Sonntag, 5. Februar 2012

Kälte ist relativ


Vorgestern nacht in Augsburg, 17°-. Eine Freiluftveranstaltung. Wenige, aber hoch interessierte Zuschauer, Zuhörer, Diskutanten. Brechttexte werden gesprochen, gerufen, gesungen und mitgeteilt. Um 22.30 Uhr ist Schluss, aber eine halbe Stunde später stehen die Schauspieler immer noch um eine der aufgestellten Holzfeuer-Tonnen und reden, scheinbar unempfindlich für diese, für unsere Breiten, unübliche klirrende Kälte. Eine schöne kalte Nacht.

 
nele azevedo's 'melting men' on the steps of the concert hall in berlin's gendarmenmarkt squareimage © reuters

Im September 2009, in Berlin schuf Nele Azevedo mehr als eintausend Eis-Menschen für den WWFN (World Wide Fund for Nature), sie schmolzen innerhalb von 30 Minuten.
'melting men'
image courtesy of nele azevedo
  
Der Webersche drei-Schalen-Versuch

Drei Schalen vor mir auf dem Tisch, die rechte ist mit kaltem Wasser gefüllt, die linke mit heißem, in der Mitte eine etwas größere mit lauwarmem Wasser.

Wenn ich nun meine rechte Hand circa eine Minute in das kalte Wasser lege und meine linke gleichzeitig ebensolang in das heiße (Nicht zu heiß bittesehr!) und danach, ebenfalls gleichzeitig, beide in die mittlere, meldet die rechte Hand: Warm! und die linke: Kalt! Je größer die Temperaturdifferenz zwischen den beiden äußeren Schalen, desto intensiver ist auch der gefühlte Unterschied der beiden Hände in der mittleren, lauwarmen Schale.
Auch Temperaturempfindung ist relativ! Wir können nur Differenzen empfinden, keine Absolute.
Kältesensoren kommen in der Haut etwa 10 mal so häufig vor wie Wärmesensoren und arbeiten deutlich schneller. Denn Kälte ist dem Menschen gefährlicher als Wärme.

Ernst Heinrich Weber (1795-1878) gilt, gemeinsam mit Gustav Theodor Fechner, als der Begründer der Psychophysik, die die gesetzmäßigen Wechselbeziehungen zwischen subjektivem psychischen Erleben und quantitativ messbaren, also objektiven physikalischen Reizen untersucht. 

Apropos: Wir haben etwa 10-Mal mehr Kälterezeptoren als Wärmerezeptoren. Dazu kommt, dass die Kälterezeptoren schneller adaptieren, da die Kälte für den menschlichen Körper gefährlicher ist, als Wärme.




Der kleine Unterschied

Es sprach zum Mister Goodwill
ein deutscher Emigrant:
»Gewiß, es bleibt dasselbe,
sag ich nun land statt Land,
sag ich für Heimat homeland
und poem für Gedicht.
Gewiss, ich bin sehr happy:
Doch glücklich bin ich nicht.«

Mascha Kaléko


Das Webersche Gesetz


Die Abhängigkeit der Unterschiedsschwellen vom Ausgangsreiz ist in einem mittleren Gültigkeitsbereich konstant und wurde im Weberschen Gesetz festgehalten:
∆S / S = k
(∆S = Veränderung eines Stimulus, S = Ausgangsstimulus, k = Konstante)



'melting men'
image courtesy of nele azevedo

Kommentare:

  1. Und Kälte ist unverständlich für mein Gehirn. Wenn ich die Hand unter einen fremden Wasserhahn mit eiskaltem Wasser halte, zuckt sie zurück. Der Kopf weiß: au, verbrüht! Der Reflex funktioniert. Die Zuordnung muss das Gehirn korrigieren.

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  2. Verrückt, nicht? Heißkalt, ein schönes "Oxymoron"!

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  3. Verkürzungen können faszinieren. Da verwirbeln sich Sprache und Gedanken, bis sie sich auf ein Wort verständigen, das den Widerspruch zulässt.

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