Sonntag, 19. Februar 2012

Langhoff, Thomas


Nun ist er gestorben. Im Oktober habe ich ihn noch einmal getroffen, da war er schon ganz zart, ganz schmal. Es war der 75. Geburtstag meiner (zumindest in meinem Herzen) Theatermutter, Gudrun Ritter und es waren viele da, die ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte und die mein Theaterwesen in unterschiedlichster Weise geprägt haben. Und viele waren nicht da, oder nur noch in den Erinnerungen der Anwesenden. Jetzt hat dieses Erinnerungsland einen weiteren Bewohner bekommen. Ganz schön voll da, mittlerweile.

Thomas Langhoff

In "Ein Monat auf dem Lande", habe ich das erste Mal bei ihm gespielt, die Rolle war winzig, das Dienstmädchen, d.h. viel hinter der Bühne sitzen und auf die nächste Mini-Szene warten. Ich langweilte mich! Da hab' ich mir merkwürdige  stumme Auftritte ausgedacht und ihn gefragt, ob er einverstanden wäre, wenn ich immer mal zwischendurch käme, eine muß ja arbeiten, während die Herrschaft liebt und leidet. Er war einverstanden und hat mich dann mit charmanter Bestimmtheit verteidigt, wenn Kollegen irritiert reagierten, wenn ich plötzlich durch ihre Szenen wanderte. Es wurde, klein wie sie war, eine meiner Lieblingsrollen. Danke. Auch dafür und für vieles andere! Schalom!

Wenn am Deutschen Theater ein Kollege gestorben war, wurde bei der Trauerfeier oft ein wundersames Lied aus einem der DT Liederabende eingespielt: Dieter Franke singt den "Bauernhimmel".

DER BAUERNHIMMEL

Hopsa, hopsa, rüber und nüber.
Gib mir ein Kuss, ich geb ihn dir wieder. Hopsasa !


Wenn wir in den Himmel kommen,
hat die Plag’ ein End’ genommen. Hopsasa !


Fressen werden wir wie Fürsten, 
Sauerkraut und Leberwürsten. Hopsasa ! 

Wein werden wir wie Wasser schöpfen, 
saufen aus den gold’nen Töpfen. Hopsasa !

Keine Flöhe, keine Wanzen,
werden uns auf dem Rumpfe tanzen. Hopsasa !


Wenn der Dudelsack wird brummen, 
fängt die Menge an zu summen. Hopsasa ! 

Kirmes ist dort alle Tage, 
keiner hat dort was zu sage’. Hopsasa ! 

Alles lebt dort ohne Sorgen,
keine Arbeit früh am Morgen. Hopsasa !


Wir werden alle schreien und singen, 
und mit unseren Füßen springen. Hopsasa !

Äpfel, Birnen, Kirsche, Pflaume 
wachsen dort an jedem Zaune. Hopsasa !

Jacken werden wir neue kriegen 
unter Daunendecken liegen. Hopsasa ! 

Da ist kein Amtsmann und kein Schinder, 
kein Soldat und auch kein Sünder. Hopsasa ! 

Und hier noch eine längere Variante:

Wenn wir werd´n in´n Himmel kommen,
Hat die Plag ein End genommen. Hopsasa!


Da ist kein Amtmann und kein Schinder
Kein Soldate und kein Sünder.


Da ist kein Prügel, Stock noch Klause
Jeder wohnt im goldnen Hause


Vor'm Landrat könn'n wir alles machen
Und ihm ins Gesichte lachen


Von der Robot wird nicht gesprochen
Da käm einer angestochen!


Wir ziehen auch nicht mehr zu Hofe
Jeder lebt dort wie ein Grofe (Graf).

Dort gibt's nicht Steuern noch Abgaben
Wir brauchen nur die Heilgen loben


Für die reichen Pfaffenhände
Hat der Dezem (Zehnte) auch ein Ende.


Und die bösen Kapläne
Fressen die verreckten Hähne.


Die Müller kriegen nichts zu klappern
Müssen selber Wasser schlappern.


Soldaten dürfen auch nicht kommen
Der Säbel ist ihn'n weggenommen.


Um die grämlichen Gendarmen
Dürf wir uns auch gar nicht harmen.


's hat uns niemand zu befahla, 
Vor jedem könn'n wir 'n Hut uf hala (aufbehalten).

