Mittwoch, 17. Oktober 2012

Ballade vom Zuchthaus zu Reading - Oscar Wilde zum 158. Geburtstag



OSCAR WILDE 
oder Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde 
geboren am 16. Oktober 1854


Oscar Wilde © Hills & Saunders, Rugby & Oxford, Oxford, 3. April 1876.


Aus "De Profundis" im Zuchthaus geschrieben:
Psalm 130: De profundis clamavi ad te Domine = Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir
 
„Ich zittere vor Freude bei der Vorstellung, dass am Tag meiner Entlassung in den Gärten der Goldregen und der Flieder in voller Blüte stehen werden und dass ich mit eigenen Augen sehen kann, wie der Wind das wogende Gold des einen zur ruhelosen Schönheit bewegen und das blasse Violett des letzteren schütteln wird, dass mir die ganze Luft wie Arabien ist“


Aus der
 Ballade vom Zuchthaus zu Reading
1897

...
Doch jeder tötet, was er liebt,
Das hört nur allemal!
Der tut's mit einem bitteren Blick
Der mit Geschmeichel, schal.
Der Feigling tut es mit 'nem Kuss,
Der Mutige mit dem Stahl.  

Die einen töten Lieb, ganz jung,
Die andern, wenn sie alt;
Der drosselt mit der Hand voll Lust,
Der mit der Hand die Gold gekrallt
Der Freundlichste nimmt ein Messer, weil
Der Tote wird bald kalt.


Der liebt zu kurz, und der zu lang,
Der kauft, verkaufen tut der.
Der tut die Tat der Tränen voll,
Der seufzt keinen Seufzer mehr:
Denn jeder tötet, was er liebt,
Doch nicht jeder stirbt nachher.
 
Deutsch von Gisela Etzel, von mir überarbeitet.
 
 Yet each man kills the thing he loves
  by each let this be heard,
some do it with a bitter look,
some with a flattering word,
the coward does it with a kiss,
the brave man with a sword!

Some kill their love when they are young,
and some when they are old;
some strangle with the hands of lust,
some with the hands of gold:
the kindest use a knife, because
the dead so soon grow cold.

Some love too little, some too long,
some sell, and others buy;
some do the deed with many tears,
and some without a sigh:
for each man kills the thing he loves,
Yet each man does not die.



Oscar Wilde and Lord Alfred "Bosie" Douglas


Auf dem von Jacob Epstein gestalteten Grabmal Oscar Wildes auf dem Cimetière du Père-Lachaise in Paris:


And alien tears will fill for him,
Pity’s long-broken urn,
For his mourners will be outcast men,
And outcasts always mourn.

Des Mitleids lang-zerbrochene Schale,
Werden ihm fremde Tränen füllen
Denn um ihn werden Ausgestoßene weinen,
Und Ausgestoßene trauern immer.

Zitat: lambdanachrichten
 
Ja, wenn Oscar Wilde nicht auf Lord Douglas getroffen wäre, einen egozentrischen, hübschen jungen Adeligen, der 1891 in Wildes Leben trat und von da an zur bestimmenden Kraft des inzwischen bekannten Autors wurde. Der ausschweifende Lebenswandel der beiden, ihre heftigen Auseinandersetzungen und verschwenderischen Versöhnungen brachten Wilde zwar in Verruf, doch war er es selbst, der den Stein ins Rollen brachte, der ihn schließlich zermalmen sollte. 1895 hinterlegte der Vater von Lord Douglas, der Marquis of Queensberry, ein ungehobelter, nicht minder exzentrischer Adeliger, eine Karte in Wildes Club, auf der er diesen bezichtigte, er posiere als Sodomit. Anstatt diesen Angriff des berüchtigten Querulanten zu ignorieren, zeigte Wilde ihn wegen Verleumdung an und unterschrieb damit sein eigenes Urteil.
Die Niederschrift dieses ersten Prozesses Wilde gegen Queensberry gehört wohl zu den spannendsten geschichtlichen Dokumenten des viktorianischen Englands. Es ist das Verdienst von Merlin Holland, Oscar Wildes Enkel, diese Akten herausgegeben zu haben. Oscar Wilde im Kreuzverhör beweist einmal mehr, welch unglaubliche rhetorische Fähigkeiten Wilde besessen hat. Liest man die Gerichtsprotokolle, so teilt man die Vermutung mancher Wissenschafter, Wilde hätte den Ernst der Lage einfach ignoriert und sei davon ausgegangen, auch vor Gericht durch exzentrisches Auftreten und Wortwitz zu reüssieren. Gleichzeitig wird aber auch seine Unfähigkeit deutlich, Tatsachen ins Auge zu sehen. Somit wird das Buch gleichzeitig ein tragisches Dokument der „Rache des viktorianischen Englands“: Nicht Queensberry scheint auf der Anklagebank zu sitzen, sondern Wilde, dessen Romane ebenso als belastendes Beweismaterial herangezogen werden wie die Aussagen der jungen Männer, mit denen Wilde verkehrte.
Auf den Freispruch Queensberrys folgten rasch Prozesse gegen Wilde wegen Homosexualität und schließlich die Inhaftierung. Nach zwei Jahren Haft war Oscar Wilde in jeder Hinsicht am Ende: Seine Gesundheit war angegriffen, sein Name insbesondere in Großbritannien verpönt, seine Werke aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen, was auch finanzielle Konsequenzen hatte. Seine Frau und seine Kinder hatten sich ebenso von ihm abgewendet wie die meisten seiner Freunde. Selbst sein geliebter Bosie, Lord Douglas, der immerhin Auslöser der Misere war, hatte wenig Interesse an der Freundschaft mit dem Häftling gezeigt. Trotzdem verzieh Oscar ihm seine Illoyalität, denn als er sich nach der Entlassung durch Italien und Frankreich schlug, kam es zu einem Wiedersehen und einer Wiederaufnahme der Beziehung – mit denselben Ausbrüchen, Höhen und Tiefen. Kurz vor seinem 46. Geburtstag stirbt Wilde in Paris, ohne die Rehabilitation seiner Person und seiner Werke mitzuerleben, die kurze Zeit später erfolgen sollte. 

Wie Oscar Wilde seine Ehre verteidigte - Merlin Holland veröffentlicht die Protokolle des Queensbury-Prozesses

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen