setzt sich eine Frau in ähnlichem Alter, an der er offensichtlich interessiert ist. Er fängt an, offensiv Kontakt aufzunehmen - selbstverständlich ohne seine Brille abzunehmen. Man vernimmt im ganzen Wagen, er sei Opern- und Filmkritiker, er gibt mit dröhnender Stimme interessante Einblicke in seinen beruflichen Alltag ("Wissense, ich mags ja lieber, wenns schön is im Theater - aber Verrisse schreiben macht einfach mehr Spaß!") und macht deutlich, dass er viel Ahnung von allem hat, vor allem von den Hotelzimmern von Hannover über Braunschweig bis Oldenburg. Eine dreiviertel Stunde später weiß man auch, dass er einen sarkastischen Humor hat und eine mindestens zynisch bis ultramaterialistisch zu nennende Weltanschauung. Man schwankt zwischen Mitleid und Abscheu, während ihm seine Gesprächspartnerin ziemlich einsilbig zuhört, allerdings mit offener und freundlicher Zurückhaltung. Als er sie dann nach einer knappen Stunde mal fragt: "Und wat machen Sie so?" antwortet sie ganz schlicht: "Ich bin Geistheilerin." An der Stelle kann ich mir am Nebentisch ein leises Prusten nicht verkneifen, während ihm gerade zum ersten Mal die Sonnenbrille ausm Gesicht gefallen ist...

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  2. Es gibt einen kleinen Band mit gut beobachteten Erzählungen von Annette Pehnt. "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen. Das muss gar nicht lange dauern". Dieser Titel des Buches ist auch der sehr treffende Titel der ersten Erzählung, in der eine Schaffnerin (jetzt heißt das Zugbegleiterin) davon träumt, neben einem Reisenden einzuschlafen.

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