Donnerstag, 9. Februar 2012

Rainer Maria Rilke - Über den Dritten


Aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

. . . Und als ich mein Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer und Narr, dass ich eines Dritten bedurfte, um von dem Schicksal zweier Menschen zu erzählen, die es einander schwer machten? Wie leicht ich in die Falle fiel. Und ich hätte doch wissen müssen, dass dieser Dritte, der durch alle Leben und Literaturen geht, dieses Gespenst eines Dritten, der nie gewesen ist, keine Bedeutung hat, dass man ihn leugnen muss. Er gehört zu den Vorwänden der Natur, welche immer bemüht ist, von ihren tiefsten Geheimnissen die Aufmerksamkeit der Menschen abzulenken. Er ist der Wandschirm, hinter dem ein Drama sich abspielt. Er ist der Lärm am Eingang zu der stimmlosen Stille eines wirklichen Konfliktes. Man möchte meinen, es wäre allen bisher zu schwer gewesen, von den Zweien zu reden, um die es sich handelt; der Dritte, gerade weil er so unwirklich ist, ist das Leichte der Aufgabe, ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt man die Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie können ihn kaum erwarten. Sowie er da ist, ist alles gut. Aber wie langweilig, wenn er sich verspätet, es kann rein nichts geschehen ohne ihn, alles steht, stockt, wartet. Ja und wie, wenn es bei diesem Stauen und Anstehen bliebe? Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum, welches das Leben kennt, wie, wenn er verschollen wäre, dieser beliebte Lebemann oder dieser anmaßende junge Mensch, der in allen Ehen schließt wie ein Nachschlüssel? Wie, wenn ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt hätte? Nehmen wir’s an. Man merkt auf einmal die künstliche Leere der Theater, sie werden vermauert wie gefährliche Löcher, nur die Motten aus den Logenrändern taumeln durch den haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker genießen nicht mehr ihre Villenviertel. Alle öffentlichen Aufpassereien suchen für sie in entlegenen Weltteilen nach dem Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.
Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese »Dritten«, aber die Zwei, von denen so unglaublich viel zu sagen wäre, von denen noch nie etwas gesagt worden ist, obwohl sie leiden und handeln und sich nicht zu helfen wissen . . .

R.M. Rilke gemalt von Helmut Westhoff

Kommentare:

  1. Ja.
    Aber.
    Auch die zwei Einzelnen sind durch Dritte zu den Einen geworden, die dann die Zwei sind, mit ihren Konflikten, und, solange die Zwei lebendig sind, kommen als Katalysatoren weitere Dritte dazu.

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  2. Der Dritte hier, wie ich es verstehe, ist der Geist des Dichters selbst, der sich als einer der beiden Menschen von ihm abgespaltet hat, um ihre Geschichte zu erzählen - für die Dramatiker in ihren Villenvierteln -, und der doch weiß, daß dies nicht "die wahre Geschichte" ist, ja, diese Geschichte vielleicht nicht einmal annähernd berührt, der nun deshalb in seiner Vorstellung sich dieses Daseins "als Dritter" entzieht oder zu entziehen wünscht, um einfach seine scheinbar unbedeutende Zweisamkeit zu leben - als ganzer Mensch, ohne diesen "Dritten", der er selber ist.

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