Kein Studente darf uns foppen
Kriegen selber Prügelsuppen.


's gibt auch keine hohe Schule
Jeder sitzt aufm grossen Stuhle.


Dort sind alle grossen Herren,
Die sich nach Gefallen sperren (groß tun)


In dem Himmel ist ein Leben,
Nischt zu fressen als Kuchen und Bäben (Napfkuchen).


Da essen wir lauter gelbe Suppe
Aus dem grossen Ofentuppe (-topf)


Lauter Braten wern wir essen
Und das Geld mit Vierteln messen


Leberwürste, Zwiebelfische
Hat man täglich auf dem Tische


Honigschnitten, dass sie klecken (tropfen)
Dass man möcht' die Finger lecken.


Fressen wern wir, bis wir rülpsen,
Nichts von Erbsen, nichts von Pilzen


Fressen wern wir wie die Fürste
Sauerkraut und Leberwürste


Wenn's nun wird zum Saufen kummen
Da da wern die Bäuche brummen!


Wein wern wir wie Wasser schöpfen
Saufen aus den gold'nen Töpfen.


's Doppelbier wird niemals sauer
Denn dort sein die besten Brauer.


Knastertabak könn'n wir rauchen,
Trotz wie hier die Grossen schmauchen


Wie wern unsre Weiber plappern,
Weil's stets Kaffee gibt zu schlappern


Hab'n wir uns nun satt gesoffen,
Gehn wir in die Wolken schloffen


Keine Flöh und keine Wanzen
Wern uns auf dem Rumpfe tanzen


Sonntags trägt man gelbe Hosen
Und im Kretscham (Gasthof) wird geblosen


Und der Pfeifer wird eins machen,
Dass man sich wird schacklich lachen


Wenn der Dudelsack wird brummen
und die grosse Borber (Baßgeige) summen


Alle wem wir schrei'n und singen
Und mit gleichen Füssen springen (tanzen).


Kirmes ist dort alle Tage,
Keiner hat dort was zu sagen.


Alles lebt dort ohne Sorgen
Feierabend ist früh morgen.


Da werd'n wir um die Wette schnarchen
Keiner wird auf den Seiger (Wanduhr) horchen.


Kurz, ich freu mich auf den Himmel
Wie auf's Futter Nachbars Schimmel


Ist das nicht ein hübsches Leben?
Wenns doch Gott bald wollte geben


Drum lasst uns die Gebote hala (halten)
Dass wir's Türchen nicht verfahla (verfehlen)
Hoffmann - Richter,  Schles. Nr. 296 S. 313ff. (hier in Übertragung aus der Mundart).  Hoffmann von Fallersleben hat diese Fassung aus den ihm vorliegenden Aufzeichnungen zusammengestellt und dabei die anklägerischen Strophen, die in fast allen älteren Fassungen unmittelbar auf Strophe eins folgen, nach Str. 23 gerückt. Ich habe es für richtig gehalten, in dieser durch die Übertragung in die Schriftsprache repräsentativen Fassung die echte Anordnung wiederherzustellen. Die Ziffern in Klammern bezeichnen dabei die Strophennummer bei Hoffmann - Richter ( Steinitz S. 71f)   

Kommentare:

  1. "die geisel", DT, regie langhoff. und ich durfte mit brechts enkelin eine ziemlich heisse lambada-nummer auf die bretter legen, ungehemmt, emökes michael-jackson-choreographien tanzend, mit axel wandtke rumschwulen, kurt böwe küssen (der mir hinter der bühne kurzatmig 1001 anekdote erzählte, dass wir beide mehr als einmal äusserst knapp zum auftritt kamen), der ritter und der bendokat zwerchfellzuckend zugucken ("oh, mr pat! ich habe einen durst an mir...!") und die ehre erleben, dass sie sich verjuxt zum sport machten, mich mein einziges gesprochenes wort im stück (den anderen schweinskrams sang ich) nicht sagen zu lassen: "genau!". danke, thomas.

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  2. "Je mehr man liebt, um so tätiger wird man sein."
    (Vincent van Gogh)

    Thomas Langhoff hinterläßt viel... künstlerisch, menschlich... in vielen Menschen. Für den Mut, für den Humor, für die Gedanken, für die Arbeit, für das Theater... danke...

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