Dienstag, 15. Januar 2013

Mumpitz! Humbug! Kokolores!


   

   Mumpitz, Humbug, Quatsch, mit und ohne Sauce, Quark, Käse,
   Blödsinn, Schwachsinn, Unsinn, oder netter Kokolores, 
   Wörter für etwas wovon es eine unüberhörbare Menge gibt, 
   leeres Geschwätz, dummes Zeugs, Text ohne Inhalt, um eine 
   unschöne, aber bildhafte Beschreibung zu nutzen, verbaler  
   Dünnpfiff, Logorrhö habe ich gerade als feineres Fremdwort 
   gefunden.
   
   Als belustigende Variante treffen wir die akute Logorröh als
   Manifestation von Spaß an Worten, an Lauten, am Herumspinnen,
   quatschen stammt wohl daher. Man trifft sich, um durch
   Wortaustausch Kontakt aufzunehmen, der Redeinhalt ist sekundär, 
   durch Mimik, Klang, gelegentliche leichte Berührungen versichern
   sich alle Beteiligten der gegenseitigen Zuneigung. 
   Politiker hinwiederum, werden sobald sie eine gewisse Rangstufe
   erreicht haben, mit einem virulenten Logorröh-Virus infiziert, 
   um sicherzustellen, dass sie eine Stunde reden, um Nichts zu 
   sagen, wenn eine mögliche sachliche Aussage drei Sätze verlangt
   hätte. Sie verstecken somit die Lüge in der immensen Menge der 
   Wörter.

   Comedians, zumindest die deutsche Sorte, babbeln für bares 
   Geld.
   
   Dann gibt es gekotzte Worthülsen infolge von Überforderung: ein 
   Freund hat mir glaubhaft berichtet, auf einem Treffen des
   Bezirksverbandes der SED kurz nach den Umstürzen des Novembers
   1989 folgenden Redebeginn gehört zu haben: Hu, Genossen, ra, es
   lebe der Sozimus. Der betreffende Genosse genoss kurze Zeit
   später die Gastfreundschaft der örtlichen Irrenanstalt. 
   
   Ich hinwiederum, plappere aus verbaler Lust, und weil ich gute 
   Gedanken meist irgendwo in der Überfülle der Worte finde, wie
   Goldnuggets im durchgesiebten Sand. Ich quatsche mich an
   den Kern eines Problems heran. Anekdoten, dumme Witze,
   weithergeholte Vergleiche, Wortspiele, freie Assoziationen,
   ein Berg Wortmüll und ich, das blinde, bzw. taube Huhn finde
   urplötzlich das Korn, die Idee, den Kernpunkt. Was habe ich
   Freunde, Liebste und Familienmitglieder schon zugequatscht, 
   auf der Suche nach dem außer meiner gedanklichen Reichweite
   liegenden, sich immer wieder entziehenden Eigentlichen.       
   Dank all den Zuhörenden, sich mit mir durch den wuchernden
   Dschungel der unzähligen Wörter Kämpfenden. Ohne euch hätte
   es viele genaue Bühnenideen nicht gegeben, hätte ich noch
   mehr Chaos in meinem Leben veranstaltet, wäre ich wahrscheinlich
   schon vor Jahren als selbstgesprächführende Irre weggefangen
   worden. Dank, dem nichtexistierenden Gott, für die
   Möglichkeit und Fähigkeit des scheinbaren Herumlaberns auf der
   Suche nach dem einen klugen Gedanken. Gedanke wurzelt wohl im 
   Wort "denken", vielleicht aber auch im Wort "Dank".
   Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden nennt
   es Kleist, ich nenne es, so lange reden, bis etwas Vernünftiges
   dabei herauskommt.

   Beim Bäcker:
  
"Tag, ich möchte gerne Rumkugeln."
   "Gerne, aber nicht hier im Laden!" 

