Dienstag, 10. Juli 2012

Palma di Mallorca - Antonio Gaudi


Antoni Gaudí i Cornet 1852 - 1926

Gaudis Werke zu betrachten, als Gaudi zu bezeichnen wäre eine herzlose Untertreibung. Ich habe erlebt, wie ein Mitglied meiner Famile, beim Anblick eines von ihm entworfenen Hauses, urplötzlich in wirklich und wahrhaftige Tränen der Erschütterung ausbrach. Der Überdruck durch den Anblick von so viel Schönheit auf einmal musste sich einen körperlichen Ausweg suchen.

Katalanischen Modernismus nennt die Forschung, die spezielle Ausformung des Jugendstils in Katalonien, der in Barcelona entstand, und dessen wunderbarste Kreationen auch dort zu finden sind, die Kathedrale der Sagrada Familia, abzüglich ihrer später entstandenen "nachempfundenen" Betonteile, ist wohl das berühmteste Beispiel. Ein wenig wie Hundertwasser mit mehr Poesie, Katholizismus und weicheren Linien könnte man es vielleicht beschreiben.

Im Auftrag des Bischofs von Mallorca begann Gaudi um 1899 mit den Skizzen für den Umbau der Kathedrale der Heiligen Maria von Palma, einem der größten Kirchenbauten der iberischen Halbinsel. Gaudi bezeichnete La Seu, der Sitz, örtlicher Name für die Kathedrale, als „den grössten und vollkommensten Erfolg in Harmonie, Konstruktion und Mechanik des gotischen Stils“. Vier Jahre verbrachte er mit den Vorbereitungen, es folgten circa 10 Jahre Arbeit, dann um 1914, nach einem Streit mit den Bauleuten und wohl auch mit einigen, über die revolutionär wirkende Modernität der Umbauten, erbosten Mallorcinern, abrupter Abbruch der Bautätigkeit.
Das Innenleben der Kathedrale ist heute eine eklektische Mischung aus Gothik mit maurischen Elementen, barockigen Einzelteilen, Gaudi und einer nur fünf Jahre alten Kapelle mit Unterwassermotiven und anthrazitfarbenen Gruselfenstern. Aber der Raum an sich ist grandios in seiner bombastischen Größe, am besten zu erleben, wenn man sich auf eine der Kirchenbänke legt und nach oben starrt. Wie muß sich in spanischer Bauer gefühlt haben, der nichts als Hütten, Ställe und vielleicht, das ihn schon beeindruckende, Herrenhaus seines Dorfes kannte und zum ersten Mal einen solchen Koloss von Gebäude erblickte? Klein? Überwältigt? An Wunder glaubend? Dem Himmel nahe? Gott?





Die Kathedrale


In jenen kleinen Städten, wo herum
die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken,
der sie bemerkt hat plötzlich und, erschrocken,
die Buden zumacht und, ganz zu und stumm,

die Schreier still, die Trommeln angehalten,
zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs -:
dieweil sie ruhig immer in dem alten
Faltenmantel ihrer Contreforts
dasteht und von den Häusern gar nicht weiß:

in jenen kleinen Städten kannst du sehn,
wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis
die Kathedralen waren. Ihr Erstehn
ging über alles fort, so wie den Blick
des eignen Lebens viel zu große Nähe
fortwährend übersteigt, und als geschähe
nichts anderes; als wäre Das Geschick,
was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,
versteinert und zum Dauernden bestimmt,
nicht Das, was unten in den dunkeln Straßen
vom Zufall irgendwelche Namen nimmt
und darin geht, wie Kinder Grün und Rot
und was der Krämer hat als Schürze tragen.
Da war Geburt in diesen Unterlagen,
und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
und Liebe überall wie Wein und Brot,
und die Portale voller Liebesklagen.
Das Leben zögerte im Stundenschlagen,
und in den Türmen, welche voll Entsagen
auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod. 

Rainer Maria Rilke 1907


Der Gaudi-Altar, das darüberhängende Teil ist aus Kork, Pappe und Getreidehalmen konstruiert und nächtens voller Lämpchen glühend.


Das Rosenfenster von Gaudi

Kommentare:

  1. Monumentalität und Schönheit sakraler Bauten kann ich nicht mehr trennen von der Ideologie, deretwegen sie errichtet wurden, und nicht mehr vor der Ignoranz der Auftraggeber gegenüber den Menschenopfern, ganz physisch, erst mal nur ganz physisch beim Akt der Herstellung.

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  2. Ein zweischneidiges Schwert, irgendetwas hat Menschen durch die Zeiten dazu gebracht, Riesenbauten zu errichten, um den Göttern nahe zu sein, sicher wurde dieser Drang und die Ängste, die ihn erzeugten oft mißbraucht, da gebe ich Dir Recht, aber es gab dieses Bedürfnis schon vor der Ideologie.

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  3. Hm. Das Bedürfnis,sich klein zu fühlen,zu unterwerfen, das nicht Begreifliche manifest zu machen, und dann sich oder etwas dem Größeren, Erhabeneren zu opfern - wird dieses Bedürfnis nicht sofort gesteuert und ausgenutzt von weniger reinen Seelen? Fängt Ideologie nicht doch sehr, sehr früh an?
    Monumentalität in der Natur, Himmel, Meer, Berge - verlangt keine materiellen Opfer, wohl aber Respekt und auch Demut.
    Und - Natur bedarf nicht mal irgendeiner Monumentalität, um unfassbar schön und erhaben zu sein.

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  4. Bin da nicht so sicher mit der sofortigen Inbesitznahme durch Ideologie. Was ist mit Stonehenge, mit Baalbek? Dem Großen mit etwas Großem zu begegnen vielleicht?
    Was dann sicher bald zum Mißbrauch durch ausbeutenden Größenwahn und machthungriger Unterdrückung führt.

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