Mittwoch, 30. Januar 2013

Sexismus ist nicht schick


Wiki schreibt: Unter Sexismus versteht man die soziale Konstruktion von sexuellen Unterschieden zwischen Menschen und die daraus abgeleiteten Normen und Handlungsweisen. Der Sexismus unterteilt alle Menschen anhand ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale in Frauen und Männer, unterstellt ihnen damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit und weist ihnen auf dieser Basis unterschiedliche Rechte und Pflichten zu.

Wir sind verschieden: Männer, Frauen, Transsexuelle und jede andere denk- und fühlbare geschlechtsspezifische Variation. Nicht besser, nicht schlechter, unterschiedlich. Unterschiede sind gut, wenn alle gleich wären, wäre die Welt eine öde Gegend und die Zahl der verblüffenden Überraschungen, Bestürzungen, Ungläubigkeiten, Fassungslosigkeiten reduzierte sich um eine undenkbar große Zahl.

Ich habe zwei x-Chromosomen, (ein Vorteil, wenn ich den wissenschaftlichen Artikeln glauben darf,) bin körperlicher schwächer als die meisten Männer, ich habe Brüste, eine Gebärmutter und Cellulitis, ich verdiene, (und das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit,) weniger als vergleichbare männliche Berufskollegen, mir wächst kein Bart, bei vielen anderen Geschlechts-unterschieden gehen die Meinungen stark auseinander, aber ich bin, und das kann ich aus jahrelanger Erfahrung sagen, eine Frau. Und oder aber, ich bin auch anders als die meisten anderen Frauen. Männer, heterosexuelle und homosexuelle und alle anderen,  sind nur noch anderer.

Seit Tagen lese ich jetzt über einen Fall sexistischer Anmache, und in den betreffenden Artikeln geht es atemberaubend bunt durcheinander, werden Machtmißbrauch, Empfindlichkeiten, berufliche Gerissenheit, menschliche Feigheit und simple Geschmacksunterschiede wild durcheinander gewürfelt und gesellschaftliche Verhaltensregeln verlangt, die, würden sie universell eingehalten, das Miteinander von menschlichen Wesen zu viktorianischer Verlogenheit und vorauseilender Ängstlichkeit verurteilen würde.

Die Fakten, soweit mir bekannt: ein ältlicher FDP-Politiker ist geil auf eine Journalistin. Sie sind nicht allein, sondern mit anderen nächtens in einer Bar. Es kommt zu keiner körperlichen Gewalt, Drogen sind nicht im Spiel, Alkohol wohl, aber nur beim aggressiven, männlichen Teil des "Dramas". Die Arbeitssituation der jungen Frau beim "Stern" ist durch Nichtgewährenlassen ganz offensichtlich nicht gefährdet. Der Mann, unansehnlich und FDP-Politiker, ist in Freizeit und er hat lächerlicherweise das Anmachvokabular eines unintelligenten Pubertierenden aus den frühen 70ern.
Die anklagende 28-jährige Frau könnte also mit gutem Recht fiese Witze über den Kerl machen, seine Potenz in Frage stellen, ihm ins Gesicht lachen, selbst ihm ins Gesicht schlagen - aber eine öffentliche Entschuldigung verlangen, weil er Politiker ist?

Das ist prätentiöser, haltloser Quatsch, öffentlichkeitswirksames Pseudomärtyrium und jede Sekretärin, die in Sorge um ihren Job die dümmlichen Verbalinjurien oder gar Grabschereien ihres Chefs mit erstarrtem Lächeln über sich ergehen läßt, sollte der Dame die Leviten lesen. Hier handelt es sich nicht um weibliche Solidarität, sondern um zeitgeist-bewußte Manipulation. Frauen, die Vergewaltigungen überleben müssen, möchte ich in diesem Zusammenhang nur höchst ungern erwähnen.

