Donnerstag, 4. Oktober 2012

Herbsteloge


Es gibt auch so ein Kokettieren mit der Melancholie des Herbstes. Dann wird er mißbraucht, als bequeme Ausrede, als sei jeder Abschied ein Tod und jedes Sommerende ein Ende aller Wärme. 
Gewiss, manchmal scheint es einem so, manchmal. Aber sich darin herumzuwälzen und dabei den Herbst niederzumachen, ist ungerecht. Es kränkt ihn auch. 
Herbst ist auch: Äpfelernte, unglaubwürdiges buntes Laub, fallende, wirbelnde, fliegende Blätter, klebriger Blättermatsch nach Regen, Blattskelette, nebelige Morgen (wenn man nicht gerade fahren muß), Winde, Böen, Brisen, Sturm, besonders aus der wärmenden Sicherheit eines Zimmers heraus betrachtet. Es kann aber auch mal schön sein, wenn es einem wild um die Nase weht. Und später dann nackte Bäume, tolle Formen kommen zum Vorschein. Und kleine süße Weintrauben und Grünkohl nach dem ersten Frost, Braunkohl für Anhaltiner.
Und die Leute sind wieder angezogen! Die modischen Sommer-Horror-Szenarien einiger meiner Mitmenschen, lassen mich im Hochsommer Sehnsucht nach Regenmänteln, festen Schuhen und Mützen fühlen. (Burkagebot für Shortsträger?)
Wiki sagt: Das Wort Herbst hat sprachgeschichtlich denselben Ursprung wie das englische Wort harvest (dt. Ernte), lat. carpere (dt. pflücken, Ernte) und griech. karpós (Frucht, Ertrag): es kommt vom indogermanischen Verb sker, dt. schneiden. Ursprünglich bedeutete der Begriff Herbst „Zeit der Früchte“, „Zeit des Pflückens“, „Erntezeit“. 
Ich und einige andere Menschen, die ich sehr mag wurden im Herbst geboren, dass spricht doch auch für ihn, oder?
Im Englischunterricht haben wir nur ein einziges Gedicht gelernt, es ging so:

Down, down
Yellow and brown
The leaves fall down
All over the town.

Gott sei Dank, gibt es aber auch dieses Volkslied:

Der Herbst ist ein Geselle
der trägt ein buntes Kleid
und springt und jubilieret
vor ausgelaßner Freud

Er singt im Brausebasse
fährt einem um den Kopf,
wirft alles drüber und drunter
und zaust die Bäum am Schopf

Er stürmt wie wilde Buben
hin über Berg und Feld
fegt durch die falben Blätter
rauscht, heißa! in die Welt

Wirft, wie er zieht, uns Gaben
mit vollen Händen zu
füllt Scheuer, Haus und Keller
zur langen Winterruh

Und dieses:

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah
Die Luft ist still, als atmete man kaum
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah
die schönsten Früchte ab von jedem Baum

O stört sie nicht, die Feier der Natur
Dies ist die Lese, die sie selber hält
denn heute löst sich von den Zweigen nur
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt

© Sönke Luck, Herbst in Berlin, dreifarbig
Ein preußischer Herbst, Schönheit in Reih und Glied.

Kommentare:

  1. Der Herbst ist die beste Zeit sich zu verlieben.

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  2. Aus Protest? Angstblüte gegen die Endzeit?

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  3. Ich weiß nicht warum, aber ich verlieb mich meistens im Herbst. Und bin auch ganz kribbelig. Voll vom Sommer, Aufgeladen, alles wird kühler, klarer, ich mag es bunt, und auch kahl, und kalt , wenn das Herz brennt. Aber warum es ausgerechnet im Herbst Funken schlägt? Vielleicht, weil im Frühling der Heuschnupfen den Blick so dicht macht. Im Herbst bin ich kribbelig, hibbelig und es durchläuft mich warm und da verlieb ich mich schnell. Warum, Warum. Da fragt doch die Liebe nicht nach.

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  4. Und ja, wenn man so richtig doll verliebt ist und es draussen immer kälter wird, dann ist das toll. Wenn die heisse haut auf die kalte Luft trifft und das rasende Herz für Momente durch Eiseskälte Erholung hat.

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  5. Septembermorgen

    Im Nebel ruhet noch die Welt,
    Noch träumen Wald und Wiesen:
    Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
    Den blauen Himmel unverstellt,
    Herbstkräftig die gedämpfte Welt
    In warmem Golde fließen.

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  6. Liebe Sonja, ich wünsche Deiner Herbstliebe, dass Du ihr im nächsten Herbst wieder begegnest und dann noch mal und vielleicht wieder. Schöne chronische Herbste!

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  7. Oh, Danke Schön!

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