       
   „Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht 
   im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, 
   Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei 
   geschaffenen Symbolen“. Edward Sapir 1921
   Humbug kommt aus dem Englischen und die albernste

   Herkunftsgeschichte behauptet, dass ein Professor für
   Entomologie, ein Insektenforscher, seine Studenten foppen 
   wollte, indem er aus Teilen verschiedener Krabbeltiere ein 
   "neues" zusammensetzte und ihnen zur Bestimmung vorlegte. 
   Als diese fragten: "Did it hum?" - "Hat es gesummt?", soll 
   er geantwortet haben, "Yes, it is a humbug." - "Ja, es ist 
   ein Summkäfer." es gibt auch wissenschaftlichere etymologische   
   Bestimmungen, aber die sind auch langweiliger. Ebenezer Scrooge 
   aus der Weihnachtsgeschichte von Dickens schreit des öfteren, 
   wenn ihn etwas ärgert,und so ziemlich alles ärgert ihn, "Bah, 
   humbug!" Herbert Wehner hat ihm dämlich erscheinende Fragen 
   oft mit: "das ist doch Mumpitz!" beantwortet.
 

 
   Wiki sagt: Mit Mumpitz war ab dem 17. Jahrhundert 
   eine Schreckgestalt oder auch Vogelscheuche gemeint. 
   Das Wort leitet sich ursprünglich von "Mummelputz" und 
   "Mombotz" ab und verbindet die beiden Worte vermummen 
   und (hessisch) Boz oder Butzemann (eine Kinderschreckfigur). 
   Beim Mumpitz handelt es sich um eine Schreckgestalt für Toren. 
   Der Begriff erschien dann auf der Berliner Börse seit der 
   zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für "erschreckende 
   Gerüchte" oder "schwindelhaftes Gerede".
   Wictionary beschreibt Kokolores mit: Herkunft aus der 
   Berliner Szene um 1930, in der Kokain konsumiert wurde, 
   unter Konsum kommt es u.a. zu einer Logorrhö (verstärkter 
   Redefluss von Unsinnigem ohne aufzuhören) so wurde dieses 
   Phänomen als Kokolores bezeichnet. Alternativ wird der 
   Ausdruck mit dem Ruf des Hahns in Verbindung gebracht.

Sprache

Halte mich in deinem Dienst
lebenslang
in dir will ich atmen

Ich dürste nach dir
trinke dich Wort für Wort
mein Quell

Dein zorniges Funkeln
Winterwort

Fliederfein
blühst du in mir
Frühlingswort

Ich folge dir
bis in den Schlaf
buchstabiere deine Träume

Wir verstehen uns aufs Wort
Wir lieben einander
(aus: Rose Ausländer: Im Aschenregen die Spur deines Namens. Gedichte und Prosa 1976, 1984)

Kommentare:

  1. Laura Kallenbach Schrieb:
    ich möchte, dass mummelputz und mombotz wieder in den sprachgebrauch aufgenommen werden. das regt die sinne an. solche worte machen beim angucken, in den mund nehmen und hören spaß.

    Michael Dressel
    Ich vermisse Pippifax .

    Elfchen Elf
    Stuss,keinen Murks erzählen, gequirlte Sch... Kauderwelsch und So'n Schiet fällt mir noch ein..

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  2. Heranreden an einen Gedanken, der geahnt wird, aber noch nicht zu fassen ist.
    Das kann quälend sein für den/die Zuhörenden, wenn andere längst weiter sind und der Redende eitel und umständlich vor sich hin kurvt, bis endlich einer mit der Zunge auf den Tisch haut.
    Das kann aber auch lustvoll für beide Seiten sein, wenn es eine Einladung ist zum gemeinsamen Suchen, Springen, Irren, Finden. Und diese Gemeinsamkeit muss nicht Ineinanderreden sein. Auch zuhörendes Miteinander kann Denken beflügeln und ein Fazit bereichern.

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  3. Mit der Zunge auf den Tisch! Großartig.

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