Ich habe Glück, ich kann mich wehren, ich bin kein Opfer, ich habe die Macht NEIN zu sagen, ich flirte oder flirte nicht, je nach Interesse oder Angebot. Ich habe Glück, weil ich nicht machtlos bin. Es handelt sich hier nämlich tatsächlich  um eine Frage von Macht, sozialer, politischer, körperlicher, ja, auch traditionell implamentierter Macht. Aber wenn sich zum Opfer stilisiert, wer die Möglichkeit hat, sich zu wehren, der schadet denen, die sich nicht verteidigen können, die Machtmißbrauch erleiden. 

Das ich Herrn Brüderle für ein korruptes Arschloch halte, spielt in diesem Zusammenhang, überhaupt keine Rolle.

Kommentare:

  1. Ich bin ganz Deiner Meinung. Die Verbissenheit, mit der hier diese Angelegenheit behandelt und benutzt wird, schadet eher den Anliegen der Emanzipationsbewegung.

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  2. Woher weißt Du, dass der ältere Mann geil war? Welcher Berichterstatter kann wissen, wie es in seinem Kopf oder seiner Hose tatsächlich aussah? Warum erwartest Du, dass die junge Frau sich sich wehren müsste? Oder können müsste? Warum sollte die junge Frau die Potenz des Mannes in Frage stellen? Weil er älter ist? Warum sollte sie überhaupt über die Potenz eines Mannes reden, der ihr unangenehm ist und schon zu nahe gekommen ist? Oder lachen?
    Da findet eine Demütigung statt. Da fühlt sich eine Frau beschämt durch Worte und Berührungen. Scham und Demütigung machen unfrei. Ihre verbale Schlagfertigkeit wird vielleicht wieder lebendig, wenn sie aus der Situation raus ist. Danach fallen ihr vielleicht geistreiche witzige Repliken ein.
    Wenn eine Frau mehrfach derartige Situationen erlebt, in denen die eigene Befangenheit ihre Schlagfertigkeit verhindert, fühlt sie sich am Ende noch dreckiger, und, was ganz vertrackt ist, selbst schuldig an dem Dilemma. Sie hätte es verhindern können, sagt ihr jeder, der robuster ist als sie. Eine Frau, die über empfundene Demütigungen und Beschämungen später spricht, stilisiert sich nicht deshalb zum Opfer, weil sie darüber spricht.

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    1. Ich verstehe was Du schreibst.
      Vielleicht war ich unklar in meiner Aussage, denn was den Vorgang für mich kritikwürdig macht, ist die öffentliche Seite. Die Journalistin hat nach einem Jahr die Öffentlichkeit informiert, nicht die Konfrontation mit dem Gemeinten, sondern innerhalb eines Artikels über den Politiker. Sie hatte ihn auch nach dem Vorfall weiterhin bei der Arbeit journalistisch begleitet. Da stimmt für mich etwas nicht. Ich spreche ihr nicht ab, dass sie gekränkt, oder sogar gedemütigt wurde, auch nicht, dass sie möglicherweise nicht in der Lage war, sich zu wehren, aber Zeit und Art und Weise der Austragung machen mich mißtrauisch. Wenn er sich mies benommen hat, muß er sich bei ihr entschuldigen. Aber beim Stern? Über die Medien? Die Demütigung mit einer öffentlichen Demütigung bestrafen? Ich weiss nicht.

      Die Geilheit habe ich aus den ihm zugeordneten Zitaten geschlossen und mit der Potenzaussage meinte ich, dass das eine unschöne, aber doch genutzte Waffe ist, oder?

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  3. Jeder kann Demütigung erfahren. Auch Männer werden gedemütigt - von anderen Männern, von Frauen. Untergebene werden von Vorgesetzten gedemütigt. Manch einer kann sich wehren, manch einer nicht. Das alles betrifft doch das Thema zwischenmenschliche Beziehungen.

