Donnerstag, 3. Januar 2013

Theater hat auch frei Schaffende


Lass doch die Zukunft schlafen, wie sie es verdient.
Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt,
bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart.

Franz Kafka

FREIBERUFLER WIE STOLZ DAS KLINGT!

Ich bin freischaffend, selbstständig, oder, wie ich gerade durch den Duden gelernt habe, selb-ständig. (Selb-ander heißt allerdings "zu zweit", also man selbst mit jemand andrem, aber in unserem Zusammenhang bedeutet es nur, dass wir in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit halt auch am "st" sparen.)
Selbst(st)ändige ist meine Identifikation als zu besteuernde Person deutschen Rechts. Ich stehe also auf meinen eigenen Füßen, bin eigenverantwortlich, mein eigener Herr, respektive mein eigenes Frauchen. Wenn ich unverschämte Schönfärberei betreiben würde, könnte ich auch noch frei, souverän, nichtweisungsgebunden anführen. Ha! .... Ha!
Gut, gut, die Probenzeiten sind vorgegeben, das Budget ebenso, aber meine Gedanken sind es nicht. Obwohl irgendwo in all meinen Theaterverträgen steht, dass der jeweilige Intendant Änderungen verlangen, bzw. vornehmen kann, wenn er es für künstlerisch notwendig ansieht. Ist mir zwar noch nicht passiert, aber es wäre möglich. O Grauen!
Niemand bezahlt mir Urlaubsgeld, und schon gar kein Weihnachtsgeld. Niemanden interessiert, ob ich schon 10, 20 oder 100 Jahre Theaterschaffender bin. (Wer wird mir ein Blumengebinde zum anstehenden 40. Bühnenjubiläum überreichen? Wer?) Wenn ich krank werde, ist das eher ungünstig. Dritte Dienste, Überstunden, das gesamte Vokabular gewerkschaftlicher Verabredungen betrifft mich nicht. Und wenn eine Weile keine neuen Angebote eintrudeln, bildet sich ein wabernder, unruhiger Klumpen von Selbstzweifeln und Liebgehabtwerdenwollen unter den Bronchien, aber kommen dann ein paar auf einmal, kaufe ich Schuhe, Klamotten, Zeugs halt, das ich nicht wirklich brauche, aber doch gern hätte. Es geht mir großartig, aber ich weiß nie wie lange noch. Die "Ossis" unter euch werden verstehen, dass Zukunftsungewissheit, neben der Vorfreude auf mögliche Überraschungen, auch existentielle Ängste auslöst. Hey, wir stammen aus einem Land, in dem man mit 25 die Mitteilung über die zu erwartende Rentenhöhe erhalten hat. Mannomann, habe ich mich an dem Abend betrunken. 25 und alles war bereits unumstößlich, Unfälle oder Tod nicht mit einberechnend, war ich praktisch bereits berentet.


Und deshalb, aber nicht nur deshalb, bin ich froh, dass ich unfrei freischaffend bin. Ich kann, auf eigenes Risiko, NEIN sagen. Ich kann, wenn ich es irgendwie finanzieren kann, ein paar Monate frei nehmen. Ich kann, einem Intendanten, der so dumm ist, dass verbale Kommunikation unmöglich ist, durch grandioses, würdevolles Verlassen des Intendanzbüros mitteilen, dass ich ihn für einen Idioten halte. Ich weiß nicht, was kommt, aber manchmal, bisher sogar meistens, kommt etwas Spannendes. Ich bin panisch und freudvoll gezwungen, offen für Veränderungen zu bleiben.

Dunkle Zukunft

Fritz, der mal wieder schrecklich träge,
Vermutet, heute gibt es Schläge,
Und knöpft zur Abwehr der Attacke
Ein Buch sich unter seine Jacke,
Weil er sich in dem Glauben wiegt,
Daß er was auf den Buckel kriegt.
Die Schläge trafen richtig ein.
Der Lehrer meint es gut. Allein
Die Gabe wird für heut gespendet
Mehr unten, wo die Jacke endet.
Wo Fritz nur äußerst leicht bekleidet
Und darum ganz besonders leidet.
Ach, daß der Mensch so häufig irrt
Und nie recht weiß, was kommen wird!

Wilhelm Busch

Kommentare:

  1. Dieses Bild zu diesem Text !
    Im Gesamtwerk verrät die frei schaffende schlaue Autorin, wie nackig und weich das Menschlein ist, das mit Neugier und Erschrecken in die unsichere Welt will.
    Ein Schubs, und das Gebrüll geht los. Oder die Windeln sind voll.

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  2. Ibon Regen schrieb:
    ich bin "abhängig selbständig", habe ich auf dem arbeitsamt gelernt.

    Johanna Schall
    Abhängig von wem genau?

    Mireille Adieu
    und keiner, der das nicht kennt, versteht, wieso wir immer dann ackern, wenn wir krank sind, ie anderen ferien haben oder feiertage sind und uns für die schönsten projekte den arsch aufreißen, obwohl es noch nicht mal kohle dafür gibt.

    Jens Mittelstenscheid ...genau. Und dann soll man sich auch noch gut finden, lieben und so. Naja, was solls.ich tus.

    Susanne Buchenberger
    und wehe, man meldet sich nicht 3 Monate vor Spielzeitende als arbeitssuchend...und plötzlich wird das Stück schon im März vorübergehend "eingelagert"...mittlerweile bin ich Fachfrau für das Reglement der AGE. Seit 4 Jahren freischaffend...oder halbengagiert bei 3 Arbeitgebern.. wie jetzt??? Mein Sachbearbeiter ist so unflexibel, aber Gott sei Dank sehr süß, wenn ich da im Sommer angewackelt komme.

    Katharina Palm
    Das Blumengebinde kommt dann von mir, vorausgesetzt ich erfahre das

    Oliver Jaksch
    nicht ganz so unabhängig "selb(st)ständig", aber dennoch beipflichtend und, bei allen gelegntlichen nachteilen, froh

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