Sonntag, 13. Mai 2012

SCHREISSE! - König Ubu



»Die Antialkoholiker sind Kranke in den Klauen jenes Gifts, des Wassers, das derart ätzend und zersetzend ist, dass ein Tropfen genügt, um eine reine Flüssigkeit, wie den Absinth zum Beispiel, zu trüben.« Alfred Jarry


Joan Miro, Drawing for “Ubu Roi” 1953

Freitag in Ingolstadt "Ubu Roi" von Alfred Jarry und Simon Stephens, eine Koproduktion zwischen der freien Budapester Theatergruppe "KoMa" und den Ingolstädter Stadttheater. Als Ubu Roi 1896 Premiere hatte, begann das Gebrüll im Publikum schon nach dem ersten gesprochenen Wort: "Merdre!" oder "Schreiße!", an diesem Abend "Pscheiße!", knapp 120 Jahre später folgt ein leises fast zärtliches Kichern: Ja, damals, als das Wort noch ein schlimmes war! 
Die Ausstattung dieser ersten, und zu Jarrys Lebzeiten einzigen Aufführung mit menschlichen Spielern, alle anderen waren mit Marionetten, wurde übrigens von Toulouse-Lautrec und Pierre Bonnard gestaltet.
2012: Eine Stunde bis zur Pause: Clowns in Hochform, böse Clowns, clevere Clowns, brutale Clowns. Hier wird nicht begründet, hier wird gegiert, gehirnspinst und geschlachtet. Die Scham- und Gewissenslosigkeit mit der Ubu & Co ihre Gelüste ausleben, läßt unser Lachen etwas atemlos klingen. Ist da auch Neid, ob der eigenen Unfähigkeit sich einfach zu greifen, was man haben will. Ich meine, gut, dass es sie gibt, aber manchmal, nur manchmal...

Nach der Pause, die überdimensionalen Möbel des ersten Teils sind nun ganz klein geworden, die Kostüme ergraut, die Haare gekämmt, steht Papa Ubu vor dem Internationalen Gerichtshof, angeklagt vielfacher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine ehemalige rechte Hand beruft sich auf Befehlsnotstand, Mama Ubu hat sich alles Geld unter den Nagel gerissen und will immer nur gewarnt haben, einzig der Handlanger, ein exzellenter Killer, benennt sachlich die ungeheuerlichen Untaten. Ubu selbst besteht auf Nichtanklagbarkeit, weil er König sei. Das würde schultheaterpädagogisch wirken, hätte man nicht die ganze Zeit die grellen, geilen Bilder des ersten Teiles vor Augen, auf die sich ja bezogen wird. Eine schlaue Kombination. Die ungarischen und deutschen Spieler radebrechen und sprachspielen sich durch Europas Sprachen und verstehen tut man alles.



Joan Miro, Drawing for “Ubu Roi” 1953 

"Du bist ein Former oder Macher eines Stückes. Stückemacher sollten sich nicht zu sehr um Sprache kümmern; es ist unsere Aufgabe Verhalten zu untersuchen. Du zeichnest das Verhalten der Charaktere, wie sie ihren Weg durchs Leben aushandeln, auf der Jagd nach dem was sie wünschen."
"You are a shaper or maker of a play. Playwrights shouldn’t get too concerned with language; it is our job to consider behaviour. You’re mapping the behaviour of characters as they try to negotiate their way through life, in pursuit of what they want." 
Simon Stephens
Joan Miro, Lithograph, Ubu Roi (King Ubu) from Suites pour Ubu Roi, 1966

Schreibübungen:

Nimm einen Küchenwecker, gib dir 10 Minuten und schreibe eine Liste von 20 Dingen, die Deine Figur haben will.
Schreibe in 10 Minuten eine Liste von 50 Dingen, an die sie sich erinnert.
Schließ deine Augen, gib dir eine Minute und zeichne mit geschlossenen Augen ein Bild deiner Figur. Mit geschlossenen Augen wirst du das Bild nicht sehen, aber die Form wird sich herauskristallisieren.
Gib dir 5 Minuten, um alles aufzulisten, was die Figur über sich weiß, das andere Leute wissen.
Gib dir 5 Minuten, um alles aufzulisten, was andere Leute über die Figur wissen, das die Figur selbst nicht weiß.
Dann gib dir 5 Minuten, um Dinge aufzulisten, die du über die Figur weißt, von denen weder die Figur noch jemand anders etwas weiß.


Get a kitchen timer, give yourself 10 minutes and in that time write a list of 20 things your character wants.
In 10 minutes write a list of 50 things they remember.
Close your eyes, give yourself a minute, and with your eyes closed draw a picture of your character. With your eyes closed, you won’t see the picture but it’ll crystallise the image of your character.
Give yourself five minutes to list everything the character knows about themselves that nobody else knows.
Give yourself five minutes to list everything the character knows about themselves that other people know.
Give yourself five minutes to list everything that other people know about the character but the character doesn’t know.
Then, give yourself five minutes to write a list of things you know about the character that neither the character nor anybody else knows.

Simon Stephens



Kommentare:

  1. Zu Stephens:
    Schreibübungen?
    Um als Schauspieler Material für eine Figur zu finden, wäre das gut, mein ich.
    Aber um als Schreibender eine Figur zu erfinden und ihr die Chance zu geben, lebendig zu werden und den Schreibenden zu überraschen, find ich die Methode doch wenig verlockend.

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  2. Bin mir da nicht so sicher. Aber die Nichtbeachtung von Sprache finde ich schwer nachvollziehbar.

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  3. Klingt das alles nicht doch ein bisschen, als wäre es der Text von einer Figur, die ein Autor erfunden hätte, um einen ambitionierten Kursleiter eines Zirkels schreibender Zahnärzte zu charakterisieren?

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  4. zu MERDE - MERDRE:
    Da Merde, wie auch Scheiße, nach hundert Jahren längst Hochsprache wurde, ist die Gardine überflüssig. Es sei denn, aus literarischen Gründen bleibt man bei MERDRE. Das R dazu klingt ja noch scharf. Aber P vor Scheiße? Ist das gemeint als Zeigefinger über den Lippen?
    Jürgen Holz hat in einer Fassung (bestimmt schon 25 Jahre her) Kacke geschrieben, Kackevati, damit es wenigstens noch ein bisschen frech und provokant klingt. Allerdings fehlt da der Aspekt, dass Mutter und Vater Ubu vornehm tun wollen.
    Gibt es heute überhaupt noch ein Fäkalwort, das ein Kraftausdruck, ein Fluch ist, und dabei so heikel, dass es alle Ubu-Aspekte bedienen könnte?

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