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  4. Nachdem Deutschland sich eigentlich in Fragen von alltäglichem Sexismus hochentwickelt wähnt ist es nicht verkehrt diese Diskussion neuerlich zu führen... eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme, die dazu führen kann festzustellen dass es immer noch hapert und wo es immer noch hapert. Das wird allerdings nur gelingen, wenn man die Diskussion von diesem Fall angestoßen, aber unabhängig davon und breit aufgestellt führt. Herrenwitz Brüderle ist ein minderschweres Symptom. In den USA wäre völlig undenkbar, dass Journalisten und Politiker gemeinsam an einer Hotelbar einen heben, so fängt's schon mal an. Aber er ist ein Symptom und kann dazu führen, dass die Gesamtsymptomatik diagnostiziert und einer Begutachtung unterzogen wird. Was, meiner Ansicht nach, zu begrüßen wäre.
    Zwischen dem ärgerlich hinterwäldlerischen Machoumgang auf Stammtischniveau und der amerikanischen Angst gemischtgeschlechtlich Aufzug zu fahren muss es einen Mittelweg geben. Meine ernsthafte Theorie dazu lautet: vermutlich hat dieser damit zu tun, dass Menschen gleich sind, gleiche Rechte haben und gleichwertigen Umgang verdienen. Dass wir dort noch nicht sind ist unbestritten und deswegen macht die jetzige Diskussion Sinn... sofern sie Brüderle getrost vergißt und ihren Rahmen größer absteckt, genauer und feiner betrachtet. Sie kann Frauen ermutigen jovial dämlichen Bemerkungen eine entsprechend treffende Antwort zukommen zu lassen.

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  5. http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-portraet-ueber-rainer-bruederle-der-herrenwitz-1964668.html

    Das ist der Artikel um den es geht. Die Frau hat ein Portrait über Herrn Brüderle geschrieben. Nachdem er zum Kandidaten gekürt war. Sie beschreibt , wie er sich ihr gegenüber verhalten hat. Ein persönlicher Eindruck. Und sie hat sich dabei nicht under cover an ihn geschlichen und später berichtet. Sondern klar gemacht, daß sie Journalistin ist und ihre Fragen und das Gespräch für sie Arbeit, nicht privat sind. Nun kann man sagen, es ist nicht lauter, einen Politiker, der Alkohol getrunken hat, zu interviewen. Aber Herr Brüderle hatte offenbar sogar Kindermädchen dabei, um ihn vor Peinlichkeiten zu schützen (wozu braucht er die ?). Es war das "Dreikönigstreffen" und somit für ihn ein öffentlicher Auftritt. Sie entwirft das Portrait eines Politikers der offenbar keine Gelegenheit auslässt, Frauen-abwertende Sprüche zu machen in denen sie auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale reduziert werden. Chauvinismus: Chauvinismus ist der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Männlicher Chauvinismus: bezeichnet patriarchalisch geprägte bzw. sich so verhaltende Männer, die glauben, allein aufgrund ihres Geschlechts einen Überlegenheitsanspruch über Frauen herleiten zu können. (wikipedia) In dem Portrait wird sehr klar, das das kein einmaliger Ausrutscher, sondern offenbar ein zur Persönlichkeit von Herrn Brüderle gehörender ständiger Bestandteil seines Verhaltens ist. Die Zeitspanne von einem Jahr zieht diesen Bogen. Die Frau stilisiert sich in keiner Weise zum Opfer sondern beschreibt. Und fordert keine Entschuldigung, sondern Frau Nahles hat auf eine Stellungnahme gedrungen und ein anderer Journalist hat bei einem erneuten Aufeinandertreffen ihn gefragt ob er vorhabe, sich, privat, zu entschuldigen. Mein Eindruck ist, daß Herr Brüderle zum Opfer stilisiert wird. Soll sie sich doch nicht so haben. Sollen die sich doch alle nicht so haben, die Frauen. Sorry, aber diese Argumentation ist so alt wie unangebracht. Die massenweisen Reaktionen zeigen, wie angebracht es ist, das aufzuzeigen. Ein Mann, der in der Öffentlichkeit steht, sollte für solche chauvinistischen Sprüche geächtet werden. Und das geschieht offenbar. Der Arme. Und wenn er und andere nun sehen, daß man mit einem Selbstbild von der Mischung aus Saufen und Frauen herabwürdigen zu Sexualobjekten nicht mehr punkten kann, dann hat der Artikel eine Menge bewirkt. Auch wenn er polemisch geschrieben und einseitig ist. Aber gegen die Fakten, die er benennt, hat offenbar niemand etwas aufzubringen gewusst. Der arme arme Herr Brüderle.

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